Dankbarkeit, hinter dem warmen Ofen? Radiopredigt zu Luk 17,11

6. November 2011 (Kommentare: 0)

Heute gedenken Protestanten der Reformation vor 500 Jahren, jener Bewegung, welche die Kirche von Grund auf erneuern wollte. Sie forderte unter anderem, die Bibel müsse im Gottesdienst wieder deutsch und deutlich gepredigt werden, heute eine Selbstverständlichkeit in katholischen wie protestantischen Kirchen. Mein heutiger Bibeltext steht im Lukasevangelium, Kapitel 17. 

„Als Jesus in ein Dorf hinein gehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Er schaute sie an und sagte: „Geht und zeigt euch den Priestern!“ Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein. Und einer von ihnen - als er sah, daß er geheilt war - kehrte um und lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich Jesus zu Füssen und dankte ihm. Der Mann war aus Samarien. Da sagte Jesus: „Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott die Ehre zu geben, außer diesem Fremden?“ Und er sagte: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“

Auf den ersten Blick eine harmlose Geschichte mit moralischem Schwänzchen, das jedes Sonntagschulkind begreift: „Man sollte mehr danken.“ Ja, gewiss, aber so fromm und fraglos sollten wir die Bibel nicht lesen. Haben Sie nicht auch kritische Fragen? Zehn Aussätzige sollen da geheilt worden sein!? Jesus war gewiss ein gesegneter Heiler, aber er heilte doch normalerweise einen nach dem andern. Hier heilt er im Multipack! Da spitze ich doch die Ohren und frage: „Warum zehn? Die Geschichte würde eher besser funktionieren mit zweien, von denen einer dankt, der andere nicht. Was hat die Zehn zu bedeuten?“ Wir werden sehen.

Aussätzige mussten die Dorfgemeinschaft verlassen. Man hatte Angst vor Ansteckung. War man unterwegs, wurde man also vor jedem Kaff von Aussätzigen angebettelt. „Erbarme dich unser,“ riefen die Aussätzigen von ferne. Das bedeutete vermutlich: „Hesch mer e Stutz?“ Malen Sie sich die abstossende Szene lieber nicht aus, wie ein Mitleidiger den Aussätzigen eine Münze hinüber warf und die armen Schreckgestalten sich balgend darauf stürzten. „Erbarme dich,“ könnte auch meinen: „Heile uns doch.“ Aber Aussatz war die unheilbare Krankheit. „Eher steht einer von den Toten auf, als dass ein Aussätziger gesund wird“, sagte man damals.

Jesus warf kein Geld. Und er heilte sie auch nicht! „Er schaute sie an und sagte: <Geht, zeigt euch den Priestern!>“ Priester? In jenen Dörfern gab es keine Priester. „Die Priester“ waren in Jerusalem. Sie waren die Amtsstelle, wo Hautkrankheiten diagnostiziert wurden: Ist es wirklich Aussatz? Muss der Betroffene die Dorfgemeinschaft verlassen? Oder: Ist ein Ausgestossener wirklich wieder gesund? Kann er zurück ins Dorf? Wenn Jesus sagt: „Zeigt euch den Priestern,“ mutet er ihnen also eine vielstündige Wanderung in die Hauptstadt zu!

„Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie gesund.“ Sie gingen also tatsächlich. Ich hätte erwartet, dass sie Jesus verhöhnt und sich dann enttäuscht abgewendet hätten. Sie waren ja voller Geschwüre. Was für einen Sinn sollte es haben, sich den Priestern zu zeigen!? Warum gab er kein Geld? Aber sie taten, was er sagte und auf ihrer Wanderung, viele Stunden entfernt von Jesus, wurden sie gesund. Einer hielt verblüfft inne und kehrte um, um Jesus zu danken.

Nun setze ich mal die dicke Brille der Reformation auf, und was sehe ich damit? Gott heilt. Gott rettet Verstossene aus ihrer Hölle, obwohl hier von Gott und Religion nicht die Rede ist. Jesus predigt nicht, er betet nicht, legt nicht Hände auf, ja er heilt gar nicht! Er sagt nur: „Geht und zeigt euch!“ Unterwegs werden die Kranken gesund, wie von selbst, das heisst: Gott rettet ohne menschliches Zutun. Das entdeckte die Reformation neu in der Bibel und predigte es in einer Kirche, die buchstäblich vom schlechten Gewissen der Gläubigen lebte und ihnen unsägliche religiöse Pflichten und Satzungen auferlegte. Gott selber rettet, ohne menschliches Zutun! Das war zur Zeit der Reformation eine neue und notwendige Botschaft.

