"Leben mit Schmiss" Radiopredigt zu Neujahr, Mt. 25,25

1. Januar 2014 (Kommentare: 0)

Einen ungewöhnlichen Neujahrswunsch habe ich für Sie, liebe Gemeinde am Radio. Ich wünsche Ihnen mehr Schmiss ins Leben. Mögen Sie mutig leben, unerschrocken, beherzt, risikofreudig! Wer nämlich auf Nummer sicher geht und für sich ein abgeschirmtes, wohltemperiertes Gärtlein anlegt ohne Berührung mit der bösen Welt da draussen, der lebt wahrhaft gefährlich. Ausgerechnet, wenn man sein Leben risikofrei anlegt, kann man es nämlich verpassen. Oder wie verstehen Sie das Jesuswort: „Wer sein Leben bewahren will, der wird es verlieren“?

Das Leben verpassen, was könnte das heissen? Kennen Sie das Buch der Palliativ-Pflegerin Bronnie Ware, die viele im Sterben begleitet hat? Es heisst: „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen.“ Was für fünf Dinge das sind, möchten Sie wissen? Ganz knapp: „Hätte ich doch den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben. Hätte ich doch nicht so viel gearbeitet. Hätte ich doch die Kühnheit gehabt, offen zu meinen Gefühlen zu stehen. Hätte ich doch mehr Zeit für meine Freunde eingesetzt. Hätte ich mir doch erlaubt, glücklicher zu sein.“ Ich würde jetzt mein Leben nicht unbedingt nach diesen fünf Punkten richten. Sie scheinen mir ein wenig ich-bezogen, egozentrisch. Ich denke, das ewige Gericht wird noch ganz andere Massstäbe an ein Menschenleben anlegen. Aber das Buch bestätigt, was ich befürchte: Geht das irdische Leben zu Ende, so tauchen Werte auf, die vorher wie vernebelt waren, Werte, die man zum eigenen Schaden missachtete. Dann kommt Reue auf, Selbstanklage: „Hätte ich doch…“ Wichtiges habe ich verpasst.

Christen sollte das allerdings nicht erschüttern. Dass wir Wichtiges verpassen, damit rechnen wir. Dass wir immer mal wieder das Ziel verfehlen, gehört zum ABC des Glaubens. Zielverfehlung heisst in der Bibel „Sünde“. Sünde geschieht also, wenn ich meine Lebensenergie in Dinge investiere, für die ich mein Leben nicht erhalten habe, die dem Zweck meines Lebens nicht dienen. Wofür habe ich mein Leben denn erhalten? Um es hinzugeben für andere, für die Liebe, für das Reich Gottes, für eine bessere Welt, oder wie Sie es nennen wollen. Das ist ein hohes Ziel, weit weg, oft verschwommen und schwer zu treffen. Da gehen meine Schüsse oft daneben. Das heisst: ich bin ein Sünder, ein Schütze, der immer mal sogar die Scheibe verfehlt. Macht nichts; dafür gibt es Vergebung dank Jesus Christus. Darum ziele ich das nächste Mal noch etwas besser. Ich möchte mit meinem Leben ins Schwarze treffen und beim Sterben wenig bereuen müssen. Und dazu braucht es Risikofreude, nicht Sicherheitsdenken, wie folgendes Gleichnis zeigt:

Ein Reicher wollte einmal auf Weltreise. Er vertraute sein Vermögen zuverlässigen Menschen an und verreiste. Als er nach Jahren zurück kam, hatte einer unterdessen seinen Vermögensteil vervierfacht und ein anderer verdoppelt. Beide übergaben stolz dem Gutsherrn, was sie erwirtschaftet hatten. Der Reiche war begeistert und beförderte sie auf hohe Posten. Ein Dritter aber sagte: „Du bist ein strenger Mann. Ich hatte Angst. Darum habe ich dein Geld im Boden vergraben. Da hast du es - unangetastet.“ Aber da war der Gutsherr enttäuscht, entzog ihm das Vertrauen und jagte ihn zum Teufel.

