Abschiedspredigt Frutigen: "Kampf des Glaubens" (1 Tim 6,12)

19. Dezember 2010 (Kommentare: 0)

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens! Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist.“ 2000 Jahre später wüsste ich nichts Besseres zu predigen zum Abschied: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens! Das Wort „Glauben“ ist für euch natürlich ein Kirchenwort, ein religiöser Begriff. Das geht aber auf einen Übersetzungsfehler zurück. eigentlich hätte Luther übersetzen müssen „Vertrauen“. Gemeint ist das Ur-Lebensthema für alle, auch für Atheisten, Humanisten, Maoisten, Dentisten, Prokuristen, für jeden, egal, ob religiös oder nicht. Unser Leben ist immer ein Kampf, den Glauben nicht zu verlieren.

Was für einen Glauben? Den Glauben, dass es gut kommt. „Glauben bedeutet, feststehen in dem, was man hofft,“ steht im Hebräer. Vertrauen, dass es gut kommt, ermöglicht uns Menschen erst Kultur, Zivilisation, Fortschritt.

1. Beispiel: Die Ökonomie, die Wissenschaft von Handel und Wirtschaft, redet neuerdings vom Glauben. Man entdeckt, dass das Vertrauen grundlegend ist für die Wirtschaft. Eigentlich wundert das niemanden! Wer macht schon ein Geschäft, wenn man Angst hat, der andere wolle einen über den Tisch ziehen?! Vertrauen ist grundlegend für jeden kleinen Tauschhandel und erst recht für die grosse unheimliche Börse. Die Börse stürzt ab, wenn das Vertrauen gestört ist. Wenn sich der Unglauben breit macht, wenn plötzlich niemand mehr glaubt, dass es gut kommt; dann crasht die Börse. Psychologische Tests können das Vertrauen messen. Und es ist verblüffend: In Nationen mit guter Handelsbilanz gibt es ein hohes Mass an Vertrauen. Aber wo man einander nicht über den Weg traut, und deshalb schmiert und lügt, da liegt die Wirtschaft am Boden. Der Glaube ist nicht frommes Halleluja. Er ist das Fundament jeder Volkwirtschaft.

Glauben bedeutet Vertrauen, oder präziser: „die Erwartung des Guten“. 2. Beispiel: Mediziner kennen die Placebo-Forschung. Der Glaube spielt mit bei jeder Heilung. Kann der Mensch unbewusst erwarten, dass es gut kommt, kommt es meistens gut. 30%-60% jeder Heilung gehen aufs Konto des Placebo-Effekts. Und das ist Glauben, die unbewusste Erwartung, dass es gut kommt. Sie kann sogar so wirksam sein wie eine Operation! Einer Reihe von Meniskuspatienten hat man das Knie aufgeschnitten und wieder zugebüetzt, ohne irgend etwas daran zu machen. Die Patienten aber glaubten, sie hätten eine Meniskusops mit der neusten Technik bekommen. Denen gings nachher auch besser, gleich viel besser wie den andern, die man wirklich operiert hatte. Diese unerhörte Kraft der inneren Erwartung kennt man seit Jahrzehnten. Nicht zufällig sagte Jesus oft: „Dein Glaube hat dich gerettet.“ Ich wundere mich nur: Warum erforschen Wissenschaftler nicht endlich, wie man diesen Glauben in die Seele pflanzen kann!? Das würde doch allen nützen!

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“ Schau, dass du zum Glauben kommst, dass deine Seele in deiner Tiefe erwarten kann, dass es dir morgen besser geht als heute. Dann „hüte deinen Glauben wie deinen Augapfel“, damit er noch funktioniert, wenn das Leben den Teppich unter den Füssen wegrupft.

„Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“ Ja, es ist wahrhaftig ein Kampf, den Glauben zu behalten. Die innere Erwartung, dass es gut kommt, muss ständig geschürt und genährt werden wie ein Feuer, sonst geht es aus. Aber unsere Seele und die Welt sind ständig daran, unser Fürli auszublasen und uns zur Verzweiflung zu bringen.

Unsere Seele ist nämlich eine geborene Schwarzmalerin. Das ist auch verständlich. Unsere Gesundheit ist ja so ein zartes, diffiziles Pflänzli! Rund um uns kämpfen Menschen mit schlimmen Krankheiten. Was kann nicht alles passieren! Mit den Jahren wird unsere Seele immer ängstlicher. Und wenn es einen dann mal trifft, so malt unsere Seele ein Schreckensszenario an die Wand, dass einen nur schon die Angst ins Grab bringen könnte. Wenn das Schicksal einen in den Schwitzkasten nimmt, heisst es kämpfen. Sag deinem inneren Schisshas jeden Abend: „Es kommt gut. Morgen ist’s besser. Und wenn ich im schlimmsten Fall sollte sterben, dann kommts erst recht gut, dank der Gnade Gottes in Jesus Christus!“ „Ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist.“ So muss man kämpfen „innefür“.

Aber dann steht der Glaube natürlich von aussen unter schwerem Beschuss. Sie kommen und sagen: „Der Wald stirbt!“ Glaub ihnen nicht. „Der saure Regen lässt unsere Seen umkippen!“ Glaub‘s nicht! „Die Weltbevölkerung explodiert; es gibt Krieg um Wasser und Nahrungsmittel.“ Sie sagen: „Vor lauter Deutschen, Italienern, Tamilen, Jugos, Türken, Spaniern, Portugiesen und Afrikanern kann bald niemand mehr jodeln in der armen Schweiz!“ Glaub‘s nicht! Sie sagen, es gebe bald mehr Muslime bei uns als Christen. Glaub‘s doch nicht! Sie haben nämlich auch gesagt, eine Pandemie werde kommen, Ebola-Virus, Rinderwahnsinn, Säuligrippe, Vogelgrippe; Bazillen werden resistent gegen Antibiotika; weltweit stürzen Computer ab, Asteroiden fallen uns auf den Kopf; der Grundwasserspiegel sinkt; die Wüste breitet sich aus; Killerbienen kommen; bald gibt’s keine Bienen mehr und nach 5 Jahren auch keine Menschen, kosmische Strahlen kommen durchs Ozonloch und würden alles mikrowellelen.

