"Zivilcourage" Radiopredigt zu Matthäus 26,30, 2.2.2014

2. Februar 2014 (Kommentare: 0)

Liebe Gemeinde am Radio, ich war konsterniert, als meine Schwägerin kürzlich sagte, sie setze nun eine Zeitlang keinen Fuss mehr in eine Kirche. Sie erklärte: „Auf einer Kunstreise besichtigten wir unzählige Kirchen, und mit der Zeit ging mir das auf den Geist. Immer diese brutalen Folterszenen an den Wänden.“ Natürlich! Alte Fresken stellen den gewaltsamen Tod dar, den Heilige um ihres Glaubens willen erlitten. An der besonderen Todesart soll man erkennen, welche Heiligen der Maler darstellen wollte. Stephanus wurde gesteinigt, Sebastian von Pfeilen durchbohrt, Katharina gerädert und enthauptet. Besucht man eine Kirche nach der andern in Serie, kann man schon eine Überdosis Brutalo abbekommen.

Auf ihre Art erinnern die alten Bilder an außergewöhnliche Zivilcourage. Zivilcourage zeigt, wer offen zu seinen Überzeugungen steht, auch wenn er sich damit in die Nesseln setzt. Wer Autoritäten den Gehorsam verweigert, auch wenn er damit Sanktionen an Leib und Leben riskiert, hat Bürgermut, „courage civil“. In unserer Religion gibt es unzählige Zivilcouragierte. Sie blieben ihrem Glauben treu und riskierten ihr Leben: Die Kirche nennt sie Märtyrer, von griechisch „Martys“, Zeuge.

Wenn ich sage „unsere Religion“, meine ich zuerst das Judentum, den Mutterboden des christlichen Glaubens. Der Jude Daniel ist ein klassisches Vorbild für Zivilcourage. Der Perserkönig ordnet an, bei Todesstrafe dürfe niemand eine Bitte an einen Gott richten, ausser an ihn, den göttlichen König. Daniel aber betet dreimal im Tag zu seinem Gott, wie seine Religion vorschreibt. Er wird ertappt und in die Löwengrube geworfen. Gott aber sendet seinen Engel und „verschliesst den Rachen der Löwen“, wird erzählt, Daniel wird gerettet. Unzählige Juden aber wurden im Verlauf der Geschichte leider nicht gerettet und bezahlten nur schon ihre Religionszugehörigkeit mit dem Leben. Sogenannte Christen haben dabei, wo sie Mehrheit und Macht hatten, oft eine abscheuliche Rolle gespielt. Das muss offen zugegeben und deutlich beklagt sein. Die Geschichte lehrt, dass Mehrheit und Macht ein gefährlich- brisantes Gemisch bilden, das leicht ausartet in Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten. Gegen solche Rückfälle in die Barbarei ist auch unsere Religion nicht gefeit, die ihren grössten Märtyrer quasi im Wappen trägt: den gekreuzigten Jesus von Nazareth.

Er sagte einmal: „Dem Jünger geht es nicht besser als seinem Meister. Man wird euch ins Gefängnis werfen, man wird euch vor Gerichte und Könige stellen um meines Namens willen. So werdet ihr Zeugnis ablegen.“ Wir gedenken mit Hochachtung der Menschen, die sich zu ihrem Glauben bekannten und nicht davor zurückscheuten, das Gesicht zu verlieren oder gar Gut und Blut. Praktisch jede Religion ist irgendwann und irgendwo in der Minderheitsposition und wird verfolgt. In jedem Glauben werden die furchtlosen Bekenner hoch geehrt und ihr Zeugnis wird als Vorbild weitererzählt über Generationen. Menschen mit Zivilcourage stehen hoch in unserer Achtung.

Wobei der Begriff Zivilcourage eigentlich mehr meint als nur passiv verfolgt werden. Aktiv und offen auftreten für seine Überzeugung, obwohl man in der Minderheit ist, das ist Zivilcourage. Stephanus zum Beispiel verkündigte öffentlich seinen Glauben, obwohl er wusste, dass seine Gegner ihn zum Schweigen bringen wollten. Und unser Alltag erfordert manchmal Zivilcourage, ohne dass vordergründig Religion im Spiel ist. Ich denke an jene ältere Gehbehinderte, die sich in einer Hamburger S-Bahn schützend vor eine junge Frau stellte, die von Männern schikaniert wurde. Sie selber zog sich dabei Schläge zu, stürzte und verletzte sich.

