Radiopredigt: Placebo und Glaube

10. April 2011 (Kommentare: 0)

„Placebo und Glaube“ Radiopredigt, reformiert, zu Markus 9,14-29. 10.April 2011

Ein Knabe litt an epileptischen Krämpfen, an sogenannter Fallsucht. Sein Vater wollte ihn zum Heiler Jesus bringen; nur war der gerade nicht da. Nun versuchten die Jesusjünger, dem Buben zu helfen, aber es wollte nicht gelingen. Inzwischen kam Jesus zurück und hörte, seine Jünger hätten den Buben nicht heilen können. Da regte er sich nun auf und rief: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange muss ich noch bei euch sein, wie lange muss ich euch noch ertragen!?“ Der Vater des Buben liess sich nicht irritieren und sagte: „Jesus, wenn du es kannst, so hilf uns bitte!“ Das verstimmte Jesus erst recht. Er konterte: „Was heisst da ‚wenn du kannst!?‘ Wer glaubt, für den ist nichts unmöglich.“ Da rief der Vater unter Tränen: „Ich glaube ja, hilf meinem Unglauben!“ Und Jesus heilte den Buben.

„Wer glaubt, für den ist nichts unmöglich.“ Einen solchen Satz würde ich in einem Buch über positives Denken erwarten. Aber dass mein verehrter Meister derart vollmundig über den Glauben spricht, finde ich merkwürdig. Ich ging dem ein wenig nach. Die ersten drei Evangelien stellen Jesus dar als Prediger, der Heilungen und Wunder vollbrachte. Öfter heisst es, Kranke, die er geheilt hatte, habe er entlassen mit dem Wort: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Er sprach nicht von Gott, sondern vom Glauben der Menschen. Und er konnte nicht begreifen, warum andere nicht so fraglos wie er glauben konnten an Gottes Nähe und Hilfsbereitschaft. Seinem Freund Petrus mutete er zu, auf die Wellen hinaus zu schreiten, als wären sie Balken. Als Petrus dann binnen kurzem versank, sagte Jesus: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?!“ Der Kleinglaube der Jünger war ein häufiges Thema. Und jedes Mal sagte Jesus Dinge, die mir Kopfzerbrechen machen: „Wahrhaftig, das sage ich euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Heb dich empor, und stürz dich ins Meer!, und es wird geschehen.“ Oder: „Egal, worum ihr bittet, glaubt nur, dass ihr es schon empfangen hat, und ihr bekommt es!“

Halten wir zwei Dinge fest: Jesus war der Überzeugung, seine Wunderkräfte seien nicht einzigartig. Jeder müsste Wunder wirken können wie er, der auch nur ein wenig Glauben hätte, „Glauben nur schon wie ein Senfkorn“ im Originalton. Jesus schrieb diesem menschlichen Glauben nichts weniger als Allmacht zu: nichts ist unmöglich, alles bekommt ihr, Berge könntet ihr versetzen. Er rechnete damit, seine Jünger würden dereinst sogar noch grössere Wundertaten wirken als er selbst.

Was Jesus lehrte über die Allmacht des Glaubens wird gern unter dem Deckel gehalten. Mit gutem Grund; denn immer wieder fassen Fundamentalisten diese Jesusworte als Rezept auf, gehen zu Krebskranken oder Behinderten und sagen: „Wenn du nur richtig glaubst, wirst du gesund.“ Damit richten sie nichts als Unheil an; denn nun lastet auf den Leidenden nicht nur ihre Krankheit, sondern auch noch der Vorwurf: „du glaubst halt nicht recht“. Man kann diese Worte des Meisters offensichtlich leicht missbrauchen. Sollen wir sie deswegen schamhaft verschweigen? Jesus war überzeugt, wenn wir Menschen mehr Glauben hätten, könnten wir in ungeahntem Masse heilen und helfen. Vielleicht sah er, was wir nicht sehen können? Vielleicht hatte er Recht? Müssten wir nicht versuchen, die Kraft des menschlichen Glaubens wissenschaftlich zu untersuchen und allenfalls in guter Weise zu gebrauchen?

Die Kraft des menschlichen Glaubens ist tatsächlich Forschungsobjekt, leider weniger in der Theologie, aber in Medizin und Psychologie. Die NZZ berichtete kürzlich, 72% der Zürcher Ärzte würden zuweilen Medikamente verschreiben, die nach medizinischer Erkenntnis wirkungslos sind. Das tun sie, weil sie wissen, dass allein schon der Glaube der Patienten, sie hätten etwas Wirksames bekommen, heilende Wirkung hat. Da ist er doch wieder, dieser wunderwirkende Glaube! Medizinisch heisst dieser Glaube Placebo-Effekt. Allein die unbewusste Erwartung der Patienten hat eine medizinisch messbare Wirkung, positiv oder negativ. Man schätzt, bei einer Heilung sei zu 30-60% der Placebo-Effekt beteiligt, also die unbewusste, innere Erwartung der Patienten. Warum setzen sich nun nicht Theologen mit Medizinern und Psychologen an einen Tisch, um gemeinsam zu forschen? Das Problem ist: Wie kann man diese wunderbare, heilsame innere Erwartung, den Placebo-Effekt oder Glauben, bei Erwachsenen erzeugen und erhalten, ohne ihnen einen Bären aufbinden zu müssen?

