Das Unrecht unter der Sonne. Gemeindepredigt, anhand von Psalm 73

4. März 2012 (Kommentare: 0)

Psalm 73, nach eigener Übersetzung:

Es heisst doch: „Gott ist lauter Güte für Israel,
für die Menschen mit reinem Herzen.“
Aber über dieses Wort bin ich gestolpert
und wäre beinah zu Fall gekommen, als ich sah,
dass es im Gegenteil den Gottlosen gut ging!
Ich ereiferte mich über diese Angeber.
Die leiden natürlich keine Qualen,
die sind doch fit und kerngesund!
Mühe und Plage der gewöhnlichen Leute kennen die nicht.
Dafür hängen sie sich Grosstuerei wie Schmuck um den Hals
und kleiden sich in Rücksichtslosigkeit.
Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett und planen ständig neue Raubzüge.
Sie grinsen und machen von oben herab alles lächerlich.
Nichts auf Erden bleibt verschont vor ihrem Geifern, nicht einmal der Himmel ist ihnen heilig.
Das Volk schlürft nichtsahnend ihre Worte und hängt an ihren Lippen, wenn sie prahlen:
„Gott? Der alte Herr? Der hat doch keine Ahnung.Der ist ja schwerhörig!“
Hab ich nicht Recht?!
So sind doch die Abzocker: Häufen Geld auf Geld und suhlen sich im Glück.

 

Und ich?! Ich habe brav Herz und Hände rein erhalten.
Was habe ich davon?
Nichts als Plage Tag für Tag, jeder Morgen liegt mir neu schwer auf.
Bitter wurde mein Gemüt und es stach mich in den Nieren.
Warum? Weil ich dumm war vor dir, unvernünftig wie das Vieh.
Ich quälte mich, um das Unrecht zu begreifen.
Bis mir im Tempel Gottes endlich aufging:
„Auf das Ende der Gottlosen musst du schauen!“
Ja Gott, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund.
Unversehens packt sie der Schreck und sie nehmen ein böses Ende.
Wie ein Traum beim Aufstehen, so lösen sie sich auf in Nichts.
Ich aber bleibe immer bei dir.
Du leitest mich an meiner rechten Hand wie du es gut findest für mich.
Du nimmst mich am Ende auf in Schönheit und Pracht.
Ja, fern von dir geht man zugrunde. Du machst zunichte, die dir die Treue brechen.
Ich aber finde mein Glück darin, dir nahe zu sein.
Ich setze auf Gott mein Vertrauen. Amen.

Ein unmögliches Thema habe ich mir da wieder vorgenommen. Ich habe es schon bitter bereut. An der Ungerechtigkeit dieser Welt haben schon grössere als ich sich die Zähne ausgebissen. Sei’s drum: Wie in jeder Predigt biete ich Ihnen meine Überlegungen an und hoffe, Sie damit zu eigenen Gedanken anzuregen.

 In manchen Psalmen der Bibel wird die frustrierte Frage gestellt: „Was hat man vom Glauben? Was hat man von einem anständigen Leben der Nächstenliebe?“ Und unser Psalm gibt gleich die Antwort: „Nichts als Plage Tag für Tag.“ Aber den Spöttern geht es blendend, denen, die sich grinsend über Religion und Ethik hinwegsetzen: Denen geht es prächtig. Ja, da singt man andächtig: „Gott, deine Gerechtigkeit, wie die Berge stehet sie…“ Aber mal ehrlich: Wo sieht man etwas von dieser Gerechtigkeit? Das Gegenteil sieht man, Ungerechtigkeit! Dieser Aufschrei ging um die Welt, als 1755 ein Erdbeben von der Stärke 8.5 Lissabon in Trümmer legten und 100‘000 das Leben kostete. Kirchen lagen in Schutt und Asche, und ausgerechnet das Rotlicht-Viertel blieb verschont! Die Welt ist voll stossender Ungerechtigkeit: Die einen werden auf der Sonnseite geboren, die andern im Schatten. Der eine heisst Mozart und erobert mit seiner Musik spielend die Welt; der andere heisst Salieri, gibt sich eine Heidenmühe und kommt auf keinen grünen Zweig. Die eine kommt mit einem hübschen Frätzchen auf die Welt, der andere ohne Augenlicht. Die einen werden in der Schweiz geboren, andere in Burkina Faso. Von Ihnen könnte ich irgendjemanden aufrufen und sagen: Erzählen –Sie uns aus Ihrem Leben eine Ungerechtigkeit! Sie müssten wohl kaum lange nachdenken! „Das Leben ist ein Würfelspiel, wir würfeln alle Tage. Dem einen bringt das Schicksal viel, dem andern nichts als Plage.“

 Wie denken moderne Menschen darüber? Es gibt drei verbreitete Denkmuster: Verdrängen, Atheismus und Buddhismus.

