Predigt: Enttäuscht von sich selbst (Psalm 51)

1. Oktober 2007 (Kommentare: 0)

Drei Predigten zum Thema „enttäuscht“: „Enttäuscht von Menschen“ war die erste. „Enttäuscht von sich selber“ heute. Als drittes dann „Enttäuscht von Gott“.

Waren Sie schon enttäuscht von sich selbst? Am liebsten würde ich Sie nun in Vierergruppen austauschen lassen: Erzählen Sie einander, wie das war, als Sie von sich selber enttäuscht waren. Wovon würden Sie erzählen? Keine Angst, das ist nicht der Stil der Landeskirche. Ihre Persönlichkeit, Ihre Intimsphäre bleibt unangetastet. Darauf darf man sich verlassen in unserer Kirche, auch wenn es unheimlich spannend wäre, Ihre Geschichten zu hören. Nein, bei uns erzählt der Pfarrer die Geschichten. Gut, dann beginne ich mit mir: Es gibt zum Beispiel die Enttäuschung, dass mir nicht gelingt, was ich mir vornehme. Ich erlebe mich als Versager. Ich erzähle Ihnen eine typische Pfarrerenttäuschung. Man plant, diesen Nachmittag die Predigt zu schreiben. Und dann beantwortet man einige wichtige Mails, schaut etwas Interessantes im Internet nach, macht sich einen Kaffee, studiert einen Kommentar, telefoniert, putzt ein wenig, feilt sich die Nägel, muss ja auch mal sein, und plötzlich ist es fünf. Hat es noch einen Wert, anzufangen? Das erleben alle, die geistig arbeiten. Es ist unheimlich anstrengend, braucht sehr viel Disziplin, sich zum Nachdenken und Schreiben zu bringen. Oft schafft man’s nicht. Dann bin ich enttäuscht von mir. Mache mir Vorwürfe, ja ärgere mich, weil ich nun meine Predigt schreiben muss an meinem Freitag. Und da ärgert sich mit mir und über mich natürlich meine liebe Frau.. Ärgerlich - aber nicht wirklich schlimm, eher peinlich, wenn man’s mit den großen Sorgen anderer vergleicht.

Ich kenne jemanden, der tief enttäuscht ist von sich selbst, weil er in allem hinter seinem Bruder zurück geblieben ist. Dieser hatte Erfolg in der Schule, bei Frauen, im Geschäften, er ist bekannt, beliebt. Und unser Mann schafft es immer nur schlecht und recht, und darüber grämt er sich. Er ist voll Neid auf seinen Bruder, und macht sich Vorwürfe, weil er ja gar nicht neidisch sein will. Er ist so sehr enttäuscht von sich, dass er sich oft regelrecht verachtet. Und das tut ihm gar nicht gut, wie Sie sich vorstellen können. Mit dieser tiefen Selbstachtung gelingen ihm seine Vorhaben erst recht nicht. Ein Teufelskreis.

Und nun stelle ich Ihnen einen Mann aus der Bibel vor, ebenfalls enttäuscht von sich: König David. Er hatte seine Sexualität nicht im Griff und machte der schönen Nachbarin ein Kind. Und um es zu vertuschen, liess er ihren Mann an der Front umkommen. Wir hören aus dem Gebet des prominenten Ehebrechers und Mörders, Psalm 51.

„Ein Psalm Davids, als der Prophet Natan zu ihm kam, nachdem sich David mit Batseba vergangen hatte.

Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde! Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was dir mißfällt. Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee. Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden, tilge all meine Frevel! Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist! Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! Mach mich wieder froh mit deinem Heil; mit einem willigen Geist rüste mich aus! Befrei mich von Blutschuld, Herr, du Gott meines Heils, dann wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit.“

König David wusste, was recht ist. Er sprach als Richter jeden Tag Recht. Er kannte die Gebote Gottes. Und nun muss er zur Kenntnis nehmen, dass er selber vom guten Weg abgekommen war. Enttäuscht von sich selbst, kein schönes Gefühl: „Zerknirschter Geist“; „zerbrochenes und zerschlagenes Herz“; schlechtes Gewissen, kein reines Herz; Angst, von Gott gestraft und verworfen zu werden, was man ja vielleicht verdient hätte.

