Damit ihr seid, wo ich bin. Radiopredigt zu Joh 14,1-3

17. Mai 2012 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio

Die Himmelfahrt Jesu, die am heutigen Feiertag betrachtet wird, habe ein verborgenes Thema, sagt der Evangelist Johannes, nämlich das Durcheinander des Herzens, die unterschwellige Angst vor dem Tod. Auf den ersten Blick erzählt Johannes gar nichts über „Auffahrt“, wie wir hierzulande sagen, so wenig wie Matthäus und der ursprüngliche Markus. Lukas ist der einzige biblische Autor, der erzählt, Jesus sei emporgehoben und von einer Wolke aufgenommen worden. Johannes aber schreibt, der Meister habe seine Jünger darauf vorbereitet, dass er sterben und sie verlassen müsse. Und dabei habe er ein Wort gesagt, das ich als Himmelfahrtswort des Johannes verstehe. Am Anfang von Kapitel 14 lesen wir:

„Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen! Vertraut auf den Höchsten, vertraut auch auf mich! Im Hause meines Vaters können viele sich niederlassen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt. Ich gehe nun hin, um für euch eine Bleibe vorzubereiten. Und nachdem ich euch verlassen und den Ort für euch zubereitet habe, komme ich zurück und nehme euch bei mir auf; damit auch ihr seid, wo ich bin.“

„Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen!“ Was hätte denn das Herz der Jünger erschrecken oder durcheinanderbringen können? Natürlich das bevorstehende schreckliche Sterben ihres Meisters. Jesus musste klar vorausgesehen haben, was auf ihn wartete, darin stimmen alle Berichte überein. Er versuchte mehrfach, seine Leute mental auf sein schlimmes Ende vorzubereiten. „Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen,“ sagt er hier, denn ich muss euch verlassen, ich muss hinüber gehen, um euch im Hause meines Vaters ein Zuhause vorzubereiten. Hier haben wir nun eine einzigartige Deutung des so schwer verständlichen Kreuzestodes Jesu. Es gibt in der Bibel sicher ein Dutzend weitere sehr unterschiedliche Deutungen für den Kreuzestod. Hier sagt Johannes gewissermassen: Mit seinem Sterben und Weggehen öffnet Jesu allen den Himmel, das Haus des ewigen Vaters, allen, die ihm vertrauen, und er verschafft ihnen dort einen Platz, eine Bleibe, eine „Wohnung“, wenn Sie wollen. Bildersprache ist das! Vom Sterben und von dem, was dahinter liegt, kann man nur in Bildern reden.

Schreibt nun einer ein Buch, wie Johannes, so will er natürlich Leser ansprechen. Wir sollen heute für uns hören, was Jesus damals zu den Jüngern sagte: „Lasst euch das Herz nicht durcheinander bringen!“ Was könnte denn unser Herz durcheinander bringen? Wohl weniger das Sterben Jesu vor 2000 Jahren, als unser eigenes. Die Angst vor dem Tod könnte mein Herz durcheinanderbringen. Habe ich Angst vor dem Tod? Haben Sie Angst vor dem Tod?

Sagen Sie noch nicht ja oder nein! Zunächst eine Vorbemerkung: Es wird kein Zufall sein, dass hier vom Herzen die Rede ist. Angst ist ein Gefühl, und Gefühle sind nicht im Denken, nicht im Geist zuhause, sondern in tiefen Schichten unseres Gehirns. Diese Tiefenschichten spricht man an, wenn man Herz oder Bauch, Seele oder Gemüt sagt. Heute wissen wir, dass wir aus einem unbewussten Wesenskern leben, der unsern ganzen Körper steuert und uns die Gefühle beschert. In diesem Wesenskern gibt es kein sprachliches Denken, da gibt es nur Gefühle und Bilder. Daneben aber denken wir in logischen Sätzen. Mit diesem Denken haben wir nur sehr beschränkt Zugang zu unserem Wesenskern. Diesen Wesenskern meint Jesus, wenn er hier sagt, unser Herz soll nicht durcheinandergebracht werden. Es ist der Ort, wo sich allenfalls eine Angst vor dem Tod verbergen würde.

Nun zurück zur Frage: Haben wir Angst vor dem Tod? Mit dem Denken bluffen wir uns ja gern rotbackig über das Thema Sterben hinweg. Wer darf schon zugeben, er habe Angst vor dem Tod? Taucht das Thema auf, so hört man überall, und Sie haben es vielleicht auch schon gesagt, mit Feldweibelstimme: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Nein, Tod gehört zum Leben, es gibt nichts Natürlicheres als Sterben und was nachher kommt, ist mir egal.“ „Jaja, ruf nur laut!“, würde unser Wesenskern, das Herz da entgegnen, „pfeif nur weiter im Dunkeln, du Knirps im finstern Keller! Dass du keine Angst zu haben vorgibst, ist ja kein Wunder. Fühlen tust du eh nichts, Gefühle sind meine Sache. Ob du, Mensch, Angst hast vor dem Tod oder nicht, musst du mich fragen, dein Herz.“ Und wie es im Herzen wirklich aussieht, liebe Hörer, davon weiss der Kopf erschreckend wenig.

