Das grösste Fuder ist unter Dach, Predigt zu Römer 5,1-5

30. August 2015 (Kommentare: 0)

Predigt zu Römer 5,1-5: Wir haben nun Frieden mit Gott

Im Pays d’Enhaut, unter der jähen Kalkspitze des Rubli, fällt einem eine malerische Gebäudegruppe ins Auge: ein altes Klösterlein und eine fast 1000-jährige Kirche: Rougemont. Wenn Sie einmal Zeit haben, schauen Sie in die Kirche! Ich vergesse nie, was ich dort vorn an der Chorwand las: „Tout est accompli“! Das letzte Wort Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“, auf französisch noch nachdrücklicher: Tout est accompli. Was macht das mit einem Menschen, wenn er jedes Mal in seiner Kirche eine Stunde lang dieses Wort vor sich hat? „Alles ist vollbracht.“ Ein doppelt genähter Deutschschweizer würde da wohl argwöhnen: Macht denn das die Leute nicht faul und träg, wenn sie glauben, es sei alles vollbracht, alles geleistet, erreicht, gelungen? Macht das faul und träg?

Entscheiden Sie selbst. Ich habe Ihnen einen Text aus Römer 5 mitgebracht, der genauso nur etwas ausführlicher darlegt, seit Jesus Christus sei alles in Butter. Wir lesen aus der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“. Als sie 2006 erschien, wurde sie von allen Seiten mit Dreck beworfen. Aber: sie ist die einzige deutsche Bibel, die das entscheidende Wort „glauben“ mit „vertrauen“ übersetzt.

Römerbrief 5,1-5: 1 Sind wir nun gerecht gesprochen auf Grund von Vertrauen, so haben wir Frieden mit Gott durch den, dem wir gehören: Jesus Christus,2 durch den auch uns die Zuwendung Gottes im Vertrauen eröffnet wurde. In ihrem Licht können wir unser Leben gestalten. Wir können uns glücklich preisen, weil wir darauf hoffen, dass Gottes Glanz alles durchdringt. 3 Nicht nur aufgrund dieser Hoffnung können wir uns glücklich preisen, sondern auch in den Momenten, in denen wir in grosser Not sind. Denn wir wissen, dass grosse Not die Kraft zum Widerstand stärkt. 4 Die Widerstandskraft stärkt die Erfahrung, dass wir standhalten können; die Erfahrung standzuhalten stärkt die Hoffnung. 5 Die Hoffnung führt nicht ins Leere, denn die Liebe Gottes ist in unsere Herzen gegossen durch die heilige Geistkraft, die uns geschenkt ist.

Viel fromme Wörter gibt’s da: „Frieden mit Gott“, Zuwendung Gottes“, „Liebe Gottes“. Etwas aber fehlt, das Sie selbstverständlich in jedem frommen Text erwarten: Der erhobene Zeigefinger fehlt! Es gibt hier keine Ermahnung, keinen Ratschlag, keine Zurechtweisung. Paulus sagt einfach nur, wie es ist. Und es ist gut. Wir haben Frieden mit Gott. Gott hat sich uns liebevoll zugewendet. Auch was auf uns zukommt wird gut sein. Wir haben eine einzigartige Hoffnung, die nicht ins Leere führt: Gottes Glanz wird alles durchdringen. Er hat uns den Heiligen Geist („Geistkraft“) geschenkt. Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen, d.h. wir sind voll von Gottes Liebe wie ein Tassli Kaffee, das die Bäuerin einem füllt und füllt, bis es überläuft. Lauter positive Indikativ-Sätze, kein Zweifel, kein Wenn und Aber.

Wir haben Frieden mit Gott? Sie denken vielleicht: Also ich hätte da noch ein zünftiges Hühnchen zu rupfen mit dem Gott, der diese Welt entworfen hat. Ja, ich auch. Oder schlimmer: Sie hegen Groll gegen ihn, weil er Ihre flehentlichsten Gebete unbeantwortet liess oder andere Ihnen vorgezogen hat. Paulus würde sofort sagen: Das meine ich nicht. Natürlich haben wir kleingläubigen Menschen an Gott immer etwas auszusetzen. Das ist unvermeidlich. Ich meine es umgekehrt: Gott hat seinerseits Frieden erklärt. Und wenn der Allmächtige den Frieden erklärt, dann ist das entscheidend. Wichtig ist doch, wenn du einst vor den Richter treten musst, dass der seine Bücher aufschlägt und dann sagt: Gegen dich liegt nichts vor. Frieden mit Gott heisst, er wird dich nicht mit Vorwürfen empfangen, sondern mit offenen Armen. Das ist der Friede, den ich meine, und der wurde einseitig von Gott erklärt durch Jesus Christus für die Menschen. Es ist vollbracht, tout est accompli. „Aufgrund von Vertrauen“. D.h. wir müssen nichts dazu tun, wir müssen uns nur darauf verlassen und Jesus glauben, was er sagt.

Wenn Sie darauf vertrauen, könnten Sie nun sagen: „Wirklich? Ja dann ist‘s doch gut, gib doch gleich den Schluss-Segen und wir gehen zusammen zum Apero.“ Paulus wäre sicher einverstanden. Er würde höchstens noch ein Lob- und Danklied vorschlagen.

Aber der Pfarrer hat seine Redezeit noch nicht ganz ausgeschöpft. Ich schlage vor, noch einen kleinen Schritt zurück zu machen und aus Distanz anzuschauen, was da religiös passiert.

