"Ich bin sein du" Radiopredigt zu Psalm 23

24. November 2013 (Kommentare: 0)

Seit Jahrtausenden malt Psalm 23 das schöne Bild von Gott: „Der Herr ist mein Hirte“. Auch wenn Sie den Psalm kennen, liebe Gemeinde am Radio, ist Ihnen der eigenartige Wechsel aufgefallen, wie Gott angesprochen wird? Fünfmal heisst Gott „Er“. Achten Sie mal! „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Er führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele. Er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen.“ Unerwartet wandelt sich das „Er“ zum „Du“: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, ich fürchte kein Unglück, denn Du bist bei mir.“ Was geht in einem Menschen vor, der zuerst über Gott redet und aufs Mal „Du“ zu ihm sagt? Der Wechsel zum „Du“ erfolgt ausgerechnet im „finsteren Tal“, und dann erklingt fünfmal das „Du“: „Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl. Du schenkst mir voll ein.“

Gut, was soll die Wortklauberei, da ist einfach von Gott die Rede, mal „Er“, mal „Du“, was kratzt es mich? Ich habe da eben eine Vermutung. Könnte es sein, dass ich zu einem anderen werde, wenn ich Du sage? Oder anders, dass ich erst da zum Menschen werde, wo ich Du sage? Im Du bin ich der Welt ein Gegenüber. Ist mir aber die Welt ein „etwas“, so bin ich auch nur „etwas“. Wollen wir dem mal nachgehen?

Zu Ihnen, die Sie mir zuhören, könnte ich fraglos Du sagen; einem Prediger nimmt man das ab. Aber ich sage manchmal auch zu merkwürdigen Dingen Du. An einem kühlen Novembertag flattert mir im Rebberg ein leuchtend grüner Schmetterling um die Nase. „Ja was machst du denn hier um diese Zeit?“, sage ich. Was kommt mich an, ein Fluginsekt der Gattung Lepidoptera mit „Du“ anzureden!? Vorgestern krabbelt unversehens ein Marienkäfer, ein Himmelgüegeli, über meinen Teller. „Grüss dich,“ sage ich, „wo willst du denn hin?“ Zu meinem Teller aber sage ich nie „Du“. Und dann gibt es da einen Baum, den frage ich zuweilen: „Du, wie geht’s dir?“ Der Baum ist mir halt lieb.

Ist es das? Was wir besonders lieb haben, dem sagen wir Du? Herzige Tierchen, ein schöner Baum? Ich weiss nicht, an der Liebe kann‘s glaub nicht liegen. Im Sommer höre ich meine Frau manchmal rufen: „Verschwinde, du blödes Vieh!“ Meistens meint sie gar nicht mich, sondern eine Wespe. Die liebt sie gar nicht, sagt aber trotzdem „Du“ zu ihr.

Sie denken wohl: Schmetterlinge, Wespen, Bäume, das ist alles lebendig. Zu Lebewesen sagen wir du, aber zu einem Teller natürlich nicht. OK, vielleicht. Aber - halten Sie denn einen Computer für ein Lebewesen? Nicht? Ja, da sollten Sie mal hören, wie laut ich dem Kerl Du sage! Da springt meine Frau und schliesst rasch alle Fenster.

Ich glaube, für ein „Du“ braucht es zweierlei: Zuwendung und Gefühl. Zuwendung: ich lenke meine Aufmerksamkeit auf etwas, ich wende den Kopf, mach einen langen Hals, spitze meine Ohren und richte meine Augen auf das, was mich interessiert. Aber Zuwendung allein ist es nicht. Ich kann ja mit kühlem, vernünftigem Interesse mich einer Pflanze aufmerksam zuwenden, um herauszufinden, wie sie heisst und wofür man sie braucht. So bleibt sie für mich ein „Es“. Ist aber meine Zuwendung mit Gefühl verbunden, mit irgendeinem Gefühl, Liebe oder Freude oder Wut, dann kann das „Du“ kommen. Zuwendung und Gefühl brauchts.

Manchmal gehe ich ja ohne Zuwendung und Gefühl durch die Welt. Ich benutze dies und jenes, aber nichts wird mir zum „Du“, auch Menschen leider nicht. Zeige ich dem Kondukteur mein Billet, gebe ich der Verkäuferin das Geld, so kriegen sie von mir kaum Zuwendung oder Gefühl. Auch in der Familie lebt man im Alltag gern aneinander vorbei, wie wenn man es mit Möbelstücken zu tun hätte. Man passt auf, dass man sich aneinander nicht stösst, aber mehr Aufmerksamkeit gibt’s kaum, geschweige denn Gefühl. Würde das nun heissen, dass wir einander so das „Du“ schuldig bleiben? Dinge, Tiere und Menschen sind uns dann etwas, über das man sprechen kann, das man aber nicht anspricht.

