Es geht vorwärts

12. Dezember 2018 (Kommentare: 0)

Adventspredigt zu Markus 13

 

In jenen Tagen, nach jener Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwählten versammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

Am Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch, wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen: So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

 

 

Was kommt? Was haben wir zu erwarten? Weltweit liest die Kirche im Advent die biblischen Endzeit-Prophezeiungen. Advent, l’avenir, Zukunft. Die drei ersten Evangelien haben je ein grosses Kapitel mit Endzeitworten von Jesus. Jesus predigte über die Zukunft, wie die Rabbinen es damals allgemein machten. Es kommt grosse Not über die Menschen: Kriege, Unruhen, Hungersnot, Erdbeben. Jerusalem wird vom Feind belagert und „von den Heiden zertreten“. Schliesslich erscheinen furchterregende Zeichen am Himmel: Die Sonne wird dunkel, der Mond rot, Sterne fallen vom Himmel. Und wenn die Not am grössten ist, kommt mit den Wolken der Menschensohn zurück. Dann wird er Gericht halten und endgültig das Reich Gottes aufrichten. Diese Vorstellung von der Endzeit wiederholt sich mehr oder weniger detailliert seit dem Propheten Daniel, über Jesus und Paulus, bis zur grossen Offenbarung, zur sogenannten Apokalypse, dem letzten Buch der Bibel. Man nennt diese Art Endzeitverkündigung „Apokalyptik“. Offenbar hat Jesus in seiner Verkündigung öfter die bekannten apokalyptischen Bilder gebraucht. Er fügte jeweils zwei Mahnungen dazu: 1. Bleibet wach! 2. Freut euch auf das, was kommt!

 

Zuerst aber schlage ich euch vor, innerlich ein wenig Abstand zu nehmen und zu fragen: Was machen wir, heute nach 2000 Jahren, mit dieser biblischen Apokalyptik, mit den Katastrophen, die kommen und dem Menschensohn, der auf den Wolken kommen soll? Zuerst einmal werdet ihr sagen: Die Nöte, welche die Apokalyptik prophezeit, sind alle über die Welt hereingebrochen, immer wieder, in jeder Generation. Unverfroren gesagt: Dazu braucht man kein Prophet zu sein. Wer Krieg, Seuchen und Hunger prophezeit, hat natürlich immer recht. Das sind doch die apokalyptischen Reiter, die Dürer so eindrücklich abbildet: Pest, Hunger, Krieg, Katastrophen. Das trifft immer ein, irgendwo auf der Erdkugel. Auch Sonnenfinsternisse, der Blutmond und Sterne, die fallen, haben alle Generationen gesehen. Und jede Generation hat auch gesagt: Seht, jetzt leben wir in den letzten Tagen; jetzt geht dann die Welt unter! Gestimmt hat es nie. Damit könnte man zur Tagesordnung übergehen und die Apokalyptik abschreiben. Ich habe das oft gemacht.

 

Aber wir sollten es uns nicht zu leicht machen. Wir müssen aufmerksam hinschauen. Wir leben nämlich in einer Zeit, wie es sie noch nie gegeben hat.

 

Hunger, Krieg und Seuchen haben seit Menschengedenken unheimlich viel Opfer gefordert, aber der unvorstellbare Höhepunkt war die Generation unserer Grosseltern und Eltern. Die Spanische Grippe 1918 tötete zwischen 50 und 100 Millionen weltweit, der 1. Weltkrieg 40 Millionen, der Zweite 100 Millionen, wenn man kriegsbedingte Seuchen und Hungersnöte einrechnet. Dann explodierten die zwei Atombomben in Japan. Seither ist nun die Welt voll von unendlich viel tödlicheren Atomwaffen, aber in den 73 Jahren seither wurde nie mehr eine dieser Waffen eingesetzt. Das hat es noch nie gegeben. Jede Waffe sonst, die erfunden und produziert wurde, kam auch einmal zum Einsatz. Aber seit Hiroshima und Nagasaki sind die Atomwaffen zwar in höchster Bereitschaft, aber nie eingesetzt. Es herrscht ein labiler Friede, so lange, wie noch nie. In früheren Jahrhunderten waren Krieg und Gewalt verantwortlich für bis zu 15 Prozent aller Todesfälle. Jetzt ist es noch 1 Prozent! Noch nie gab es so wenig Kriege wie heute. Beispiel: 2012 starben 120 000 in Kriegen, 500 000 durch Verbrechen. Aber noch viel mehr, 800 000, nahmen sich selbst das Leben. Es ist also heute wahrscheinlicher, dass ich durch Suizid umkomme, als durch Krieg, Terror und Verbrechen zusammen. Das gab es noch nie.

 

Ähnlich ist es mit dem Hunger. Wenn wir die Spenden-Aufrufe der Hilfswerke im Briefkasten finden, denken wir an all die armen Kinder, die am Hunger sterben. Das ist schlimm. Es sind aber unendlich viel weniger als je in der Geschichte! Beispiel: 1974 sagte die Welternährungskonferenz voraus, China, das schon immer Millionen durch Hunger verloren hatte, könne unmöglich seine Milliarde Einwohner ernähren und rase auf eine Riesenkatastrophe zu. Heute kann man sagen, China hat den Hunger im Griff. Die UNO sagt, es werde heute mehr als genug Nahrung produziert für alle 7 Milliarden Menschen. 800 Millionen, gut 10 Prozent, leiden zwar noch immer Hunger, die meisten aber nicht wegen Nahrungsmittelknappheit, sondern wegen Krieg und politischem Missmanagement. Heute wird doppelt soviel Korn produziert auf der gleichen Ackerfläche wie 1970, und die Zahl der Unterernährten weltweit sank seit den Fünfziger Jahren um mehr als die Hälfte. 1960 lebten 60 Prozent der Weltbevölkerung in absoluter Armut; heute sind es noch 9 Prozent. Der Durchschnitt der Welt heute stirbt viel eher daran, dass man zu viel isst, und nicht, weil man zu wenig zu essen hat.

