Sein Name ist "Fels" Deut 32,4

14. Oktober 2012 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio,
wenn Sie mich fragen: „Wie stellst du dir eigentlich Gott vor?“, sage ich vorschnell: „Gar nicht“. Die Zeit, da ich mir Gott als Pfeife rauchenden Opa auf einem Wolkenthron vorstellte, ist vorbei. Überdies sagt die Heilige Schrift ja deutlich: „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott.“ Ja gut; aber wenn ich es mir recht überlege, ist es nicht so einfach mit den Gottesbildern. Psychologen sagen: Unsere Seele kann gar nicht anders, als sich ein Bild zu machen von Gott; sie muss sich ein Bild machen von allem; denn Bilder sind die Sprache der Seele. Stimmt das, so tragen wir alle, tief im Unbewussten, Bilder mit uns von Gott. Mein kindliches Gottesbild vom Wolken-Opa ist vermutlich gar nicht etwa gelöscht, sondern in tiefen Gewölben meiner Seele zwischengelagert, da, wo normalerweise niemand hinkommt. Und da innen, da bin ich eigentlich sicher, da gibt es noch andere Gottesbilder. Was für welche, weiss ich selber nicht; denn ich habe den Schlüssel zu meinen tiefen Seelengewölben irgendwo verlegt.

Was machen wir nun aber mit dem Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen?“, wenn unsere Seele zwangsläufig mit Bildern funktioniert, auch mit Gottesbildern? Ich lege mir das so zurecht: „Bildnis“ ist Einzahl. Ich soll mich nicht an ein einziges Bild von Gott klammern. Es müssen immer unterschiedliche, wechselnde, vorübergehende Gottesbilder sein. Und „Du sollst dir kein Bildnis machen“, will heissen: Bastle nicht ein eigenes Gottesbild zusammen, sondern nimm jene Bilder von Gott, die er selber dir gibt. Gott gab uns nämlich Bilder von sich, sagt die schöne klassische Theologie. Allen voran den Menschen, und zwar den Menschen als Mann und Frau: „Als Mann und Frau schuf er sie, nach seinem Bilde“. Als Christ glaube ich, dass der Mensch Jesus am deutlichsten „das Bild des unsichtbaren Gottes“ darstellt. Jesus wiederum gibt uns jenes ergreifende Bild von Gott, das unser grosses Gebet eröffnet: „Unser Vater“. Als Bild von Gott gab uns Jesus „un père au coeur de mère“, ein Vater mit einem Mutterherzen.

In der Bibel stossen wir nun auf weitere Gottesbilder, merkwürdige, die mir nicht im Traum in den Sinn kämen. Eines davon soll uns heute beschäftigen: Im Lied des Mose, Deuteronomium 32, heisst es:
„Ich will den Namen des Höchsten verkünden... Sein Name ist: der Fels.“
Stellen Sie sich vor, es gab eine Zeit, da betete man in Jerusalem zu Gott: „Du, unser Fels“! 20 mal finden wir den Gottesnamen: „Fels“ nur schon in den Psalmen. Martin Buber übersetzt Fels mit „Schroffen“; also etwas Grobes, wir Berner dürften sagen „Chemp“. Meine Vernunft runzelt die Stirn: Was um alles in der Welt soll Gott mit einem Findling gemeinsam haben?!
Nun, ich gebe gern zu: Felsbrocken faszinieren mich. Meine Frau und ich reisten kürzlich tagelang in der Bretagne umher, um Steinbrocken zu besichtigen: Dolmen, Menhire. Einmal standen wir wie Zwerge vor einem 4m breiten Mocken, dreimal so hoch wie ich! Unglaublich, was wir da lasen: Der tonnenschwere Block sei viele Kilometer weit hertransportiert und aufgerichtet worden von Menschen, die noch nicht einmal Metall kannten! Was fasziniert mich an Steinen? Ich sehe vor mir die unheimliche Findlingsgruppe auf dem Jolimont bei Erlach, die „Tüfelsburdi“. Oder den Erdmannlistein bei Bremgarten; da wohnten scheints auch jenseitige Wesen. Auf der ganzen Welt gibt es Felsen, wo man seit Jahrtausenden opferte und feierte, zum Teil noch heute. Im Zentrum des Tempels zu Jerusalem, liege ein nackter Fels, im „Felsendom“ Und das muslimische Heiligtum Mekka sei ebenfalls ein Stein, die schwarze Kaaba. Markante Steine empfand man als besondere Orte, wo eine andere, jenseitige Welt in unsere Wirklichkeit hereinragt. Der Fels ist ein Gottesbild aus grauer Vorzeit, als noch niemand in Häusern aus Stein wohnte, als es noch keine Religionen im heutigen Sinne gab, ein Gottesbild, das allen unmittelbar zugänglich war. Vermutlich lagert der Fels als Gottesbild auch tief in unserer Seele, wenn wir nur den Schlüssel hätten.

