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Predigt zur Heimat: "Bi scho mängs Jahr i dr Frömdi" (Hebräer 11, 8-16)

1. Juni 2009 (Kommentare: 0)

Wir haben in der Lesung von Abraham gehört. Gott hat ihn aus seiner Heimat heraus gerufen und ihn zum Nomaden gemacht, zum Gast und Fremdling, der nirgends mehr – und darum überall zuhause ist. Aber obwohl er überall zuhause war, heisst es doch, dass er sich nach einer Heimat sehnte, die Gott ihm verheissen hatte.

Nach der Predigt singen wir euch ein wunderschönes Lied von Hedy und Oskar Schmalz, ein Heimwehlied, wo Wort und Musik diese Sehnsucht nach der Heimat buchstäblich ins Herz malen: „Bi scho mengs Jahr i dr Frömdi u ha müesse ds Hei verla. Uf u furt zu frömde Lüte, hets mi tribe, gar so wyt. Doch das Heiweh na de Flüene isch mer blibe allizyt.“

Ein Heimwehlied. Heimweh? Ein Schweizer Arzt hat 1688 zum ersten Mal diese „Krankheit“ beschrieben (Johannes Hofer). Man nannte das Heimweh die „Schweizerkrankheit“. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Schweizer da eine besondere Schwäche haben, vor allem die Bergler, wo die Heimat eben ein überblickbares Tal ist von einzigartgier Schönheit. „Sone liebi Heimat findet me halt niene me.“ In manchen Sprachen gibt es gar kein Wort für unser „Heimweh“. In den französischen Söldnerheeren war es bis ins 18. Jh. bei Todesstrafe verboten, einen „ranz de vaches“, einen Kuhreihen, einen Jodel zu singen oder auch nur zu pfeifen, weil eine Heimatmelodie genügte, um Schweizer Söldner reihenweise krank zu machen oder zum Desertieren zu bringen.

Wisst Ihr selber, was Heimweh ist? Selber schon erfahren? Als Kind kannte ich es gar nicht. Dann studierte ich zwei Jahre in den USA, und als ich heimkam, passierte mir etwas Merkwürdiges. Als ich im Flughafen Basel-Mulhouse den ersten Schweizer Zöllner mit seinem lächerlichen Keppi sah, da schnürte es mir völlig unerwartet die Kehle zusammen und es kamen mir doch wahrhaftig die Tränen: „Wieder daheim!“ und da kamen Gefühle. Seither kenne ich das Heimweh nur zu gut. Vor wenigen Jahren, als ich im Auftrag des Kirchenbundes zehn Tage in Korea war, da packte mich das Heimweh wie einen Schulbuben. Ich schämte mich zwar, konnte aber nichts dagegen tun. Ein Psychologe sagt: Der Mensch (jedenfalls der Schweizer) „sehnt sich in einer psychischen Krise, wie sie bei einer Trennung von Gewohnheit und Sicherheit auftreten kann, zurück nach dem Bekannten und Vertrauten, das er verloren hat. Die Sehnsucht wird als sehr schmerzhaft empfunden.“ Eben ja: Heimweh.

Nun stelle ich aber fest, dass ich solche nostalgische Sehnsuchtsgefühle manchmal empfinde, obwohl ich vollkommen zuhause bin, daheim in der Heimat. Manchmal höre ich ein Lied, ein Musikstück, und die Sehnsucht packt mich, ich möchte heim. Aber ich bin ja schon daheim!? Oder ich höre den Föhn brausen in den Tannen und eine unerklärliche Sehnsucht erwacht. „Möcht no einisch uf mym Äelpli jutzen über ds Ländli us!“ Ja, dabei habe ich gar kein Älpli. Wohin zieht es mich? Manchmal erlebt man doch, wie einen nicht einmal die nächsten Angehörigen verstehen. Wie man sagen kann, was man will, man kommt nicht an. Auch dann flackert diese Sehnsucht auf und mir kommt in den Sinn, dass einer gesagt hat: „Heimat ist, wo man verstanden wird“ (Karl Jaspers).

Voll verstanden fühle ich mich vom Schriftsteller Heinrich Böll (+1985), den man einmal fragte, warum er, der doch aus der Kirche ausgetreten war, an Gott glaube. Er sagte: „Wegen der Tatsache, dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben – dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind, nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen... Auch wenn Menschen glücklich verheiratet sind, Kinder haben und einen Beruf, der ihnen Spass macht, fühlen sie sich zeitweise, sekundenweise, fremd auf dieser Erde. Es handelt sich hier keineswegs um ein blosses Gefühl, sondern vielleicht um eine uralte Erinnerung an etwas, das ausserhalb von uns selbst existiert. Das ist ein Grund für mich, an Gott zu glauben.“

Wenn wir „hier auf der Erde nicht ganz zuhause sind,“ wo sind wir es dann? Wo ist unsere wahre Heimat?

Ihr werdet denken: „Ja klar, nun bringt er den Himmel, er ist ja schliesslich Pfarrer und dafür bezahlt“. Richtig, aber hört, was die Historikerin Magdalen Bless erzählt. Sie wurde im letzten „Beobachter“ interviewt, und im Museum für Kommunikation in Bern, wo man ihre ganze Geschichte mithören kann. Sie hatte einen schweren Autounfall und war klinisch tot. Dabei hatte sie eine typische „Nahtoderfahrung“, wie es viele erzählen, die an die Grenze des Lebens kamen. Sie sah dieses wunderschöne Licht und tauchte vollkommen glücklich darin ein. Ärzte holten sie dann wieder ins irdische Leben zurück. Aber sie war traurig. Noch lange hatte sie starkes Heimweh nach dem Jenseits, nach jenen paar wenigen Minuten, wo sie einen Blick über die Grenze des Todes tun konnte! Heimweh, sobald man auch nur eine Ahnung hat, was drüben sein wird.

