Gemeindepredigt: Gott und das Spiel (Spr.8.27-31 u.a.)

12. September 2010 (Kommentare: 0)

Hat Jesus mit seinen Jüngern hie und da auch gejasst? Was würden Sie vermuten? Ihre Vermutung würde Einiges über Ihren Glauben, über Ihre unbewusste Theologie verraten. Auch ich verrate meine Theologie mit jeder Predigt, und ich erinnere gern daran, dass ich in der Predigt nicht sage, wie es ist und was sein soll, sondern was mein Glaube ist. Sie prüfen alles, und behalten, was gut ist für Sie.

Ob Jesus mit seinen Jüngern gespielt hat, können wir nicht wissen. Bei der Synagoge von Kafarnaum, in der Jesus ein- und ausging, hat man ein in Stein geritztes Mühlespiel ausgegraben. Es sieht genauso aus wie die heutigen. Aus jener Zeit gibt es Funde von Backgammon-Spielen (Trictrac). Die römischen Legionäre verspielten ihren Sold mit Würfeln, die sich nicht unterscheiden von unseren. Spiele können unglaublich alt sein. Das Spiel gehört zum Menschen. Und spielen nicht auch Tiere? Selbstverständlich. Geben Sie einem Kätzchen einen Knäuel Wolle. Oder beobachten Sie Raubvögel, wie sie im Sturm segeln. Die ganze Schöpfung spielt; wunderbar.

Es ist komplizierter. Die Kirche hat ein gespanntes Verhältnis zum Spiel. Zeitweise wollte sie es verbieten. Die Bischofssynode von Trier (1310) beschloss: „Wir verbieten den Mönchen alles Spielen mit Brettsteinen, Schachfiguren, Würfeln und Kegelkugeln…“ 1452 sammelte der spätere Heilige Johannes Kapistran in Erfurt und Umgebung alle Spiele ein, errichtete einen Berg von 3640 Brettspielen, an die 40.000 Würfel, Kartenspiele ohne Zahl und 72 Schlitten und verbrannte dieses ’sündhafte Luxuswerk’.“ Auf einem Bild aus dem 15. Jh. sieht man Backgammonspieler und den Teufel, der über ihnen schwebt. Kennen Sie noch den frommen Ausdruck für ein Ries Jasskarten, des Teufels Gesangbuch? Der fromme Pietist Francke wetterte im 18. Jahrhundert gegen „allerley Art von Spielen, die das Gemüth von Gott divertiren und abkehren, dahin auch das Weltübliche Tantzen gehört, alles eitele spazieren gehen, reiten, fahren; und im Winter das unnützliche, eitele und also auch sündliche Schlitten-fahren.“ Im Internet findet man noch heute gottesfürchtige Warnungen, wer jasse, begebe sich unter einen teuflischen Bann!

Was ist denn so teuflisch am Spiel? Nun, spielen ist unproduktiv. Es bringt nichts ein, es verschwendet kostbare Arbeitszeit. Es ist noch nicht so lange her, da konnten sich die meisten finanziell nur über Wasser halten konnten, wenn sie Tag und Nacht arbeiteten. So lag es nahe, Spiel und Müssiggang zu ächten, um die Armen moralisch an der Arbeit zu halten. Dann wissen Sie, dass Spielen kann unheimlich süchtig machen. Unzählige Familien zerbrechen noch heute an der Spielsucht. Wo um Geld gespielt wird, werden immer Einzelne gepackt von einer unwiderstehlichen Spielbesessenheit. Sie wirkt sich verheerend aus wie Alkoholismus. Da liegt es nahe, den Teufel im Spiel zu sehen und die Menschen davor zu warnen, zu ihrem Schutz.

Die Zeiten haben sich geändert. Wollte die Kirche heute ihre Schäflein vor dem Müssiggang bewahren, müsste sie das Fernsehen Sünde nennen. Wollte man hinter allem, was süchtig macht, den Teufel sehen, müsste man auch die Arbeit verbieten; denn Arbeit kann wahrhaftig süchtig machen. Heute zerbrechen vielleicht so viele Familien an Arbeitssucht wie an Spielsucht. Alles Gute und Notwendige kann süchtig machen; Arbeit, Sport, Essen, und halt auch das Spiel.

