Jedes Haar gezählt? Radiopredigt zu Lukas 12,4-7

6. Januar 2013 (Kommentare: 0)

„Fürchtet euch nicht!“, liebe Gemeinde am Radio; den Zuspruch des Engels an die Hirten der Weihnacht haben wir wohl noch im Ohr. In diesem „Fürchtet euch nicht“ ist das ganze Evangelium enthalten, wenn man so will. Jesus erklärt seinen Leuten näher, warum sie sich nicht fürchten sollen. Guter Wegproviant zum Jahresanfang! Aus Lukas 12:

„Jesus sagte zu seinen Jüngern: Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können. Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen. Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten. Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Rappen? Und doch vergißt Gott nicht einen von ihnen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“

„Fürchtet euch nicht!“ Erinnern Sie sich noch an die Ängste Ihrer Kindheit? Bei Starkregen hatte ich immer fürchterlich Angst, die Staumauer oben im Tal könnte brechen und wir würden alle ertrinken. Später fürchtete ich mich vor jeder der vielen Prüfungen, die man als junger Mensch zu bestehen hat, aber: Ich liess mir nichts mehr anmerken. Denn ich hatte rasch gelernt: Ein Mann, der Angst zeigt, hat keine Chance bei Frauen. „Furchtlos und ohne Augenzwinkern blickt der tapfere Indianer in die Zukunft, die ihm den sicheren Tod bringt.“ Welch ein Riesenbluff! Erwachsene verstecken ihre Ängste und spielen die Furchtlosen, obwohl die Psychologie längst weiss: Alle haben ihre Ängste, alle. 

Und die Jünger von Jesus hatten allen Grund, Angst zu haben, denn er schickte sie ja „wie Schafe unter die Wölfe“. Schlimmes wird auf sie zukommen: Diskriminierung, Verfolgung, gewaltsamer Tod. Wie bereitet Jesus sie darauf vor? Mit seinem einzigartigen Satz: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch sonst aber nichts tun können.“

Was soll da heissen „sonst nichts tun können“? Kann einem denn Schlimmeres passieren, als dass der Leib getötet wird!? Allerdings, sagt Jesus. Der Leib muss einmal sterben, das ist klar. Aber ihr werdet keineswegs sterben; ihr seid mehr als euer Körper. Euch selber kann niemand töten. Vielleicht könnte man sagen: eure Seele, euer Bewusstsein, oder euer „Ich“ überlebt gewiss den Tod eures Leibes. Für Jesus gab es offensichtlich keinen Zweifel daran, dass sein Leben, sein Wesen, was ihn zum Menschen macht, unsterblich ist. Der Leib ist wie ein Kleid. Ein kostbares, aber sterbliches Kleid. Wir werden es einmal ablegen und wir werden ein neues anziehen, so Gott will.

Warum begab Jesus sich freiwillig und bewusst in Todesgefahr, obwohl er ihr problemlos hätte ausweichen können? Weil er felsenfest überzeugt war, dass niemand ihm sein Leben nehmen konnte. Diese Überzeugung, dass der Mensch mehr ist als sein Leib; dass er sein Sterben überleben wird, wurde nie von allen geteilt. Dass aber Jesus davon überzeugt war und so lehrte, kann man nicht ernsthaft bestreiten. Und doch wird sogar das bestritten. Für materialistische Philosophie und Wissenschaft - und ein unheimlich grosser Teil der westlichen Wissenschaft ist noch materialistisch - für sie darf es keine unsterbliche Seele geben, darf es kein vom Gehirn unabhängiges Bewusstsein geben, sonst würde der Eckstein ihrer Weltanschauung wegbrechen. Und weil auch viele Theologen es mit der materialistischen Wissenschaft nicht verderben möchten, nehmen sie dieses und ähnliche Jesusworte nicht ernst.

Ich finde das dramatisch. Wer nicht hört, was Jesus hier sagt, verliert die zentrale christliche Hoffnung! „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können.“ Urteilen Sie selbst! Hier widerspricht christlicher Glaube der materialistischen Wissenschaft. Und es gibt gute Gründe, ihr zu widersprechen.

Das Video einer Australierin, Janine Shepherd, geht um die Welt (http://www.karmatube.org/videos.php?id=3576 ). Als vielversprechende junge Sportlerin wurde sie von einem Lastwagen umgefahren. Sechs Rückenwirbel und fünf Rippen waren gebrochen, sie hatte Brüche im rechten Arm und Fuss, sie war querschnittgelähmt. Höre ich von ihren übrigen Verletzungen, wird mir schlecht. Sie brauchte Jahre, aber sie lernte wieder gehen, ja sie erwarb sogar das Pilotenbrevet und ist heute Fluglehrerin. Frau Shepherd wiederholt immer wieder und es ist ihre Schlussfolgerung: „I am not my body. Ich weiss und habe es erfahren: ich bin mehr als mein Körper.“ Vom Glauben sagt sie nichts, sie hat es schlicht erfahren, dass ihr Bewusstsein offensichtlich etwas anderes ist als ihr geschundener Körper. Jesus sagt dasselbe, und für ihn ist das der erste Grund, warum es gilt: „Fürchtet euch nicht!“ Wir sind mehr als unser Leib.

