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Predigt: „Langsam zum Zorn“ (Jakobus 1, 19-20)

1. Juli 2009 (Kommentare: 0)

Aus der Seelsorge wissen wir, dass Zorn, Wut und Ärger in unseren Häusern mehr Lebensqualität vernichten als die Grippe. Könnte man die Glut des Zorns zum Heizen verwenden, man könnte auf neue AKWs verzichten. Darum habe ich Ihnen eine Predigt zum Zorn gemacht und fange mit einer harmlosen Frage an: Wissen Sie eigentlich, wie Sie die Leute in Ihrem Haus, in Ihrer Verwandtschaft auf die Palme bringen? Was müssen Sie sagen und tun, damit sie ausrasten? Wissen Sie, was Ihren Partner zur Weissglut treibt, oder Ihre Kinder? Das sollten Sie unbedingt wissen. Nur wenn Sie wissen, wie sie Ihre Leute zum Zorn reizen können, können Sie die Fettnäpfchen auch bewusst vermeiden. Und umgekehrt muss man seine Leute vielleicht mal an der empfindlichen Stelle kitzeln. So kommt wieder Leben in die Bude.

Natürlich rät die Bibel von solchen Methoden ab. Paulus sagt ausdrücklich: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“ Eph 6,4. Umgekehrt gilt sicher auch. Leider steht nicht ausdrücklich: „Ihr Frauen, reizt eure Männer nicht zum Zorn…“

In Jakobus 1 lesen wir: „Denkt daran, meine lieben Geschwister: Jeder soll schnell bereit sein zu hören, aber langsam im Reden und langsam zum Zorn; denn im Zorn tut der Mensch nicht, was vor Gott recht ist.“

Zorn, Wut, Ärger, Gereiztheit, Empörung, Grimm: Unsere Sprache kennt feine Nuancen, aber das Gefühl dahinter wird wohl von den gleichen Hormonen verursacht. Wenn das Hirn sie in die Blutbahn ausschüttet, läuft immer Ähnliches ab, stärker oder schwächer: Der Puls geht schnell. Innere Hitze wird fühlbar, man „kocht“. Der Blutdruck steigt. Einer kriegt blutunterlaufene Augen, dem andern schwillt eine Zornesader auf der Stirn. Die Hände zittern, Fäuste ballen sich, oft nur im Hosensack. Die Zähne beissen aufeinander und knirschen. Die Lippen zittern, man ringt nach Worten und findet nur die falschen. Aber genau die stösst man heraus, obwohl man weiss, wie bitter man sie bald bereuen wird. Manchmal kommt es zu Geschirrschaden. Ich will mich nicht lustig machen. Zorn führt zu schlimmen Gewaltausbrüchen. Es würde mich nicht wundern, wenn Leute unter uns heute noch an seelischen oder gar körperlichen Wunden leiden, die Zorn einmal geschlagen hat.

„Langsam zum Zorn“. So möchten wir wohl sein: Geduldig, gelassen. Wir begegnen allen Widerwärtigkeiten mit Gleichmut und Verständnis. Wir sagen Ja zum Leben, wie es halt ist. Wir stehen drüber, lassen uns nicht hinreissen. Wir verachten uns vielleicht, wenn wir uns zur Wut haben hinreissen lassen. Wenn uns jemand auf die Palme gebracht hat, finden wir es da oben nicht so lustig, und es ist schwierig, rechtzeitig wieder herunter zu kommen. Nein, wir möchten gelassen bleiben in jeder Situation, dann fühlen wir uns stark. Die Hl. Schrift unterstützt unseren Wunsch nach Gelassenheit: „Legt auch ihr das alles ab: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, schändliche Rede“ (Kol3,8). Wenn es nur so einfach wäre! „Legt es ab! Langsam zum Zorn!“ Leicht gesagt! Wie wenn man Zorn einfach mit dem Willen kontrollieren könnte! Aber diese Mahnungen machen uns deutlich, dass wir uns mit Wut und Zorn nicht einfach zufrieden geben dürfen. Wir dürfen nicht sagen: „Ja ich bin halt rasch von Null auf Hundert, dafür weiss man bei mir, woran man ist.“ Nein, „Zorn verdirbt die Besten,“ sagte Schiller; und Herder: „Das Paradies ist für die bereitet, die ihren Zorn zurückhalten und ihn bemeistern.“ Bevor wir nun darüber nachdenken, wie der Zornige von der Palme wieder herunter kommt, müssen wir verstehen, dass auch der Zorn seine gute Seite hat.

