Der Karabinerhaken, Radiopredigt zur Bergpredigt, Ethik und Gottvertrauen

5. Juli 2015 (Kommentare: 0)

Liebe Radio-Gemeinde, zufälligerweise finden sich die steilsten Worte von Jesus ausgerechnet in der Bergpredigt (Matthäus 5-7): „Wenn einer dich auf die rechte Backe schlägt, so halt ihm auch die andere hin,“ „ihr sollt eure Feinde lieben,“ „sammelt euch keine Schätze auf Erden“. Seine steilen Worte erinnern mich immer an eine Eisenleiter im Grimselgebiet; ich weiss gar nicht, ob es sie heute noch gibt.

Ich war mit Freunden unterwegs. Wir kommen zu einer hohen Felswand. Zwei Leitern führen in die Wand, man sieht Wanderer vor uns hoch kraxeln. Klettern ist nicht so mein Ding. Ich habe Heidenrespekt vor der Schwerkraft, aber hier sind ja eingemauerte Eisenbügel. Kein Problem also, packen wir‘s an! Das Herz klopft, die Hände schwitzen, aber es geht. Man muss ja nicht in den Abgrund schauen. Sprosse um Sprosse geht’s höher und ich mache flotte Sprüche. Und dann hat die Gruppe über mir irgendein Problem. Ich muss warten, lange warten auf der Leiter. Ich schaue hinunter, der Rucksack wird schwer, ich hänge nur an meinen Händen. Die Finger sind ganz weiss vom Krampfen. Wenn es jetzt weiter gehen soll, muss ich loslassen und hänge noch an einer einzigen Hand! Sie können sich vorstellen, wie Angst mir langsam das Herz gefrieren liess.

Auf dem kleinen Absatz zwischen den beiden Leitern sieht mein Freund, wie bleich ich bin. Er bindet mir kurzerhand ein Seil mit einem Karabinerhaken um die Hüften und hakt mich an einer Leitersprosse fest. Endlich hänge ich nicht mehr nur an meinen eigenen Händen! Ich fühle mich wieder gut. Die obere Leiter erklettere ich wie ein Eichhörnchen, nur wegen dieses Karabinerhakens. Ich könnte mich ja jederzeit am Eisen festhaken und hätte wieder die Hände frei. Aber ich brauche das gar nicht. Nur schon, dass der Karabiner an meiner Hüfte baumelt, nimmt mir die Angst.

Das ist mir ein Gleichnis fürs Christenleben. Da kann man jahrelang flott unterwegs sein, ein bisschen beten, Bibel lesen und nett sein. Irgendwann aber kommt die Wand mit der Leiter, und das sind für mich die steilen Forderungen von Jesus: „Sammelt keine Schätze auf Erden. Wenn einer dich bittet, dem gib. Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Schlägt dich einer auf die rechte Backe, halt ihm auch die andere hin. Richtet nicht. Vergib siebenundsiebzigmal das gleiche Unrecht. Liebt eure Feinde. Wer nicht auf seinen Besitz verzichtet, kann nicht mein Jünger sein.“ Nur schon dieser letzte Satz lässt mich abstürzen: Ich verzichte nicht auf Besitz, also bin ich kein rechter Jünger Jesu. Auch die andern steilen Forderungen der Bergpredigt beeindrucken mich als Ideal, aber ich bin weit davon, sie wirklich zu halten. Schon nach zehn Metern auf dieser Leiter greift die Angst an mein Herz. Wenn ich vorbehaltlos geben und schenken wollte, würde ich doch selber verarmen und auf der Strasse landen! Wenn ich mich nicht ständig für mich wehren würde, käme ich zu kurz. Wollte ich alles Unrecht einfach vergeben, würden die mir auf der Nase herumtanzen. Und was heisst denn meinen Feind lieben? Ein rechter Feind würde darin nur Schwäche sehen und sie skrupellos ausnützen. Lieber Jesus, diese Leiter schaff ich nicht - und will es auch gar nicht!