Ich las mit Staunen das Buch von Julian Barnes: „Nichts, was man fürchten müsste“. Er gibt offen zu, dass er vor dem Tod Angst hat. Autoren, die englisch schreiben, sind manchmal wunderbar ehrlich und lebensnah. Barnes ist Atheist. „Ich glaube nicht an Gott,“ schreibt er, „aber ich vermisse ihn.“ Der Tod sei „Nichts, was man fürchten müsste“, versuchte er sich einzureden; ohne Erfolg. Er kam im Gegenteil zur Erkenntnis, dass es ja gerade dieses Nichts ist, vor dem er sich fürchtet. Die Angst seines Herzens vor dem Vernichtet-Werden lässt ihn nachts schweissgebadet aufschrecken und drückt ihm ständig aufs Gemüt. Julian Barnes beschreibt andere Autoren, die sich ähnlich vor dem Tod fürchteten; er ist nicht der einzige. Könnte es sein, dass die Angst vor dem Ausgelöscht-Werden viel häufiger in den unbewussten Tiefen der Herzen mottet, als die flapsigen Sprüche der Oberfläche vermuten lassen?

Nun lernen wir eben von den Neurowissenschaften, Denken oder Glauben, Logik oder Emotion, Kopf oder Herz seien zwei ganz unterschiedliche Bereiche unseres Hirns, die oft ziemlich unabhängig voneinander funktionierten. Könnten wir nicht einmal versuchen, beim Thema Tod die beiden inneren Bereiche, das Denken und das Fühlen, Kopf und Herz auch unterschiedlich einzusetzen?

Der Verstand denkt, Sterben sei etwas Natürliches. Er kann sich ein Auferstehen vom Tod, ein Weiterleben des Bewusstseins schlicht nicht vorstellen. Der Verstand ist ein hervorragendes Instrument, wie ein Scheinwerfer. Aber es gibt wohl Wirklichkeiten, in die kein Scheinwerferlicht der Logik dringen kann. In diesen jenseitigen Wirklichkeiten aber bewegt sich unsere Psyche mit ihren Bildern. Und Bilder sind es auch, die Jesus predigt. Seine Bilder, und überhaupt die meisten Bilder und Erzählungen der Bibel sind zum Herzen gesprochen, nicht zum Verstand.

Für das Herz also gibt es hier das berührende Bild vom Prinzen, der zum Palast seines Vaters reist, um dort für seine Freunde „eine Stätte zu bereiten“, für sie „Suiten einzurichten“. Stellen Sie sich vor, Sie wären auf einem langen, anstrengenden Marsch durch die Wüste. Nun hören Sie, wie einer sagt: „Ich laufe nun voraus und mache Essen und Zimmer bereit - für euch!“ Wie schön. Dass die schwarzen Sklaven in Amerika dieses Bild beherzigt haben, zeigen ihre Gospellieder: „I’ve got a home in gloryland…“ Ich habe einen Heimatort, ein Zuhause in der Herrlichkeit, im Hause des Vaters eine Wohnung. Mit Liedern kann die Psyche etwas anfangen. Solche Lieder sind Balsam für das furchtsame Herz. „Swing low, sweet chariot, comin’for to carry me home…“ Ein prächtiger Wagen rauscht herab vom Himmel, wozu?, um mich abzuholen und heimzubringen. Eine Schar von Engeln kommt extra für mich und nimmt mich begeistert in Empfang. Das sind die Bilder, die unser Herz braucht, wenn es ans Sterben geht; denn so sagt auch Er: „Und nachdem ich den Ort für euch zubereitet habe, komme ich zurück und nehme euch bei mir auf, damit auch ihr seid, wo ich bin.“

Ich will euch bei mir haben. Wenn Jesus sagt, er wolle seine Jünger bei sich haben, so heisst das: Gott will seine Menschen bei sich haben. Weil mir das verkündet wird, dass Gott mich in seiner Nähe haben will, darum vertraut mein Herz darauf, dass kein „Nichts zu fürchten“ ist, lieber Herr Barnes.

Natürlich knurrt und kläfft auch mein Verstand im Hintergrund! Soll er ruhig, dazu haben wir den Wachthund. Aber vom Sterben versteht der nichts. Er soll unser Herz nicht durcheinander bringen und uns die Bilder nicht vermiesen, die uns der Meister gibt, der sagt: „Vertraut auf Gott und vertraut auch auf mich.“

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