Predigt: Ihr werdet das Ziel erreichen: eurer Heil (1. Petrus 1,3-9)

1. März 2008 (Kommentare: 0)

Vor fünf Jahren erlebte ich, wie mein Glaube mich dazu brachte, die Wände hoch zu gehen. Ohne den glauben, also das Vertrauen, hätte ich das schon gar nie gewagt. Das kam so:Ich nahm an einem Kletterkurs teil im Klettergarten von Ponte Brolla. Mitarbeitende aus meinem Bereich in der Landeskirche, jung und alt, Frauen und Männer, erfahrene Kletterer und Anfänger wie ich, nahmen teil. Ziel war: Zusammenarbeit trainieren mit dem Auftrag, die ganze Belegschaft auf ein Felsband hinauf zu bringen, 50 m weiter oben, und möglichst heil wieder herunter.

Wir hatten stinkende Kletterfinken anprobiert, ein Gstältli gefasst und gelernt, uns damit ans Seil anzuknüppeln. Ein Erfahrener macht den Vorstieg und klettert die Route hoch. Alle drei Meter ist ein Haken im Fels. Da sichert der Vorsteiger jeweils das Seil mit einem Karabinerhaken. Unten sichert das andere, so dass das Vorsteigende nicht weiter abrutschen kann als sechs Meter. Ist der Vorsteiger oben, sichert er sich selber und am Seil das zweite, das nun hochklettert praktisch ohne Risiko. Als blutiger Anfänger und alter Synodalrat, der nicht gern auf andere herabschaut, schon gar nicht in grausige Abgründe, durfte ich jeweils als Zweiter nachklettern. Und siehe da, ich meisterte alle Kletterrouten. Kein einziges Mal bin ich ins Seil gestürzt. Ich bitte um Verständnis, dass ich hier ein wenig damit bluffe. Und was hat das mit Vertrauen zu tun? Das sieht doch jedes Kind.

Dass ich die Wände hoch ging, habe ich nur meinem Vertrauen zu verdanken, dem Vertrauen auf meinen Kameraden, der mich sicherte, und auf das Seil und die Haken im Fels. Theoretisch käme ich also diese Wände hoch ohne Seil und Haken, nur mit meinen Fingern und Zehen. Ich bin ja nie am Sicherungsseil gehangen, immer an meinen Fingern und Zehen. Theoretisch brauchte ich kein Sicherungsseil um zu klettern. Aber in Tat und Wahrheit wäre ich ohne dieses Seil sicher nie diese Wand hoch gegangen! Obwohl ich das Seil kein einziges Mal wirklich gebraucht hatte - es war mir übrigens nur immer im Weg. Was folgt daraus? Sobald ich glaubte, dass mir nichts passieren konnte, dass das Seil mich auffangen und tragen würde, konnte ich auch klettern.

Diese Überlegung brauchen wir nun für die heutige Predigt: „Sobald ich darauf vertraute, dass mir nichts passieren kann, kann ich klettern.“ Das können wir auf das Leben übertragen. Sobald unsere Seele vertrauen kann, dass ihr nichts passieren kann, kann sie richtig leben. Wir Menschen sind darauf programmiert, zuerst für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen zu sorgen. Das ist auch gut so. Wenn es uns selber nicht gut geht, nützen wir niemandem etwas. Wenn wir uns selber nicht gern haben, können wir auch andere nicht lieben. Zuerst müssen wir für unsere eigene Sicherheit schauen. Aber wenn das alles wäre, würde ich nie klettern. Ich kann erst klettern, kann erst den sicheren Erdboden verlassen, wenn ich damit rechnen kann, dass jemand anderes für meine Sicherheit und mein Heil sorgt, nämlich mein Kletterkamerad mit Seil und Haken.

