"Feinde lieben?" Radiopredigt 19. Juni 2011

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„Feinde lieben?“ Radiopredigt zu Lukas 6,27.28 19. Juni 2011

Liebe Gemeinde am Radio

haben Sie schon das antik bemalte Schild gesehen, das Wildwest-Fans gern an die Wand hängen: „LOVE YOUR ENEMIES, BUT KEEP YOUR GUN OILED“? „Liebe deine Feinde, aber vergiss nicht, den Revolver zu fetten.“ Der Spruch könnte von mir sein, so gut gefällt er mir, als neckische Reaktion auf folgendes Jesuswort aus Lukas 6:

„Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, segnet, die euch fluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

   Ich habe zur Zeit keine Feinde, soweit mein Überblick reicht. Ich glaube, es hasst mich auch niemand besonders. Aber Leute gibt es, die ich hasse, von ganzem Herzen. Über die schimpfe ich, manchmal fluche ich und bitte anschliessend den Herrn Jesus kleinlaut um Vergebung. Wollen Sie meine Liste von Verhassten hören? Es sind zum Beispiel Hundehalter, die rücksichtslos den schönsten Strand verscheissen; oder Charakterlumpen, die ihren Abfall in unser Ambiente schmeissen und auf unsern Boden spucken, oder die Quadfahrer, Töfffahrer, Geländekarrenfahrer, sogenannte „Sport“-Wagenfahrer, Privatpiloten, Motorsenseler und Laubbläser - nein nicht alle - aber die vielen, die sich einen Spass daraus machen, uns Wehrlosen mit ihren Motoren die kostbare Stille zu versauen; oder jene Abzocker, die meinen, eine Million Einkommen pro Jahr sei für sie angemessen. Ja, das sind die Typen meiner kleinen Welt, die ich bedenkenlos ausschaffen würde - nach Sibirien. Ich weiss, es gibt schlimmere Bösewichte auf der Welt. Die Verhassten auf meiner Liste haben es auch nicht auf mich persönlich abgesehen. Sie vergällen mir nur meine Lebensqualität, auf hohem Niveau, zugegeben. In meinem Bauchgefühl aber sind es Feinde. Fangen wir mit denen an! Haben Sie auch solche Feinde? Und die lieben Sie nun? Eine Zumutung, lieber Herr Jesus.

   Früher hatten wir einen Sammelnamen für diese Typen: „Orks“. In Tolkien‘s Epos „Herr der Ringe“ sind „Orks“ menschenähnliche scheussliche Monster, die nur dazu da sind, die guten Helden zu bedrohen, die Spannung zu erhöhen und irgendwann vernichtet zu werden. Das ist das Schlimme an Tolkien‘s Geschichten. Seine Orks werden unwillkürlich zu Projektionsbildern für Menschen, die man verabscheut, ähnlich wie die Gegner in Computerspielen, die man einfach virtuell abknallt. Die Orks werden auch reihenweise abgeschlachtet, um den Sieg des Guten zu ermöglichen. Schlimm ist das! Wir wissen doch hoffentlich, dass es so eben nicht geht. Erstens können Lärmer, Spucker, Geldvergaser und Regelbrecher nie ausgerottet werden, die gibt es immer; und zweitens sind sie nicht Orks, es sind Menschen. Man muss mit ihnen leben, irgendwie lernen, sie zu ertragen. Nun soll man sie auch noch lieben?!

   Das Gebot der Feindesliebe ist realitätsfremd, im wahren Sinn des Wortes widernatürlich. Naturgemäss wäre der studentische Wahlspruch: „Amico pectus, hosti frontem“, dem Freund die Brust, dem Feind aber die Stirn. Das wäre selbstverständlich, das ist natürlich, und diesem Natürlichen in uns widerspricht Jesus. Seit ich auf ihn höre, ist mein Ärger nicht mehr so natürlich, so selbstverständlich, nicht mehr unbestritten. Ich betrachte meinen Ärger plötzlich von aussen und komme nicht umhin, mich in Frage zu stellen: Was nützt mein Ärger? Nichts, aber er macht ausgerechnet mich selber unglücklich.