1. So lange es einem gut geht, versucht man gern, das schreiende Unrecht der Welt zu verdrängen. Man kann sich die Ungerechtigkeit, das unermessliche Leid, das uns die Glotze ja täglich in die Stube flimmert, nicht unaufhörlich vor Augen halten, sonst wird man depressiv! Dass Verdrängen keine gute Lösung ist, wissen wir alle. Ich bin der reiche Mann, der Fenster schliesst und Vorhänge zieht, damit er den armen Lazarus vor seiner Tür nicht ständig sehen muss. Solchen Reichen drohte Jesus mit der Hölle. Das weiss ich, aber ich will halt meine Pension nicht verschenken und will nicht nach Afrika ziehen wie Albert Schweizer. Ich muss das Unrecht zeitweise verdrängen, um hier leben zu können. Nur darf ich es ja nicht ganz vergessen.

2. Wer sich das Unrecht ungeschminkt bewusst macht, kommt leicht zum Atheismus. Es werde halt keinen „Schöpfer Himmels und der Erde“ geben, „der alles so herrlich regieret“. Nach den Gräueln der Nazizeit liebäugelte auch die evangelische Theologie mit dem Atheismus. Nach Auschwitz könne man nicht mehr an einen Gott glauben, der über dieser Welt stehe, sagte man. Ja, dem Verstand muss es tatsächlich so scheinen. Der Holländerpfarrer, der ein atheistisches Christentum predigt, hat einen grossen Fanclub. Aber - mit dem Schöpfergott beerdigt man halt auch das Gebet, die Hoffnung, die Freude der Erlösung, alles, was den Christenglauben schön macht. Übrig bleibt ein fades Süpplein Moral. Wenn aber die ganze Religion nur noch daraus besteht, dass man lieb und nett sein sollte, dann kann ich gern darauf verzichten.

 3. Nun gibt es ein drittes Denkmuster, das man schon in der Bibel findet und in allen östlichen Religionen: Man glaubt, hinter dieser ungerechten Welt gebe es eine verborgene unbestechliche Gerechtigkeit, das gerechte Gesetz der Wiedervergeltung, im Osten nennt man es „Karma“: Was immer du tust, das musst du auch einmal erleiden. Du erntest heute, was du einmal gesät hast, vielleicht in einem früheren Leben. Was einer leidet, hat er also auch früher einmal verdient. Dieses Denkmuster ist verlockend einfach, es kann das Böse in der Welt erklären; allerdings zu einem sehr hohen Preis: Nach dieser Sicht ist der Arme oder Kranke selber schuld an seinem Leid, und ich bin umgekehrt auch selber die Ursache dafür, dass es mir heute in der reichen Schweiz gut geht. Das ist eine unbarmherzige und gefährliche Weltanschauung!

Wie geht nun die Bibel mit der Ungerechtigkeit der Welt um?
Drei Kerngedanken der Bibel möchte ich Ihnen heute vorstellen.

1. Dem ersten begegnen wir in der Geschichte Hiobs. Hiob verliert ja Hab und Gut, Kinder und Gesundheit. Da klagt er vor Gott: „Das habe ich nicht verdient, das ist ungerecht.“ Seine Freunde aber kommen von der Karma-Fraktion und reden auf ihn ein: „Nein, nein, Gott ist absolut gerecht. Irgendeine Sünde muss bei dir verborgen sein, sonst ginge es dir nicht so schlecht.“ Hiob aber bleibt dabei: „Nein, es ist ungerecht.“ Und siehe da! Gott erscheint selber und sagt zu Hiobs Karma-Freunden: „Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob“ (42,7). Hiob bekommt Recht, er, der sein Schicksal als ungerecht einklagte. Allerdings: eine Erklärung für das Unrecht bekommt auch Hiob nicht. Hiob bekommt also Recht, wenn er Gott im Gebet das Unrecht der Welt zum Vorwurf macht. Das ist der Hammer! Das heisst also für mich, auch ich darf sagen: Ich habe diese Welt nicht erfunden. Ich bin vielleicht ein Sünder wie alle andern, aber so viel Leid haben wir nicht verdient. Ich habe das Unrecht dieser Welt nicht eingebrockt und möchte es auch nicht auslöffeln. Muss ich es trotzdem auslöffeln, so beharre ich vor dem ewigen Richter darauf, dass es nicht recht ist. Auch Jesus starb mit der vorwurfsvollen Klage auf den Lippen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wie Hiob erhielt er keine Antwort. Das ist eine unheimlich wichtige Lehre der Bibel: Erkläre nicht das Unrecht dieser Welt! Lerne leben ohne Erklärung, wie ein gerechter Gott all das Unrecht zulassen kann! Das fällt uns schwer. Unser Hirn ist richtiggehend programmiert, hinter allem und jedem eine Erklärung zu suchen. Aber hier gibt es keine Erklärung und wir sollen uns auch keine zusammen basteln. Warum denn nicht?!

