Terroristenmentalität? Radiopredigt zu Lukas 9,51-56

25. Oktober 2015 (Kommentare: 0)

Terroristenmentalität? Radiopredigt zu Lukas 9,51-56

Liebe Radiogemeinde

In vielen Kirchen stehen die Jünger von Jesus auf hohen Sockeln und werden als Heilige verehrt, ausser Judas. Auch Johannes und Jakobus gelten als Heilige; aber Sie! Diese beiden sonderbaren Heiligen waren doch eher religiöse Fanatiker mit Terroristenmentalität? Überzeugen Sie sich selbst! (Sie hören nun meine Übersetzung von Lukas 9. Ich bin halt Perfektionist, darum kann es mir keine gedruckte Bibel ganz recht machen. Also: Ärmel hochkrempeln und besser machen! Ich versuchte, so nahe an den griechischen Textzeugen, aber auch so deutsch wie möglich zu formulieren.)

 Die Zeit kam näher, dass Jesus wieder zu Gott heimkehren sollte. So machte er sich entschlossen auf den Weg nach Jerusalem. Er schickte Boten voraus, um Unterkunft zu arrangieren. Sie kamen zu einem Dorf in Samaria, aber weil Jesus nicht verhehlte, dass er auf dem Weg nach Jerusalem war, schlug man vor ihnen die Türen zu. Jakobus und Johannes hörten das und sagten: „Herr, sollen wir rufen, wie seinerzeit Elija: Feuer falle vom Himmel und verbrenne sie!?“ Da wandte sich Jesus zu ihnen um und fuhr sie an: „Was für ein Geist spricht aus euch? Der Menschensohn ist gekommen zu retten, nicht zu vernichten!“ Und sie übernachteten in einem anderen Dorf.

Die fanatische Geisteshaltung der beiden Jünger muss uns hier beschäftigen. Dazu müssen wir noch einiges wissen aus der damaligen Zeit.

Die direkte Strasse von Galiläa nach Jerusalem führt durch Samarien. Aber die meisten Juden aus Galiläa machten einen weiten Umweg. Warum einen Umweg? Weil die Samariter etwas gegen Juden hatten. Was denn genau? Vor allem, dass die Juden etwas gegen Samariter hatten. Kurz: Die andern hatten die falsche Religion, man ging einander geflissentlich aus dem Weg. Früher war es bei uns ähnlich zwischen Katholiken und Protestanten. Da hätte ein Reformierter auch nie freiwillig Ferien gemacht im Wallis! Zurück zu den Samaritern, die wahrscheinlich spotteten: „Also wir können hier in Samaria beten. Wir müssen dazu wahrhaftig nicht in dieses Kaff Jerusalem hinauf springen.“ Juden aber waren verpflichtet, jedes Jahr nach Jerusalem zu pilgern. Und da machten sich die Samariter natürlich einen Spass daraus, den Juden den Weg zu vergällen. Und wenn diese sich nicht ständig mit Samaritern herumärgern wollten, nahmen sie einen zünftigen Umweg in Kauf.

Aber nicht Jesus! Auch er war ein frommer Jude aus Galiläa. Aber diesen konfessionellen Hickhack zwischen Juden und Samaritern wollte er überwinden. Ohne Berührungsangst predigte er auch in samaritischen Dörfern. Und er brachte jüdische Geistliche gegen sich auf, indem er Geschichten erzählte, wo Samariter moralisch besser wegkamen als Juden: Das Gleichnis des barmherzigen, oder des einzig dankbaren Samariters. Bald wurde Jesus angeschwärzt, er selber ein Samariter und ein Spinner wie sie alle (Joh 8,48). Nun findet er, der die Samariter als Glaubensgeschwister akzeptierte, ausgerechnet bei ihnen wieder einmal „keine Herberge“.

Das brachte nun seine Jünger zünftig in Rage. Sie schimpften etwa: „Diese unterbelichteten Samariter merken nicht einmal, dass hier kein gewöhnlicher Jude, sondern ein erklärter Freund vor ihnen steht!“ Und Jakobus und Johannes wollten sogar einen Todesfluch über diese Ungläubigen bringen: „Wie einst der grosse Elija können wir doch rufen: Feuer soll vom Himmel fallen und das Dorf in Schutt und Asche legen!“ Ich vermute, auch wenn sie das gerufen hätten, wäre etwa nicht viel passiert, aber trotzdem. Wie reagieren Sie auf dieses „Bibelwort“?