Es gibt zwei Grundformen der Religion, die Sie beide aus Ihrem Leben kennen. Die erste: Der Mensch hat Angst vor Blitz und Donner, Krankheit, Unglück, Tod. So bittet er einen unsichtbaren Gott um Hilfe und Schutz. Gott ist „Chummerzhülf“. Jeremia kritisierte diese Religion: „So spricht Gott: Sie kehren mir den Rücken zu und nicht das Angesicht. Aber wenn die Not über sie kommt, sprechen sie: Auf und hilf uns! 2,27“. Der Hilferuf wird dann verstärkt dadurch, dass man Gott etwas opfert, das man selber brauchen könnte. Das war wohl die erste Religion der Menschheit, und es ist die erste Religion des Kindes, sobald es an einen Gott denken kann.

Dann aber wächst die zweite Grundform der Religion. Mose verkündet am Sinai die Gebote. „Du sollst Gott lieben, deinen Nächsten wie dich selbst, sollst nicht töten, stehlen, ehebrechen, nicht falsches Zeugnis reden.“ Gott will nicht Opfer, er will Gehorsam. Er ist Chummerzhülf, aber auch Erzieher, Polizist, Richter. Diese Religionsform kennen wir in unserer eigenen Religion, im Judentum, im Islam, auch im chinesischen Taoismus. Der Mensch muss ethische Gebote halten. Aber dabei kommt natürlich an den Tag, dass beim Menschen Kopf und Bauch nicht in die gleiche Richtung ziehen. Im Kopf finden wir Gottes Gebote gut und nötig. Aber kommt einer und will mir nehmen, was mir gehört, vergesse ich die Gebote und fahre Zähne und Klauen aus wie jedes Tier. Ich möchte ein Heiliger sein, bin aber ein Sünder. Ich brauche Vergebung, das Opfer wird zum Sühnopfer.

In dieser zweiten Grundform der ethischen Religion lebte Paulus und auch Jesus. Jesus aber verkündet radikal und konsequent: Ihr wisst doch, Gott hat mit euch Erbarmen, wie ein Vater mit seinen Kindern. Er weiss, dass ihr Staub seid (Ps 103,13f). Er vergibt euch die Sünde, ihr müsst nur beten: „Vergib uns unsere Schuld“. Seine Lehre vom barmherzigen Gott bekräftigte Jesus nun mit dem stärksten Zeichen, das ein Mensch setzen kann: er gibt sein junges Leben freiwillig hin ans Kreuz. „Der Menschensohn ist gekommen, um sein Leben als Lösegeld hinzugeben. Mk 10,45“ Christus ist das endgültige Sühnopfer für alle Sünde, sagt die Bibel. Seither haben wir Frieden mit Gott. Das Allerwichtigste, unser Verhältnis zum Schöpfer, ist definitiv in Ordnung. Tout est accompli. Darauf müsst ihr nur vertrauen, das genügt. Das ist gewissermassen die dritte Grundform der Religion, das unerschütterliche Vertrauen auf einen guten Gott.

Jedes Kruzifix am Wegrand predigt diese unerhörte Zusage: Christus hat Frieden gemacht zwischen Gott und uns. Gott gibt seinen Geist. Er erfüllt unsere Herzen mit seiner Liebe. Er zündet in uns die Gewissheit an, dass es auch in Zukunft gut kommt mit uns. Es ist alles gut. Auf Seiten des Menschen braucht es nur noch ein „Opfer“, den Dank.

Die ersten zwei Grundformen der Religion sind damit nicht abgeschafft. Sie sind aufgehoben im neuen Religionsverständnis von Jesus. Gott ist und bleibt unser Chummerzhülf. Er bleibt auch der Gerechte, der von uns Gehorsam fordert und unser Leben beurteilt. Aber zugleich vertrauen wir ihm, dass er barmherziger ist als jeder liebende Menschenvater. Und weil das so ist, darum ist alles gut. In dieser Haltung könnten wir leben, liebe Gemeinde: Was auch geschieht, das Wichtigste ist erledigt. Das grosse Fuder ist am Schermen. Wir gehen gewiss noch hinaus und rechen da und dort etwas zusammen, aber die Hauptsache ist unter Dach und Fach. Kommt der Sturm, wollen Leiden und Schwäche gelernt sein: das Wichtigste ist schon vollbracht. Tout est accompli. Wir haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus, dem wir gehören.

Das tönt schön, denken Sie wohl, aber ist es nicht irgendwie unrealistisch und weltfremd? Die Welt ist zerrissen von Kriegen, Millionen sind auf der Flucht, Terror greift um sich wie Feuer in einem trockenen Wald… Wie kann man da von Frieden mit Gott reden, dass Gottes Liebe in unsere Herzen ausgegossen sei? Antwort, und es muss eine Antwort in wenigen Sätzen sein: Wer wird sein Leben dafür einsetzen, diese schreckliche Welt ein wenig menschlicher zu machen? Doch am ehesten wer im Herzen zutiefst vertrauen kann, dass das Wesentliche schon vollbracht ist? Dass Gottes Liebe uns zugesichert ist? Dass nichts uns trennen kann von dieser Liebe? Ich glaube, die Verbesserung dieser Welt beginnt im Herzen jedes einzelnen. Und sie beginnt damit, dass da drin die Überzeugung Fuss fasst: Gott ist auf unserer Seite. Verglichen damit ist alles andere zweitrangig, auch Chaos, Terror und alle Übel dieser Welt.

Darum sollte ein Christ diese fünf Paulussätze jeden Morgen laut lesen, noch bevor man ein Bein aus dem Bett streckt und mit Filz- oder Lippenstift auf den Badezimmerspiegel schreiben: Tout est accompli.

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