Vorgestern sagte mir ein liebes, behindertes Mädchen mit Kummer in den Augen: „Ich habe ein Problem mit dem Vertrauen.“ Und dann kam aus, dass sie Angst hatte, eine Angst, die ihr das Leben schwer macht. Angst, sie könnte ihre Mutter verlieren, auf die sie so sehr angewiesen ist. Angst vor dem Krankwerden. Angst vor dem Sterben. Diese junge Frau nennen wir behindert, dabei ist es gerade ihre sogenannte Behinderung, die es ihr möglich machte, ganz offen von ihrer Angst zu reden. Ich würde das ja nie offen zugeben vor andern Leuten. Aber ich habe natürlich die gleiche Angst, tief im Keller meiner Seele, wo weder Mond noch Sonne sie bescheint. Angst, nicht zu genügen; Angst, andere zu enttäuschen; Angst vor dem Krankwerden, vor dem Leiden. Angst, Menschen zu verlieren, die mir das Leben schön und sicher machen. Mit solchen Ängsten müssen wir alle leben. Und es tut uns gar nicht gut, wenn wir diese Angst ständig verdrängen, verstecken und übertönen.

Gegen diese Urangst ist ein Kraut gewachsen. Es ist die Frohe Botschaft unseres Christenglaubens, die sagt: Was immer dir passiert, Gott selber schaut dazu, dass du an dein Ziel kommst. Gott bewahrt dich durch alles Unglück hindurch. Er führt dich sicher nach Hause. Und dein Zuhause ist im Himmel, jenseits des Todes. Diese Botschaft hat ihren Grund und Anfang in der Auferstehung von Jesus, darin, was an Ostern vor bald 2000 Jahren geschah. Wir hören dazu den Bibeltext aus 1. Petrus 1:

„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren zu einer lebendigen Hoffnung, dank der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, dass wir das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist. Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart wird. Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Bewährungsproben leiden müßt. Dadurch soll sich euer Vertrauen geläutert werden, und es wird sich zeigen, daß es wertvoller ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde. Ihr werdet jubeln in unsagbarer, von himmlischem Glanz erleuchteter Freude, wenn ihr das Ziel eures Vertrauens erreichen werdet: das Heil der Seelen. Nach diesem Heil haben die Propheten gesucht und geforscht, und sie haben über die Gnade geweissagt, die für euch bestimmt ist.“

Haben Sie realisiert? Da leuchtet das Licht einer unzerstörbaren Hoffnung: „Es kommt gut mit uns. Gott hat uns sein Herz offenbart. Er führt uns zum ewigen Heil.“ Da fliesst das erfrischende Quellwasser der ursprünglichen Botschaft, ein unerhörtes Vertrauen auf Gott, eine Zuversicht, der man selten begegnet. Dieses Gottvertrauen hilft mir, „klettern“ zu können. Ich konzentriere die Botschaft auf den wesentlichen Kern:

„Gepriesen sei Gott: Er hat uns neu geboren zu einer lebendigen Hoffnung, dank der Auferstehung Jesu von den Toten, dass wir das unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist.“

Ihr seid ein zweites Mal geboren, wie neu geboren seid ihr; denn Ihr habt eine lebendige Hoffnung dank der Auferstehung von Jesus. In Amerika kann man selbst in einer Bar gefragt werden: Bist du ein wiedergeborener Christ? „A born again Christian?“ Unser Text aber fragt gar nicht. Er stellt einfach fest: Gott hat uns wiedergeboren. Das ist wie bei der ersten Geburt: unsere Mutter hat uns geboren. Da gibt es nichts zu fragen, ob man geboren sei. Das kann man nur dankbar feststellen. So scheint es auch mit der zweiten Geburt zu sein. Man kann nur dankbar feststellen: Ich habe eine Hoffnung über den Tod hinaus, und das macht mich wie neugeboren. Ich habe gehört, dass Jesus aus dem Tod auferweckt wurde. Ich habe gehört, dass Gott auch uns aus dem Tod auferwecken wird. Vor mir liegt also eine herrliche Zukunft, eine Erbschaft, die für mich bereit liegt, eine Erbschaft, die der Tod nicht anrühren und beschädigen kann.

