"Gottes Blick" Radiopredigt zu Num 6,24

10. Mai 2015 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio, 1979 fand man in einem Grab bei Jerusalem eine winzige Rolle aus hauchdünnem Silberblech. Man vermutete Schriftzeichen auf der Innenseite. Aber wie das kostbare Ding aufrollen, ohne es zu zerbrechen? Drei Jahre Arbeit waren nötig, um das Problem zu lösen. Die Miniatur-Rolle ist nun offen und noch ganz, und tatsächlich sind Buchstaben drauf, der älteste Text der Bibel, den man bisher je gefunden hat, Jahrhunderte älter als die berühmten Schriftrollen aus Qumran. Und was da zu lesen ist, macht mir Gänsehaut; denn es ist das gleiche Wort auf hebräisch, das ich heute noch, Jahrtausende später, im Gottesdienst feierlich spreche, nämlich:

„Gott segne dich und behüte dich. Er lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Der Segen Aarons. Jemand schrieb ihn Jahrhunderte vor Christus auf Silberblech, rollte es sorgfältig auf und gab es einem Toten als Amulett mit auf den Weg ins Jenseits. Offenbar war diese uralteFormel schon damals ein bekanntes Kraftwort, dem man etwas zutraute über den Tod hinaus.

„Gott segne und behüte dich.“ Das braucht man kaum auszulegen – das verstehen alle: In unsern Übersetzungen steht natürlich „der Herr“ segne dich. „Der Herr“, das war ein unbeholfener Versuch, die vier unaussprechlichen heiligen Zeichen  - das Tetragramm  „Jahve“  - auf Deutsch zu übersetzen. „Jahve“, diesengeheimnisvollen Namen hatte Gott Mose offenbart. Heute sagen wir halt einfach: „Gott“ segne und behüte dich. Einigen Frauen ist „Gott“ zu „herr-lich“. Sie möchten lieber „Göttin“ sagen. Oder sollen wir „Es“ sagen, geschlechtsneutral „Es“? Wohl nicht, das klingt mir zu niedlich. Schon beim Namen des Allerhöchsten kommen wir haltins Stottern und Streiten, ist ja logisch. Wie sollen wir das Unsagbare nennen? Da muss jeder Versuch danebengehen und zugleich muss jeder Versuch genügen. Denn Gott besteht zum Glück nicht auf korrekter Anrede. Er hört selbst auf das Weinen eines Kindes.

Dreimal steht der Gottesname in Aarons Segen, und sechs Wünsche sind mit ihm verbunden: Segnen, behüten, Gnade, Friede. Und dann diese beiden: „Er lasse leuchten sein Angesicht…“, und „Er erhebe sein Angesicht auf dich“. Was könnte das bedeuten? Wenn hier vom „Angesicht“ die Rede ist, sieht man unwillkürlich Augen. Im Wort „Gesicht“ ist ja das „Sehen“ ersichtlich. Wohin richtet sich das Gesicht? Schlägt jemand seine Augen nieder und wendet seinen Blick ab, so bedeutet das nichts Gutes. Vielleicht ekelt es ihn, er kann das Elend nicht mit ansehen. Oder er ist zornig und entzieht einem Achtung und Gunst. Wendet Gott sein Angesicht ab, so erschrecken die Menschen und werden zu Staub, sagt ein Psalm (104, 29). Im Gegenteil wünscht nun das Segenswort: „Gott wende dir sein Gesicht zu“. Er möge dich anschauen.

Hier stellt man sich Gott wohl vor wie einen mächtigen König. Wenn der König einem in die Augen schaute und freundlich zulächelte, war das sozusagen wie ein Sechser im Lotto. Es mag allzu menschlich sein, sich Gott als König vorzustellen. Aber von Gott können wir eh nur in Bildern reden, in Vergleichen, die jeweils nur eine Seite Gottes anschaulich machen.

Ein besonders schönes Bild drängt sich heute auf. „Gott wende dir sein Angesicht zu,“ heisst vielleicht: Er schaue dich an wie eine Mutter ihr Baby. Sie kann sich nicht sattsehen an diesem Wunder. So sehenswert wie ihr eigenes Kind ist kein anderer Balg auf Gottes liebem Erdboden, und wenn es eine Prinzessin wäre. Sie schaut ihrem Kind in die Augen und freut sich, wenn es ihren Blick erwidert. Ich bin überzeugt, der Blick der Mutter ist lebenswichtig für das Kleine. Wollte sie ihren Säugling nur gerade säugen, saubermachen und „ungschouet“ wieder ablegen, es würde sicher sein Leben lang das Angesicht der Mutter, ihre leuchtenden Augen, vermissen. Es gibt nichts Einfacheres und Schöneres, liebe Mütter, das Sie ihrem Kind geben können: Schauen sie ihm in die Augen, schauen sie zu ihm und schauen sie ihm zu.