Und der letzte apokalyptische Reiter? In unserer Lebenszeit wurden grosse Seuchen besiegt: Pest gibt es praktisch nicht mehr. Tuberkulose, Kinderlähmung und die vielen anderen Kinderkrankheiten, die früher einen Drittel im Kindesalter sterben liessen, wurden besiegt. 1980 erklärte die UNO die Pocken für besiegt. Die letzte grosse Seuche war AIDS, es ist heute im Griff. Ebola konnte sich nicht über die Welt verbreiten. So etwas hat es noch nie gegeben!

Was würde der Apostel Petrus sagen, wenn er unsere Welt heute sehen könnte? Er würde sagen: „Die apokalyptischen Plagen haben die Menschheit wahrhaftig heimgesucht. 1947 aber kam die Wende. Ihr Schweizer lebt nun schon im Reiche Gottes.“ Vergessen wir nicht: 1947 wurde der Staat Israel ausgerufen und Millionen Juden strömten ihm zu. Viele Prophezeiungen der Bibel sind so in unserer Lebenszeit in Erfüllung gegangen. Von da an haben die Menschen mit allem Wissen und Können sich gegen die apokalyptischen Reiter zu wehren begonnen – mit unerhörtem Erfolg. Das alte Jammertal ist nicht wieder zu erkennen, Gott sei Lob und Dank, auch wenn es gewiss noch viel zu tun gibt.

 

Wie beurteilt ihr unsere Zeit? Ich sage: Gott Lob und Dank. Der Kampf unserer Generation gegen Not und Elend ist von unerhörtem Erfolg gekrönt. Zugleich ist unsere Generation unkirchlich, oft antikirchlich, atheistisch wie noch nie eine Generation. Das passt doch schlecht zusammen. Wie denkt ihr darüber? Das müsst ihr zuhause diskutieren. Mir kommt ein Wort von Jesus in den Sinn: „Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr,“ (Mt 21,31). Gott gibt denen Erfolg, die ihn eigentlich abgeschafft haben. Aber es sind Menschen, die mit grossem Einsatz seinen Willen erfüllen: Frieden schaffen, Krankheit heilen, Hungernde ernähren. „Nicht alle, die zu mir sagen ›Herr, Herr‹, werden in Gottes neue Welt kommen, sondern die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun.“ (Mt 7,21)

 

Wenn Jesus über die bekannten Endzeiterwartungen predigte, wollte er einerseits ermutigen, andererseits ermahnen. Immer sagte er: „Kopf hoch, keine Angst!“

„Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht!“ (Lk 21,18). Jede Woche hören auch wir apokalyptische Höllenpredigten, heute von unseren Medien und Wissenschaftlern: Wenn ihr Menschen so weitermacht, macht ihr euch und die ganze Welt kaputt. Wir wollen das unbedingt ernst nehmen. Die grösste Gefahr geht nicht mehr von Katastrophen und Hungersnöten aus, sondern von der rücksichtslosen Art, wie wir Menschen unsere Erde ausbeuten und zumüllen. Da muss noch das Reich Gottes anbrechen! Wir wollen diese Mahnungen ernst nehmen, aber uns nicht Angst machen lassen. Wir hören auf den Meister: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, eure Erlösung ist nahe.“

 

Zugleich predigte Jesus über die Endzeit, weil er wollte, dass seine Jünger wach bleiben.

„Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht benebeln, dass die Ankunft des Herrn euch nicht plötzlich überrascht. Wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich euch sage, sage ich allen: Wachet!“ (Lk 21,34; Mk 13,33).

Im frühen Christentum gab es Einsiedler, die das Wachbleiben buchstäblich verstanden und sich kasteiten und plagten, um nur ja nie einzuschlafen. Gott sei Dank mussten auch sie dann mal merken, dass der Schlaf eine Gottesgabe ist. Wer Militärdienst leistet, hat von Wachen eine Ahnung. Wache schieben tut man nie allein. Man gehört zur Wachmannschaft im Wachtlokal. Nur zwei, vielleicht drei stehen draussen Wache. Diese dürfen für 2-3 Stunden, bis zur Ablösung, auf keinen Fall einschlafen. Aber im Wachtlokal wird gegessen, gejasst und so viel wie möglich geschlafen. Nur müssen alle ständig auf dem Quivive sein. In einer halben Minute muss man voll bewaffnet draussen eingreifen können. Spielen, essen, jassen ist OK. Aber parat sein, den Wachauftrag nie vergessen.

 

So verstehe ich die Mahnung des Meisters: Wir müssen arbeiten und ruhen, spielen und essen, weil wir Menschen sind. Aber bei alledem wollen wir die Zeichen der Zeit beobachten und schauen, wo schon etwas vom Reich Gottes zu sehen ist. Und wir wollen nicht aus den Augen verlieren, was unser Auftrag hier ist. Wir haben den Willen Gottes zu erfüllen: Kranke und Einsame aufsuchen, Notleidende unterstützen, Hungernde ernähren, Benachteiligten unter die Arme greifen und entsprechend abstimmen. Und bei alledem warten wir darauf, dass der Menschensohn kommt. Wir wissen nicht wie und wann. Wir wissen aber, dass er völlig unerwartet kommt. Dass er zum Gericht kommt und zur Erlösung.

 

 

 

 

 

Ruedi Heinzer, General Guisanstr. 17, CH-3700 Spiez, +4133 654 22 77, ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch

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