Perlen vor die Säue. Radiopredigt zu Matthäus 7,6

10. Juni 2012 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio,

in der Bergpredigt gibt es das derbe Wort von Jesus: „Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Säue!“ Der Sinn liegt auf der Hand: Es gibt Wertvolles, das nicht auf die Strasse gehört. Unsere Zeit aber liebt das Geheimnis wenig. Dabei gäbe es wahrhaftig im Christenglauben Intimes, dem man nicht unversehens auf Plakatwänden begegnen möchte. Vielleicht würden wir Christen gut daran tun, sorgfältiger zu unterscheiden zwischen öffentlicher und interner Kommunikation?

Nur ist dieses Jesuswort enorm stachlig. Es sagt Schweine und Hunde, meint aber Menschen. Mir wurde im Kindergarten eingebläut: „Sauhund“ sagt man nicht. Ich sag‘s ja auch fast nie, nicht laut, höchstens wenn das Gefühl durchgeht mit mir. Dann tut es mir im Nachhinein ein bisschen leid. Aber Jesus, der grosse Meister, den unsere Dogmatik den sündlosen Sohn Gottes nennt, meint Menschen und sagt Hunde und Schweine?! Das ist peinlich. Und es scheint auch kein verunglückter Einzelfall zu sein. Die Bitte einer Ausländerin wies Jesus einmal zurück mit dem Wort: „Man soll Brot, das für Kinder gebacken wurde, nicht den Hunden vorwerfen.“

Nun erwarten Sie wohl von einem Pfarrer, dass er alles erklärt und den Heiland wieder ins rechte Licht rückt. Ich kann‘s ja versuchen, aber wissen Sie, mir gefällt das halt. Jesus wird in der Bibel beschrieben als Mann, der auch mal derbe Sprache und kräftige Bilder braucht. Die Kirche hat ihn ja manchmal gemalt als sanftes, zahmes Jesulein, das nichts anderes sagt als immer wieder neu: „Seid doch lieb miteinander“. Ich hätte Mühe, so einen Softie als Meister meines Lebens anzuerkennen. Es fällt mir leichter bei einem kräftigen Mann, der auch mal unnahbar und grob daher kommt.

 Ja, der Jude Jesus sprach halt offenbar wie die andern Juden auch. „Hunde“ nannten sie damals die Nichtjuden, also jene Menschen, die haufenweise Götter anbeteten und daneben praktisch immer Juden plagten. Und die römischen Soldaten von der Besatzungsmacht nannten sie „Schweine“. Wirklich sehr abschätzig. Für Juden gibt es nichts Unreineres als Schweine. Ich möchte aber einen mildernden Umstand anführen. Jahrhundertelang vor der Zeit Jesu - damals ohnehin - und seither noch viel schlimmer haben immer Nichtjuden die Juden drangsaliert und terrorisiert. Antisemitismus, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit… Würde ich zu einer Minderheitsreligion gehören, die immer und überall verfolgt wird, so möchte ich Verständnis erwarten, wenn ich - in Wut und Verzweiflung - meinen Verfolgern ab und zu „Sauhund“ austeilte. Gewiss: Es ist politisch nicht korrekt und schon gar nicht christlich. Heute würde auch Jesus anders reden. Aber menschlich ist es doch verständlich, und immer noch weniger schlimm als rohe Gewalt.

 „Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Säue.“ Will Jesus hier sagen, man solle seinen kostbaren Glauben nicht vor Ungläubigen ausbreiten? Ähnliche Sprüche gibt es von andern Rabbinern seiner Zeit. Aber zu Jesus passt das irgendwie nicht. Er stellte ja im Gegenteil seinen Mitjuden immer Heiden als Glaubensvorbilder vor Augen, Samaritaner, Syrer, Phönizier und Römer. Die Zäune, die Religionen voneinander abgrenzen, beachtete er nie. Er schaute auf den Glauben des Herzens, nicht auf das äussere Glaubensbekenntnis.

 Hier könnten wir nun den abgegriffenen Kniff aus der Theologen-Trickkiste ziehen und sagen: „Dieses Wort kann unmöglich vom ursprünglichen, historischen Jesus stammen. Matthäus hat es ihm in den Mund gelegt“. Danke, da mache ich aber nie mit. Für mich wird es in der Regel erst recht spannend, wenn Jesus etwas sagt, das ich von ihm nicht erwartet hätte. Ich find’s etwas peinlich, wenn Theologen einfach als unecht abqualifizieren, was nach ihrem Verständnis nicht zu Jesus zu passen scheint.