Ich glaube, unsere Lebensstimmung und unsere Lebenshaltung sind wesentlich davon abhängig, wer uns wie in die Augen schaut. Für die Materialisten unter uns: Es gibt sicher amerikanische Studien, die nachweisen, dass Menschen ein besseres Blutbild haben, einen niedrigeren Blutdruck und weniger Fußschweiß, wenn sie öfter freundlich angeschaut werden als die Kontrollgruppe. Aber sind solche Studien nicht hinausgeworfenes Geld? Wir wissen es doch längst! Wer von vielen angeschaut wird, hat Ansehen und wer von niemandem angeschaut wird, kommt sich unansehnlich vor. Wir alle brauchen ein gewisses Ansehen. Aber so wird unser Selbstgefühl unheimlich abhängig von Menschen. Warum gibt es diesen Selfie-Wahn, Facebook und Instagram voller irrelevanter Bildchen, die hoffentlich möglichst viele anschauen und liken? Die Bibel sagt uns die befreiende Wahrheit: Der Höchste schaut dich an!

Mutter Hagar verirrte sich mit ihrem Kind einmal in der Wüste, erzählt die Bibel. Wie der Durst unerträglich wird, legt sie das Kind unter einen Busch, geht weg und sagt: „Ich kann nicht mit ansehen, wie mein Kind stirbt.“ Da spricht sie unversehens ein Engel an und führt sie zu einem Wasserloch. Gerettet! Da sagt Hagar: „Nun weiss ich: Gott sieht mich!“ Und sie gibt ihrem Gott den schönen Namen: „El Roï“: „Gott, der zu mir schaut“.

Allerdings, wenn es Ihnen ging wie mir, so war der ständige Blick der Mutter nicht nur angenehm. Ich blühte zuweilen förmlich auf, wenn der Blick der Mutter endlich mal von mir abliess und sich anderem zuwandte. Das meiste hat zwei Seiten, Tag und Nacht, auch das Angesicht Gottes. Es gibt Menschen wie der Philosoph Jean Paul Sartre, welche die Vorstellung schlecht ertragen, dass es einen Gott geben soll, der einen ständig im Auge hält und beurteilt. Ja, solange einen die Mutter im Auge hat, ist man halt nicht erwachsen. Solange Gott einen beobachtet, ist man nicht wahrhaft frei. Ich verstehe das. Ich hasse es auch, wenn mir jemand zu lange in die Augen starrt. Aber es kommt doch sehr darauf an, was das für ein Blick ist, der da auf mir ruht. Stehe ich auf der Kanzel und predige, so stört es mich nicht, wenn viele Augen auf mich gerichtet sind. Ich nehme halt an, die Blicke seien freundlich. Ich bin ein wenig kurzsichtig, wissen Sie. Ein Blick ist nie neutral. Entweder kann ein Blick fast töten, oder er strahlt freundlich und die Augen leuchten. Darum wünscht der Segen Aarons: „Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir.“

In unserertechnisierten Welt gewöhnen wir uns an künstliche Augen, die uns ständig anstarren. Ein Auge aber, das weder fröhlich strahlt noch meinetwegen abschätzig mustert, sondern nur kalt und ungerührt beobachtet, ist eine Kamera; ein Überwachungsinstrument. Ich fürchte, der Philosoph Sartre stellte sich das Angesicht Gottes vor als Überwachungskamera. Gott aber schaut dich an wie eine Mutter ihr Baby. Ihr Angesicht leuchtet. Sie kennt dich besser als du dich selber, sie legt dich an ihre Brust und macht deinen Hintern rein - und sie ist glücklich, wenn sie dich anschauen darf. So dürfen wir uns das Angesicht Gottes vorstellen, wenn ich Jesus recht verstehe und den alten Segen Aarons.

„Wer betet,“ sagt der tschechische Theologe Thomasch Halik, „wer betet, vergewissert sich, dass er gesehen wird.“ Und der Segen Aaronsspricht es allen zu:

„Gott segne dich und behüte dich. Er lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Amen.

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