Jakobus sagt erstaunlicherweise: „Jeder sei langsam zum Zorn“, wie auch langsam zum Reden, dafür tifig zum Zuhören. Er sagt zum Zornigen: „Halt, langsam! Nicht 180 km/h, höchstens 30.“ Aber „null“ sagt er nicht. Er will also den Zorn nicht unterbinden, so wenig wie das Reden. Zorn ist noch keine Sünde. Zorn gehört zum Leben. Wer nie mehr zornig werden will, kann sich gleich begraben lassen. Denn wie das Leben immer auch Abfall produziert und der oft sogar als Dünger geschätzt wird, so gibt es in einer lebendigen Psyche Zorngefühle.

In der Kindheit gehören Wutanfälle zur Entwicklung der Persönlichkeit. Es nervt zwar, wenn Kinder in der Trotzphase vor Wut toben, aber gute Eltern wissen: Ohne Auseinandersetzung kommt‘s nicht gut. Herrscht in einer Partnerschaft ewiger Gleichmut, so ist das kein gutes Zeichen. Wo zwei oder mehr zusammen leben, muss es hie und da mal krachen, Standpunkte müssen geklärt und Ansprüche verhandelt werden. Zorn ist ein Lebenszeichen für eine Beziehung. Gefährlich wird er erst, wenn er im Übermass auftritt und zu feindseligen Ausbrüchen führt. Solange Zorn einigermassen freundschaftlich ausgedrückt wird, tut er der Beziehung gut. Stellen Sie sich nur das Gegenteil vor: Ein Partner kann sich für rein gar nichts ereifern; alles ist ihm völlig egal. Das Gegenteil von Zorn kann nämlich Gleichgültigkeit sein. Zorn und Liebe gibt es zusammen; Gleichgültigkeit und Liebe aber nicht. „Der beste Mensch wird manchmal zornig; kein Liebespaar kann immer kosen. Die schönsten Rosen selbst sind dornig, doch schlimm sind Dornen ohne Rosen“ (Friedrich von Bodenstedt). Und schliesslich: Wer nie Zorn zeigt, wird auf die Dauer nicht ernst genommen. Von ihm wird es bald heissen: „Er ist ja ein Lieber, aber sonst…“. Zorn gehört zum Leben, wie Schmerz, Trauer, Müdigkeit. Zorn entsteht grossenteils, wenn meine Wünsche und Bedürfnisse nicht befriedigt werden (Frustration). Selten einmal entspringt Zorn einer kostbaren Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wenn Sie etwa zornig werden, weil Sie sehen, dass ein Schwacher ungerecht behandelt wird, dann ist Ihr Zorn zwar ein negatives Gefühl, aber ein höchst wertvolles!

Dass Zorn zu Beziehungen gehört, erzählt die Bibel damit, dass Gott selber zornig wurde, wenn seine Menschen vom Weg zum Heil mutwillig abwichen. Das Alte Testament ist voll davon. Auch Jesus war öfter zornig. Wie Sie wissen, jagte er Geldwechsler mit einer Geissel aus dem Tempel; dazu hat er kaum Halleluja gesungen.

Wo sind wir jetzt gelandet? Wir wissen, dass Zorn zwar zerstören und Wunden schlagen kann, dass er aber trotzdem unverzichtbar ist fürs Leben.

  • Das Ziel kann also nicht sein, Zorn auszumerzen. Wir wollen den Zorn nicht unterdrücken, verdrängen, aus dem Bewusstsein verbannen. Das führt zu ernsthaften psychischen Störungen. Unterdrückter Zorn wendet sich in irgendeiner Form gegen den Menschen selbst. Er wird zu innerem Gift, in der Tiefe beginnt es zu übeln.
  • Das Ziel kann aber auch nicht sein, Zorn einfach aus dem Bauch heraus frei auszudrücken, ungebremst auszuleben, wie es die Gruppendynamik-Bewegung vor 40 Jahren noch gemeint hat. Inzwischen zeigen Untersuchungen, dass häufiger Zorn das Immunsystem schwächt und bedenkliche gesundheitliche Folgen hat, vor allem für Herz, Lunge und Magen. Zugleich fand man heraus, dass es in keiner Weise besser wird, wenn Zorn „heraus gelassen“ und ausgelebt wird, im Gegenteil. Die gesundheitliche Gefährdung nimmt zu.
  • Was ist nun das Ziel? Luther und Paulus haben ein Psalmwort so übersetzt: „Zürnet ihr, so sündigt nicht! Redet im Herzen auf eurem Lager und seid stille“ (4,5). Zürnet, aber sündigt nicht. Seid ihr zornig, so bemüht euch, aus diesem negativen Gefühl heraus nicht zu verletzen und zu zerstören. Paulus fügt hinzu: „Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn“ (Eph 4,26). Das Ziel wäre also, Zorn wahrzunehmen, in unschädlicher Weise zum Ausdruck zu bringen und darauf zu achten, dass er nicht über die Nacht hinaus zu Groll und Bitterkeit gerinnt. Wie es auch von Gott heisst: „Sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang. Am Abend ist Weinen, doch Freude am Morgen„ (Ps 30,6).