 Hören wir gut hin! „Werft eure Perlen nicht vor die Säue!“ Was hört man da? Ich höre abgrundtiefe Enttäuschung. Ich höre einen enttäuschten Jesus, der nur schwer darüber hinweg kommt, dass viele sein Wort in den Dreck stampfen, wie Schweine das Futter. Wenn Menschen nicht hören wollten, konnte Jesus sichtlich grob werden. Einmal schickte er Jünger zum Predigen in die Dörfer und warnte: „Aber passt auf, es geht dem Schüler nicht besser als dem Lehrer. Viele werden nicht auf euch hören. Aber diesen, die nicht hören wollen, geht es einmal schlimmer als Sodom und Gomorrha.“ Auch hier ein bitteres, schreckliches Bild der Enttäuschung. Ein anderes Mal steht er auf einer Anhöhe und sieht vor sich die prächtige Stadt Jerusalem. Da fängt er an zu weinen. Stellen Sie sich vor, dieser robuste Prophet kann vor seinen Jüngern die Tränen der Enttäuschung nicht zurückhalten! „Wenn du doch nur erkannt hättest, Jerusalem, was dir Frieden bringt!“, sagt er, „aber du hast nicht gewollt.“

 „Du hast nicht gewollt.“ Du wolltest nicht hören. Ist das nicht das Thema, die Überschrift über die Menschheitsgeschichte? Nicht hören wollen. So habe es angefangen, erzählt die Bibel, bei Adam und Eva. Gott war wohl verborgen, aber die Information war da. Man konnte wissen, was gut ist. Man konnte erkennen, was dem Frieden dient. Gottes Wort ist ergangen, aber der Mensch will nicht hören. Und wer nicht hören will, muss fühlen. Wie viele Geschichten der Heiligen Schrift drehen sich um dieses eine Thema: Gott spricht, aber der Mensch hört nicht zu?

 Ich möchte wetten: auch aus Ihrem Leben könnten sie Variationen dieses Themas erzählen. Man hätte es wissen können, aber man wollte nicht hören. Vielleicht machen Sie sich noch heute Vorwürfe, dass Sie einmal nicht hatten hören wollen. Oder umgekehrt: Vielleicht wussten Sie, was dem Frieden dient. Sie wollten verzweifelt die notwendige Information hinüber bringen. Aber man wollte nicht auf Sie hören. Wer immer Kinder anvertraut erhält, sieht sich früher oder später in dieser klassischen Rolle, ähnlich wie Jesus: Man hat Wichtiges, ja Lebenswichtiges zu sagen, aber diese Donners-Kinder wollen nicht hören.

 Vielleicht denken Sie jetzt: „Mag ja sein, aber es würde mir deswegen nicht einfallen, Kinder als Schweine und Hunde zu titulieren!“ Moment mal, sind Sie sicher? Das Thema steckt ja auch tief in uns selber! Unser Gewissen sagt, was gut wäre, und wir selber wollen oft nicht hören. Das kennen Sie doch aus Erfahrung? Oder meinen Sie immer noch - wie ein Drittklässler - dass Sie allezeit tun, was Sie als gut und richtig erkannt haben? Nein, unter uns Pfarrerstöchtern können wir es doch zugeben: Manchmal ist auch bei uns der innere Schweinehund stärker. Haben Sie das nun gehört?! „Sauhund“. Ein deutscher General rief einmal: „Ihr müsst euren inneren Schweinehund zähmen!“ Das gefiel Hermann Göring ungemein. So wurde „der innere Schweinehund“ ein typischer Nazi-Ausdruck. Und heute ist er in aller Mund, nicht wahr. Widerlich. Und halt doch auch stimmig für unsere angeborene Trägheit, von der Jesus sagte: „Der Geist wäre willig, aber das Fleisch ist schwach.“

 Stimmig haftet auch dieses Bildwort von Jesus: „Werft eure Perlen nicht vor die Säue!“ „Eure Perlen“: Ihr habt Kostbares, Heiliges erfahren. Hütet es, hängt es nicht an die grosse Glocke. „Das Heilige und das Geheimnis sind Schwestern,“ sagt O’Donohue, „the secret and the sacred are sisters“. Was mir aus der grossen Tiefe, aus der Quelle des Lebens zukommt; was der Bach Gottes bei mir anschwemmt; was mich im Herzen berührt, ist Geheimnis, ist ein Geheimnis, das Gott und ich miteinander haben. Es sind Schmerzen, es sind Abstürze, auch einige Höhenflüge. Aber es sind meine Geheimnisse; sie sind es, die mich ausmachen. Ich liebe sie und fürchte sie ein wenig, und ich habe gelernt, davon zu schweigen. Im Dämmerdunkel glühen sie in leuchtenden Farben, im Scheinwerferlicht aber sind sie grau und staubig.

Gebt das Heilige nicht vertrauensselig preis und eure Perlen tragt unter dem Gewand. Amen.

Einen Kommentar schreiben

*
*
Bitte rechnen Sie 7 plus 4.
*