"Obs Gott gibt, und wenn ja, wie viele" Predigt nach Psalm 139

13. Oktober 2013 (Kommentare: 0)

Meine Kollegin Ella de Groot zu Muri kommt in den Medien zu Wort mit ihrer Botschaft: „Es gibt keinen personalen Gott.“ Gott sei für sie Lebenskraft, das, was zum Leben drängt, das Evolutionierende. Ist Gott nun eine Person, oder sollen wir uns Gott als unpersönliche, abstrakte Energie denken? Darüber muss wohl gestritten werden. Sie geraten heute unverhofft in diesen Streit; denn ich habe auch etwas dazu zu sagen.

Zunächst ist zu fragen, was man unter einer Person versteht. Eine Person ist ein „Ich“, das etwas will und etwas anderes nicht. Ein „Ich“, zu dem ich „Du“ sagen kann, wenn ich ihm begegne, ein „Du“, das ich lieben kann oder hassen. Reden wir von Personen, so meinen wir meistens Menschen. Auch ein Hund hat etwas von einer Person, vielleicht sogar ein Baum, ich lasse das mal offen. Jedenfalls aber ist der elektrische Strom keine Person. Oder der Zufall. Das sind abstrakte Grössen oder Kräfte. Zum Strom sagt man nicht „Du“, und dem Zufall sagt man nicht Danke.

Nun beteten wir zusammen den Psalm 139. „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weisst du es.“ In der Bibel wird Gott durchweg als Person angesprochen; das traditionelle Gottesbild eben. Aber schauen wir genau hin! „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.  Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.“ Was umschliesst mich von allen Seiten? Die Luft. Der Beter sagt gewissermassen: Gott ist wie Luft. Ich bin in ihm, er ist in mir. Und Er ist im Himmel, im Totenreich, am Ende der Welt, überall. Eine Person aber ist nicht überall. Eine Person muss Grenzen haben. Ist etwas unbegrenzt, so ist es keine Person, sagt meine Logik. Und doch sagt der Beter „Du“ zu Ihm, der ihn umgibt und erfüllt.

Was heisst das? Die Gläubigen der Bibel sagen immer „Du“ zu Gott. Zugleich aber realisieren viele von ihnen mit ihrem Verstand, dass dieses „Du“ eine Macht sein muss, die jedes menschliche Bild von einer Person übersteigt, transzendiert. Pfrn. de Groot sagt: Gott ist die Lebenskraft. Das sagt die Bibel schon lange, Psalm 27,1: „Du, Gott, bist meines Lebens Kraft.“ Frau de Groot sagt: Gott ist das Beziehungsgeschehen zwischen den Menschen. Sagt die Bibel schon lange: „Gott ist Wort, Gott ist Liebe, 1 Joh 4,16.“ Aber deswegen muss die Bibel nicht sagen wie Frau de Groot: Gott ist nicht Person, sondern abstrakte Kraft. Der Gott der Bibel ist auf geheimnisvolle Weise beides. Für Jesus ist Gott unzweifelhaft Person, sein höchstes „Du“, dem er „Abba“ sagt. Gleichzeitig braucht er Bilder für Gott, die an unpersönliche Kräfte denken lassen, z.B.: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, mein Vater ist der Weingärtner.“ Wenn wir von Gott reden (was wir selten tun sollten), müssen wir Bilder brauchen, genau wie die Physik übrigens, welche die Wirklichkeit im Kleinsten wie im Grössten nur mit Gleichnis-Bildern beschreiben kann. Da finde ich es eine rationalistische Furzidee, eine Sorte von Bildern abzulehnen und zu sagen: Einen personalen Gott gibt es nicht. „Lebenskraft“, „Liebe“, „die Tiefe des Seins“ sind genauso Bilder, ziemlich hilflose, für das unbegreifliche Geheimnis.

Wenn wir rational nachdenken über Gott oder meditieren, erkennen wir Gott als eine überpersönliche, allgegenwärtige Macht, die alles durchdringt. Sind wir aber in Not und nehmen wir Jesus ernst, so sagen wir „Du“ wie zu einem guten Vater. Im Beten ergreifen wir die Wirklichkeit Gottes so gut wie im Nachdenken über ihn. Im Beten können wir sogar beides umgreifen, was der Verstand nicht kann: „Du hältst mich von hinten und vorn umschlossen, du hältst deine Hand über mir.“

Warum muss das so kompliziert sein mit dem lieben Gott? Menschen sind so gebaut! Wir wissen es aus der Psychologie und aus der Neurophysiologie des Gehirns. Wir haben mehrere unterschiedliche „Ichs“ unter einem Hut, eine ganze WG im Schädel! Der Einfachheit halber rede ich heute von zwei „Ichs“, die schon immer bekannt waren, man gab ihnen unterschiedliche Namen: Verstand und Seele, Ratio und Psyche, Kopf und Herz. Die Ratio oder der Verstand arbeiten in der dünnen äusseren Hirnrinde (Neokortex). Sie kann logisch denken und rechnen. Erst wenn wir zur Schule gehen, kommt sie langsam in Form. Kinder aber sind noch ganz in der Psyche, in den Tiefenschichten des Gehirns, wo die Emotionen leben. Und was uns hier besonders interessiert: In der Tiefe denkt unser Hirn nicht mit Worten, sondern mit Bildern. Da unten existieren nur Personen. Abstrakte Begriffe wie „Kraft des Lebens“ oder „Liebe“ gibt es für die Psyche nicht. Was keine Person ist, ist für sie ein „no-body“. Wir sagen, Kinder leben in der „magischen Phase“. Das heisst, Baum, Stein, Mond, der Hund und sogar die eigene Hand sind für Kinder Personen, die nett sind oder böse. Stolpert das Kind über sein Velo und tut sich weh, so schlägt es das Velo und sagt ihm wüst; auch das Velo ist Person für die Psyche.