Und heute? Mir scheint, heutige Kirchen aller Couleur predigen dieses Evangelium zuweilen homöopathisch verdünnt. Gott rettet den Menschen? Manche Predigten erwecken vielmehr den Eindruck, es seien die frommen Menschen, die ihren lieben Gott retten müssten.

Nein, Gott rettet, sagt Lukas, der Mensch muss nur darauf vertrauen. Glauben muss er. „Allein aus Glauben“ war Schlagwort der Reformation. Was aber heisst „glauben“? Das schildert nun unsere Geschichte treffend: Jesus mutet den Aussätzigen etwas zu, was ihnen gar nicht eingeleuchtet haben wird: „Geht in die Stadt, zeigt euch den Priestern!“ Der ungewöhnliche Befehl weckt Hoffnung, und auf diese Hoffnung hin brechen sie auf. Und während sie gehen, erleben sie, dass Gott rettet. So geht „glauben“.

Das sagen auch andere Geschichten: Jesus befahl Petrus, sein Netz auszuwerfen. Petrus aber hatte schon die ganze Nacht für die Katz gefischt. „Auf dein Wort hin“ tat er es dennoch, und wie es Fische gab! Der Prophet Elischa sagte dem aussätzigen General, er solle im Jordan untertauchen. Der fand das völlig sinnlos, aber tat es schliesslich und wurde gesund. Diese Geschichten illustrieren das abstrakte Wort „glauben“ in einem Dreischritt: Der Mensch hört ein Gotteswort. Es macht ihm Hoffnung, obwohl er auch zweifelt. Und dann handelt er aufgrund dieser Hoffnung. So geht glauben.

Nun zum Hauptthema: Einer kehrt um, um Jesus zu danken. Aber „es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Ausländer?“ Sind diese neun andern undankbare Stöcke?! Nein, glauben Sie das nicht! Wer sich gesund fühlt nach langer Krankheit, das haben Sie selber erlebt, ist immer voller Dankbarkeit. Auch die Neun werden unendliche Dankbarkeit empfunden haben. Nicht darin waren sie anders als der Samariter. Worin denn? Ihre Dankbarkeit blieb frommes Gefühl, sie hatte nicht Hand und Fuss. Der Samariter aber verliess seinen Weg und kehrte um, er lobte Gott mit lauter Stimme, er kniete nieder vor Jesus.

Nun habe ich ja noch die Brille der Reformation auf. Sind es nicht die Reformierten, die immer betonen, es brauche nur den Glauben im Herzen? Am Sonntag zur Kirche zu springen sei eigentlich unnötig? Äusserliche Frömmigkeit sei für religiös Zurückgebliebene, wahre Religion spiele sich im Innern ab? Da mag ja mal was dran gewesen sein. Hier aber hält Jesus wenig von der innerlich gefühlten Dankbarkeit der Neun. Aber er rühmt den Ausländer, der äusserlich umkehrt, laut hörbar Gott lobt und ihm auf den Knien dankt.

Nun setze ich noch einmal die Brille des Bibelwissenschaftlers auf und was sehe ich da? Der Text ist voll geheimer Anspielungen auf den Gottesdienst der ersten Christen! Zehn Männer brauchte es, damit überhaupt gefeiert werden konnte. Die Gemeinde singt im Gottesdienst „Kyrie eleison“, wie auch die zehn Aussätzigen rufen. „Zeigt euch den Priestern!“ heisst doch: Geht zum Gottesdienst! Der Samariter wirf sich vor Jesus nieder. Auch die Gläubigen gingen damals vor dem Priester auf die Knie, der dann wie Jesus sagte: „Steh auf!“ Der Samariter „lobte Gott mit lauter Stimme“, das war der Fachausdruck für den Psalmengesang der Gemeinde. Er kam, um Jesus zu danken, und Dankfeier, „Eucharistie“, ist Fachausdruck für Gottesdienst. Jesus sagt: „Geh hin!“, und „Geht hin in Frieden“ ist das Schlusswort der Messe. Am Reformationssonntag muss ich den Reformierten also sagen, was unser heutiges Evangelium sagt: Willst du Gott ernsthaft danken, so kehr um und nimmt teil am äusserlichen Gottesdienst der Gemeinde. Wer seine Wege verlässt und hingeht, wo die Gemeinde Gott lobt und dankt, dem gilt die Zusage Jesu: „Dein Glaube hat dich gerettet.“

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