Jesus hätte den heilenden Glauben kaum Placebo genannt. Er vertraute auf Gott, nicht auf wirkungslose Zuckerpillen. Er vertraute auf die heilende Kraft, die Gott in seine Schöpfung gelegt hatte. Der menschliche Glaube ist vielleicht wie eine Antenne, die diese Heilkraft empfangen und aufnehmen kann. Was im Grunde heilt, scheint die Fähigkeit unserer Seele zu sein, ihr Vertrauen auf ein Heilmittel oder eine heilkräftige Person zu setzen. Für eine Heilung scheint es weniger wichtig, worauf sich unsere innere Erwartung richtet. Hauptsache, der Mensch entwickelt eine innere positive Erwartung. „Dein Glaube hat dir geholfen.“

Als Theologe muss ich nun anmerken, dass wir mit dem Wort Glauben nicht immer dasselbe meinen. Jesus meint hier sicher nicht jenen Glauben, den wir mit einem Glaubensbekenntnis ausdrücken, etwa den Glauben an die Dreieinigkeit Gottes oder an die Jungfrauengeburt. Gemeint ist nicht ein Für-Wahr-Halten religiöser Glaubenssätze. Das griechische Wort, das die deutschen Bibeln leider mit „Glaube“ wiedergeben, wäre treffender zu übersetzen mit „Vertrauen“. Gemeint ist eine innere Gewissheit, eine zuversichtliche Erwartung.

Eine zuversichtliche Erwartung, wie sie manchmal bei Kindern zu finden ist. Ich vergesse nie, wie vertrauensvoll unser Vierjähriger zu mir aufschaute, als ich sagte: „Nein, zur Oma können wir leider nicht. Du hast hohes Fieber. Nun will ich beten, dass du gesund wirst.“ Ich legte ihm die Hand auf die heisse Stirn, sprach ein Gebet und wollte gehen. Aber schon stand das Kind im Bett und wollte zur Oma. „Ich sagte doch, heute nicht,“ sagte ich, „du bist krank“. „Nein, gehen wir,“ sagte er bestimmt. Wir mussten dreimal Fieber messen, bevor wir es glauben konnten: das Fieber war weg. Der Vierjährige konnte seinem Papa aufs Wort vertrauen, als er diesen sagen hörte: „Beten, damit du gesund wirst.“ Zweifel kannte er nicht, noch nicht. Und so erlebten wir ein kleines Wunder. „Wenn ihr nicht werdet wie Kinder..!“ Ja, so müsste man an das Heil glauben können!

Aber wir sind keine Kinder mehr. Mit sechs gingen wir zur Schule. Nun wurde die äussere, junge Schicht des Gehirns, die Grosshirnrinde, ausgebildet. Wir lernten, mit Sätzen, Argumenten und Logik zu arbeiten. Der gesunde Menschenverstand bildete sich aus. Die Hauptfunktion des Verstandes ist das Zweifeln. Er hat dafür zu sorgen, dass wir nicht jeden Quark glauben, den uns einer angibt. Wir glauben nicht mehr an den Osterhasen.

Nun haben wir einerseits einen Funken Glauben in der Tiefe unseres Hirns. „Im Herzen“, würde die Bibel sagen, lebt noch unser alter Kinderglaube. Meistens aber leben wir mit der Grosshirnrinde und beurteilen die Welt logisch und vernünftig. Und genau das führt immer mal wieder zu diesem Konflikt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Wir sollten Vertrauen haben zur Pille, die uns verschrieben wird, oder zum Chirurgen, der uns operiert. Vertrauen fördert die Heilung. Aber unser Verstand erinnert uns halt an wenig erbauliche Tatsachen: Viele Medikamente bringen nichts ausser Nebenwirkungen. Chirurgen vergessen auch schon mal eine Schere in einem Bauch.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Das Evangelium lehrt uns, unseren Glauben wie unsere Zweifel wahrzunehmen und beides Gott zu bringen. In unserer Tiefe glüht ein Funke Vertrauen, solange wir leben. Das Kind, das wir einmal waren, kann immer noch felsenfest glauben. Der Same des Glaubens ist klein, wie alle Samen. Aber er wird ausschlagen und wachsen! Und unsere Zweifel? Die brauchen wir halt auch! Wir halten sie Gott hin und bitten ihn um Hilfe. „Hilf du meinem Unglauben!“ Romano Guardini sagte schön: „Glauben ist die Fähigkeit, die eigenen Zweifel zu ertragen.“

Ruedi Heinzer, General-Guisanstr. 17, 3700 Spiez. 033 654 22 77 ruedi.heinzer@gmx.ch; www.ruediheinzer.ch

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