Gewusst habe ich das natürlich als Theologe. Paulus sagt, unsere Heimat sei im Himmel, wörtlich unser Bürgerrecht, unser Heimatort (Phil 3,20). Der Hebräerbrief (13,14) sagt, ein Ort zum Bleiben finde sich nicht auf der Erde, man müsse den zukünftigen Ort suchen.

Dazu hat Karl Gerok gedichtet:

Ich möchte heim,
ich sah in sel‘gen Träumen
ein bess‘res Vaterland.
Dort ist mein Teil in ewig lichten Räumen,
hier hab ich keinen Stand.

Der Lenz ist hin,
die Schwalbe schwingt die Flügel
der Heimat zu, weit über Tal und Hügel.
Sie hält kein Jägergarn, kein Vogelleim.
Ich möchte heim.

Aber dass man das so handfest erleben kann wie Frau Bless! Da erwischt eine Frau bei einem Unfall einen kleinen Schluck vom Jenseits und kommt wieder ins Leben zurück. Und von jetzt an hat sie Heimweh - das berührt mich tief.

Wir Jodler können ja so herzergreifend von der Heimat singen: „I ghören im mys Dörfli hei, zu mynen alte Fründe, u zeigt is d’Wält au allerlei, chaisch nur ei Heimat finge.“ Wunderschön, aber wenn man nur eine Heimat finden kann, von welcher singen wir nun? Suchen wir unsere Heimat im Dörfli, hier im Schwyzerländli, so haben wir es vermutlich noch nicht ganz begriffen! Wir haben ein anderes, wichtigeres Bürgerrecht, eine andere eigentliche Heimat. Hier sind wir wohl zuhause, aber nicht ganz daheim! Wir richten es uns natürlich zünftig heimelig ein hienieden. Was da ständig renoviert und repariert und ausgebaut wird landauf landab! Ich freue mich daran, mag es allen gönnen. Da ist schön zu wohnen und zu sein! Und wir wollen es nicht nur bauen, sondern auch von Herzen geniessen!

Nur: Hier sind wir nicht zuhause. Hier sind wir Gäste und Fremde, für eine verflixt kurze Zeit. Wenn wir es erlebt hätten, wie Frau Bless, was uns drüben erwartet, was für ein unvorstellbar schöne Heimat wir haben, wir würden uns nicht fest an einen Flecken Erde oder ein Haus binden. Wir hätten geistig den Koffer gepackt und wären sofort parat, abzureisen und heimzugehen! Tut das eurer Seele nicht an! Lebt nicht so, dass sie meint, im Elternhaus oder im Dörfli sei sie wirklich daheim. Richtet euch aus auf die höhere Heimat, auf das gelobte Land, das weder Abraham noch Mose betreten haben, und macht euch innerlich bereit, auszuziehen und an einem andern Ort glücklich zu werden.

Ich meine nicht das Alters- oder Pflegeheim. Das vielleicht auch. Aber ich glaube, es tut unserer Seele nicht gut, wenn sie sich auf der Erde allzu heimisch einrichtet und die himmlische Heimat vergisst. Wer nur hier daheim ist, dessen Seele wird spiessig, oder wie wir Schweizer sagen: Man wird ein Füdlibürger.

Ich habe euch drei Testfragen mitgebracht.

1. Dünkt es euch nicht auch, nur schon weil ihr Schweizer seid, seid ihr ein bisschen besser als alle andern? Seid ehrlich mit euch selber! Stimmt doch, was?

2. Denkt Ihr auch manchmal: „Lasst doch einmal alles sein, wie es ist! Es ist doch gut, wie es ist! Man muss es nur sein lassen.“

3. Denkt Ihr manchmal: „Ach, das ganze Getue in der Politik und in der Welt. Mir ist das doch alles gleich. Wenn ich meine Ruhe habe, bin ich zufrieden.“

Dreimal Ja, das gibt einen ausgekochten Füdlibürger. Ich habe schon oft diese Fragen mit Ja beantwortet. Je wohler wir uns fühlen in unserem Dörfli, unserem Heim, unserer Heimat, desto Fübü. Das kommt wie von selbst, da muss man sich bewusst dagegen wehren. Wir sind so programmiert, dass wir schützen und erhalten, pflegen und sichern, was uns gehört und gefällt. Und wenn wir dann in unserem Dörfli höcklen bleiben, werden wir zum Füdlibürger. Wir sind so programmiert.

Gegen dieses innere Programm gibt es ein Gegenmittel. Das ist der Gott, der den Abraham aufscheucht. Abraham hatte sich im schönen Alter von 75 Jahren wahrhaftig gemütlich niedergelassen in seiner Heimat Haran. „Da sprach der Herr zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1).

„Bi scho mängs Jahr i dr Frömdi…“ Ja, wir sind wahrhaftig in der Fremde, „furt bi fremde Lüte“, auch dann, wenn wir „non es Schützi“ im Vaterland wohnen und werken. In Wahrheit sind wir in der Fremde. Und wenn euch hie und da eine Sehnsucht aufsteigt und euch die Augen feucht macht, die Sehnsucht nach einem besseren Ort als das Dörfli, nach einem Ort wo man wirklich versteht und verstanden wird, wo die Wahrheit die Sonne ist und wo die Liebe regiert, dann grüsst diese Sehnsucht als einen Engel, der euch gerade eine Postkarte aus der wahren Heimat vorbei gebracht hat. Diese Heimat erleben wir hier vorübergehend, wenn wir uns dem Nächsten öffnen. Und diese Heimat wartet auf uns, wenn es dann Zeit wird für uns, hinüber zu gehen.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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