Radiopredigt Tag der Kranken 2015 "Heilende Fäden"

1. März 2015 (Kommentare: 0)

Grüss Gott, liebe Gemeinde. Eine Riesengemeinde sind wir. Über hunderttausend sollen es sein, die am Sonntag die Radiopredigten hören. Sie sind also nicht allein. Menschenmassen liefen jeweils auch zusammen, wenn sich herumsprach, der berühmte Heiler von Nazareth wolle in ein Dorf kommen, wie der Evangelist Markus berichtet (6,55f):

„Jesus und seine Jünger kamen nach Gennesaret. Als sie aus dem Boot stiegen, erkannte man ihn sofort. Die Menschen eilten durch die ganze Gegend und brachten die Kranken auf Tragbahren zu ihm, sobald sie hörten, wo er war. Und immer, wenn er in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.“

Hoppla, haben Sie das gehört? Wenigstens den „Saum seines Gewandes“ wollten sie berühren und: „Alle, die ihn berührten, wurden gesund.“ Das ist starker Tubak für unsere Vernunft. Manche denken, das sei halt fantastische Legende, frei erfunden sozusagen als Werbung, um dem Leser diesen Jesus als wundertätigen Messias zu verkaufen. Ich dagegen bin überzeugt, dass Jesus unzählige Kranke geheilt hat. Wie könnte man sonst verstehen, dass ihm schon nach kurzer Zeit überall eine Riesenschar Menschen nachreiste? Im Übrigen halte ich das Neue Testament generell für zuverlässig und historisch glaubwürdig.

Als Jesus vorbeiging, wollten die Kranken wenigstens „den Saum seines Gewandes berühren“, haben wir gehört. Das ist fahrlässig schlecht übersetzt! Nur die „Bibel in gerechter Sprache“ wagt deutlich zu sagen: „Sie baten ihn, dass sie den Schaufaden an seinem Mantel berühren dürften“. Den Schaufaden? Ein typisches Merkmal jüdischer Tracht. Fromme Juden tragen den Gebetsmantel, ein rechteckiges Tuch. An dessen vier Enden hängen noch heute die sogenannten Schaufäden oder Quasten herab; denn so ist es vorgeschrieben bei Mose:

„Die Israeliten sollen sich Quasten an ihre Kleiderzipfel nähen… Die Quasten sollen euch an alle Gebote Gottes erinnern, ihr werdet sie halten und eurem Herzen und euren Augen nicht nachgeben, wenn sie euch zur Untreue verleiten.“ (Num 15,37)

Jesus war ein jüdischer Rabbi. Er trug selbstverständlich den Gebetsmantel mit den „Zizijot“, wie die auffälligen langen Fäden heissen. Tausend Jahre hat man Jesus gemalt als antiken Philosophen oder arabischen Hirten. Das sind unstimmige Bilder. Falsche Bilder können unheimliche Wirkungen haben, Sie wissen das. Das Evangelium zeigt Jesus unmissverständlich als jüdischen Rabbiner. Vor kurzem sprach ich in einem Vortrag von unserer „jüdisch-christlichen Tradition“, da fiel mir ein Akademiker ins Wort: Er glaube an Jesus und mit Juden habe er gar nichts zu tun. Das ist schreckliche, religiöse Dummheit, oder schlimmer: verkappter Judenhass. Jesus war und blieb Jude. Seine Apostel waren selbstverständlich Juden und wollten nie etwas anderes sein. Gewiss: Jesus hat das jüdische Gesetz revolutionär neu ausgelegt. Aber es wäre ihm nicht im Traum in den Sinn gekommen, es abzuschaffen! Wer auf Jesus hört, hört auf den einflussreichsten Juden, den es je gab. Sagen Sie nun, das hätten Sie längst gewusst? Gott sei Dank, dann sagen Sie es weiter, es ist heute wieder bitter nötig.

In der Antike war es gang und gäbe, Kranke am Strassenrand zu platzieren, wenn hoher Besuch kam. Die Kranken wollten mit dabei sein, wenn im Dorf endlich mal was los war. Und natürlich hofften sie, der berühmte Mensch könnte sie anschauen und Erbarmen haben, vermutlich riefen sie auch „Kyrie eleison“, Herr, erbarme dich! Vielleicht gab es ein bisschen Münz? Vielleicht berührte er einen sogar und wer weiss, was dann passieren würde? Das Evangelium sagt: „Alle wurden geheilt.“

Wie soll man das verstehen? Wo könnten wir heute ernsthaft sagen: „Alle wurden geheilt.“ Immer müssen Menschen auch mit Krankheit und Behinderung leben – darum begehen wir ja heute den „Tag der Kranken“. An irgendeiner Krankheit, die eben nicht heilt, werden wir alle mal sterben. Sagt das Evangelium „alle“, so verstehe ich das als ein Resümee, als einen pauschalen Schlusssatz, der überleitet zur nächsten Geschichte. Ob bei Jesus buchstäblich alle geheilt wurden, lasse ich gern offen. Hoffen wir auf Heilung und rechnen wir fest damit! Und lassen wir den Mut nicht sinken, wenn die Heilung Zeit braucht oder gar nicht geschenkt wird, wie es auch ein Apostel Paulus erleben musste.

