"Der reiche Jüngling" Radiopredigt zu Markus 10,17 und parr.

28. August 2011 (Kommentare: 0)

„Der reiche Jüngling“, oder "Diesmal ohne Happyend"

In den Evangelien finden wir die harte Geschichte vom „reichen Jüngling“. Die ersten Christen waren ja meistens Häuflein von armen Nobodys. Hier wird nun erzählt, warum nicht mehr Reiche und Prominente Christen werden und zur Gemeinde stossen. Und zugleich wird den reichen Leuten an den Karren gefahren. Das hört man ja immer gern. Die Geschichte geht so:

Der Meister hatte ein kleines Kind auf die Arme genommen und gesagt: „Schaut, eigentlich muss man wieder werden wie ein Kind. Gottes Reich ist nur für Menschen, die es annehmen wie ein Kind.“ Wenig später kommt ein elegant Gekleideter, geht ehrerbietig vor Jesus auf die Knie und sagt: „Rabbi, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus sagt: „Du bist Jude wie ich und weisst doch, was die heilige Schrift sagt. Wer die Gebote befolgt, wird leben. Halte die Gebote!“ „Die Gebote habe ich schon immer befolgt“, erwidert er. Da sagt Jesus: „Dir fehlt noch eines: Verkauf deinen Besitz und gib alles den Armen; und dann komm und werde mein Jünger!“ Da verfinstern sich die Züge des Mannes, er erhebt sich und geht traurig davon. „Er besitzt halt viele Güter“, meinen die Umstehenden, und Jesus, auch enttäuscht, sagt: „Ja, wie schwer haben es die Reichen! Da geht wahrhaftig eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Wohlhabender ins Reich Gottes.“ 

Mein alter Schulkamerad würde nun zu mir sagen: „Jaja, damit kannst du nun wieder über die Abzocker herziehen, ein paar sozialdemokratische Gemeinplätze verbreiten und dann Schleichwerbung machen für die Wiedereinführung einer Erbschaftssteuer.“ Klar! Wo er Recht hat, hat er Recht. Aber nun ist der Schuss schon raus. Vielleicht stecken in der Geschichte Einsichten, die darüber hinaus meinen vermögenden Kameraden interessieren könnten?

Es ist ja eine merkwürdige Frage, die der junge Mann da stellt. Ja übrigens: Nur Matthäus schreibt, jung sei der Mann gewesen. Lukas schreibt, er sei ein Chef gewesen und Markus, Jesus habe ihn auf Anhieb ins Herz geschlossen. So stelle ich mir einen vermögenden Prominenten vor, einen sympathischen Mann, der es schon jung zu Einfluss und Ansehen gebracht hatte, einen, den Jesus gern unter seine Jünger aufgenommen hätte.

Was ist das nun für eine Frage, die der junge Arrivé stellt? „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Offenbar hat er nicht den Eindruck, er sei ein Arrivé, er sei schon angekommen. Von aussen mag es so aussehen. Er aber sucht noch das Eigentliche. Er spürt eine Sehnsucht und weiss nicht, wonach. Er nennt es „das ewige Leben“. Das war eine gängige Redewendung für erfülltes Leben, für das Glück, das Heil, die Seligkeit, die Gott denen gibt, die nach ihm fragen. Jesus nannte dieselbe Vorstellung „ins Reich Gottes kommen“ oder „gerettet werden“. Dieses ersehnte Heil erwartete man nach dem Tod als Belohnung für gute Taten. Und Jesus lehrt, das Reich Gottes sei auch hier und jetzt schon versprochen; das ewige Leben fange vor dem Tod an. Nur hat es der junge Prominente noch nicht gefunden. Er hat zwar alles erreicht, wovon die grosse Masse träumt. Aber er bleibt unbefriedigt, voll Sehnsucht nach irgendetwas, nach mehr. „Es muss im Leben doch noch mehr als alles geben.“ Genau. Gibt es auch.

„Was muss ich tun, um es zu ergattern?“ Die Frage könnte verkehrter nicht sein. Aber so haben wir‘s halt gelernt: Bist du gut in der ersten, steigst du auf in die zweite Klasse. Machst du gute Noten, schaffst du‘s in die Sekundarschule. Wenn du dort gut bist, darfst du aufs Gymnasium, dann an die Uni. Wenn du dein Networking geleistet und genug Vitamin B erarbeitet hast, kriegst du einen gut bezahlten Job. Dann kauf dir einen heissen Ofen und mach zünftig Krach; vielleicht dreht eine Hübsche das Köpfchen nach dir? Dann lade sie ein zu einem sackteuren Ausgang; eventuell kriegst du sie ins Bett. „Was muss ich tun?“ Penetrant hat man uns eingebläut, was wir tun müssen, um Stufe für Stufe unserer Sehnsucht entgegen zu steigen. Aber: Unser junger Mann hat die Stufen alle erklommen, seine irdischen Ziele erreicht und dabei erst noch die Gebote gehalten! (Das ist nun eine Rarität; wer bleibt schon moralisch sauber und erreicht gleichwohl seine irdischen Ziele!?)