Aber wenn die Zornhormone im Blut überhand nehmen, ist leider die Vernunft am schwächeren Hebel. Dann herrscht das sogenannte Reptil-Hirn. Der Zornige will nur noch rächen, dominieren, siegen. Was könnte dagegen helfen? Was wir im Psalm hörten („Redet im Herzen auf eurem Lager und seid stille“), könnte man so auslegen: Zieh dich zurück in die Einsamkeit. Wenn die Hitze des Zorns aufsteigt, zieh dich unbedingt zurück und führ zornige Selbstgespräche und Gebete. kannst du den Mund nicht halten, geh in den Keller oder in den Wald. Das ist eh die beste Methode, um Zornhormone abzubauen: Kräftige Bewegung! Wer sich müde gerannt hat, ist nicht mehr sehr zornig. Wer oft mit Zorn zu tun hat, soll sich wirklich einen Sandsack besorgen und ein Paar Boxhandschuhe. Und zum Boxen selbstverständlich immer auf den Zehen hüpfen! Holz spalten bringt‘s auch, Liegestütze… Natürlich ist das Problem noch nicht gelöst, wenn der Zorn körperlich abreagiert ist. Aber im akuten Zorn lässt sich eh kein Problem lösen. Keine Diskussion im Zorn kann Frieden schaffen. Das muss man sich unbedingt merken. Erst wieder mit Betroffenen reden, wenn der akute Zorn verraucht ist. Das braucht Zeit und Bewegung.

Manchen hilft es, sich bei einem unbeteiligten Dritten auszuheulen. Telefon an die beste Freundin: „Hast du jetzt eine halbe Stunde Zeit? Ich möchte meine Wut über X herauslassen, aber du bist ganz sicher nicht gemeint, gelt, nur zuhören!“ Vielleicht eher eine Frauenmethode, aber gut, wenn‘s wirkt.

Zorn ist übrigens eine Kraftquelle. Geht es darum, sich durchzusetzen, so kommt man mit einer Messerspitze Zorn eher zum Ziel; „nur sündigt nicht“, man kann sich ja auch nicht durchsetzen, wenn man andere zornig macht. Manche Arbeiten – nicht alle! - gehen effizienter von der Hand, wenn man ein wenig hässig ist. Garten umstechen, putzen, aufräumen. Mit Zornhormonen im Blut fällt es leicht, Zeug wegzuschmeissen, und Aufräumen heisst zunächst und vor allem Wegschmeissen.

Zum Schluss Rat aus der biblische Weisheitsliteratur, wie man mit Zornigen umgehen soll.

„Eine linde Antwort stillt den Zorn; aber ein hartes Wort erregt nur Grimm“ (Spr 15,1). Modern gesagt: Einem Zornigen widerspricht man nur, wenn man wirklich Streit sucht. Mit einem Feldweibel, einem Koch oder mit einem Zornigen diskutiert man nicht.

„Schlage den Rahm – es gibt Butter. Schlage die Nase – es gibt Blut. Schlage den Zorn – es gibt Streit“ (Spr 30,33). Wer mit Druck und Widerstand einem Zornigen begegnet, wird immer nur Streit ernten.

„Eine heimliche Gabe stillt den Zorn“ (Spr 21,14). Ein guter Rat! Dem Wüterich ohne ein Wort seinen Lieblingskaffee bringen und gleich wieder verduften – probieren Sie’! Ein Schwall von tausend Worten besänftigt keinen, eine gute Flasche meistens schon. Auch eine sanfte, kurze Berührung wirkt lindernd, besser als Worte.

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