Silvesterandacht zur Jahreslosung (Röm 12,21)

31. Dezember 2010 (Kommentare: 0)

Kyrie

Guter Gott, du Licht des Lebens, in Christus bist du mit uns alle Tage bis ans Ende der Welt.
Für dich ist selbst das Dunkel heller Tag.

Wir aber, wenn wir uns vortasten im Nebel der Verwirrung,wenn Schmerz die Farben des Lebens verdunkelt,
wenn wir wie gelähmt sind im Schatten der Angst: Herr, erbarme dich.

Wenn wir die Quelle der Tränen zurückstauen aus Angst vor spöttischen Blicken, gefangen im Kerker von Selbsucht und Hader, im Gefängnis von Sucht und Gier, wenn wir Liebe und Versöhnung verraten, die du in unsere Herzen gelegt hast: Christus, erbarme dich.

Wenn wir kleinmütig um uns selber kreisen, bequem und mutlos und gleichgültig die Welt sich selber überlassen, wenn wir vergessen, dass wir Königskinder sind, wild und stolz und frei! Herr, erbarme dich.

Gott, guter Vater,

All unsere Quellen entspringen in dir. Du nimmst dich unser an mit unseren Schwächen und Grenzen, in dem, was wir vermögen und in dem, was uns entgleitet.

Du stellst unsere Füsse auf weiten Raum. Du führst uns neue Wege. Du bist unser Friede im Auf und Ab des Lebens. Du bist das Licht, das Nebelschleier aufreisst.

Wir danken dir und loben dich durch Christus im Hl. Geist. Amen.

Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus.

Christus spricht: Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann laß ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.

Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel werdet; denn er läßt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. (aus Matthäus 5)

"Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,21) Das Jahresmotto wäre wohl in jeder höheren Religion zu finden. Je nachdem, wie man es übersetzt, könnte es auch ein Merksatz aus der griechischen Philosophie sein: „Lass dich nicht unterkriegen von der Schlechtigkeit der Welt, sondern in Güte überwinde das Übel.“ Das Böse kann nicht mit Bösem überwunden werden. Im Gegenteil: Wer einem andern eine böse Tat heimzahlen will, löst eine Welle von weiteren Racheakten aus. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt Gewalt, ein schrecklicher Teufelskreis, wie die Geschichte beweist. Die theoretische Erkenntnis, dass nur Vergebung gutmachen kann, dass nur Liebe Frieden schaffen kann, hat sich über Jahrtausende langsam verbreitet.

Petrus schreibt: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem noch Kränkung mit Kränkung! Statt dessen segnet; denn dazu seid ihr berufen“ (1 Pe 3,9). Paulus zitiert einen Satz aus der jüdischen Weisheit, 400 Jahre vor Christus: „Hat dein Feind Hunger, so gib ihm zu essen. Hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Spr 25,21). Wenn Paulus bei Jesus in die Schule gegangen wäre, hätte er sicher das Jesuswort zitiert, das wir im Evangelium gehört haben: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44). Jesus ist für uns Christen das eindrückliche Vorbild, wie er für die Soldaten betete, die ihn kreuzigten: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Sein Beispiel übertrug sich auf seine Jünger. Der 1. Märtyrer, Stefanus, betete ebenfalls für jene, die ihn zu Tode steinigten. Sein letztes Wort war: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“

Seither ist das der geheime Echtheitstest für Christen. Vor lauter Glaubensfragen, Bekehrung und Wiedergeburts-„gkifel“ rutscht das gern in den Hintergrund: Wir werden nicht daran gemessen, liebe Gemeinde, ob wir den Herrn Jesus im Gebet als Erlöser angenommen haben, obwohl ich das schon wichtig finde. Wir werden daran gemessen, ob wir dem Befehl und Beispiel unseres Meisters folgen, unsere Gegner lieben und Unrecht mit Wohltat vergelten, oder ob wir, wie es normal und natürlich wäre, Böses mit Bösem vergelten nach dem Motto „umegä gilt“.