Psalm 51, auch wenn nicht alle Verse von David stammen mögen, ist ein einzigartiger Text. Das offene, ungeschminkte Eingeständnis eigener Verfehlung, die Bitte um Vergebung und Reinigung ist wahrhaftig ein seltenes Stück Weltliteratur. Enttäuschung über sich selbst ist überhaupt eher selten, oder täusche ich mich? Wann waren Sie das letzte Mal enttäuscht über sich, weil Sie gesündigt, weil Sie Gottes Gebot gebrochen hatten? Es gibt skrupulöse Menschen, die würden jetzt antworten: Gestern, heute morgen, ständig. Aber das ist nicht normal. Wer sich ständig selber anklagt, braucht Hilfe, Therapie, Seelsorge. Normale Menschen aber haben in ihrem Hirn ein praktisches Reparaturprogramm. Ich will Ihnen nun sagen, wie dieser Flicker in Ihrem Kopf funktioniert. Sie machen etwas falsch und stehen vor einem Scherbenhaufen. Nun schaltet sich der Flicker automatisch ein, ob Sie es wollen oder nicht; wirklich wie von selbst. „Hat es jemand gesehen?“ Wenn nicht, sofort die Scherben verräumen, in einem fremden Garten deponieren und pfeifend ab durch die Hintertür. Jemand hat’s gesehen? Der Flicker überlegt sich fieberhaft: „Kann man die Schuld einem andern in die Schuhe schieben?“ Wo ist der Ehepartner? Ja, es lässt sich meistens jemand finden. Wenn nicht, dann war’s, die Gesellschaft, die Globalisierung oder der Föhn, eine körperliche Schwäche, oder ein überstarker, unwiderstehlicher Trieb. Hilft auch das zu wenig, so beteuert der Flicker: „Ich hab’s nicht extra gemacht. Es ist mir unterlaufen, einfach so passiert, ich kann nichts dafür. Jeder andere in meiner Lage hätte gleich gehandelt. Tragisches Schicksal. Warum hat Gott mich so gemacht , warum hat er diese Situation zugelassen!?“ Ja, Gott hat große Schuhe. Ihm kann man alles in die Schuhe schieben, er schweigt dazu.

Der Flicker ist ein neurologisches Programm, das Gott uns allen in die Wiege gelegt hat. Es läuft automatisch ab, wie die Verdauung. Wir müssen dankbar sein für dieses Programm. Es hilft uns, die Selbstachtung zu bewahren, auch wenn wir einen kapitalen Bock geschossen haben. Ich habe gelesen, nur ein kleiner Prozentsatz aller rechtmässig verurteilten Strafgefangenen würden ihre Fehler einsehen und auch zugeben. Die große Mehrheit rechtfertigt und verteidigt sich, um verzweifelt das Gesicht zu bewahren. Ich finde das schrecklich. Das verhindert jeden echten Neuanfang, denn Einsicht ist wahrhaftig der erste Schritt zur Besserung.

Nun haben wir in unserem Hirn nicht nur den Flicker, das selbsttätige Reparaturprogramm. Wir haben auch unseren gesunden Menschenverstand. Selten einmal ist unser Verstand so stark, dass er das automatische Reparaturprogramm abschalten kann. Dann sagt der Verstand: „Ach hör doch mit deinen Rechtfertigungen auf! Ich hab’s doch verpatzt. Ich bin von mir enttäuscht. Ich habe Mist gebaut.“ Es braucht viel Verstand, um den biologischen Flicker abzustellen. Das ist die gute Nachricht: Wenn Sie von sich selber enttäuscht sind und auch dazu stehen, so ist das zwar gar kein schönes Gefühl. Aber es ist ein Zeichen von Verstand, von hoher Intelligenz. Gratuliere. Wenn Sie dagegen nie von sich enttäuscht sind, und alles immer rechtfertigen können, was Sie tun, dann kann man sagen: Ihre automatischen Programme funktionieren einwandfrei. Aber die Intelligenz ist noch entwicklungsfähig.

