Unvernünftiger Glaube und trotziger Dank; Erntedank 2011

23. Oktober 2011 (Kommentare: 0)

Zum Erntedank hören wir Worte des Propheten Joel, der seine Predigt vor zweieinhalbtausend Jahren aufgeschrieben hat. Ich wähle den Text als Trostwort nach den schrecklichen Wasserfluten, die der Oktober brachte. Joel predigte auch nach einer Katastrophe, nach einerm Heuschreckeneinfall, der fruchtbares Land zur Wüste machte (2,21ff):

„Fürchte dich nicht, fruchtbares Land! Freu dich und juble; denn der Herr tut Großes. Fürchtet euch nicht, ihr Tiere auf dem Feld! Denn das Gras der Steppe wird wieder grün, der Baum trägt seine Frucht, Feigenbaum und Weinstock bringen ihren Ertrag. Jubelt, ihr Kinder Zions, und freut euch über den Herrn, euren Gott! Denn er gibt euch Nahrung, wie es recht ist. Er schickt euch den Regen, Herbstregen und Frühjahrsregen wie in früherer Zeit. Die Tennen sind voll von Getreide, die Keltern fließen über von Wein und Öl. Ich ersetze euch die Ernten, die von der Wanderheuschrecke und der Larve, von Raupe und Grashüpfer gefressen wurden, von meinem großen Heer, das ich gegen euch sandte. Ihr werdet essen und satt werden und den Namen des Herrn, eures Gottes, preisen, der für euch solche Wunder tut.“

 Auch wir haben gegessen und sind satt geworden, allem Hochwasser zum Trotz. Wir sind die Generation, die das Wort Hunger nur vom Hörensagen kennt. Wir hätten durchaus Grund, „Gott zu preisen für die Wunder, die er an uns getan hat“. Wir könnten danken für ein gutes Jahr. Der Sommer war gewiss recht. Winzer rühmen den guten Elfertropfen, den sonnengereifte Trauben versprechen. Auf vielen Alpen war man beim Kästeilet zufrieden. Der Juli ist zwar wettermässig versoffen, aber guten Käse habe es dennoch gegeben. Wir könnten dem Propheten Joel auch heute beipflichten: „Das Gras wird wieder grün. Der Baum trägt seine Frucht. Feigenbaum und Weinstock bringen guten Ertrag. Die Tennen sind voll von Getreide. Die Keltern fliessen über von Wein und Öl. Jubelt, ihr Kinder Zions und freut euch über den Herrn, unsern Gott.“

Ja, freuen wir uns und danken wir! Aber dieses Danken für einme gute Ernte, das mir vom Bauch her nahe liegt, will mir nicht in den Kopf. Mein Verstand rebelliert.

Danken wir nämlich Gott für die Ernte, so gehen wir ja davon aus, dass er für das Wetter verantwortlich ist. Ist Gott aber für das Wetter verantwortlich, sollen dann auch unsere lieben Mitholzer Gott danken, und die von Gastern? War es Gott, der ihre Keller geflutet und ihre Weiden metertief mit Schlamm und Schutt überführt hat? Es kamen zum Glück keine Menschen zu Schaden. „Gott sei Dank“, möchte ich spontan sagen, aber zugleich glaube ich ja auch, der Allmächtige habe das Hochwasser geschickt, oder es zumindest nicht verhindert. Wieso soll ich ihm danken, dass keine Menschen verletzt wurden, ausgerechnet ihm, der ja das ganz Unglück hätte verhindern können!? Ich bin doch kein Hund, der schleimig die Hand leckt, die ihn schlägt!

Und überhaupt. Können wir Gott für gute Ernten danken, wenn grosse Augen ausgemergelter Hungerkinder vom Horn von Afrika, von Mogadischu oder Somalia einem aus dem Fernseher auf die vollen Teller schauen!? Hier eine erfundene Szene, aber sie kommt vor: Im Zweierzimmer auf der Gynäkologie hält die eine junge Frau glücklich ihr Neugeborenes im Arm und telefoniert: „Ja, danke, es ist alles gut gegangen. Es ist gesund und gfräss, gelt du. Wir sind Gott ja so unendlich dankbar!“ Und dann geht die Tür auf, der Mann der anderen jungen Frau kommt herein, mit ihm die Spitalseelsorgerin und eine Schwester. Sie trägt ein mit Blumen geschmücktes Körbchen. Und darin bringt sie das Kindlein der anderen Frau, tot auf die Welt gekommen. Auch über die Freude der glücklichen jungen Mutter nebenan schiebt sich natürlich eine schwarze Wolke und verdunkelt ihre Dankbarkeit.

Wie kann ich Gott danken für das Gute, das ich unbestritten seit Jahren erlebe? Ein lieber Mitchrist aus einer Thuner Gemeinde hat vor drei Jahren in die Zeitung geschrieben: „In einer Zeit, da immer noch ein grosser Teil der Menschheit an Hunger und Mangelernährung leidet, haben wir allen Grund, Gott für unseren Wohlstand hier in der Schweiz herzlich zu danken.. Wir feiern zusammen ein Dankfest für all das Gute, das Gott uns immer wieder schenkt: Nahrung, Arbeit, Sicherheit und ein Dach über dem Kopf.“ Tut mir leid, so einfach, wie der es sieht, kommt mir das Dankfest feiern nicht vor!

Mein Verstand sieht zwei Probleme: 1. ist es schwer zu glauben, dass ein liebender Gott hinter der ganzen Natur steckt. Das Leben der Erde hat sich offenbar über Milliarden von Jahren entwickelt. Unvorstellbare Katastrophen haben immer wieder unzählige Lebewesen vernichtetn. Mehr Arten von Lebewesen sind ausgerottet worden, als heute auf der Erde leben.