Aber nun zurück zu diesen – pardon - „Quastenheilungen“? Können wir davon etwas lernen? Mir bleiben zwei Erkenntnisse und eine Frage.

Die erste Erkenntnis: Von Jesus werden erstaunliche Wunder erzählt - aber eigentlich ist jede Heilung ein Wunder. Was für Verletzungen und Krankheiten haben Sie schon überstanden? Sie werden sich kaum noch an alle erinnern. Wann haben Sie sich zum letzten Mal ins eigene Fleisch geschnitten? An meinem Daumen prangt jetzt gerade ein Pflaster. Nach einer Woche wird meine Haut wieder rosig heil sein. Unglaublich! Nehmen wir an, ein Computer überhitzt sich, stinkt ein wenig und stürzt ab. Kein Problem, legen Sie ihn unter die Bettdecke und stellen Sie ein Glas Tee daneben. Oder der teure Blechschaden nach einer Rutschpartie auf Eis? Kein Problem: Auto an die Sonne stellen, „drü Tag Räge, drü Tag Schnee u die Büle isch niene meh“? Schön wärs, aber Maschinen heilen nicht. Alles jedoch, was von Gott das Leben hat, repariert sich unaufhörlich von selbst. Niemand weiss wie, auch nicht der Onkel Doktor, wenn er ehrlich ist. Heilung ist ein Wunder, ob mit Tee, Aspirin, Chirurgie, Homöopathie, oder ob man Quasten an einem Gebetsmantel berührt.

Die zweite Erkenntnis: Allem Leben hat Gott Heilungskraft gegeben. Sie kann jedes Virus, jede Bakterie, jeden Pilz überwinden; Gottes Heilkraft kann jede Entzündung, jeden Tumor heilen. Sie tut es nicht immer, aber sie kann. Es gibt keine Bedrohung des Lebens, die nicht von dieser Heilkraft schon unzählige Male besiegt worden wäre. Der Heilungsprozess setzt automatisch ein und er kann kräftig unterstützt werden von der Seele. Im Unbewussten entsteht eine Erwartung, ein Glaube an Heilung. Diese Erwartung stelle ich mir vor wie offene Hände, die eine Schale bilden, um zu empfangen. Die Erwartung richtet sich auf irgendetwas: Pille, Salbe, Operation, Handauflegen, regelmäßige Anwendung von gar nichts, Berührung eines Wunderheilers, egal. Wichtig scheint nur, dass die Seele ihre erwartenden Hände ausstreckt, dass man Heilung sehnsüchtig erwartet. „Dein Glaube hat dir geholfen,“ sagte Jesus immer wieder. Das dürfen wir wörtlich nehmen. „Dein Glaube“, deine Erwartung, dein inneres Warten darauf, dass dir gegeben wird, empfängt das Heil und könnte vielleicht noch mehr Heilung empfangen, als wir Tag für Tag eh schon kriegen, solange unser Leib lebt.

Zuletzt aber die grosse Frage: Warum kann ich diesen heilsamen Glauben, diese wunderbare Erwartung des Herzens, nicht bewusst selber erzeugen, wenn ich es will und brauche? Die Heilkraft Gottes wirkt doch in jeder einzelnen Zelle! Warum aber steht mir das Empfangsgerät, das diese Kraft vervielfachen könnte, nicht einfach zur Verfügung? Wenn ich meiner Seele sage: „Wie die Menschen von den Textilien des Jesus Heilung erwarteten, so kraftvoll erwarte du jetzt von Gott deine Heilung!“ - warum gehorcht sie mir meistens nicht? Ich weiss es nicht. Jeremia muss Recht haben: „Des Menschen Herz ist ein trotzig und verzagt Ding.“ Trotzdem wünsche ich Ihnen starken Glauben, jene lebendige Erwartung, von der Jesus sagt, sie hilft, sie heilt, sie rettet. Amen.

 Zum Vergleich, nicht in der Predigt: „Die Kranken trug man auf die Straßen hinaus, damit, wenn Petrus vorüberkam, wenigstens sein Schatten auf sie fiel. Und alle wurden geheilt.“ (Apg 5,15) „Auch ungewöhnliche Wunder tat Gott durch die Hand des Paulus. Sogar seine Schweiß- und Taschentücher nahm man ihm vom Körper und legte sie Kranken auf; da wichen die Krankheiten.“ (Apg 19,11)

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