Der Wachhund. Radiopredigt SRF 2 vom 7.12.2014

7. Dezember 2014 (Kommentare: 0)

Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio! Es ist ein bisschen lästig: Wenn man den Glauben ins Herz einlädt, kommt er nie allein. Immer bringt er diesen Hund mit. Den Hund? Ja, den Wachhund namens Zweifel. Gottes Gnade erscheint in Jesus Christus, sie will zum Menschen, aber sie trifft zuerst den Zweifel an. So hören wir es auch am Anfang des Lukas-Evangeliums:

Zur Zeit des Königs Herodes lebte ein Priester namens Zacharias. Seine Frau Elisabet hatte keine Kinder und beide waren schon alt. Einmal wurde Zacharias wieder ausgelost, um im Tempel das Rauchopfer darzubringen. Da erschien beim Rauchopferaltar ein Engel. Zacharias erschrak. Der Engel sagte: „Fürchte dich nicht, Zacharias! Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären. Gib ihm den Namen: „Johannes“, Gott ist gnädig. Er wird Israel bereit machen für das Kommen des Herrn.“ Zacharias aber sagte: „Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist? Ich bin ein alter Mann und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter.“ Der Engel erwiderte: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht; ich bin gesandt, dir diese frohe Botschaft zu bringen. Und du glaubst meinen Worten nicht? Sie gehen in Erfüllung, wenn es Zeit ist. Aber du sollst nicht mehr reden können bis zum Tag, da alles eintrifft.“ Draussen wunderte man sich, wie lange Zacharias im Tempel blieb. Als er endlich herauskam, konnte er nicht sprechen und man merkte, dass er eine Erscheinung gehabt hatte.

Das Rauchopfer darbringen? Ein spukhafter Auftrag! Allein in der finsteren Tempelhalle, mit der ungemütlichen Ahnung: Da hinten wohnt ER - eine unsichtbare Präsenz im Dunkel des Allerheiligsten. Der Jerusalemer Tempel war verbotene Zone. Die Gläubigen beteten draußen, in den Vorhöfen. Nur Priester mit Auftrag durften ins geheimnisvolle Innere. Drinnen ist es beklemmend still, und plötzlich fährt Zacharias zusammen: Da steht jemand - beim Altar! Verwundert hört er sagen, er müsse in seinem hohen Alter noch eine Wiege besorgen und Windeln waschen. Die Begeisterung des alten Herrn ist nicht berauschend. Unwirsch fragt er: „Woran soll ich erkennen, dass das wahr ist?“ Zacharias bittet um „ein Zeichen“, um einen griffigen Beweis für das, was er meint gehört zu haben. Es könnte ja eine Sinnestäuschung gewesen sein. So kennt er es aus der Hl. Schrift: Prominente Vorfahren, Abraham oder Gideon, hatten auch Zeichen gefordert, als sie überirdische Worte vernahmen. Aber Zacharias kommt damit nicht gut weg. Sein vorsichtiger Zweifel wird ihm zum Vorwurf gemacht: „Du glaubst meinen Worten nicht…“. Zwar kriegt er einen Beweis, aber den hat er sich doch anders vorgestellt: „Du sollst nicht mehr reden können!“ Zum Schweigen verdonnert, bis der angekündigte Stammhalter auf der Welt ist.

 Chapeau, Zacharias, das ist Chuzpe, beherzte Dreistigkeit! Du sagst frisch und frech zu einer unheimlichen Erscheinung: „Könntest du mir bitte einen handfesten Beweis liefern!“ Dein offener Zweifel macht mir Eindruck; ich an deiner Stelle hätte wohl schüchtern die Hand auf den Mund gelegt. Sehen Sie, der kühne Zweifler macht mir positiv Eindruck; ich bin ein moderner Mensch. Früher hätte man wohl anders gepredigt. Gefährlich sei der Zweifel; jeder Unglaube werde hart bestraft, wie bei Zacharias. Über dem Tor zur Klosterschule stand früher ja der Bibelspruch: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“. Unterdessen aber wurde der Zweifel rehabilitiert. René Descartes, Begründer des modernen Rationalismus, erklärte den Zweifel zur grundlegenden wissenschaftlichen Methode. Seither zweifeln Rationalisten aus Prinzip, und nur, was gezählt und gemessen ist, wollen sie akzeptieren. Seit der Aufklärung steht nun über Schulportalen das kühne Motto: „Zweifel ist der Anfang der Weisheit.“