Ja, „umegä“ ist natürlich. Ich bin überzeugt, dass wir in unserem unbewussten Schaltzentrum ein Programm haben, so etwas wie einen Instinkt: Wenn uns einer zu nahe tritt, uns gar etwas wegnimmt oder uns eine haut, dem müssen wir einen Denkzettel verpassen, dass er uns nicht mehr vergisst und künftig respektiert. Dass der Mensch sich aktiv und wenn nötig mit Gewalt seiner Haut wehrt, ist ihm angeboren. Da sind wir wohl von denselben Programmen gesteuert, wie es auch die Reptilien uns alle höheren Tiere sind. Ein Teil von unserem Hirn heisst ja auch Reptilienhirn. Es steuert Körpervorgänge, die wir mit dem Willen kaum beeinflussen können. Vielleicht ist das Steuerungs-Programm, das uns sagt: „Sofort zurückschlagen!“, tief in unserem Unbewussten angelegt. Darum ist es so schwer, geduldig und tolerant zu bleiben, wenn einem Unrecht getan wird. Die Einsicht ist da: Es wäre sicher besser, ruhig und tolerant zu bleiben. Aber Einsicht ist ein Gedanke in unserem Denkhirn, und Gedanken steuern höchstens zu 5% unser Verhalten.

Dann kommt dazu, dass dieses fromme Böses-Mit-Gutem-Vergelten unserem Rechtsempfinden widerspricht. Die Bösen haben Strafe verdient. Es geschieht doch dem Gessler recht, wenn Tells Geschoss ihn vom hohen Ross holt! Stellt euch vor, der Tell wäre dem Gessler in der hohlen Gasse aufgelauert, wäre ihm in den Weg getreten und hätte gesagt: „Herr Landvogt, ich möchte euch einen meiner Qualitätskäse schenken.“ Ich glaube nicht, dass man so etwas heute noch in Tellspielen aufführen würde. Unser Rechtsempfinden ist auch nicht falsch, auch aus christlicher Sicht nicht. Unser Jahresmotto „Böses mit Gutem überwinden“ gilt vor allem für uns Einzelne. Wenn man dir Unrecht tut, bist du berufen, als Christ mit Liebe zu reagieren. Wenn du aber beobachtest, dass ein Starker ein wehrloses Mädchen angreift, dann gilt ein anderes Gesetz. Dann musst du dem Bösen widerstehen, schlimmstenfalls mit Gewalt. In dieser Situation ist auch die Staatsgewalt. Sie hat die Wehrlosen zu schützen. Sie muss der Gewalt und dem Betrug mit Gewalt widerstehen, sonst übernimmt sofort die Mafia. Unser Jahresmotto ist „Individualethik“, es gilt für den Einzelnen Christen, und es ist die erfolgreichste Langzeitstrategie für die Politik, aber das gäbe dann eine längere Predigt.

Ich möchte mir die Jahreslosung gross hinter die Ohren schreiben, oder vielleicht besser vor Augen stellen. Leider habe ich in meinem Leben zu oft „Gleiches mit Gleichem“ vergolten und damit bewiesen, dass die Liebe Gottes noch nicht wirklich in die Tiefenschichten meiner Schaltzentrale gedrungen ist. Im Kopf hätt ichs schon, wie wir alle.

Gerald G. Jampolsky hat im Stamm der südafrikanischen Babemba eine rührende Sitte beobachtet: Handelt ein Stammesmitglied unverantwortlich und schädigt jemandem im Stamm, so bringt man es in die Dorfmitte, nicht mit Gewalt, es könnte auch davonlaufen. Dann hören alle im Dorf auf zu arbeiten und versammeln sich um den Angeklagten. Dann müssen alle, Greise, Frauen, Männer, auch Kinder erzählen, was der Angeklagte in der Mitte in seinem Leben Gutes getan hat. Ausführlich mit allen Einzelheiten hören nun alle rundum, und vor allem natürlich der Angeklagte in der Mitte, Geschichten über seine positiven Eigenschaften, über seine Güte, seine Stärken und Talente. Man darf nichts erfinden und auch nichts übertreiben. Man muss einfach erzählen, was man mit dem Angeklagten Gutes erlebt hat. Die Zeremonie läuft so lange, bis alle gesagt haben, woran sie sich erinnern konnten; manchmal geht es sogar tagelang. Am Ende wird der Kreis geöffnet und der Betreffende wieder formell in den Stamm aufgenommen, und dann wird gefeiert, gegessen und getrunken.

Der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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