Nun ist das nicht die ganze Wahrheit. Man muss unsere Intelligenz nicht für alles verantwortlich machen. Da sind noch ganz andere Kräfte im Spiel. Wer nämlich Enttäuschung über sich selber empfinden und sie vielleicht noch zugeben kann vor anderen, in dem hat der Geist von Jesus Christus ein Wunder gewirkt. Einsicht in eigenes Versagen, gegen unser Flickerprogramm im Hirn, ist eine Wirkung des Hl. Geistes. Das hat mit dem Christentum zu tun. In unserer westlichen Welt ist es möglich, öffentlich zu einem Versagen zu stehen. Wer einen groben Fehler ehrlich zugibt, ist in hier nicht unbedingt erledigt, manchmal sogar weiterhin geachtet. Würde heute Bill Clinton im Landhaus reden, gingen Sie hin? Vermutlich schon. Obwohl Clinton ja öffentlich der Lüge und des Ehebruchs überführt wurde. Er hat es schließlich zugegeben, um Vergebung gebeten und ist heute ein durchaus geachteter Politiker. Niemand trägt ihm seine Verfehlung nach.

Anders scheint es auf der östlichen Erdhalbkugel zu sein, in Asien. Ich habe in Südkorea erfahren, wie schwierig es dort ist, Fehler offen zuzugeben. Alle suchen immer ihr Gesicht zu wahren und andere nie direkt anzuklagen, nie blosszustellen. Wer eines Verfehlens öffentlich überführt ist, beging nach alter Tradition Harakiri, er richtete sich selbst, auch wenn das heute kaum mehr vorkommt. Fehler machen und sie offen zugeben gehört nicht zur asiatischen Kultur. Aber es gehört wesentlich zur jüdischen und christlichen Religion. Vorbild ist König David, obwohl seine schwere Verfehlung seit 2000 Jahren in jeder Sonntagschule erzählt wird, oder gerade deswegen? Und vergessen wir nicht, wer nach dem Tod von Jesus die Führung der jungen Christengemeinde innehatte, angeblich bis nach Rom. Jener Petrus, von dem geschrieben steht, er habe den Meister verleugnet, und habe darüber schließlich „bitterlich geweint“, als der Hahn dreimal krähte.

Es ist der Geist Gottes, der uns zur Enttäuschung über uns selber führt, zur Erkenntnis unserer Sünde. Diese Enttäuschung ist etwas Kostbares, so hässlich die damit verbundenen Gefühle auch sein mögen. Der Geist Gottes verkündet uns das Evangelium vom verlorenen Sohn: Der Vater umarmt den heimgekehrten Sünder und macht ihm keinen Vorwurf. Weil Gott so ist, verliert keines seine Ehre, sein Gesicht, seine Selbstachtung, wenn es sagt: „Vater, ich habe gesündigt.“ Denn alle haben ja gesündigt. Alle leben von der Vergebung. Und Gott schliesst jeden in die Arme, der zurück kommt, steckt ihm einen kostbaren Ring an den Finger und gibt ihm sein Ehrenkleid.

Es ist also OK, Fehler zu machen und sie zuzugeben. Denn nur so können wir lernen und besser werden. Das haben nun auch große Betriebe entdeckt, zum Beispiel Spitäler. Dort bemüht man sich, ein Klima aufzubauen, wo es chic ist, einen Fehler aufzudecken und ihn zuzugeben. Weil der Betrieb nur so besser werden kann, wenn Fehler nicht vertuscht und abgestritten werden. Solange man sich rechtfertigt, kann man nicht besser werden; es ist nur eine Frage der Zeit, bis man wieder denselben Fehler macht! Erst wenn wer den Fehler zugibt und zünftig von sich enttäuscht ist, wird lernen. Im christlichen Glauben wäre dieses Klima gegeben, aber es braucht dazu noch viel Klimaveränderung in den Kirchen. Es gibt noch viele, die sich unfehlbar nennen. Nicht nur in Rom. Christen können doch auf einen Gott vertrauen, der fehlbare, von sich enttäuschte Menschen in Ehren annimmt, „denn unser Gott ist barmherzig, langmütig und reich an Güte.“

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