Zweifellos, der methodische Zweifel hat uns erstaunlich weit gebracht. Und er ist unser treuer Wachhund geworden. Er verbellt grundsätzlich mal alles, was vorbei kommt, und dazu ist er angestellt. Der Wachhund schaut dazu, dass wir nicht jeden Quatsch glauben, den man uns andrehen will. Wie war das noch mit dem Samichlaus? Irgendwann durchschauten wir das abgekartete Spiel: Es war Onkel Fritz. Verkleidet hat er sich! Die Erwachsenen verarschten uns Kinder, um uns Respekt einzutrichtern - unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Das vergessen wir ihnen nicht. Damals erwachte unser Zweifel. Wir haben ihn gefüttert und aufgezogen an unserem Herzen. Zweifel schützt uns davor, hereinzufallen auf selbsternannte „Autoritäten“. Die haben doch früher Männern weisgemacht, wer auf dem Schlachtfeld umkomme, werde von holden Walküren nach Walhalla getragen, wo ewiges Freibier warte. (Wie Sie sehen: Die Jihadisten von heute haben auch nur abgeschrieben mit ihren Jungfrauen im Paradies). Wir glauben‘s nicht. Wir glauben auch keinem Guru, der Heilung von Krebs und Alzheimer verspricht mit seinen gefriergetrockneten ostsibirischen Stachelbeeren. Unser Wachhund verlangt Beweise, logische Argumente. Zweifel schützt uns vor unserer eigenen Leichtgläubigkeit. Mit dem Zweifel an der Seite trauen wir uns wieder in den dunklen Wald. Gott sei Dank für den Verstand und den lieben Zweifel; gebt ihm ein Rädli Wurscht!

Aber eben: der Wachhund ist auch nur ein Mensch. Kriegt er Wurst, so wird er schlampig. Er gewöhnt sich an das Geschmäcklein derer, die immer wieder vorbeikommen und gibt nicht mehr laut. Wo bleibt denn der scharfe Wächter, wenn der alltägliche Aberglaube unserer Zeit ein und aus geht? Beispiele gefällig? Es heisst oft, der menschliche Geist sei nur ein Produkt des Gehirns. Alles Seelisch-Geistige sei zufälliger Abfall des Stoffwechsels. Warum bellt da der Zweifel nicht? Wie ein Schlosshund müsste er heulen gegen materialistischen Aberglauben, oder gegen plattes Evolutionsdenken; gegen die Religion des Geldes, unseren Kapitalismus. Gegen die Werbung, die uns verführt, Glück kaufen zu wollen. Gegen den Irrglauben, man könne Gewalt und Terror mit Gegengewalt bezwingen. Unsere Welt ist voll von dreisten Behauptungen, die einem vernünftigen Zweifel nicht standhalten. Aber wenn natürlich der Kapitalismus unserem Wachhund ständig Wurst zusteckt, lässt der sich gern bestechen. Dafür verbellt er dann Kirche und Religion. Ich fürchte, der gefährliche Aberglaube unserer Zeit kommt nicht in einer Mönchskutte, vielmehr mit Anzug und Krawatte. Wir müssen unsern Wachhund, den Zweifel, auf neue Ziele dressieren - und wir müssen ihn führen!

Sie wissen ja: Entweder führt der Mensch den Hund, oder aber umgekehrt. Viele lassen heute ihr Leben und Glauben vom Zweifel bestimmen. Dabei gibt es doch Orte, da gehört der Hund  nicht hin! Metzgerei, Kino, Friedhof, Kirche. Und ins Bett würde ich den Kläffer auch nicht nehmen. Mit dem Zweifel ist es doch ähnlich. Gewiss, in Wissenschaft und Politik, beim Geschäftemachen und am Stammtisch tut der Zweifel gute Dienste. Er warnt: „Nicht alles glauben, gut prüfen!“ Sogar in der Liebe schadet manchmal eine Portion Zweifel nicht. Zweifel ist ein nützliches Instrument für den Verstand, aber dann muss der Zweifel-Kläffer auch mal vor die Tür. Ich bin doch mehr als nur Verstand!

Freundschaft etwa lebt vom Vertrauen. Zweifel aber stört Vertrauen. Zweifel stört auch beim Beten, beim Reden mit unserem besten Freund. Verstehen wir uns recht: Natürlich muss der Zweifel prüfen, was wir religiös glauben; Aberglaube will ja zu jedem Loch herein. Natürlich fragen wir zurück wie der alte Zacharias. Menschen mit Lebenserfahrung lassen sich nicht mehr leicht spirituelle Bären aufbinden. Aber alte Zweifler müssen wieder lernen, wie ein Kind zu vertrauen. Manchmal steht wirklich und wahrhaftig ein Engel da und sagt uns Unglaubliches aufs Gesicht zu. Gott sucht Vertrauen bei uns - und halten wir den Zweifel nicht schön bei Fuss, so können wir plötzlich nicht mehr mitreden. Binde also den Hund auch mal draussen an, wenn drinnen, im Herzen, Zeit ist zum Staunen, zum Beten, zum Gott Vertrauen. Das Ziel unseres Lebens ist Vertrauen – kindlich Gott vertrauen. Dazu muss der Zweifel uns dienen, dann aber lass ihn draussen kläffen, wenn du betest:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“

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