Schön, werden Sie sagen, aber jetzt sind wir erwachsen und wissen, dass ein Velo keine Person ist. Moment! Meinen Sie denn, bei Erwachsenen werde die Psyche vom Verstand ersetzt, abgelöst? Sicher nicht! In der Psyche lebe ich meine Gefühle, Angst und Vertrauen, Hass und Liebe. Meine Gefühlswelt sieht draussen noch immer nur Personen. Beispiel: Ich kenne einen Wissenschaftler, der sagt zu seinem Töff zärtlich „mein Susi“! Sein Verstand sagt zwar: Susi ist nur ein Blechhaufen. Aber er liebt den Blechhaufen , und so wird der für seine Psyche eben zu einer Person. Mit meinen Gefühlen lebe ich in der Psyche, für die es nach wie vor nur Personen gibt.

Jesus sprach z.B. vom Geld. Geld ist doch ein abstrakter Begriff. Ja, aber Jesus gibt dem Geld einen Götzen-Namen und spricht es als Person an: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Warum? Weil er unser Gefühl anspricht, die Liebe, die in uns Narren so gern aufsteigt, wenn wir einen Haufen Geld sehen.

Nun wollen wir die Schlüsse ziehen. Mit unserem analytischen Verstand können wir abstrakte Begriffe denken und mit ihnen jonglieren. Mit unserer Psyche können wir das nicht. Für sie gibt es dafür Personen. Und in unserer Psyche spielen alle Gefühle! Für unsere Gefühle also muss Gott eine Person sein. „Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen!“ Liebe ist Gefühl, das sich nur auf eine Person, auf ein „Du“ beziehen kann. Unser Verstand aber kann sich Gott denken als eine abstrakte Kraft, als „den Urgrund des Seins“ und so. Aber es wäre naiv, Person und Kraft gegeneinander auszuspielen. Wir nehmen Gott als beides wahr, je nachdem, ob wir die Antennen des Denkens oder unserer Gefühle ausfahren.

Ein hartnäckiger Rationalist könnte immer noch sagen: Ich halte mich an die Wissenschaft. Die arbeitet nicht mit der Psyche. Die beschreibt die Wirklichkeit mit dem Verstand. Personenbilder in der Psyche gibt es zwar, aber sie sind doch etwas Unwirkliches wie Märchen.

Das bestreite ich. Die Psyche kann die Welt ebenso real wahrnehmen wie der Verstand. Die Liebe, die aus allem eine Person machen muss, berührt ebenso die Wirklichkeit wie das Denken. Achten Sie mal, wie ein „grüner Daumen“ mit einem Geranium umgeht! „Hast du Durst? Was ist denn da mit deinem gelben Blatt? Hast du Untermieter?“ Der Verstand findets lächerlich und sagt: „Ein personales Geranium gibt es nicht.“ Wirklich? Schaut doch: das Geranium des grünen Daumens blüht schöner. Die personale Zuwendung hat oft messbare Auswirkungen. Wir berühren wirksam die Realität einer Blume, wenn wir sie mit Liebe als Person ansprechen. Bauern sagen mir, mit den Tieren sei es auch so. Es sei wie Tag oder Nacht, ob man sie als Dinge behandle oder ob man sie achte und lieb habe wie eine Person.

Bin ich eine Person, so ist es der, welcher mich schuf, sicher nicht weniger! Er ist wohl mehr Person als ich; kann man das sagen? Unser Glaube redet sogar von drei Personen, die eins sind. Dreimal müssen wir ansetzen, wenn wir Gott meinen, um mit unserer schwachen Antenne wenigstens ein bisschen von seiner ewigen Wirklichkeit zu empfangen. Von der Dreieinigkeit Gottes wollen Rationalisten auch nichts mehr hören. Ich bleibe gern bei dieser Lehre der Tradition. Sie wahrt schön das Geheimnis Gottes.

So berühren wir real das Geheimnis Gottes, wenn wir ihm „Du“ sagen. Wir berühren ihn mit unserer Psyche. Religion ist ja nicht so sehr Nach-Denken über Gott, als Danke sagen, vertrauen, lieben, um Vergebung, Hilfe und Schutz beten. „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben…“.

Die Ratio kann daneben von Gott denken, er sei unpersönliche Lebenskraft oder „ewigi Liebi“. Meinetwegen, stimmt wohl auch. Aber wenn wir beten, sagen wir mit Jesus „unser Vater“. Wir lieben Personen, Energien nutzen wir.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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