Die Kirche hatte also nicht ganz Unrecht. Ich bin der Meinung, dass Christen auch heute nicht alles mitmachen können, was da gang und gäbe ist.

1. Man spielt nicht mit dem Brot, haben wir gelernt. Man spielt überhaupt nicht mit Nahrungsmitteln, würde ich meinen. Dass man mit Tausenden von Eiern eine Riesenomelette backt, um in dieses öde Guiness-Rekordbuch zu kommen, finde ich nicht lustig. Das verspottet die Armen in der Welt, die Hunger haben. Das ist Sünde.

2. Man spielt nicht mit lebenswichtigen Ressourcen. Dazu gehören Erdöl und die Stille. Auch wenn Sie es chic finden mögen, mit Flugzeugen, Motorbooten, Quads, Motorrädern und Oldtimern herumzuspielen: Ich finde es Sünde, weil lebenswichtige Ressourcen unwiederbringlich verspielt werden und weil wenige Reiche mit ihren Motoren unzähligen andern die Stille versauen.

3. Und man spielt nicht mit Geld. Sie werden zwar an unserer Landeslotterie nichts Sündhaftes finden. Nun, ich bin nicht sicher, ob nicht auch Löslikaufen süchtig machen kann. Aber warum halten wir uns nicht an den Grundsatz: Mit Geld wird nicht gespielt? Es ist Sünde. Und damit meine ich nicht nur Pokern oder Jassen um Geld, damit meine ich zuerst das Spekulieren und Handeln mit unseren Währungen. Wenn die Reichen mit ihrem Geld spielen an den Börsen, muss immer jemand darunter leiden. Eine Wirtschaftsordnung, die auf das Spiel mit Geld aufbaut, wird immer wieder zusammenkrachen und Menschen ins Elend stürzen. Wer löffelt die Suppe aus, welche die Spieler einbrocken? Nicht die spieler, sondern die einfachen Steuerzahler, die gar nicht mitspielen können. Sie müssen bezahlen. Beispiele dafür entnehmen Sie bitte der Tagespresse.

Sie werden sagen: „Du kannst das Rad nicht zurück drehen. Man hört nicht auf die Kirche.“ Ich weiss. Die Masse hält sich nicht an Spielregeln. Aber es könnte doch eine kleine Gruppe von Christen geben, die es wagt, laut und deutlich zu sagen: Für uns ist das Sünde, das Spiel mit Brot, das Spiel mit Motoren und das Spiel mit Geld.

Nachdem ich nun die Gefahren von manch üblicher Spielereien an die Wand malte, habe ich die Frohe Botschaft zu verkündigen: Das Spiel selber aber ist etwas Heiliges, Göttliches. Spiel kommt in der Bibel nur andeutungsweise vor, aber an zentralen Stellen: Am Anfang, in der Mitte und am Ziel. Psalm 104, gewissermassen der 3. Schöpfungsbericht, sagt, Gott habe den Leviathan (ein Ungeheur, ein Urviech) geschaffen, um mit ihm zu spielen (V. 26). Das Buch Sprichwörter erzählt peotisch, wie die Weisheit vor Gott spielte am Anfang der Schöpfung:

„Als Gott den Himmel baute, war ich dabei. Als Er den Erdkreis abmass über den Wassern, als Er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen liess aus dem Urmeer, als Er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als Er die Fundamente der Erde abmass, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein“ (8,27-31).

Am Anfang, als der Kosmos erschaffen wurde, war Spiel mit im Spiel. Und wenn die Geschichte einst an ihr Ziel kommt und das Heil, der ewige Friede real wird, erkennt man das daran, dass wieder gespielt wird. Sacharja prophezeite: „So spricht der Herr: Greise werden wieder auf den Plätzen Jerusalems sitzen; jeder hält wegen seines hohen Alters einen Stock in der Hand. Die Straßen der Stadt werden voll sein von Knaben und Mädchen, die auf den Straßen spielen“ (Sach 8,4). Und dass einmal sogar die Feindschaft zwischen Mensch und Natur überwunden wird, erkennt man daran, dass das Lamm beim Löwen liegt, und dass „das Kind spielt am Loch der Otter“ (Jes 11,8).

