Sinn des Lebens? Radiopredigt zu Lukas 13,7

1. Januar 2016

Liebe Gemeinde am Radio,

das Alte war mir nicht verleidet und ich war noch gar nicht recht fertig damit, da muss man schon wieder ein neues Jahr anfangen, wozu denn? Gute Frage. Wozu ein neues Jahr? Was wollen wir damit? Was haben wir im Sinn? Was ist überhaupt der Sinn? Bevor man aufbricht, ist es gut zu überlegen, wohin man eigentlich will. Was ist der Sinn des Lebens?
Ich kenne einen, der wird leicht nervös, wenn man ihm mit dem Sinn des Lebens kommt. Er fragt gleich zurück, was für einen Sinn denn die Frage nach dem Sinn habe. Auch andere rümpfen die Nase, wenn sie gefragt werden, wozu sie auf der Welt seien. Angst vor einer klaren Antwort? Oder vielleicht die Nase voll von vielen Antworten, die sich widersprechen?
Es gibt wahrhaftig viele Antworten. Jedes Leben hat gewissermassen seinen eigenen Sinn und Zweck. Man kann die Sinnfrage also nicht ohne weiteres ein für allemal und für alle gleich beantworten. Man könnte sagen, es müsse so viele verschiedene Antworten geben, wie es Menschen gebe. Ach meinetwegen - aber das ist doch die Katze, die um den heissen Brei tanzt? Gibt es nicht eine schlichte Antwort für alle? Der Sinn des Lebens muss doch so einfach aufgezeigt werden können, dass auch ein Fünftklässler drauskommt. Ich versuchs mal. Irgendein Philosoph wird mir dann sicher nachreden, ich sei ein schrecklicher Vereinfacher, „un terrible simplificateur“. Meinetwegen, ich bin ein einfaches Gemüt. In meinem Leben bin ich leider nur wenigen Vereinfachern begegnet, und ihnen bin ich herzlich dankbar. Sie stehen mir näher als jene, die das Einfache unter einem Tohuwabohu von abstrakten akademischen Begriffen begraben.

Jesus ist ein Vereinfacher. Er sagt schon mal, was der Sinn des Lebens nicht ist, (nach der Einheitsübersetzung, Lukas 12,15): „Jesus sagte: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.“

Ein Festtagskatalog aus dickem Glanzpapier will mir eine Uhr für 10 000 Franken andrehen, man könnte sogar zehnmal so viel ausgeben für eine Armbanduhr! Das kann ja der Sinn des Lebens nicht sein. Gut, wer sackteure Uhren kauft, schadet wenigstens Mensch und Umwelt nicht wie andere, die mit überstarken Motoren unseren Ohren weh tun, oder unsere Luft verpesten, weil sie zum Baden in die Malediven jetten. Was unsere Welt für chic hält, ist nicht der Sinn des Lebens. Das Luxusleben der reichsten drei Prozent, zu denen auch die Schweiz zählt, geht am Sinn vorbei. Galbraith nennt unsere Welt eine „Überflussgesellschaft“, wo das Anhäufen von Vermögen, das gezielte Vermehren von Privatbesitz, also das Abzocken, anerkannt, ja bewundert wird. Wollen wir Jesus folgen, so geraten wir mit dieser unserer mondänen Welt auf Kollisionskurs. „Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines Vermögens im Überfluss lebt.“

Man hört es nicht gern, aber ich kann es nicht deutlich genug sagen: Die Weltanschauung, die unsere Überflussgesellschaft steuert, widerspricht diametral dem Christenglauben, überhaupt jedem Gottesglauben. Unsere tonangebende Mehrheit glaubt ja und lehrt, alles Leben habe sich zufällig aus dem Dreck des Planeten von selbst entwickelt, alles „Geistige“ sei nichts als Abfall zufälliger elektrischer Ströme zwischen Molekülen. Es gebe weder einen Gott, noch einen freien Willen, und der Mensch sei nur eine von unzähligen Tierarten. In dieser Philosophie ist natürlich kein Sinn zu finden. Wer unbedingt einen Sinn brauche, könne ihn ja selber er-finden, könne seinem an sich sinnlosen Leben in eigener Regie einen Sinn überstülpen. Aber natürlich nur, wenn man dazu gerade Lust habe. Die allmächtige Evolution habe uns halt so gemacht, dass wir von Natur aus gern reich und bequem lebten. Was gibt es da zu meckern? Wir sind halt in einem reichen Land geboren. Schwein gehabt. Stimmen und wählen wir also „konservativ“, konservieren wir, was wir haben.

