Gemeindepredigt: Der Vorübergehende (Exodus 33)

4. Juli 2010 (Kommentare: 0)

Es gibt doch Augenblicke, wo man etwas sieht, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, etwas unglaublich Schönes, oder etwas Unheimliches, oder einfach etwas Aussergewöhnliches - und es läuft einem kalt über den Rücken, „es hüendrhutnet“ einen. Da sitzen etwa sechs Leute zusammen und quatschen und quasseln fröhlich durcheinander - und plötzlich ist es ein paar Sekunden totenstill, weil gerade niemand ein Wort sagt. Passiert so etwas im Welschen, so flüstert jemand: „Un ange passe!“ Ein Engel geht vorüber.

Unzählige Geschichten erzählen von Engeln, die Menschen begegnet sind und Engel gehen immer vorüber. Engel und anderen Erscheinungen aus der anderen, jenseitigen Welt sind für uns immer flüchtige Eindrücke. Man kann sie nicht festhalten, auch nicht im Bild, nicht wiederholen. Flüchtige Eindrücke sind darum für die Wissenschaft uninteressant und unser anmassender Verstand sagt verächtlich: „Alles Hirngespinste!“

So strohdumm kann der Mensch sein! Unzählige Menschen haben Übersinnliches wahrgenommen. Übersinnlich heisst, dass es sich unseren fünf normalen Sinnen entzieht. Man bräuchte einen sechsten Sinn, oder ein drittes Auge, ein „abnormales Gspüri“, um solche Wirklichkeiten wahrzunehmen. Die unendliche übersinnliche Welt erscheint selten, und sie geht rasch vorüber. Davon hören wir in einem vielleicht 3000 Jahre alten Text unserer Bibel.

 „Gott sprach zu Mose: Du hast meine Gnade gefunden und ich kenne dich mit Namen. Da sagte Mose: Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen! Er gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Heiligen vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. Aber du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.“ Exodus 33,18ff

Mose möchte mal was sehen. Das kann ich gut nachfühlen. Religion kann einem mit der Zeit auf die Nerven gehen. Da wird ständig viel Trara gemacht um Dinge, die man nie und nirgends sieht! Wissen Sie, Lehrer und Pfarrer beneiden manchmal insgeheim den Schmied. Der hat doch einen schönen Beruf. Er kann feuern und stinken, mit dem Hammer auf das glühende Eisen hauen, dass die Funken stieben, und ist er fertig, so schimmert ein Kunstwerk in seiner Zange, das man anschauen und sogar anrühren kann, wenn es dann kalt ist. „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“

Jesus dagegen versuchte, seinen Jüngern diese Lust am Schauen auszureden. Zu Thomas sagte der Auferstandene: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Und zu uns sagt er: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das heisst also: Willst du Gott sehen, so schau deinen geringen Bruder an! Im Nächsten, der dich braucht, begegnet dir Gott. Keine Frage, die beste Religion ist die praktische Liebe, das tatkräftige Helfen und Dienen; alles klar. Wunder und mystische Erlebnisse brauchen wir eigentlich nicht, um Gott zu dienen. Und trotzdem: könnte man nicht doch mal nur kurz, einfach so als Zugabe, mal was zum Schauen kriegen? „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“

Zwei Argumente bringt unser Text, warum man Gott nicht einfach so sehen könne. Das erste: „Kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ Warum nicht? Ich weiss es nicht. Theologen reden schön darum herum, ohne zu erklären: Sterbliches kann das Unsterbliche nicht ertragen, es wird davon verzehrt. Unsere grobstofflichen Augen würden durch das ewige Licht geblendet. Die Herrlichkeit Gottes wäre für uns Sünder ein unerträgliches, verzehrendes Feuer. Erst in der Ewigkeit „werden wir ihn schauen, wie er ist.“ So schützt Gott Mose vor dem Verderben: „Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin.“

Wenn man doch einmal etwas Jenseitiges, Ungewöhnliches zu Gesicht bekommt, sollte man es auf keinen Fall festhalten wollen, sonst würde man vom Jenseitigen wie verschluckt, aufgesogen. Begegnungen mit dem Jenseits müssen vorübergehend sein, damit der Mensch sich darin nicht verliert. Dreimal kommt das Wort „vorüber gehen“ in diesem Abschnitt. Ist es dann vorüber, realisiert man hinterher, von der Rückseite, dass man Ungewöhnliches erlebt hat. „Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du darfst meinen Rücken sehen.“

Und das andere Argument: „Ich gewähre Gnade, wem ich will.“ Die einen sehens, alle andern nicht. Die Gabe, Jenseitiges sehen zu können, ist leider ungerecht verteilt, wie alle andern Gaben übrigens auch. Nie sehen alle alles.

Aber Einzelne erleben Unheimliches, wie jener Arzt, der in der ARD Sendung „Unglaublich, aber wahr“ folgendes erzählt. Er war mit dem Auto in einer Berggegend unterwegs. Da steht ein Kind an der Strasse und stoppt ihn. Der Arzt öffnet die Tür und das Kind steigt wortlos ein. Bei der nächsten Abzweigung deutet das Kind nach rechts. Er will eigentlich links, fährt nun aber rechts. Noch zweimal folgt er dem Zeigefinger des Kindes, dann deutet das Kind an, er soll halten. Es steigt aus, geht zu einem Abhang und zeigt hinunter. Der Arzt steigt aus und sieht tief unten einen demolierten Bus und verletzte Kinder. Er rennt zum Wagen, telefoniert der Polizei, nimmt seine Arzttasche und steigt zu den verunfallten Kindern ab, um erste Hilfe zu leisten. Der Fahrer und die verletzten Kinder kommen mit dem Leben davon. Nur ein einziges Kind ist tot. Als die Bahre mit dem toten Kind am Arzt vorüber getragen wird, erkennt dieser verblüfft genau jenes Kind, das ihn zur Unfallstelle gelotst hatte. Spukig!