 Wir sind noch unterwegs zwischen Anfang und Ende. Für uns hat Jesus das Reich Gottes begründet und gesagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen“ (Matth 18,3). Werden wie die Kinder bedeutet manches, aber es bedeutet ganz sicher: wieder spielen lernen.

Spielen ist nämlich die schönste Weise des Gottvertrauens. Spielen ist ein Aggregatzustand des Glaubens. Spielen wir, so vergessen wir die Sorgen des Alltags und werfen sie auf Gott. Im Spiel tauchen wir in eine andere Welt ein, in eine einfachere Welt. Beim Spielen vergessen wir, uns selber zu rechtfertigen und glauben ganz praktisch, dass Gott uns in Christus annimmt, wie wir gerade sind. Indem wir spielen, glauben wir, dass wir erlöst sind und dass nicht wir uns anstrengen müssen, um uns selber zu erlösen. Spielen ist ein Akt des Gottvertrauens. Und Spielen ist auch eine wunderschöne Form der Meditation, der Mystik, zweckfreies Dasein. Aber dazu vielleicht ein andermal.

 Luther erkannte das Göttliche im Spiel. Er sagt: „Suche also die Gesellschaft, spiele Karten oder irgendetwas, was dir Spaß macht. Das sollst du mit gutem Gewissen tun – denn Depressionen kommen nicht von Gott, sondern vom Teufel.“

 Was geschieht denn, wenn wir miteinander spielen? Wir und unsere Kinder lernen mit Lust und ohne Anstrengung sieben grosse Weisheiten der Welt.

1. Nicht alle haben dasselbe Glück; die Welt ist ungerecht. Es nützt nichts, den Kopf hängen zu lassen, wenn man schlechte Karten kriegt.

2. Aus dem, was dir in die Hand gegeben wird, musst du das Beste machen.

3. Versuche, fair mit deinem Partner zusammen zu spielen; mit ihm kommst du weiter als allein.

4. Spielen kann man nur, wenn es Regeln gibt, die für alle gelten. Ohne Regeln kein Spiel.

5. Es gibt immer Leute, welche die Regeln zu ihren Gunsten biegen wollen. Rechne damit: Es wird beschissen in der Welt. Und da muss man was dagegen tun, sonst geht das ganze Spiel baden.

6. Es gibt gute und schlechte Verlierer. Versuche immer, zu den ersteren zu zählen.

7. Und man lernt eine grundlegende christliche Wahrheit: Manchmal verlierst du. Wenn du verloren hast, kannst du die andern fragen, ob sie noch bei einem weiteren Spiel helfen. Du lernst, dass man noch einmal von vorn anfangen darf.

 Schiller: „Der Mensch ist nur dann an Leib und Seele gesund, frisch, munter und kräftig, fühlt sich nur dann glücklich im Genuß seines Daseins, wenn ihm alle seine Verrichtungen, geistige und körperliche, zum Spielen werden.“ Ich habe gelernt, dass aus einer gewöhnlichen Arbeit ein Kunstwerk wird, wenn das Spielen dazu kommt. Normalerweise darf zwar niemand spielen beim Arbeiten. Aber bringt jemand es fertig, seine Arbeit als Spiel aufzufassen, wird Besonderes daraus. Beispiel: Gehen Sie essen zu einem Koch, der mit Sternen, Kochmützen oder Goldfischen ausgezeichnet wurde. Sie werden erleben, dass seine Menu-Kreationen spielerisch sind! Der kocht nicht nur, der spielt zugleich.

Vielleicht nutzen Sie den Herbst, um wieder öfter zu spielen, vielleicht sogar ganz allein, an einem Bach. Vielleicht denken Sie darüber nach, wie bei der Arbeit Ihres Alltags Ihr inneres Kind mitspielen könnte, das Kind, das Sie nämlich immer noch sind.

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