Immer wieder heisst es: Die Menschen sind schuld an der Ungerechtigkeit unserer Welt. Die Hexen, sagte man. Was daraus wurde, wissen wir. Die Juden sind schuld. Als mein Vater jung war, wurden 5 Millionen Juden vergast. Heute ist es chic zu sagen: die Kapitalisten sind schuld. Weil Menschen derartige Egoisten seien, sei die Welt ungerecht. Und dann schiebt noch einer nach: „Würden alle die 10 Gebote halten, so wären wir doch im Paradies!“ Tönt auf den ersten Blick sympathisch, stimmt aber einfach nicht! Auch wenn zwei in gleicher Weise die 10 Gebote halten: der eine hat Krebs, der andere nicht. Und wir sollen nicht wissen warum, wir sollen am ehesten Gott dafür verantwortlich machen wie Hiob. Denn wenn wir die Schuld Menschen geben, verdoppeln wir das Unrecht!

 2. Der zweite biblische Leitgedanke ist „prophetisch“. Im Alten wie Neuen Testament lesen wir, Gott selber wolle Neues schaffen: „Siehe, ich mache alles neu“ (Off 21,5; Jes 43,19). Aha! Mit der Welt, wie sie jetzt ist, ist auch der Ewige nicht zufrieden? Die Welt muss neu werden, der Mensch muss neu werden. Aus dieser Quelle stammen prophetische Worte, die den Reichen Bauchweh machen, weil sie lieber hätten, alles bliebe, wie es ist. Maria singt im Magnifikat: „Gott stürzt Mächtige vom Thron und erhöht Niedrige. Hungrigen schenkt er seine Gaben und Reiche lässt er leer ausgehen“ (Lk 1,52). „Erste werden Letzte sein und Letzte Erste“ (Mt 19,30), sagte Jesus.

Ist denn dieser Gott ein Linker?! Ja, er hatte einst die billigen Arbeitskräfte aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit und zu seinem Volk gemacht. Er ist dagegen, dass man Menschen zu billigen Arbeitskräften macht. Jesus sitzt bei Zöllnern und Sündern, er preist die Armen selig und sagt, ein Kamel gehe eher durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Gottesreich. Das ist schon linkes Denken! Die Bewegung Gottes, die man „Gottes Reich“ nennt, will das Unrecht auf der Erde ausgleichen. Gott selber sei dran, auszugleichen. Viel zu langsam aus meiner Sicht, aber Umsturz ist im Kommen, daran will ich glauben, und einmal wird alles Unrecht ausgeglichen. Verhelfe ich heute meinem Nächsten zum Recht, so bin ich ein Agent des Reiches Gottes, das kommt.

3. Der dritte Leitgedanken kommt von Jesus: „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan.“ In jedem Armen und Leidenden begegnet dir Gott. Du kannst das Unrecht im Bauplan dieser Welt nicht verstehen und nicht ändern. Aber heute begegnest du einem Menschen. Gib ihm, was du hast und was ihm fehlt, und du nimmst Teil an der Neuschaffung der Welt. Was du deinem Nächsten tust, tust du Christus. Wenn du in einem Durstigen Christus erkennst und ihm einen Becher Wasser gibst, legst du einen Baustein zur neuen Welt. Das heisst also: Gib acht, dass dein Herz nicht hart wird vor lauter Unrecht in der Welt! Siehst du, wie ein Mitmensch leidet, so dreht sich doch dein Herz um. Halte dieses Mitgefühl warm und lass dich davon leiten. Das Mitgefühl ist vom Kostbarsten, was du hast; es macht dich wahrhaft zum Menschen. Wozu dein Mitgefühl dich leitet, weiss ich nicht. Aber es ist dein bester Leitstern angesichts des Unrechts in dieser Welt.

Das war nun eine geballte Ladung Bibel, aber ich kann mit fünf einfachen Sätzen zusammenfassen:

1. Die Welt ist wahrhaft ungerecht, ich muss das nicht schönreden, ich darf es beklagen.

2. Ich habe diese Welt nicht erfunden und kann sie auch nicht ändern.

3. Gott verspricht, er werde alles neu schaffen und die Ungerechtigkeit ausgleichen.

4. Gott gab uns Mitgefühl, damit wir den leidenden Christus erkennen in dem Menschen, der uns heute begegnet.

5. Lassen wir uns vom Mitgefühl leiten, so nehmen wir teil am Projekt Gottes, am Bau einer gerechteren Welt.

 Gnädiger Gott: Drück bitte ein Auge zu, wenn deine Zweibeiner sich Gedanken machen über Dinge, von denen sie nichts verstehen. Wir versuchen halt, das Bisschen Verstand zu gebrauchen, das du uns zugeteilt hast.

Und dein Friede, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

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