Nur eines fehlt ihm, das Entscheidende. Darum stellt er seine sinnwidrige Frage: „Was muss ich noch tun?“ Solange wir der Welt glauben, dass wir etwas tun müssten, um das wahre, erfüllte Leben zu finden, dass wir es irgendwie kaufen, abverdienen könnten, so lange schuften wir für die Katz. Solange wir der Welt glauben, dass wir irgendwann einmal, wenn wir dies oder jenes erarbeitet haben, das Glück finden, so lange mühen wir uns vergeblich im Hamsterrad. Denn Glück liegt nicht in der Zukunft. Es ist da. Es findet statt, während wir anderes suchen.

Ich verstehe nicht, warum Jesus da nicht deutlicher wird. Diesem sympathischen Suchenden müsste er nun doch sagen, was er zuvor mit dem Kind auf dem Arm sagte: „Wie ein Kind musst du das Reich Gottes annehmen; es wird nur geschenkt und kann nur in Empfang genommen werden, heute, jetzt, nicht morgen.“ Stattdessen geht er auf die verkehrte Frage ein und setzt noch eins drauf: „Eines fehlt dir noch: Verkauf deinen ganzen Besitz und gib’s den Armen.“ Nun verlangt er geradezu Unmögliches! Wer viele Güter hat, kann sie doch nicht einfach verkaufen. Da stecken Vorfahren drin, die die Güter zusammen getragen haben. Da sind viele beteiligt. Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Es gibt ja Vermögende, die plötzlich entscheiden, alles einem neureichen Russen zu verkaufen. Aber da schreit man doch auf, mit Recht. Alles verkaufen kann verantwortungslos sein. Jüdische Rabbiner wussten das. Sie schrieben vor, wenn ein Vermögender von übermässiger Barmherzigkeit überwältigt werden sollte, so dürfe er maximal einen Fünftel seines Vermögens verschenken. Die Gesellschaft ist ja nicht daran interessiert, einen, der gut für sich und andere sorgen kann, plötzlich als Sozialfall durchzufüttern, nur weil er eine religiöse Marotte hat. Nein, er kann nicht alles verkaufen.

Vielleicht wollte Jesus ihm drastisch vor Augen führen, wie fest er in den Fängen seines Besitzes gefangen ist? Ein Reicher ist eben nicht frei wie der einfache Fischer Petrus, der von heute auf morgen seine Schaluppe liegen lassen und Jesus nachlaufen konnte. Besitz verpflichtet und bindet. Je mehr wir davon haben, desto mehr haben wir zu hüten und zu verwalten, desto mehr haben wir zu verlieren. Von einer gewissen Grösse an wird Besitz zum Götzen, von dem man besessen ist. Dann steht man vor der Weggabelung: Gott oder Mammon; beiden Herren dienen geht nicht. Kein Mensch kann Millionen scheffeln und zugleich frei sein für Gott. Was heisst das? Für den reichen Jüngling heisst es: Zurück auf seine Güter; den wilden, ungebundenen Jünger-Trip mit Jesus vergessen.

„Traurig, denn er hatte viele Güter.“ Hören Sie das Tragikomische? Wir würden doch sagen: „Glücklich, denn er hat viele Güter!“ Nein, es ist auch traurig. Denn das Glück des fünfjährigen Kindes, das Reich Gottes, die Freiheit der Habenichtse bleibt ihm unzugänglich, weil er reich ist. Wohl uns, wenn wir etwas von dieser Traurigkeit nachempfinden; denn auch wir haben viele Güter. Ich weiss schon, es gibt auch in der Schweiz arme Menschen; zu ihnen sage ich das nicht. Aber wir anderen haben unheimlich viel zu verlieren, sogar mehr als der reiche Jüngling damals. Und wir wären geistlich blind, wollten wir uns vormachen, wir wären frei, Jesus nachzufolgen. Es gibt kein Happyend. Wir wollen ja unsere Güter auch nicht verschenken.

Für Gott sei zwar auch die Rettung eines reichen Menschen möglich, sagte Jesus, der den jungen Mann liebte. Vielleicht gibt Gottes Geist uns die Fähigkeit, wenigstens innerlich all den Plunder loszulassen, der sich bei uns angehäuft hat. Dann stehen wir geistig in Hemd und Hose da und haben nichts vorzuweisen, haben nur, was Gott uns gibt, um das Leben zu feiern, wie ein Kind, oder vielleicht wie ein ganz alter Mensch. Im Thomasevangelium heisst es: „Ein Greis wird nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen nach dem Ort des Lebens zu fragen. Und er wird leben!“

Einen Kommentar schreiben

*
*
Bitte addieren Sie 6 und 4.
*