Was wir nicht schon alles glücklich überlebt haben! In meinen 63 Jahren haben wir nun schon so viele Weltuntergänge überstanden, dass ich mich auf den nächsten gar nicht mehr richtig freuen kann.

Lebenserfahrung! Ich glaube das Zeug nicht mehr. Früher glaubte ich viel mehr davon und entwickelte zünftig Angst. Ich vergesse nie, als das Waldsterben Mode war, wie ich unter einer alten Eiche hockte und heulte wie ein kleines Kind. Nein, ich glaube, dass es gut kommt!

Natürlich wollen wir immer gut hinhören, wenn die Katastrophiker vom Dienst Alarm geben. Viele sehen ein echtes Problem, das gelöst werden muss. Aber an ihre Katastrophen darf man nicht glauben. Die Welt tut einfach gern alle Jahre mal ein wenig verzweifeln! Gewiss gibt es schlimme Katastrophen. Da wollen wir helfen mit all unsern Mitteln. Und die Probleme, welche die Untergangspropheten aufzeigen, wollen wir lösen miteinander. Wir Menschen sind nämlich lernfähig. Aber lernfähig sind wir nur, wenn wir uns den Glauben nicht madig machen lassen, wenn wir tief innen erwarten, dass es gut kommt mit uns allen. Kämpfe den Kampf des guten Glaubens!

Ihr denkt vielleicht: das ist doch platter, oberflächlicher Optimismus. Moment: nichts gegen Optimismus, bitte! Wenn man unsere Welt wissenschaftlich statistisch genau anschaut, so leben wir im Schnitt alle länger und gesünder, wohnen bequemer und sicherer und der Natur und dem Wald geht es besser denn je. Es geht uns in jeder Hinsicht doppelt und dreifach so gut wie unseren Großeltern. Und nicht nur uns, statistisch gesehen der ganzen Menschheit. Nein, pflegt die paar Optimisten, die es noch gibt und stellt sie unter Naturschutz!

Aber ich predige nicht Optimismus. Ich predige Evangelium, die Frohe Botschaft von Jesus Christus. Optimismus allein trägt halt nicht, wenn das Schicksal zuschlägt, an der eigenen Familie, am eigenen Leib oder an der eigenen Seele. Es ist schwer, einfach optimistisch zu bleiben, wenn der Krebs langsam wächst oder Depression alles verdunkelt. Auf den schweren Etappen unseres Lebens brauchen wir Glauben, Gottvertrauen, die innere Gewissheit, dass ein Grösserer als wir es gut machen wird mit uns; dass nichts Schlimmes uns trennen kann von Gottes Liebe. Die Botschaft, die seit 2000 Jahren um die Welt geht, die gute Nachricht, sagt: Christus hat uns erlöst „von Sünde, Tod und Teufel“. Darum kommt es gut! Diesen Glauben brauchen wir zum Leben und zum Sterben, und auch damit wir unterwegs etwas zum Lachen haben.

Die schlechte Nachricht: Es nützt leider wenig, wenn wir im Kopf den Gedanken denken: „Es kommt gut. Das muss unser Herz glauben. Das muss unser Unbewusstes schnallen, muss in unsere Träume hinunter sinken. Blosse Gedanken im Oberstübli sind nett, aber unheimlich wirkungslos. Den Kampf des Glaubens kann man nicht gewinnen mit Verstand und Logik. Wir müssen unsere Tiefenschichten imprägnieren mit dem Evangelium. Und nach allem, was ich weiss, geht das nur über jahrelange Übung, wie beim Geige-Spielen. Durch Lied und Gebet, Musik und Predigt, durch regelmässigen Gottesdienst durchdringt Christus und sein Evangelium unsere Hirnschranke und sinkt langsam hinunter ins Herz, ins unbewusste Motivationszentrum, das alles Wesentliche steuert. Der Kampf des Glaubens besteht darin, den Gottesdienst nicht aufzugeben. „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens.“

Ich habe nun 6 Jahre versucht, mit Euch zusammen diesen Glauben zu finden und zu stärken, mit Predigen. Fuhrers und Sprungers haben als Sigristen den gleichen Glauben verkündet mit Putzen und Schmücken. Ein gefälliger schöner Raum predigt auch für den Glauben. Es ist eine Glaubensstärkung, wenn man in den Räumen der Gemeinde durchs Fenster die Berge sieht, und nicht den Dreck an den Scheiben. Miteinander haben wir probiert, so gut wir konnten, Euch im Kampf des Glaubens zu unterstützen. Dabei ist etwa Manches daneben gegangen, tut uns leid. Es kommt aber trotzdem gut, Gott sei Dank. Tragt uns nichts nach!

Nun nehmen wir Abschied. In einem Jahr lesen wir dann in der Zeitung, eine neue Katastrophe sei im Anzug, und die ganze Schweiz sei von Panik ergriffen. „Die ganze Schweiz? Nein! Ein von unbeugsamen Helvetiern bevölkertes Dorf, Frutigen, hört nicht auf, Widerstand zu leisten“ und zu glauben, dass es gut kommt. Das hören wir dann gern.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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