"Gspaltenhorn", Haussegen der umgebauten SAC-Hütte, Exodus 17,6

21. Juni 2015 (Kommentare: 0)

Haussegen

Guter Gott, dieses Haus ist uns ein Zeichen deiner Güte. Wie du uns Burg bist und Zuflucht in den Gefahren des Lebens, so soll diese Hütte weiterhin Dach und Schutz sein für alle, die da Zuflucht suchen.
Wir danken für allen Schutz in der Zeit des Bauens.

Wir beten für die, wo heute und in Zukunft diese Hütte warten und sie bewirten: Sei du der gute Hirt und Hüter.
Lass das Haus ein Ort des Friedens sein, wo Menschen aller Sprachen, aller Konfessionen und Religionen, gross und klein, arm und reich einander achten und Rücksicht nehmen aufeinander.

Schärm im Sturm, Füür im Froscht, Brunne für e Turscht; u Ouge, wo di alache, we de chunnsch oder geisch.

Guter Gott: Lass Haus und Land, Geist und Herz ein Hort des Friedens sein. Im Namen des Vaters…

Liebe Gemeinde

"Gspaltehorn", ein mächtiger Felsbrocken, der gespalten ist. Wahrscheinlich wisst ihr gar nicht, dass der gespaltene Fels ein uraltes, tiefgründiges Gottessymbol ist. Meine Predigt soll das Bild wieder neu malen und euch in Erinnerung rufen, dass es euch immer in den Sinn kommt, wenn euer Blick auf das gespaltene Horn fällt. Bevor man in Israel schreiben lernte, hat man zu Gott gebetet unter dem Namen „Fels“. Hört nur einige von vielen Versen, die kommen euch vielleicht bekannt vor:

„Gott heisst der Fels. Vollkommen ist sein Tun, recht und gerade ist sein Weg.“ Dt 32,4

„Nur er ist mein Fels, meine Hilfe, meine Burg; darum werde ich nicht wanken.“ Ps 62,3

„Auch wenn mein Leib verschmachtet, Gott ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig.“ Ps 73,26

Das zentrale Heiligtum war der Tempelberg in Jerusalem, heute wie eh und je ein bitterer Zankapfel im Nahen Osten. Er ist heute, mitten in Israel, in der Hand der Muslime. Da steht ein Prachtstempel aus blauem Stein und Gold, der „Felsendom“. Was ist Besonderes darin? Nichts. Ausser eben dem nackten Fels. Der Gott, zu dem Jerusalem schon immer betete, hiess Fels. Was ist das für ein Gott, den man Fels nennt? Ewigkeit, Zuflucht, Beständigkeit, Zuverlässigkeit ist damit verbunden, wohl auch Härte und Schweigen. Jedes Bild ist mehrdeutig. Ein einziges Bild ist nie genug, um eine geistige Wirklichkeit abzubilden.
Heute will ich euch erzählen, wie der Fels, der einmal Gott bedeutet hat, gespalten wurde. Das geschah in den Legenden des Exodus, des Auszugs von Israel aus Ägypten. In der Wüste war das Gottesvolk am Verdursten. Da sagte Gott zu Mose: „Dort drüben auf dem Felsen am Horeb werde ich vor dir stehen. Dann schlage den Felsen! Es wird Wasser herauskommen und das Volk kann trinken.“ Ex 17,6. Darüber staunten die Schriftgelehrten. Da steht Gott auf dem Felsen vor Mose, ja Gott selber ist der Fels, und jetzt soll Mose ihn mit seinem Stab schlagen, um Lebenswasser zu lösen. Der Fels wird vom Menschen geschlagen. Stein wird Wasser. Jetzt ist das Gottesbild neu: Gott ist der Fels, der geschlagen und gespalten wird. Auf der Alp Gehrenen findet der Berggottesdienst seit eh und je nicht bei den Hütten statt, wos gäbig wäre, sondern abseits bei einem riesigen Felsblock, der in der Mitte gespalten ist. Zufall?

Das alles kommt euch vielleicht etwas esoterisch vor? Wenn wir halt reden von Gott, von der Wirklichkeit über und hinter allem Sichtbaren, haben wir nur Bilder, Gleichnisse, Symbole. Mit Vergleichen können wir überhaupt erst von Gott reden, ähnlich in der modernen Physik: „Urknall“ ist ja nichts anderes als ein schwaches Bild für etwas, das sich niemand vorstellen kann.

Die Bilder „Fels“, und „geschlagener Fels“ und „Wasserquelle“ zeigen uns etwas von der geheimnisvollen Wahrheit hinter allem Sichtbaren. Eine religiöse Wahrheit, die Menschen immer umtreibt, ist die Erfahrung, dass Gott auf unser Flehen und Jammern nicht antwortet. Er schweigt manchmal wie ein kalter Fels. Wir betteln, dass er vom Leiden erlöst, wir beten wie Jesus: „Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen,“ aber: keine Antwort. Gott benimmt sich wie ein harter, stummer Fels. Christus muss den Kelch trinken. Der, den Gott sandte, um den Menschen erlösen, wird vom Menschen geschlagen. Das hätte sich der cleverste Philosoph nicht ausdenken können. Wir erwarten von Gott, dass er uns erlöst vom Bösen, und nun unterwirft er selber sich dem Bösen. Der Arzt wird selber krank, der Helfer verzichtet darauf, sich selber zu helfen. Der Fels wird geschlagen. Das war die christliche Verkündigung von Anfang an bis heute: Der da am Kreuz stirbt, ist irgendwie Gott, der mit uns leidet und für uns. Das gleiche merkwürdige Gottesbild ist das uralte Bild vom Felsen, der sich von Mose schlagen lässt.

Gott schuf die Welt und den Menschen und damit hat er selber Leiden auf sich genommen, das Leiden, das er seinen Menschen zumutet. Gott steht nicht drüber. Doch: er steht über dem Felsen vor Mose, aber er ist zugleich selber der Fels, der geschlagen wird, und so sprudelt das Wasser des Lebens.

„Er spaltete den Felsen und Wasser entquoll ihm wie ein Strom in der Wüste.“ Ps 105,41

„Vor dem Herrn erzittere, Erde, der den Felsen zur Wasserflut wandelt und Kieselgestein zu quellendem Fluss.“ Ps 114,8

In der englischsprachigen Welt kennt jedes Kind das alte Kirchenlied:

Rock of Ages, cleft for me,
let me hide myself in thee;
let the water and the blood,
from thy craven side which flowed,
be of sin the double cure;
save from wrath and make me pure.

Ich hoffe, ab heute könnt ihr das Gspaltnehorn nur noch mit seiner geheimen Bedeutung anschauen: Gott, der Fels, geschlagen durch das Holz des Mose, gespalten, damit Lebenswasser sprudelt für sein Volk. Und probiert nicht, das Bild mit dem Verstand auszubeineln und zu verstehen! Ein Bild ist fürs Herz. Das Herz spürt die Wahrheit darin, und die tut ihm gut, auch wenn der Verstand die Nase rümpft. „Dort drüben auf dem Felsen werde ich vor dir stehen, spricht Gott. Dann schlage den Felsen! Es wird Wasser herauskommen und das Volk kann trinken.“ Amen.

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