Ich weiss, so frivol redet kein anständiger Zeitgenosse; der Radiopfaff überzeichnet seine Gegner wieder masslos. Ich geb‘s zu. Aber sagen Sie selbst: Wäre es nicht logisch und konsequent, so zu reden? Wenn es keinen Gott gäbe, wäre der Schluss nicht unlogisch, man solle halt den zugefallenen Luxus geniessen, so gut es gehe, das sei der einzige Sinn eines bedeutungslosen Lebens. Gewiss, nicht alle Materialisten denken so. Es gibt wohl auch viele, die ihrem Leben einen sozialen, wohltätigen Sinn geben. Sie haben meine allerhöchste Achtung. Ich vermute nur, sie haben ihre Menschenfreundlichkeit unbewusst von Jesus geliehen; aus der Materie kommt sie ja nicht.

Jesus sagt, wir seien auf der Welt, um „Frucht zu bringen“, mit diesem Gleichnis: Ein Feigenbaum trägt jahraus jahrein keine Frucht. Der Besitzer will ihn umhauen lassen. Aber der Gärtner sagt: „Herr, lass ihn noch dieses Jahr (2016?). Ich will umgraben und ihn düngen, vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn um (Lk 13,7)“.

Frucht tragen; etwas Geniessbares, in guter Reife sogar Genussvolles für andere hervorbringen - dazu gibt Gott uns das neue Jahr. Ein Feigenbaum wäre ich also, nicht ein Löwenzahn. Der Löwenzahn ist ein Wunder. Er ist, was er ist, und das genügt. Jedes Tier ist, was es ist, und das genügt. Der Mensch aber soll etwas produzieren, was andern gut tut: Feigen tragen. Und wenn nun dieser Menschenbaum mit seinen Ästen Löcher in die Luft wedelt, den Boden auslaugt und fruchtlos bleibt? Wenn er einfach ist, was er ist, aber nicht bringt, was man erwartet, so genügt er nicht. Es ist natürlich, den grössten Bissen zu erhaschen, sich mit den Ellbogen an die Spitze zu drängeln, zu geniessen, was man sich leisten kann. Aber der Himmel ist nicht zufrieden. Natur allein ist für Menschen nicht genug. Wer nur dahin lebt, wie er natürlicherweise ist, verfehlt den Sinn seines Lebens.
„Sünde“ war dafür das deutsche Fremdwort.

Aha, Sünde, da haben wir’s! Damit gehen einem die Christen ja immer auf den Geist. Immer der Drohfinger, die leidige Angstmacherei, irgendein Gott könnte nicht zufrieden sein, wenn wir unserer Natur nachgeben. Stimmt, das treibt den einen oder andern in die Höhle des Atheismus. Kürzlich stand auf Plakaten, von Atheisten finanziert: „Es gibt vermutlich keinen Gott, geniesst euer Leben!“ Können die erst geniessen, wenn kein Gott zuschaut? Hoffentlich merken sie einmal, dass alles sinnlos wird, wenn niemand etwas von uns erwartet und lernen dann den kennen, der viel von uns erwartet und zugleich so verständnisvoll und grosszügig ist, dass das Leben ein Genuss ist.

Apropos Genuss: Ein reformiertes Glaubensbuch sagt, der Sinn des Lebens sei, Gott zu erkennen und ihn für immer zu geniessen. „Gott erkennen“ wäre ein Ziel für 2016, und nicht vergessen: „ihn geniessen“! Da würde aber unser Fünftklässler Augen machen: Gott geniessen, wie geht das? Ich weiss es auch nicht so genau, aber schön gesagt ist es, und vermutlich wahr.

Ich würde dem Fünftklässler sagen: Der Mensch wird als Tier geboren; die meisten seiner Gene sind gleich wie beim Schimpansen. Nun sind wir dazu auf der Erde, um uns vom Tier zum Menschen zu entwickeln. Wir sollen lernen, nicht nur unsern Bedürfnissen und Trieben nachzugeben, sondern die Gebote Gottes zu leben, uns von der Liebe leiten zu lassen. Dafür ist uns wieder ein Jahr geschenkt. Ende Jahr sollte man Feigen finden an uns. Das erwartet Er, der für uns sein Leben hingab - aus Liebe.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt,
bewahre unsre Herzen und Gedanken in Christus Jesus. Amen.

Das ist meine letzte Radiopredigt auf unserem "Landessender" SRF 2 Kultur. Es war mir eine grosse Ehre, neun Jahre 4-5 mal im Jahr zu einer Gemeinde von rund 130 000 Menschen zu sprechen. Dass ich meine Hörerschaft penetrant als "Gemeinde" ansprach, hat zwei Gründe. Ich habe bei Rudolf Bohren gelernt, dass sich eine Predigt immer an die Gemeinde richtet, nicht an Einzelne. Und ich hoffe, meine unübliche Anrede "liebe Radiogemeinde" habe viele Einsame daran erinnert, dass man nicht allein ist, wenn man auf Gottes Wort hört. So verabschiede ich mich, allerdings nur auf meiner Homepage, mit besten Segenswünschen von meiner Radiogemeinde. Am Radio sagte ich nichts von meiner Letzten, weil ich lieber habe, wenn die Hörer nachdenken über das, was ich sage, als darüber, dass es meine letzte ist.