Jesus "daheim"

28. September 2014 (Kommentare: 0)

Grüss Gott! Sind Sie allein und hören mir zu? In Wirklichkeit sind Sie nicht allein. Mehr als hunderttausend hören gerade die Radiopredigt. Drum rede ich Sie alle gern an wie im Gottesdienst: „Liebe Gemeinde am Radio“. Ulrich Zwingli hat die Kirche ganz schlicht definiert. Es sind alle, die auf Christus hören. Wie wir jetzt.

Jesus Christus predigte oft in Synagogen, aber die Predigt in seinem Heimatort Nazareth hätte ihn beinahe den Kopf gekostet. Das Lukasevangelium erzählt‘s in Kapitel 4. Jesus sprach über ein Wort aus Jesaja 61, wo es heisst: In ferner Zukunft kommt einer, der bringt den Armen Hilfe, Gefangenen die Entlassung, Unterdrückten die Freiheit und Blinden das Augenlicht. Es ist der geheimnisvolle „Messias“, der Gottgesandte, der alles wieder gut macht. Jesus konnte damit rechnen, dass viele seiner Zuhörer gläubig und sehnlich auf diesen Messias warteten. Er las den Text vor und sagte dann: „Hier und heute ist diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen.“ Seine Predigt fand grossen Beifall und alles staunte, wie begnadet er reden konnte: „Woher hat er das nur? Er ist der Sohn des Zimmermanns Joseph, wir kennen ihn ja.“

Die Predigt ist also gut angekommen. Ich an seiner Stelle wäre Weissgott zufrieden gewesen und dankbar zum Apero geschritten. Nicht so Jesus. Er ruft in die Gemeinde: „Ihr kennt mich also? Und ich kenne euch! Gleich werdet ihr zu mir sagen: <Hast du nicht tolle Wunder getan im Nachbardorf? Zeig auch uns nun ein Wunder, in deinem Heimatort!> Aber ihr kriegt kein Wunder zu sehen. Ich muss euch zum Thema Heimat etwas sagen: Hat nicht unser grosser Prophet Elija in der Hungersnot eine Witwe wunderbar am Leben erhalten? Erinnert euch! Es war eine Ausländerin! Den Hungernden in Israel hat er nicht geholfen. Und einen einzigen Aussätzigen hat Elija geheilt, erinnert euch, jenen General aus Syrien, wieder einen Ausländer! Ein Prophet hat es schwer in seiner Heimat, bei Leuten, die ihn zu kennen meinen.“ Als sie das hörten, sprangen sie wütend auf, trieben Jesus hinaus zu einem Abgrund und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg.

Da hätten seine lieben Mitbürger ihn beinahe gelyncht! Und er war selber schuld, oder? Würde man nicht auch bei uns ins Messer laufen, wollte man ernsthaft behaupten: „Gott bevorzugt die Ausländer“?! Das hat er gesagt und brachte damit die Leute bewusst auf die Palme. Es ging ihm kaum ums Ausländerproblem. Er brauchte diesen todsicheren Konfliktstoff, um aufzurütteln, vor den Kopf zu stossen. Denn sie hatten ein Brett vor dem Kopf: Sie meinten, sie würden ihn kennen.

Natürlich kennt man Jesus im Dorf, wo er aufgewachsen ist. Was soll daran falsch sein? So funktionieren wir eben: Wir lernen jemanden kennen, finden einiges heraus über ihn, um ihn dann zu schubladisieren im inneren Karteikasten: Das ist Monika, wohnt gegenüber, zwei Kinder, Ärztin, ist freundlich. Sie führt offenkundig nichts Böses im Schild, so kriegt sie die gelbe Karteikarte, die bedeutet: „vermutlich harmlos“. Wenn ich Monika antreffe, macht‘s  klick bei mir: „Die kennst du – Monika – harmlos“, und dann grüsst man sich freundlich. Andere kennen wir näher: Frau und Kinder, Schulkameradinnen, Vereinskollegen… Von ihnen wissen wir mehr, sie kriegen in der Regel eine grüne Karte: „Ungefährlich, mir wohlgesinnt.“ Wenige andere kriegen eine rote Karte: „Pass auf, der ist unberechenbar!“ Ich will nun aber nur von denen mit der grünen Karte reden. Wenn wir jemanden als harmlos abgespeichert haben, halten wir ihn für berechenbar. Von ihm ist nichts Neues zu erwarten, nichts was mich verunsichern könnte. So kommt es ganz natürlich, dass etwa eine Frau von ihrem Mann, den sie seit zwanzig Jahren kennt, nichts Neues mehr erwartet. Ja, sie möchte schon, dass er auch mit ihr mal so nett und freundlich wäre wie mit andern Frauen, aber sie weiss zugleich: von dem kann man keine Wunder mehr erwarten. Je besser wir jemanden kennen, desto weniger Erwartung bringen wir ihm entgegen, desto weniger aufmerksam hören wir ihm zu. Wir wissen ja schon, was er immer sagt. Hier sehe ich schon ein Problem.