Am liebsten möchte ich nun Ihre Geschichten hören, wo Sie vielleicht etwas von Drüben wahrnehmen durften.

Vor Jahren ging ich in Spiez zur Beerdigung einer alten Nachbarin. Die Feier war irgendwie lieblos und trocken. Keine Träne floss, als die Urne beigesetzt wurde. Ich hatte den Eindruck, der Sohn der Verstorbenen könne es kaum erwarten, bis man wieder zur Tagesordnung übergehen konnte. Er hatte immerhin eine Cello-Spielerin engagiert, die nun am Grab ein Stück spielte. Und Sie werden es nicht glau-ben: da fings aus heiterem Himmel an zu tröpfeln. Niemand wurde ernsthaft nass, aber alle schauten zum blauen Himmel und fragten sich, woher denn diese Tropfen kämen. Es schien nur gerade auf die Trauergesellschaft zu regnen und als die Musik verklungen war, hörte auch der Regen wieder auf.

Sie werden denken: Geistergeschichten sind aber nicht dasselbe wie die Schönheit Gottes, die dem Mose gezeigt wurde, oder wenigstens ihre Hinterseite. Vermutlich nicht. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Ab und zu darf ein Mensch Übersinnliches wahrnehmen. „Manchmal sehen wir Gottes Zukunft, manchmal sehen wir nichts“ (K. Marti). Etwas geht vorüber. Einige sehens, andere nicht. Wer etwas sieht, sieht nur die Rückseite. Was man sieht, ist nie eindeutig. Man soll keine weitreichenden Schlüsse daraus ableiten, keinen Glauben daraus machen. Unser Glaube soll auf dem Wort Gottes ruhen, auf dem, was Jesus sagt, nicht auf Rückseiten-Wahrnehmungen.

Und doch ist es faszinierend, einmal überraschend schauen zu dürfen, dass das Sichtbare nur Teil einer viel grösseren Wirklichkeit ist. Es müssen nicht Geistergeschichten sein. Manchmal wird einem geholfen, wenn man es nicht erwartet; manchmal erkennt man plötzlich Zusammenhänge und fragt sich, ob man denn vorher blind gewesen sei. Manchmal hört man von ferne eine Melodie, die einen zutiefst rührt und ein Tor aufstösst in eine Traum-Welt. Manchmal steigt einem ein Duft in die Nase und man steht plötzlich wieder als Kind in der Küche der Grossmutter. Auch unsere Vergangenheit ist noch da! Sie ist eine Wirklichkeit gleich hinter der sichtbaren Welt.

Kann man lernen, Jenseitiges besser wahrzunehmen? Man kann offenbar darum beten wie Mose: „Lass mich doch (wenigstens den Rücken) deiner Herrlichkeit sehen!“ Man kann lernen, achtsam zu leben. Wenn man ständig in Gedanken in der Vergangenheit stochert oder die Zukunft plant, übersieht man, was vielleicht zu sehen wäre. Aufmerksam, neugierig und mit gespitzten Ohren leben. Jesus mahnt oft, man solle wach sein, den wir wüssten ja nicht, wann der Herr komme. Aber es ist paradox: Wenn er kommt, kommt er unerwartet, ungesucht. Das Jenseits zeigt sich wohl wie junge Füchse erst, wenn es sich unbeobachtet fühlt. „Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“

Und ich bin zum Scluss gekommen, dass man lernen muss, das Vorübergehende zu geniessen. Man muss der menschlichen Neigung wiederstehen, alles Schöne festhalten zu wollen. Wir hörten in der Lesung (Luk 9,33): Petrus wollte die Erscheinung von Mose und Elija festhalten: „Meister, hier ist für uns gut sein! Laßt uns drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“ Aber er redete offensichtlich Unsinn.

Unsere Digitalkameras sind genial, aber sie unterstützen unsere fatale Neigung festzuhalten. Man sieht doch Touristen, welche die Welt nur noch durch die Kamera anschauen. Wollen sie eigentlich zuhause am Bildschirm die Reise erleben, oder hier und jetzt?

Geniessen und zugleich loslassen. Das Festhalten zerstört den besonderen, einzigartigen Moment. Das Jenseitige will vorüber gehen. Es will später wieder kommen, dann aber sicher in ganz anderer Gestalt.

Verlegen wir uns aufs Festhalten, so geraten wir in Teufels Küche. Sie kennen vielleicht den Pakt, den Dr. Faust mit dem Teufel schloss? „Werd ich zum Augenblicke sagen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn. Wenn ich beharre, bin ich dein Knecht.“

Stösst Gott ein Fensterlein auf zur Ewigkeit, so gibt er uns einen Vorgeschmack auf das, was kommt. Was wir einmal sehen durften, können wir einander erzählen, aber wir wollen uns dabei nicht aufhalten, sondern uns offen halten für das ganz Andere, das kommt!

Einen Kommentar schreiben

*
*
Bitte rechnen Sie 4 plus 2.
*