Radio SRF 2: Osterpredigt 2014

20. April 2014 (Kommentare: 0)

Reformierte Radio-Predigt: „Ostern“ SRF 2 Kultur /Musigwälle 16.4.2014, 09:45h

Frohe Ostern, liebe Radio-Gemeinde! Nun ist die Zeit wieder überstanden, wo Medien gern Pfarrer vorführen, die selber nicht an die Auferstehung glauben. Zu zeigen, dass auch welche vom himmlischen Bodenpersonal Mühe haben mit Glauben, verliert offenbar nie an Unterhaltungswert. Die meisten von uns sind halt ein wenig ungläubige Thomasse. Könnte nicht auch der Papst mal durchblicken lassen, er halte wenig von Auferstehung, wichtig sei doch das Leben vor dem Tod? Hören Sie die Ironie in meiner Stimme? Es ist natürlich kein Kunststück, andere im Unglauben zu bestärken. Aber wem soll das nützen? Natürlich habe auch ich meine Zweifel an Ostern; man hat schliesslich einen einigermassen gesunden Verstand. Aber ich fände spannend zu hören, wie man mit Zweifeln glauben kann. Was ist denn das für eine Heldentat, einem, der über seine Beine stolpert zu sagen: „Bleib nur liegen, wir sind alle unsicher auf den Beinen!“? Man könnte auch aufstehen helfen. Lasst uns auf eine Ostergeschichte hören! Eine Milliarde Christen tun das heute.

Aus dem Lukasevangelium
Während die Jünger noch miteinander redeten, trat Jesus selbst in ihre Mitte und sagte: „Friede sei mit euch!“ Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er: „Was seid ihr so bestürzt? Warum laßt ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße: Ich bin es selbst. Faßt mich doch an, und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er: „Habt ihr etwas zu essen?“ Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.

„Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen?“ Ist das nicht eine außergewöhnliche Frage? Warum lasst ihr Zweifel aufkommen, und warum in eurem Herzen? Dass Zweifel auftauchen, ist so was von normal. Die Erfahrung sagt: Tote stehen nicht wieder auf. Der Verstand sagt: Es ist noch keiner zurück gekommen. Wer da nicht zweifelt, wenn plötzlich ein Toter vor ihm steht, der ist nicht ganz gebacken. Es sind keineswegs nur moderne Menschen, die zweifeln! Als die Jüngerinnen erzählten, sie hätten den Gekreuzigten lebendig gesehen, da lachten die Männer bitter über „solche Märchen“; sie waren keine modernen Menschen. Thomas polterte, an diese Zumutung werde er vielleicht glauben, wenn er seinen Finger in die Wunden des Gekreuzigten legen könne. Auferstehung ist immer eine Zumutung, vor 2000 Jahren wie heute, für den Verstand! Ich habe nichts gegen den Verstand. Ohne seine gesunden Zweifel würden wir uns jeden Bären aufbinden lassen. Zweifel ist ein vorzügliches Instrument unseres Denk-Verstandes. Die Frage aber ist, warum lassen wir solche Zweifel im Herzen aufkommen?

„Im Herzen“. Wir sind eben nicht nur Verstand. Moderne Menschen aber meinen das oft. Sie haben nicht ein Problem mit der Auferstehung, sie haben ein Problem mit sich selbst, mit ihrem Selbstverständnis. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert sind viele Rationalisten geworden, d.h. sie meinen, ihr „Ich“ sei gleichzusetzen mit der Ratio, mit dem Verstand. Der moderne Mensch hat verlernt, dass er zur Hauptsache Herz ist oder Seele. Hört er „Herz“, so denkt er nur an die Blutpumpe. Aber seit 50 Jahren ist für die Wissenschaft klar, dass alles Lebensnotwendige, die Gefühle und Triebe, und natürlich Glauben, Lieben und Hoffen in einem unfassbaren geistigen Bereich zuhause sind, der gegenüber dem bewussten Verstand weitgehend ein Eigenleben führt. Die Psychologie spricht vom Unbewussten, von der Psyche; Neurowissenschaft redet vom Tiefenhirn. Jesus sagte „das Herz“.