Da gibt es anscheinend keinen Zweifel daran, ob wir dieses Erbe wohl einmal wirklich empfangen werden oder nicht. Die Aussage ist: Ihr seid neu geboren. Ihr habt die Hoffnung. Ihr empfangt das Erbe. Wie kann der Apostel so sicher sein? Er begründet es so: „Gottes Macht behütet euch durch den Glauben, damit ihr das Heil erlangt, das am Ende der Zeit offenbart werden soll.“ Gott sorgt mit seiner Macht dafür, dass wir ans erhoffte Ziel kommen. Das nennt man Heilsgewissheit. Nach solcher Heilsgewissheit dürstet unsere Seele. Sie will vertrauen können, dass „nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes.“ Solche Heilsgewissheit ist für jeden zugänglich, wenn er nur auf den Gott vertraut, der Macht hat, und der uns liebt. Es ist wie Vertrauen auf einen Bergführer: Der bringt mich in die sichere Hütte, egal, wie dumm, ängstlich und ungeschickt ich mich benehme in den gefährlichen Bergen. „Gottes Macht behütet euch, damit ihr das Heil erlangt.“

Deutsche Theologie des letzten Jahrhunderts hat Gott allerdings so dünn gehobelt, dass er keine Macht mehr haben soll, sondern nur noch mitleiden könne. Ein solcher Gott kann einen dann natürlich nicht „behüten, damit ihr das Heil erlangt.“ Wer sich aber auf einen mächtigen Gott verlassen kann, dass er uns zum Heil führt, ist erfüllt von einem Grundton der Freude: „Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Bewährungsproben leiden müßt.“

Wohlverstanden, das Vertrauen bezieht sich auf ein Ziel, das über das irdische Leben hinausgeht, auf „das unvergängliche Erbe“ im Jenseits, im Himmel. Hier erleben wir Schicksalsschläge, Schwierigkeiten, Trauer und Leiden. Hier wird unser Vertrauen im Schmelztiegel geläutert, wie Gold, das von Schlacken gereinigt wird. Wir vertrauen nicht darauf, dass Gott hier all unsere Bitten erhört; auch die Bitte Jesu konnte nicht erhört werden, dass „der Kelch“ an ihm vorüber gehen möge. Nein, wir vertrauen darauf, dass Gott nach der Wüstenwanderung für uns das Land bereit hält, „wo Milch und Honig fliessen“. Im letzten Jahrhundert wurde einem diese Hoffnung madig gemacht, sie sei eine schäbige Vertröstung aufs Jenseits. Ich rate dazu, dieses veraltete materialistische Gemecker endlich einmal als Sondermüll zu entsorgen. Die lebendige Hoffnung aufs Jenseits, die uns die Auferstehung Jesu schenkt, wirkt sich mächtig auf dieses irdische Leben aus! Die Lebensfreude hängt direkt zusammen mit dem Vertrauen auf den mächtigen Gott, der seine Menschen am Seil hat, auch wenn sie rutschen und fallen.

Schauen Sie: Das Vertrauen auf Gott, der uns über den Tod hinaus sicher zum Heil führt, ermöglicht uns, unser Leben einzusetzen, macht uns frei, das Leben aufs Spiel zu setzen für andere, hinzugeben für den Frieden und zu verschenken an jene, die weniger haben als wir. Das Vertrauen auf den mächtigen Gott, der uns sicher ans Ziel bringt, macht Liebe möglich.

Gäbs Gott, dass diese unerschütterliche Zuversicht der Heiligen Schrift, diese Heilsgewissheit, diese leuchtende Freude auf unser Herz überspringt und uns neu zur Welt bringt zur ebendigen Erwartung des ewigen Heils.

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