Was sagen Sie zu dieser Geschichte: Es lag mal einer im Sterben, er hatte keinen Menschen mehr. Er war Krankengut in Nummer 17. Da kam doch wider Erwarten ein alter Kumpel ins Zimmer und rief laut: „Nein, Isidor, was machst du denn da?! Du darfst dich nicht so gehen lassen.“ Eine Woche später war Isidor wieder auf den Beinen. Es hatte einer Du zu ihm gesagt, es hatte ihn jemand wahr genommen. Das gibt Kraft zum Leben. Sagt man nicht, dass Zimmerlinde oder Rosenkohl ganz anders gedeihen, wenn ein Mensch zu ihnen „Du“ sagt? Vielleicht ist dieses „Du“ das Geheimnis hinter dem grünen Daumen? Beim Vieh sei es ohnehin erwiesen, sagen mir Bauern, sie nehmen sich vor, ihre Kuh als Gegenüber ernst zu nehmen. Sie geben ihr einen Namen, sie geben ihr das „Du“, obwohl sie nicht umhin kommen, die Kuh für ihre Zwecke zu nutzen. OK, nun kann ich mir mal merken: Will ich etwas bewirken, so muss ich „Du“ sagen, im vollen Sinn: meine Aufmerksamkeit lenken und bündeln, und Gefühl entwickeln, Zuneigung, Wertschätzung, Liebe. Einfach etwas machen bewirkt nichts.

Gilt das auch, sagen wir, für unsern Körper? Wie handhaben Sie, wie managen Sie Ihren Leib? Kürzlich sagte einer: „Meine verflixte Infrastruktur spinnt wieder.“ Magenschmerzen hatte er. Er, der Magen, spukt. Und wenn man nun seine Aufmerksamkeit auf den eigenen Magen lenken und „Du“ zu ihm sagen würde; Gefühl für den Magen entwickeln, Dankbarkeit? Was hast du nicht schon alles verdaut für mich! Haben Sie auch schon „Du“ gesagt zu Ihrem Herzen, oder ist Ihr Herz nur die Pumpe der Infrastruktur? Das Herz klopft ja unermüdlich, und niemand tut ihm auf…

Wer rümpft die Nase und denkt, das sei nun doch etwas kindisch? Sicher ist es kindlich. Als Kinder sagten wir zu allem „Du“, zum Teddybär natürlich, zum Dreirad, und auch zur Tür, die so gemein war, einem den Finger einzuklemmen. Der Meister sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie Kinder, kommt ihr nicht ins Reich Gottes.“ Ich glaube, damit meint er auch: Wende dich der Welt zu mit Herz und Gefühl! Machs wie ein Kind: wechsle vom „Es“ zum „Du“. Sagen wir „Du“ zu Käfer, Katze, Kalb und Kind, zu allen, die des Weges sind! Wenden wir uns mit Gefühl einem Menschen zu, den wir normalerweise kaum beachten. Es ist ja leicht, über einen „Er“ verächtlich zu reden. Über eine „Sie“ kann man leicht urteilen. Einem „Du“ gegenüber ist man unweigerlich rücksichtsvoller, wenn die Gefühle nicht gerade überkochen.

Nun sollte die Predigt aber bei Gott landen, wie es Brauch ist. Und das ist halt so einfach nicht. Gott lässt sich ja nicht blicken. Den trifft man ja nicht an. Der gibt uns keine Antwort, wie wir es von einem „Du“ gewohnt sind. Ist er nicht selber schuld, dass viele ihm das „Du“ nicht geben, dass viele von ihm höchstens sagen, wie etwa Psalm 27: „Er ist meines Lebens Kraft“? Der aber gedichtet hat, „Ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir,“ der sagt „Du“ zu Gott. In diesem Du verborgen ist die starke Beziehung „Vertrauen“. Ich glaube, dass ist, was der Ewige von uns erwartet. Ich glaube, dazu ist Gott Mensch geworden. Ich glaube, der Mensch kommt nach Hause, wenn er sich dem unsichtbaren Gott zuwendet, mit Gefühl zuwendet und „Du“ zu ihm sagt. „Ich fürchte kein Unheil, denn du bist da.“ Ein Kirchenpavillon an der Expo stellte seinerzeit die Umkehr-Frage: „Wer sind Sie für Gott?‘ Und da hat einer geschrieben: „Ich bin sein du“. Amen.

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