Zartbesaitete schämen sich für diese Jünger und sagen „Psst, es hören auch Kinder zu!“ Vernunftmenschen zucken die Achseln und lächeln: „Auch Heilige kochen halt nur mit Wasser.“ Skeptiker haben schon immer vermutet, dass hinter den Gräueln der Geschichte letztlich Religion steckt. Bibelgläubige möchten rasch das Thema wechseln, damit niemand merkt, dass die Bibel wahrhaftig schon vom glorreichen Propheten Elija erzählt, er habe Feuer vom Himmel fallen lassen, um hundert Mann zu töten (2 Kön 1)!

Warum hat Lukas als einziger die garstige Geschichte überhaupt in sein Evangelium aufgenommen? Ich biete Ihnen dazu einige Vermutungen an.

Vielleicht die Wichtigste: Wer dieser Geschichte standhält und sie nicht abwehrt, kommt zur heilsamen Erkenntnis, dass glühende Wut integraler Teil jeder menschlichen Seele ist. Auch ich muss zugeben: Wenn mich die Wut wirklich packt, dann wünsche ich meinem Gegner den Tod, und zwar keinen schmerzlosen. Ich komme dann schon noch zur Besinnung, aber die Wut, die ich unterdrücken muss, die ist fanatisch, schwarz-weiss, fundamentalistisch, unvernünftig. Sie ist ein Drache, und ich versuche, ihn mit dem Seidenfaden der Vernunft an der Leine zu führen. Gebe Gott, dass das Vieh gehorcht! Wenn Sie in die Gewölbe Ihrer Seelentiefe hinabsteigen, können Sie ihre Wut vielleicht heulen hören. Sie lauert in uns allen. Auch lammfromme Typen sind im Prinzip zu allem fähig, wie Terroristen und fanatische Gotteskrieger.

Jesus aber hat Klartext gesprochen: „Was für ein Geist spricht aus euch? Der Menschensohn ist gekommen zu retten, nicht zu vernichten!“ Damit sagt er, dass er sich nicht in jeder Hinsicht dem Geist eines Elija anschliessen kann. Elija war ein grosser Prophet: Aber der Geist, der Jesus leitet, rettet Sünder und vernichtet sie nicht. Die alten Geschichten von Elija sind also keine Rezepte für uns. Die Liebe, die wir bei Jesus lernen, ist ein Massstab, mit dem wir sogar die Bibel beurteilen und vielleicht kritisieren müssen. Das mörderische Wüten Elijas kann im Geiste Jesu nur als abschreckendes Beispiel aus der Bibel gelesen werden.

Als Jesus seine Jünger auswählte, wusste er, dass die Brüder Johannes und Jakobus Hitzköpfe waren. Er nannte sie ironisch „unsere Donnerbuben“. Aber er wollte auch sie bei sich haben. Ich lerne daraus: Fanatiker gehören zu uns. Jede Religion hat halt ihre Extremisten. Es ist wichtig, dass wir uns ihnen zuwenden, wie Jesus es tat, und sie nicht wegstossen. Wenn sie mit Gewalt liebäugeln, muss man ihnen natürlich widerstehen. Aber zugleich sind sie es wert, dass wir für sie beten. Auch Fanatiker können Heilige werden. Eine kühne Hoffnung, gewiss, aber ich lasse sie mir nicht ausreden!

Jesus hat Menschen mit offenkundigen Charakterschwächen auserwählt. Das ist Frohe Botschaft für mich. Die Heilige Schrift erzählt freimütig von den Charakterschwächen der Heiligen und muss sie nicht schamhaft verschweigen. Das macht sie glaubwürdig, die Schrift und die Heiligen. Vergessen wir nicht: Im Christentum gilt man schon als heilig, wenn man mit Jesus unterwegs ist. Wenn man mit Jesus durchs Leben geht, ist man heilig, auch wenn man Wut und Ärger noch nicht perfekt beherrscht.

Der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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