Sie werden mich vielleicht einen alten Heiden schimpfen, aber mir gefällt, dass in der Bibel „der Fels“ einer der vielen Namen Gottes ist. Denn im Felsbrocken schaut mich die Ewigkeit Gottes an. Der „Chemp“ ist da. Er war da, Jahrtausende vor mir. Er wird da sein, wenn mir die Zähne nicht mehr weh tun. Vor ihm wird mein Leben so klein, wie es ist. Woher kommt der Findling? Ich weiss nicht. Ja, der Gletscher habe ihn gebracht, in der Eiszeit, aus den Alpen, heisst es. Das ist eine Antwort und ist keine. Warum hier, warum weit im Umkreis keine anderen? Der Fels ist da. Sein Dasein ist Geheimnis. Er ist da und er bleibt. Ich aber gehe vorüber. Wie war der Name Gottes, der dem Mose offenbart wurde? „Ich bin der ich bin. Ich bin da“. Ewige Gegenwart.

Ich dagegen, ich bin da und bin doch nicht da. Mein Geist hopst ständig aus der Vergangenheit in die Zukunft und wieder zurück. Ich ärgere mich, weil gestern was schief gelaufen ist und fürchte mich vor dem, was morgen schief laufen könnte. In meiner Tiefe gibt es überhaupt einen Grundwassersee von Angst. Das sieht man mir nicht an, aber wer mich anbohren könnte, stieße auf 1000 dumme Ängste. Ich komme zu spät, komme zu kurz, komme nicht mehr mit. Ich verliere meine Frau, meine Kinder, meine Gesundheit, meine Stelle, mein Geld. Das ist meine Welt, eine Welt der Angst und der Hetze. Beim Felsen aber berühre ich eine ganz andere Welt, die Welt des Seins und des Friedens.

In der Bibel heisst es oft: „Mein Fels, meine Zuflucht.“ Unsere Vorfahren suchten unter Felsen Zuflucht vor dem Wetter, und auf dem Felsen waren sie sicher vor Raubtieren und Feinden. Nehme ich mir Zeit bei einem Stein, so trete ich mit einem Bein in die ewige Anderswelt des Felsens. Meine Ängste werden leiser. Beim Felsen stellt sich die Frage: „Was ist wichtig?“ Gott ist da. Ich bin da. Alles andere „ist Beilage“. Gott gibt das Leben. Zu seiner Zeit nimmt er es wieder zurück. Jetzt bin ich da, das genügt.

Der Fels sagt nichts, er fordert nichts und macht nichts. Eben nicht! Er macht auch nichts, wenn ich ihn verzweifelt anschreie: „So mach doch endlich etwas! Siehst du denn nicht den Schmerz, die Not?!“ Hart, kalt und teilnahmslos steht der Fels da. Und so kommt mir Gott auch vor, über weite Strecken. Doch, doch, er erhört Gebete. Manchmal erfüllt er einen Wunsch. Das gibt es, Gott sei Dank! Aber immer wieder ist er der Fels, der einem im Weg steht, vor dem man sich heiser schreit, an dem man den Kopf einrennt. Sein Name ist „Fels“, der Unbewegliche. Schon der leidende Hiob sagte: „Ich glaube nicht, dass Er mich hört“ (9,16). Denken Sie nur, der fromme Hiob glaubt nicht mehr, dass Gott ihn hört! Lange Jahre traute ich mich nicht, so vom guten „himmlischen Vater“ zu denken, geschweige denn zu predigen. Aber er ist auch „der Fels“ und als Fels verweist er eine überbordende „Jesus-liebt-dich“-Romantik auf ihren Platz.

Hochinteressant finde ich, wie sich dann das Gottesbild „Fels“ in der Bibel änderte. Eine merkwürdige Geschichte macht den Felsen zur Quelle! Gottes Volk hatte Durst in der Wüste, da sagte Gott zu Mose: „Dort auf dem Felsen stehe ich vor dir. Dann schlage du den Felsen. Wasser wird sprudeln und das Volk kann trinken“ (Ex 17). „Der Fels“, Gott also, lässt sich schlagen vom Menschen und wird dadurch zum Lebensquell. Die ersten Christen sagten: Nun verstehen wir das! Christus am Kreuz ist der Fels, der sich hat schlagen lassen und der nun das Wasser des Lebens sprudeln lässt, das Wasser „der Taufe zur Vergebung der Sünden“. Ich gebe gern zu: Das ist schon Symbolik für Fortgeschrittene. Aber der geschlagene Fels, der zur Quelle wird, wurde zum tiefen Sinnbild des Glaubens. In den Negro Spirituals wird dieser Fels öfter besungen, und es gibt ein englisches Lied, das ausser uns die halbe Welt kennt: „Rock of ages, cleft for me, let me hide myself in thee.“ Fels des Heils, geschlagen mir, birg mich, ew‘ger Hort, in dir.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen in Christus Jesus. Amen.

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