Dinge, die da kommen. Radiopredigt Neujahr 2012 DRS 2, zu Lukas 21

1. Januar 2012 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio,

jedes Volk feiert im Jahreslauf einmal Neujahr. Irgend ein Tag wird als Übergang vom alten zum neuen Jahr gedeutet. Es entsteht eine sogenannte Schwellensituation. 2011 ist nicht mehr, 2012 noch nicht recht - Zeit dazwischen - Zeit, zurückzublicken und vor allem: vorauszuschauen. Orakelbräuche gehören zu Neujahr. Man fragt die Sterne oder den Zufall: Habe ich Glück im neuen Jahr? Man würfelt, zieht Karten oder giesst geschmolzenes Zinn ins Wasser und versucht zu deuten, was dabei herauskommt. So richtig ernst nimmt das keiner: „Ist ja nur ein Spiel,“ sagt man, „eigentlich glauben wir gar nicht daran.“ Aber mitspielen ist reizvoll, sogar für Menschen, die grundsätzlich gegen alles sein müssen, was nach Wahrsagerei riecht, für gläubige Christen.

Es gibt doch seit 280 Jahren die Losung, den ausgelosten Bibelspruch für jeden Tag des Jahres? Ich möchte den sehen, der das neue Losungsbüchlein kauft und nicht zuerst voll Neugier seinen Geburtstag aufschlägt! Ebenfalls Gläubige haben für Neujahr das Bibelstechen erfunden. Mit geschlossenen Augen sticht man eine Stricknadel in die Bibel, schlägt auf und tippt auf irgendeinen Vers. Den versucht man dann als Losung fürs neue Jahr zu deuten. Das tönt frommer als Bleigiessen, ist aber im Grunde dasselbe. Auf der Schwelle versuchen die meisten, spielerisch in die Zukunft zu gucken. Und ich will auch mitspielen, mit meiner Predigt. Jesus spricht über die Zukunft in der sogenannten Endzeitrede. Lassen wir uns doch vom grössten Propheten die Zukunft voraussagen!

„Jesus sagte zu seinen Jüngern: Passt auf, dass euch niemand in die Irre führt! Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen „ich bin’s“. Lauft ihnen nicht nach! Und ihr werdet von Kriegen und Unruhen hören. Es wird gewaltige Erdbeben und vielerorts Seuchen und Hungersnöte geben. Schreckliche Dinge, aber lasst euch nicht erschrecken! Solches muss zuerst geschehen, das ist erst der Anfang der Wehen. Ihr aber, macht euch darauf gefasst: Man wird euch verfolgen und ins Gefängnis werfen, vor Gerichte und Könige schleppen, damit ihr vor ihnen Zeugnis ablegt. Sogar Verwandte und Freunde werden euch verraten und manche von euch wird man töten. Um meines Namens willen werdet ihr von allen gehasst werden. Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“

Die ganze Endzeitpredigt Jesu ist länger. Sie haben nun eine verdichtete Fassung von Lukas 21,7-19 gehört, mit Elementen aus Matthäus und Markus.

Es werden welche kommen, sagt der Meister, denen man nicht nachlaufen soll. Sie geben sich als Messias, als Heiland, als Retter aus. In den Jahrzehnten nach Jesus gab es mehrere messianische Führergestalten im Judentum, die viele anstifteten, Waffen zu ergreifen und sich gegen die römische Besatzung zu erheben. Aber ihr Triumph dauerte nie lange. Legionen aus Rom erstickten die Aufstände jeweils mit brutaler Gewalt.

Die Voraussage Jesu bewahrheitete sich wörtlich, damals, und bis auf den heutigen Tag. Es gab und gibt immer Männer, die kund tun, sie seien der wiedergekommene Christus; und ich fürchte, sie alle finden Leute, die ihnen nachlaufen und ihnen ein luxuriöses Leben finanzieren.

Damit könnten wir zur nächsten Prophezeiung gehen. Aber spielen wir doch noch ein wenig mit den Worten! „Es kommen welche, die euch das Glück versprechen. Lauft Ihnen nicht nach.“ Woran denken Sie? Ich denke an Werbung. Unser Wirtschaftssystem muss ja auf allen Kanälen Glück versprechen, damit wir kaufen. Werbeversprechen haben etwas unterschwellig Religiöses. Nicht selten zitiert Werbung aus der Bibel, etwa wenn neben einem Cabriolet geschrieben steht: „Nichts ist unmöglich.“ Oder wenn Mercedes sagt: „Ihr guter Stern auf der Strasse.“ Das Rote Kreuz warb einmal mit dem heiligen Satz: „Mein Blut für dich“! Und der angebissene Apfel von Apple ist natürlich ein geniales Zitat der Versuchung im Garten Eden. Ja, die Konkurrenz schläft nicht, und je massiver man Glück und Heil verspricht, umso grösser die Chance, dass man im Markt überlebt. Ich mache den Werbern keine Vorwürfe. Ich sage auch nicht: „Lauft ihnen nicht nach.“ Wir müssen ja kaufen, sonst steht die Wirtschaft still. Verrückt! Unsere Gesellschaft funktioniert nur mit quasireligiösen Versprechungen, von denen alle wissen, dass sie nicht stimmen. Zahnpasta kann man kaufen, Glück nicht. Mir persönlich flüstere ich schon zu fürs neue Jahr: „Lauf ihnen nicht nach!“ Heute wäre überhaupt Gelegenheit, sich in einer stillen Viertelstunde zu fragen: Wem laufe eigentlich ich nach? Oft sind es Stimmen in meinem Innern, denen ich nachlaufe. Will ich das wirklich?