Kein normaler Mensch schafft das, aber Jesus predigt ja nicht nur steile Forderungen. Er gibt uns zugleich den sichernden Karabinerhaken, wenn wir den nur annehmen wollten. Was ist diese Sicherung? Es ist die Zusicherung, Gott selber wolle zu mir persönlich schauen, damit ich weder unter den Karren, noch zu kurz komme. Gott ernährt die Spatzen, sagt Jesus, die säen und ernten nicht, und ihr seid viel mehr wert als Spatzen! Darum könnt ihr vorbehaltlos geben und spenden. Gott weiss, was ihr braucht und wird euch sicher keinen Stein geben, wenn ihr um Brot bittet. Gott schafft euch Recht, schützt und behütet euch. Kein Haar fällt von eurem Haupte, ohne dass er es weiss. Darum könnt ihr immer neu vergeben und selbst euren Feind lieben. Von Jesus könnte auch das Psalmwort stammen, Gott zähle jede einzelne Träne und sammle sie in seinen Krug (56,9). Der Karabinerhaken wäre also das Vertrauen auf den Gott, der persönlich zu mir schaut und mich in sein Reich geleitet, sicher auch durch Not und Verfolgung hindurch. Das verspricht Jesus in der Bergpredigt, und nur aufgrund dieser Zusage können seine steilen Forderungen verstanden werden.

Jesus weiss doch, dass ein gesunder Egoismus uns zum Überleben in die Wiege gelegt ist. Alle streben instinktiv nach dem besten Platz an der Sonne und das Hemd ist jedem näher als der Mantel. Gut so, aber wir wissen auch: Wenn dieser Überlebenstrieb nicht gezähmt wird durch die Liebe, so wird aus dem gesunden Egoismus des Kindes verheerende Raffgier der Erwachsenen, ein menschenverachtender Kapitalismus und letztlich Gewalt und Krieg. Dagegen zeigt uns Jesus mit seinen Forderungen ein abenteuerliches, risikoreiches Leben der Liebe, eine Leiter, hinauf in eine wahrhaft neue Welt riskanter Hingabe. Aber nicht ohne Sicherung. Jesus will zwar, dass ich mich selber verleugne, aber nicht, dass ich mich wegwerfe! Er versichert mir, dass Gott zu mir schaut und mich in seiner barmherzigen Hand hält. Wenn ich darauf vertrauen kann, fällt es leichter, berechtigtes Eigeninteresse zurückzustellen und ungeschützt freigebig und versöhnlich zu leben.

Seien wir ehrlich: Solches Gottvertrauen ist selten, auch bei denen, die sich gläubig nennen. Meistens stellen wir uns Gottes Liebe vor wie eine Art Regen, der alle nach dem Giesskannenprinzip ein bisschen nass macht. „Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da“. Gewiss, auch Jesus kann sagen, Gott lasse die Sonne aufgehen über Böse und Gute. Aber sein Vertrauen auf seinen himmlischen „Abba“ ist zugleich viel persönlicher und konkreter. Gott sieht nicht einfach alle Menschen, er sieht dich, er kennt dich beim Namen, er schützt und rettet dich aus deinem Schlamassel, er gibt dir, was du brauchst und nimmt dir, was dir jetzt im Weg ist. Du siehst es nicht, aber Gottes Engel hat dich immer im Auge. Verlass dich auf diese geheime Realität. Das ist der Karabinerhaken, der dir die Hände frei macht. Wenn es wahr ist, dass Gott mir gibt, was ich brauche, kann ich schenken, was ich habe. Ist es wahr, dass Gott mir Recht schafft, kann ich aufhören, andere zu verurteilen. Ist es wahr, dass Gott über mir wacht, so kann ich versuchen, sogar einem Feind Gutes zu tun.

Ich kenne mich: Mit vollen Händen geben, Schlimmes vergeben, Sicherheiten aufgeben: das ist gefährlich! Ich riskiere es nur in dem Masse, wie ich vertrauen kann, dass Gott mich persönlich am Seil hat. Kann man das auch allgemein sagen? Der Mensch schafft es nicht, sein Eigeninteresse zurückzustellen, ohne dass er auf einen Gott vertraut, der dafür sorgt, dass er nicht zu kurz kommt. Die hehren ethischen Forderungen der Bergpredigt sind nur warme Luft ohne das Gottvertrauen, das Jesus in der gleichen Bergpredigt verkündet. Heute höre ich dagegen oft, man brauche nicht an Gott zu glauben, um ein guter Mensch zu sein. Da bin ich nicht so sicher. Das möchte ich – wie der hl Thomas - zuerst sehen, bevor ich es glaube.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsre Herzen und Sinne
in Christus Jesus. Amen.

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