Wider menschliche Natur. Radiopredigt zu Matth 18,1-4

26. August 2012 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio,
Das geht mir gegen den Strich! Was denn? Was Jesus predigt. Seine Kernverkündigung ist „das Reich Gottes“, so steht‘s in deutschen Bibeln. Schon die Bezeichnung „Reich Gottes“ ist schwer verdaulich. Das letzte Reich war Hitlers „Tausendjähriges“; seither können wir auf „Reiche“ jeglicher Färbung verzichten. Die „Bibel in heutigem Deutsch“ sagt für „Reich“ „Gottes neue Welt“. Das ist besser, aber mir geht eigentlich gegen den Strich, was Jesus inhaltlich vom „Reich Gottes“ oder von „Gottes neuer Welt“ sagt! Nehmen wir als Einstieg ein Wort aus Matthäus 18: „In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist im Reich Gottes der Größte? Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Reich Gottes der Größte.“

Ich sag‘s ungehobelt, damit es sich im Gedächtnis festkrallt: Reich Gottes ist „widernatürlich“. Reich Gottes ist anders als unsere Natur. Das will ich mit Ihnen dann eingehend ausbeineln. Zuerst aber wollen wir uns fragen, warum Jesus und seine Jünger überhaupt von einem „Reich Gottes“ reden.

 Sie waren Weltverbesserer, zweifellos. Unzufrieden mit der Welt, wie sie ist, diskutierten sie darüber, wie eine neue bessere Welt aussehen wird. Das ist nun nichts Besonderes. Wo immer Menschen sich ernsthaft Gedanken machen über ihr Leben, kommen sie darauf, dass da noch Besseres zu holen wäre. Stramme Kommunisten sehnen sich nach einer „klassenlosen Gesellschaft“. New-Age-Aktivisten hoffen und arbeiten auf ein „neues Bewusstsein“ hin. Wer sieht, wie die Erde ausgebeutet und zerstört wird, setzt sich ein für nachhaltige, ganzheitliche Wirtschaft und Wissenschaft - Sie auch, hoffe ich? Das unterscheidet wohl den Menschen vom Tier: Denkende Menschen sind nicht zufrieden mit der Welt, sie können sich eine bessere vorstellen. Auch Jesus stellt uns eine bessere Welt vor. Er sagte eben: „Das Reich Gottes bricht an“.

 (Dazu eine Anmerkung: Matthäus schreibt jeweils „das Reich der Himmel“, weil Juden das Wort „Gott“ meiden. „Himmelreich“ aber ist heute missverständlich, weil man bei „Himmel“ zwangsläufig ans Jenseits denkt. Jesus aber verkündet das Reich Gottes für das Leben auf dieser Erde. Es breitet sich hier und heute aus, wo Menschen aus innerem Antrieb tun, was Gott geboten hat. Gewiss wird das Reich Gottes über den Tod hinaus bleiben, das ist für Jesus selbstverständlich, aber „Reich Gottes“ meint nicht den Himmel, sondern die Erde.)

 Gut. Auf der Erde soll der Mensch danach streben, ins Reich Gottes zu finden. Jesus sagt: „Euch muss es zuerst um Gottes Reich gehen, dann wird euch alles andere dazu gegeben.“ Wer diese neue Art des Lebens entdecke, der finde einen Schatz, kostbarer als alles andere. Wer einmal die geheime Tür gefunden habe, werde alles im Leben dem Reich Gottes unterordnen. Aber einfach sei es nicht. Der Weg sei schmal und die Tür eng. Längst nicht alle würden den Zugang finden, sagt Jesus. Zugleich aber sagt er auch ganz anders: Wenn Ihr mir zuhört, ist das Reich Gottes schon in eurer Mitte. Es kommt wie von selbst und breitet sich unaufhaltsam aus. Klein fängt es an und wächst von selbst und wird sehr gross. Es kommt und ist schon da. Es verändert die Menschen und stammt doch nicht von Menschen, sondern von Gott. Und es sei „widernatürlich“, habe ich gesagt. Wieso?