Und die Ostergeschichten, dass Jesus vom Tod auferweckt wurde - überhaupt die Geschichten der Religion! - sind fürs Herz geschrieben, für unsern emotionalen Wesenskern. Sie sollen uns rühren, bewegen, aufregen. Hat der Verstand etwas zu meckern, so sollten wir ihm sagen: „Du, befass dich mit dem Zeug, das man zählen und messen kann! Die grossen Dinge sind noch nichts für dich.“

Grosse Dinge wie die Ostergeschichten müssen wir uns gemeinsam anhören, Jahr für Jahr wieder. Nur aufmerksam anhören. So prägen sie unsere Lebensmitte. Sie sagen dem Herzen: Der Tod  macht nicht alles kaputt. Sie nähren die Hoffnung, dass der staubige Materialismus dieser Welt nicht alles ist, dass es Dinge gab und geben wird, die für den Verstand noch menschenunmöglich sind.

Mein Herz braucht die Ostergeschichte. Sonst wird es getrieben von der Angst, zu kurz zu kommen, etwas zu verpassen. Man muss doch konsumieren und ausleben, was man kann, wenn wir morgen nur noch tot sein sollten! Gegen diese Angst hilft mir die Ostergeschichte, das Fenster der Hoffnung, die Perspektive der Ewigkeit: „Jesus lebt, mit ihm auch ich. Tod, wo sind nun deine Schrecken?! Ja, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken.“

Das Herz kann man sich ja vorstellen wie ein Kind. Psychotherapeuten reden vom „inneren Kind“, das wir alle mal waren und eben immer noch sind. Das Kind will heute kriegen, was zu haben ist. Zeitvorstellungen wie „morgen“ oder „in einem Jahr“ versteht es nicht. Darum gebe ich meinem Herzen die Ostergeschichten zu hören, damit Hoffnung sein Lebensantrieb wird, nicht die Angst vor einem kommenden Nichts.

Mein Herz kann - wie jedes Kind - gut unterscheiden, ob etwas Konsequenzen hat oder nicht. Und sollte der Tod mein komplettes Ende sein, so hätte mein Leben für mich keine Konsequenzen. Das weiss mein inneres Kind ganz gut. Da könnte ich lange sagen: Streng dich endlich an! Es will nur wissen, ob das etwas bringt oder ob am Ende alles Wurst ist. Anders gesagt: Ich brauche die Oster-Geschichten, damit mein Herz den klaren Verdacht mitkriegt: Das Leben, das du führst, nimmst du mit über den Tod hinaus! Deine Werke folgen dir nach. Es kommt drauf an. Es hat Konsequenzen.

Da kommen immer liebe Freunde und sagen irritiert: „Strengst du dich denn nur an, weil du Angst hast vor dem Jüngsten Gericht? Es gibt doch viele, die gut leben, ohne an ein Weiterleben nach dem Tod zu glauben, und andere wieder, die daran glauben, führen gar kein gutes Leben. Man soll das Leben doch ethisch und sozial leben, egal, woran man glaubt!“ Ja, so möchte ich ja auch gern denken. Aber unterdessen habe ich mein Herz ein wenig kennen gelernt. Es ist nicht so brav und fromm, dass es ethisch und sozial leben möchte, egal, ob es etwas bringt oder nicht. Gutes „Möchten“ reicht bei mir leider nicht. Mir tut es gut zu hören, dass ich mein Leben einmal mitnehmen werde.

Und dann ist die Ostergeschichte echt Balsam fürs Altwerden. Wenn die Kraft abnimmt, die Sinne nachlassen und die Freunde wegsterben, könnte mein Herz leicht auf Weltuntergang schalten. Aber Ostern erzählt das Gegenteil: Dir leuchtet Gottes Zukunft. Stirb ruhig, das Schönste kommt noch!

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt,
bewahre unsre Herzen in Christus Jesus. Amen.

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