Dann sagt er aber einen Satz, bei dem man sich heute erst recht die Ohren zu hält: „Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen. Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten.“

Da muss ich doch zurück fragen: Müssen wir noch an eine Hölle glauben? Sollen wir wirklich annehmen, der liebe Gott betreibe irgendwo ein KZ, ein ewiges Guantanamo für alle, die mit ihm nicht einverstanden sind? Jesus offenbarte uns doch den liebenden Vater. Wieso sollen wir den jetzt fürchten?! Sagt nicht Johannes: „Furcht ist nicht in der Liebe“?

Stimmt, aber es steht noch öfter geschrieben: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit.“ Es scheint kein simples Entweder-Oder zu sein, Furcht oder Liebe. Solange wir auf diesen Strassen unterwegs sind, so lange begleitet uns die Furcht. Wir brauchen sie. Aber entscheidend ist, worauf sich unsere natürliche Furcht richtet. Richtet sich unsere Furcht auf die Welt, auf Menschen oder auf das Schicksal, so wird sie giftig. „Fears make devils of cherubims,“ sagt Shakespeare: „Furcht macht aus einem Engel einen Teufel.“ Darum betont Jesus: Richtet eure Furcht auf den Allmächtigen. Von ihm kommen Fluch und Segen, Glück und Unglück. In Wohl und Wehe haben wir es zu tun mit dem höchsten Gott, darum sollen wir ihn allein fürchten. Das heisst natürlich nicht Angst haben vor ihm, sondern uns in Ehrfurcht vor ihm beugen. Machen wir uns bewusst, wie sehr wir von Gott abhängen, wie Zweige vom Baum, wie Reben vom Weinstock! Richtet sich unsere Furcht auf den Geber aller Gaben, so verliert sie ihr Gift und wird zur Quelle der Weisheit.

Vor wenigen Jahren quälte mich eine hypochondrische Angst vor Krankheit, vor Krebs. Alle Beschwichtigungen der Vernunft konnten meine Furcht nicht dämpfen, sie wurde unerträglich und ich nahm schliesslich Expertenhilfe in Anspruch. Das tat mir gewiss gut, aber unvergesslich bleibt mir, wie ein Gebet plötzlich aufleuchtete, das ich schon unzählige Male gesprochen hatte: „Hl. Geist, ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein noch gesund.“ Ja, das glaube ich. Wenn ich das aber glaube, so hängt meine Gesundheit letztlich und eigentlich von Gott ab. Ich habe doch den Kinderglauben abgelegt, dass alles Gute vom lieben Gott kommt, alles andere aber vom Teufel. Nein, auch in Krankheit und Leid habe ich mit Gott zu tun. Er ist die Ur-Sache, und Dank oder Wut, Vertrauen oder Verzweiflung, Hoffnung oder Furcht adressiere ich an den Höchsten. „Ich rede mit dem Schmid, nicht mit dem Schmidli,“ um einen bekannten Politiker zu zitieren. Den Höchsten sollt ihr fürchten, betont Jesus, dann verblassen die Ängste der Niederungen.

“Er hat die Macht, euch sogar in die Hölle zu werfen.“ Ich sehe, wie die Jünger erschrocken zusammen fahren und ihn mit grossen Augen anstarren. Jesus beeilt sich sofort, mit kräftigen Bildern deutlich zu machen: Gott ist unvorstellbar barmherzig! Ja, ewiges Leben oder ewigen Tod hält er in seinen Händen, aber an euch ist ihm unendlich viel gelegen! Jesus zeigt auf die toten Vögel eines Vogelhändlers und ruft: „Kein einziger Spatz ist von Gott vergessen.“ Gewiss, Menschen fangen Singvögel und fressen sie. Aber der Schein trügt. Gott hat die Vögel nicht vergessen. Wohl gehört der Tod zu dieser Welt; es gibt anscheinend gottvergessenes Leid. Aber die Wahrheit hinter dem Augenschein ist: Kein Spatz ist vergessen. Um wie viel mehr: Keine Menschenträne fliesst unbeachtet, kein Schmerz bleibt unregistriert. Nichts geschieht ohne Gottes Willen, auch wenn längst nicht alles Gottes Wille ist, was da geschieht.

„Bei euch sind sogar die Haare auf eurem Kopf alle gezählt.“ Der Jünger Petrus wird sich grinsend an seine Glatze gegriffen und die Mienen der andern werden sich aufgeheitert haben. Das drastische Bild bleibt hängen. Jedes Haar ist gezählt, und wir verlieren doch täglich Haare! Und nicht nur Haare. Was immer uns im Leben gegeben wird - wir müssen es auch wieder verlieren, loslassen, freigeben. Davor fürchten sich ja alle: vor Verlust. Und Jesus sagt mit eindringlichen Bildern: Was ihr verlieren müsst, bleibt bei Gott, und so er will, kommt es zu Seiner Zeit zurück zu euch. Darum können wir unseren Leib abgeben. Dass wir unser liebstes Kleid verlieren, ist nicht so schlimm, wie Materialisten meinen. Auch auf dem kleinsten Detail deines Lebens ruht die liebevolle Aufmerksamkeit des Barmherzigen, der alle Macht hat, der darum allein zu fürchten ist. „Fürchte dich nicht, fürchte Gott!“

„Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.

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