Die Leute von Nazareth hatten ihr Bild: „Sohn vom Zimmermann – gibt sich als Prophet - predigt erstaunlich gut – ansonsten ungefährlich.“ Und dieses Bild von Jesus war schon derart fixiert, dass sie zwar sein Redetalent bewunderten, aber nicht realisierten, was er in der Predigt wirklich sagte, nämlich: „Der gottgesandte Messias, den Jesaja ankündigt, der Retter, auf den ihr alle sehnlichst wartet: der ist jetzt da!“ „Schön hat er gesprochen!“ Die hätten doch schreien müssen: „Spinnst du? Wo ist er denn, dein Messias?!“ Aber sie hörten ihm nicht wirklich zu.

Und wir? Seit Jahren wird von einzelnen Theologen herum geboten, Jesus habe nie beansprucht, Messias zu sein. Er habe nie gesagt, er sei Gottes Sohn. Das sei ihm erst später übergestülpt worden von Paulus und Konsorten. Da kann ich mich nur wundern: Wie lesen denn die ihre Bibel? Natürlich stellte sich Jesus nie auf den Markt und rief: „Hallo, alle mal herhören, ich wär dann der Messias.“ Aber was predigt er denn in Nazareth? „Heute hat sich das Wort Jesajas erfüllt vor euren Ohren“ (Lk 4,21). Der Messias ist jetzt da, sagt er, und wen meint er damit wohl, wenn nicht sich selbst? Hemmungslos stellt er sich zudem neben Elija, den grössten der Propheten. Aber er sagt nie, wie alle Propheten: „So spricht der Herr“. Er sagt immer: „Wahrlich, ich sage euch! Mose hat so und so gesprochen, ich aber sage euch...“ Jesus vergibt öffentlich Sünden, wie wenn er der Herrgott wäre (Mk 2,5; Lk 7,48). Er redet vom „Reich Gottes“, wie wenn es sein eigenes Königreich wäre, und einmal sagt er: „Ich bin mehr als Salomo, als Jona und Johannes der Täufer zusammen“ (Mt 12,42; vgl. auch Lk 10,21-24; Mk 2,19ff u.v.a.) Dazu kommt: Er geht bewusst und freiwillig als Dreissigjähriger nach Jerusalem und weiss genau: dort werden sie mich kreuzigen (Mk 9,31). Er hätte ruhig in Galiläa bleiben und friedlich alt werden können, wozu seine Jünger ihn auch drängten!

Falls Sie, liebe Hörer, Jesus im Fächli „Religionsstifter“ abgelegt haben, empfehle ich, ihn da raus zu lassen. Er ist anders! Er hebt sich markant ab von allen, auch und gerade mit seinem Selbstbewusstsein, das ich heute besonders akzentuiere. Wer sonst hatte die Unverschämtheit zu sagen: „Himmel und Erde vergehen, aber meine Worte nicht“? Litt er an Grössenwahn? Dann sollten wir ihn sofort vergessen. Aber kann man ihn vergessen? Nach 2000 Jahren findet sein Wort rund um die Welt mehr Beachtung denn je. Paulus und die Apostel nannten Jesus dann ausdrücklich „Sohn Gottes“, und sie meinten damit: In ihm erkennen wir Gott, wie in keinem andern. In ihm offenbart Gott sich selbst.

Ich weiss nicht, was Sie gern noch erleben möchten in Zukunft. Wollen Sie nicht noch diesen Menschen gründlich kennen lernen, in dem sich angeblich Gott offenbart? Lesen Sie doch jeden Tag einen kleinen Abschnitt aus den Evangelien (das geht auch im Bett!), angefangen bei Matthäus im Neuen Testament. Fünf Minuten täglich, und nach einem Jahr können Sie sagen: Diesen Jesus kenne ich. Schauen Sie, was daraus wird! Jesus lehrte: „Das Wort, das ihr hört, ist das Wort des Vaters, der mich gesandt hat“ (Joh 15,24). Amen.

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