   Könnte ich vielleicht stattdessen versuchen, einen persönlichen Beitrag zu leisten, um diese Orks (pardon, es ist so ein praktischer Sammelbegriff!) zu bessern? Ich könnte bewusst ein Vorbild sein und mich ein bisschen zur Schau stellen. Ich könnte den Orks meine Missbilligung ausdrücken, ihnen ins Gewissen reden, wenigstens durch Leserbriefe. Kurz: ich könnte versuchen, die Welt zu verbessern. Macht man daraus einen Lebensentwurf, so wird man Pfarrer, Lehrerin, Polizist, Richterin, Sozialarbeiter, wunderbare Berufungen, denen wir viel verdanken. Und es sind typische Burnout-Berufe. Denn hat man einen Ork zum Menschen gemacht, tauchen zehn neue auf, schlimmer als der erste. Weltverbesserung ist wahrhaftig ein transzendentes Ziel, d.h. man kommt nie dahin in nur einem Menschenleben. Man muss gegen allen Anschein glauben, dass die Bemühungen irgendwann mal fruchten, nach mir, vielleicht am St. Nimmerleinstag. Dazu kommt, dass Weltverbesserer oft Pharisäer werden. Man klopft sich insgeheim auf die Schulter und dankt Gott, dass man nicht ein Ork ist. Das aber ist nichts anderes als getarnte Verachtung. Verachtung ist allenfalls ein wenig bekömmlicher als roher Ärger, aber mit Verachtung im Herzen wird man auch nicht glücklich, kommt man nicht ins Reich Gottes. Weltverbesserung ist ein schwieriger Weg voller Fallgruben.

   Man müsste sie wahrhaftig lieben können, die da randalieren, lärmen, spucken oder sich hemmungslos bereichern. Vielleicht könnte man sie lieben wie ein Maler die schwarze Farbe liebt? Oder wie eine Biologin Mäuse, Vogelspinnen und Schlangen liebt? Wie Eltern ihr Kind (manchmal) lieben, obwohl es ihnen ständig Schwierigkeiten macht? Ach ich weiss nicht, ich bin halt nicht der liebe Gott, „der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse, der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.“ Ich müsste da und dort auch ein wenig hageln.

   So, nun habe ich mein allzu menschliches Fleisch hinlänglich spazieren geführt. Es ist klar: meine natürliche Veranlagung bringt es nicht zustande, Menschen zu lieben, die mich ärgern. Was Jesus fordert, Liebe zum Feind, richtet sich wohl zunächst nicht an meine Gefühle, nicht ans „Fleisch“. Angesprochen ist zuerst mein Geist, mein Denken. Es gilt, neu und anders zu denken über sogenannte Feinde. Man könnte zum Beispiel denken, wie ein Freund das tut: „Der Kerl, der mich ärgert, sucht doch auch nichts anderes als ich, nämlich sein Glück. Ich bin zwar überzeugt, dass er es am falschen Ort sucht, aber meine Suche nach Glück führt ja auch nicht immer geradewegs zum Ziel.“ Da entsteht schon mal Gemeinsamkeit zwischen mir und dem Feind, solange der mir nicht gerade an den Kragen will.

  Neu über den Feind zu denken hilft vielleicht auch eine psychologische Richtung. Sie sagt: Im Unbewussten möchte ich selber vielleicht auch egoistisch und rücksichtlos sein, aber als braver Netter habe ich diesen Wunsch in den Keller meiner Seele verdrängt. Und wenn dann einer mir mit Lärm und Gestank um die Ohren knattert, erwacht mein verdrängter Wunsch, bricht aus und speit wie ein Vulkan glühenden Ärger. Es kann einen weiter bringen, wenn man sich bemüht, denkerisch freundlicher umzugehen mit dem Feind oder mit dem Ärger; das ist immerhin schon etwas. Liebe ist es natürlich noch nicht.

   Ich vermute übrigens, dass Jesus mit Liebe hier eh nicht gefühlsmässige Zuneigung meint, nicht romantische Freundschaft. Jesus spricht nämlich nicht von Freundesliebe, er spricht von Verwandtenliebe: „Damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Aus dem Glauben an Gott muss die Erkenntnis wachsen, dass der Abzocker kein Ork ist, kein Unmensch. Er ist mein Bruder. Er geht mir zwar gewaltig auf die Nerven, aber er ist mein Bruder. Damit fange ich an, die Welt aus der Perspektive der Ewigkeit zu betrachten. Dereinst, wenn wir sehen, was wir hier erst glauben, dereinst stehen er und ich vor dem gleichen Vater. Sein Leben wird nach demselben Massstab beurteilt wie meines. Dann kommt an den Tag, dass wir Brüder, und mehr, dass wir beide Sünder sind, jeder auf seine Art. Gottes Vergebung tut sich auf, das Evangelium, für ihn wie für mich. Schaue ich also aus der Glaubensperspektive zu meinem Feind hinüber, so erkenne ich: wir sind verwandt. Wenn nun seine ohrenzerreißende Maschine mir wieder Adrenalin in die Adern jagt, werde ich sicher zuerst mal fluchen; ich habe mich leider nicht im Griff. Aber dann will ich versuchen zu beten, Gott möge den verflixten Bruder segnen. Sollte er stürzen, würde ich meine natürliche Schadenfreude überwinden wollen und hingehen, ihm zu helfen. Schliesslich ist er mein Bruder.

   Aber ich muss Ihnen gestehen: Für das Thema Feindesliebe hätte ich nur Hohn und Spott übrig, wenn ich nicht glauben könnte, dass da ein Gott und Vater über allen ist.

Und der Friede dieses Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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