 Achten Sie auf die Frage, welche die Jünger stellten! „Wer ist der Grösste im Reich Gottes?“ Auf den ersten Blick eine peinliche Frage. Vor allem, wenn stimmt, was Markus berichtet: „Sie hatten miteinander darüber gestritten, wer von ihnen im Reich Gottes der Grösste sei.“ Wie die Erstklässler! „Ich bin der Grösste. Mein Vater ist grösser als deiner.“ Die Kleinen wollen immer das Grösste, Höchste, Schwerste wissen. Kindereien? Gewiss – und wir Erwachsene? Spitzensport: Wer ist der Schnellste, Beste, Stärkste? Oder welches Land kann sich das höchste Gebäude der Welt leisten? Wer baut den längsten Eisenbahntunnel? Wer sind die zehn Reichsten der Schweiz? Wer hat die meisten Platten verkauft? Wie viel PS hat dein Schlitten? Ich bitte Sie: Das Schielen auf die Grössten ist typisch menschlich, liegt in unserer Natur. Psychologen sagen, dass die Blicke einer Gruppe sich unwillkürlich auf den Grössten richten, bei Menschen wie bei Schimpansen. Und dagegen wendet sich Jesus, gegen unsere Natur. Er sagt: Der Grösste im Reich ist, wer klein sein kann wie ein Kind. Wer nicht umkehrt und klein wird wie ein Kind, dem bleibt das Reich eh Gottes verschlossen. Es liegt zwar in eurer Natur, nach dem Grössten zu streben. Aber ihr müsst eure Natur zähmen und zurücknehmen. Lernt, auf eigene Grösse verzichten und das Kleine achten.

 So geht es ständig bei Jesus. Es liegt in meiner Natur zurückzuschlagen, wenn mir jemand eine schmiert. Jesus aber sagt: „Halt ihm auch die andere Backe hin! Du sollst ihm sieben mal siebzig mal vergeben. Liebet eure Feinde.“ Es ist natürlich, Geld und Gut anzuhäufen, so viel man kann; wir haben halt auch ein Hamster-Gen mitbekommen. Jesus aber sagt: „Wer zwei Hemden hat, gebe dem eins, der keines hat.“ Es ist natürlich, dass man sich bei seinen eigenen Leuten geborgen fühlt, aber Angst hat vor Fremden. Jesus sagt: „Ihr alle seid Geschwister und habt alle den einen gleichen Vater.“ Es liegt in unserer Natur und darum in unserem Wirtschaftssystem, dass Schwächere den Mächtigen dienen müssen. Jesus sagt: „Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer mächtig sein will, soll allen dienen.“

 Es gibt noch viele Belege für meine These: Was Jesus als neues Verhalten in „Gottes neuer Welt“ empfiehlt und anordnet, geht in der Regel gegen die natürliche Neigung, gegen das Normale und Vernünftige, gegen das, was alle tun. Jesus impft unser Denken mit einem neuartigen Verhalten, das aus der natürlichen Entwicklung unserer Art nicht abzuleiten ist.

 Auf die Impfung antwortet meine Natur zunächst mit Abwehr: „Zumutung! Zu viel verlangt! Gegen meine Natur kann ich doch nicht.“ Dann aber überwiegt Faszination: Hat er nicht Recht? Unsere Welt mit allem Fortschritt von Technik und Wissenschaft wird ja nur bequemer, nicht besser! Wir können einfach nicht weiter machen wie damals, als wir „noch auf den Bäumen hockten“. Und mein Herz schlägt - bei allem Widerstand - für die neue Welt, die Jesus verkündet. Ich bin gerührt, wenn Nelson Mandela nach Jahrzehnten im Gefängnis seinen Wärtern vergibt; wenn Jesus für seine Peiniger um Vergebung bittet. Gerührt schaute ich kürzlich zu, wie ein kleines Mädchen am Zebrastreifen den Arm ausstreckte, wie ein Vierzigtönner kreischend anhielt und das kleine Fräulein stolz vor dem Monster die Strasse querte. Aha, so läuft‘s im Reiche Gottes! Die Kleinen werden von den Grossen respektiert. Die wahrhaft Starken vergeben ihren Widersachern. Ja, so wird es sein müssen.

 Der Weg dahin ist anspruchsvoll. Soll man nun seine Natur bekämpfen, unterdrücken, verdrängen? Keineswegs, unsere Natur ist ja nicht schlecht, sie ist die Grundlage allen Lebens. Aber sie braucht die Erweiterung durch den Geist. Wir müssen unsere Kinder lehren sich zu wehren. Und wir müssen sie überdies im Namen Jesu lehren: Bist du stark genug, um dich zu wehren, dann werde geistlich stark und lerne vergeben. Das wäre nun eine andere Predigt. Für heute lassen wir es gut sein mit dem Ziel, das wir vor Augen sehen: Gottes neue Welt, wo der Geist Jesu die Natur auf Liebe hin überflügelt.

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