Das Geld in diesem Gleichnis steht für das Leben, denke ich, für die Gaben, die wir mitbekommen haben, für unsere Talente und Fähigkeiten. Es wird einer karikiert, der sich von der Angst hat leiten lassen. Er hat seine Gaben in Sicherheit gebracht, er hat sein Leben verlocht, um es ja nicht zu verlieren. Er dient uns als abschreckendes Beispiel, aber ich habe grosses Verständnis für ihn. Er hatte Angst vor dem strengen, reichen Gutsherrn. Angst vor Reichen ist nie ganz unbegründet. Er hatte Angst, wenn er das Geld risikofreudig investieren würde, könnte er es ganz verlieren; eine sehr berechtigte Angst. Er brachte es auch nicht auf die Bank. Und liest man heute Zeitungen, so hatte er ja vielleicht recht…. Aus Angst wollte er auf Nummer sicher gehen, nichts riskieren, keine Fehler machen. Ich verstehe ihn, aber es war falsch.

Angst ist falsch, sagt das Gleichnis. Angst verführt dazu, sein Talent zu verlochen, sein Gut vor der Welt zu schützen, sein Leben zu sparen, statt es auszugeben, einzusetzen, hinzugeben. Das Leben ist zum Brauchen da. Wenn wir unser Leben sorgfältig schützen, abschirmen und sichern, könnten wir es wir einmal bereuen.

Ich nenne zwei Spielarten von Angst. Da ist einmal die Angst vor dem strengen Gott, vor dem ewigen Gericht. Sie wuchert manchmal in religiösen Familien, aber nicht nur dort. Da macht man dann lieber gar nichts, aus Angst, etwas falsch zu machen. Das könnte ein schweres Sterben geben unter dem Eindruck: Ich habe alle Kraft darauf verwendet, nichts Falsches zu machen, aber nicht darauf, etwas Rechtes zu tun. Ich habe mich unter Kontrolle gehabt und die Regeln gehalten. Aber Liebe und Hingabe blieben auf der Strecke.

Eine andere, gegenteilige Spielart ist die Angst vor dem Nichts, die oft unbewusste Angst, dass mit dem Tod alles aus sei. Da muss man das Leben „geniessen“, in ferne Länder jetten, einen Event nach dem andern konsumieren, gierig erleben, erfahren, erfliegen. Und am Schluss merkt man: Ich habe für mich gelebt. Ich habe mein Geld genüsslich verputzt und verbraucht, aus Angst, etwas zu verpassen. Aber was hätte ich bewirken können für eine bessere Welt mit den Mitteln, die mir zur Verfügung standen?! Wo blieb die Liebe, wo blieben die Kinder, die Freunde, die Armen, ja die Vögel? Ich habe ja kaum wahrgenommen wie die Vögel singen!

Vielleicht merken Sie es: Ich predige mir selber! Wenn auch Sie etwas davon haben, umso besser. Aber ich bin der Ängstliche; alle Sorten von Angst wuchern in mir. Ich wünsche mir ein sicheres, störungsfreies Jahr. Dabei bräuchte ich mehr Kühnheit und Risikobereitschaft. Ich brauche dringend mehr von jenem unglaublichen Vertrauen, das ich bei Jesus entdecke. Er scheute keinen Konflikt. Er legte sich mit seiner Familie an, mit seinen Jüngern, mit seinen Rabbiner-Kollegen, so heftig, dass die sich bald einig wurden: Der muss nun verschwinden. Nichts konnte sein felsenfestes Vertrauen erschüttern: „Mein Vater sorgt für mich. Ich tue seinen Willen, und wenn es mich das Leben kostet.“ Er zweifelte nie, dass er sein Leben hatte, um es auszugeben; dass der Tod es keineswegs auslöschen kann und dass der ewige Richter ein barmherziger Vater ist. Er lebte nach seinem kühnen Wort: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.“ Darum wünsche ich Ihnen zu Neujahr ein Leben mit Schmiss!

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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