Zur nächsten Prophezeiung: „Es wird Unruhen geben, Kriege, Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte.“ „Lieber Meister“, möchte ich antworten, „dafür braucht man aber kein Prophet zu sein!“ Das trifft ja leider mit hundertprozentiger Sicherheit ein, jedes Jahr, irgendwo in der Welt. Fragt man Jesus über die Zukunft, so verspricht er nicht das Blaue vom Himmel. Er holt auf den Boden und erinnert daran, dass auf diesem Planeten der Teufel los ist.

Das hören Sie nun  wohl nicht gern, was? Unheilsprophezeiungen am ersten Tag des noch jungfräulichen Jahres? Da möchte man doch mit Gutem rechnen, das es ja wahrhaftig auch gibt. Können Sie meinetwegen gern! Ich überlasse Ihnen die Hufeisen, Säuli, Kleeblättli, Herrgottkäferli, Kaminfegerli und Fliegenpilzli. Mit diesen Neujahrssymbolen betteln wir ja: „Wünsch mir doch bittebitte Glück fürs neue Jahr!“ Wollen wir nicht lieber realistisch bleiben? Schlimmes wird auch dieses Jahr in der Welt passieren, und weit weg ist die Welt nie. Auch in meinem kleinen Leben sollte ich damit rechnen, dass ich mir die Finger verbrenne, den falschen Finger verbinde, dass ich mir ins eigene Fleisch schneide, dass mir ein Klotz am Bein hängt oder dass mir einer ein Bein stellt. Haben nicht die Briten dazu eine treffende Redensart? „Hope for the best, and be prepared for the worst.“ Hoffe immer das Beste, und rechne mit dem Schlimmsten. Keine schlechte Maxime.

Und dann weissagt Jesus seinen Jüngern: „Ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen.“ „Von allen gehasst“ ist wohl orientalische Übertreibung. Bei uns ist es Gott sei Dank nicht so. Dass man als Christ zuweilen belächelt wird, ist hier nicht gemeint. Nein, Diskriminierung und Attentate drohen vielen, nicht allen, die sich zu ihm bekennen. Wir wissen, welch unheimliche Blutspur die Geschichte des Christentums durchzieht, und noch nie wurden so viele Christen blutig verfolgt wie in den letzten hundert Jahren. Gewiss, umgekehrt haben auch Christen andere verfolgt; das beschämt mich. Aber es darf die Tatsache nicht verschleiern, dass in diesen Tagen Geschwister wegen ihres Glaubens terrorisiert werden, während wir hier eine ruhige Kugel schieben. In Pakistan, im Irak, in Indien, Ägypten und andern Ländern sind Mitchristen ihres Lebens nicht sicher. Ich möchte ihnen dieses Jahr mit einer Spende oder wenigstens einer Unterschrift Solidarität bekunden.

Unvermittelt dieses Wort: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.“ Es ist zuerst zu den Märtyrern gesprochen, die in Angst und Sorge sind um ihr Leben, um ihre Lieben. Wieder erstaunt mich die überspitzte Redeweise: „kein Haar gekrümmt“. Und der Satz versetzt mich unwillkürlich in die Bilderwelt des Märchens, wo es eine Tarnkappe gibt, die unsichtbar, einen Harnisch, der unbesiegbar oder einen Trank, der unverletzlich macht. Schlimmes wirst du erleben, aber eigentlich passiert dir nichts. Materialisten wittern da billige Vertröstung und Sie, Sie mögen es irgendwie kitschig finden. Man müsste es mit den Ohren eines Menschen hören, der an Leib und Leben bedroht ist. Für mich gehört diese Botschaft zum Kern meines Glaubens. Paulus sagt einmal: „Wir werden nicht müde; wird auch unser äusserer Mensch aufgerieben, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“ (2 Kor 4,16). Ich bin mehr als mein äusserer Mensch, mehr als mein Leib. Mein Bewusstsein, meine Seele, mein eigentliches Ich erlöscht nicht, wenn mein Auge bricht. Gott liebt mich, und zerfällt mein Leib, so liebt er mich wie eh und je. Darum wird mir kein Haar gekrümmt. In diesem Vertrauen singe ich „Trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu! Tobe Welt, und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh…. Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod, soll mich, ob ich viel muss leiden, nicht von Jesus scheiden.“ Amen.

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