Hätte ich selber auch solchen Mut? Ich bin nicht sicher. Schon bei läppischen alltäglichen Vorkommnissen bin ich nicht so mutig. Was mach ich, wenn Jugendliche Flaschen zerschlagen oder wenn nur schon eine Dame neben mir ihr Schnupftuch ins Ambiente schmeisst? Sage ich was? Schweigen ist so bequem! Würde ich reagieren? Man weiss es eben nie zum Voraus. Situationen, die Zivilcourage fordern, kommen meistens überraschend. Man ist nicht vorbereitet, man ist nicht gut drauf, man hat selber Probleme, man hat natürlich Angst.

„Früher, als ich jung an Jahren…“, da sah ich mich in Tagträumen als kaltblütigen Helden, der seine wehrlose Geliebte durch den Kugelhagel der Banditen in Sicherheit bringt. Lebenserfahrung hat solche Fantasiegebilde ein wenig zurechtgestutzt. Aber noch immer lasse ich mich in der Fantasie mutig Stellung beziehen gegen allerlei Grosstuer und Schädlinge. Ja, ich möchte mich wirklich gern sehen als ein Mann mit Zivilcourage! Und das erinnert nun an einen prominenten Heiligen. Was die Bibel von ihm erzählt, ist der schöne Beitrag des Christenglaubens zum Thema Zivilcourage.

Jesus sagte zu seinen Jüngern vor seiner Verhaftung: „In dieser Nacht werdet ihr alle an mir Anstoss nehmen.“ Da sagte Simon Petrus, der „Fels“: „Und wenn alle an dir Anstoss nehmen – ich niemals! Selbst wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen“ (Matthäus 26,30ff).

Dann wurde Jesus verhaftet und dem Hohen Rat vorgeführt. Petrus sass draussen im Hof und wartete. <Da trat eine Magd zu ihm und sagte: „Du warst doch auch mit diesem Jesus aus Galiläa?“ Doch Petrus sagte vor allen Leuten: „Ich weiss nicht, wovon du redest.“ Er schlich sich zum Tor hinaus, da sagte eine andere laut: „Der da war auch mit Jesus zusammen.“ Wieder leugnete er: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Kurz darauf sagten einige: „Wahrhaftig, auch du gehörst zu ihnen, man hört‘s ja an deiner Mundart!“ Da fing er an sich zu verfluchen und schwor: „Ich kenne den Menschen nicht!“ Und es krähte ein Hahn. Da erinnerte sich Petrus, dass Jesus gesagt hatte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Er ging hinaus und weinte bitterlich>.

Petrus war einer der engsten Freunde von Jesus. Er bekam den Auftrag, den Jüngerkreis zu leiten. Er wurde dann der hochgeehrte Bischof der ersten Gemeinde. Und doch wird in allen vier Evangelien ausführlich erzählt, wie seine Freundschaft mit Jesus schon verdunstete, als nur ein Mädchen mit dem Finger auf ihn zeigte. Weder seine peinliche Selbstüberschätzung wird beschönigt, noch sein heilloses Fluchen, um sein armseliges Leben zu retten. Da ist kein moralischer Zeigefinger, kein Kommentar. Kein Abschreiber hat die Peinlichkeiten weggelassen. Und in dieser Geschichte sehe ich wie in einem Spiegel die Wahrheit meiner eigenen Seele: Ein Feigling, der doch so gern mutig sein möchte. Realisieren Sie? Wegen solcher Dinge nennt man dieses Buch „Heilige Schrift“.

Später starb Petrus als mutiger Blutzeuge für den Namen seines Freundes und Meisters. Tucholsky sagt: „Nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu stellen und laut zu sagen: Nein!“ Ich glaube, solcher Charakter kann wachsen in einer Seele, die zuvor gelernt hat, ihre eigene Feigheit und Angst wahrzunehmen und anzunehmen.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt,
bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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