2. Auch wenn ein allmächtiger Gott hinter der Natur stecken würde - ich fände es immer noch schwierig zu danken, weil ich um das Elend weiss, das andere trifft. Wie könnte ich drinnen fröhlich feiern und Gott danken für die Gabe einer reichen Ernte, wenn vor meiner Haustür der kranke arme Lazarus liegt und bettelt!?

Ginge es also nur nach meinem Verstand, so müsstet Ihr heute ohne mich Erntedank feiern. Ich würde zum Atheisten, wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins oder unser zynischer Berner Immunologe Beda M. Stadler. Für einfache Gemüter ist es offensichtlich attraktiver, an den Zufall zu glauben statt an Gott.

Aber ich bestehe halt nicht nur aus Logik und Verstand. Ich spüre ich in mir auch das Bedürfnis, jemandem, der grösser ist als ich, für das Gute zu danken. Ich habe eine Ahnung, wie Schiller in seiner „Ode an die Freude“: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ Wir spüren und ahnen, dass ein wohlwollender Blick auf uns ruht, dass wir begleitet sind auf unserem kurzen Weg durch die Welt, und dass diese Welt, die wir sehen, vermessen und ganz wenig auch begreifen können, bei weitem noch nicht alles ist. Mit diesem Glauben sind wir nicht allein. Die meisten Menschen stimmen uns darin zu. Uralte heilige Schriften rufen uns zu diesem Glauben. Ihre Wahrheit erscheint uns tiefer als die Gedanken unseres rastlosen Verstands. Ja, mein Verstand sagt  mir sogar, dass der Verstand die Tiefen des Lebens nicht verstehen kann. Was versteht denn der Verstand vom Leben, von Liebe, Ehrfurcht, Treu und Glauben? Der Verstand arbeitet in einem kleinen Areal unseres Hirns. Der ganze Rest, was der Psychologe das Unbewusste nennt, bleibt ihm unzugänglich. Und doch wird praktisch unser ganzes Leben aus diesem unverständlichen Unbewussten gesteuert. Geht es um Gott und um unsern Glauben und um das Leben, ist unser Verstand ein ratloser Ratgeber.

Darum lasse ich mir von meinem lieben logischen Rationalisten im Dachstübchen meinen Erntedank nicht vermiesen. Ich empfinde Gefühle wie Dankbarkeit, Freude, Ehrfurcht. Die sind Teil von mir; die möchte ich nicht verdrängen und verleugnen, nur weil mein logisches Denken für diese Gefühle keine passende Schublade findet. Ich will Gott danken für seine Güte, „denn seine Huld währt ewig“. Ich will klagen über seine Schläge und trotzdem glauben, „seine Huld währt ewig“. Ich will mich freuen mit denen, die sich freuen. Und weinen mit den Weinenden, auch wenn mein Verstand flüstert: „Das ist doch ein Widerspruch.“

Ja, ein Widerspruch; Leben ist Widerspruch! Wir widersprechen den Todesmächten, dem Unglück und der Not mit dem Satz: „Seine Huld währt ewig!“ Wir spüren wohl, was die Bibel „Gottes Zorn“ nennt. Aber mit der Bibel sagen wir: „Sein Zorn dauert einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang. Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Freude“ (Ps 30,6). Das ist Hoffnung, und sie ist unlogisch, aber lebensnotwendiger Widerspruch gegen den Tod.

So feiern wir trotzig Erntedank und danken Gott für seine Güte. Hat da jemand gesagt, ich würde so den Verstand ausschalten? Nein, ich schalte den Verstand nicht aus. Aber ich hole ihn herab von dem Podest, das er gern besteigt und weise ihn auf den Platz, wo er hingehört. Er darf mir meinen Glauben und meine Dankbarkeit nicht madig machen. Er soll dem Glauben dienen und ihn kritisch begleiten. Er soll mir z.B. sagen:

Hör mal, Dankbarkeit ist gut und recht, aber mit Orgelgeblöke und frommen Worten ist es nicht getan. Der arme Lazarus liegt noch immer vor deiner Tür. Wenn es dir Ernst ist mit deinem Dank, so macht das etwas mit deinem Bankkonto. Wenn hinten in der dritten Reihe die Herren Ospel und Vasella mit uns Erntedank feiern und dann beim Ausgang einen Fünfliber oder mira eine Fünfzigernote einwerfen würden, was würdet Ihr da sagen? Ich würde sagen: Ihr seid ausgekochte Heuchler. Ihr habt so viel auf der hohen Kante, dass Ihr ganze Völker ernähren könnt. Da könnt ihr doch nicht kommen und nur fromme Danklieder singen! Ein Schweizer, der praktisch alles, was er braucht, kaufen kann, und so einer bin ich, der muss es auch mit dem Portemonnaie zeigen, dass er Gott dankbar ist. Sonst ist sein Dankgebet nichts weiter als warme Luft.

Noch etwas hat mein Verstand zu sagen: Wenn es dir wirklich Ernst ist mit deiner Dankbarkeit, dann bemühst du dich, fortan einfacher zu leben. Du glaubst doch, dass Gott dir deine Nahrung und dein Dach über dem Kopf schenkt? Dann kannst du aber nicht „geuden“ mit diesen Gaben, darfst sie nicht verschwenden. Du sollst sie dankbar und fröhlich geniessen, ja, aber du wirst nicht hemmungslos Geld ausgeben für Luxus, für Schnickschnack, der nur die Nachbarn beeindrucken soll.

Danke, lieber Verstand, da gebe ich dir Recht. Ein reich Beschenkter kann Gott nur mit dem Portemonnaie ernsthaft danken. Und Geschenke will ich nicht vergeuden. Erinnere mich, wenn ich vergessen sollte!

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