Radiopredigt "Typisch Mensch" zu Genesis 2 und 3

22. Juni 2014 (Kommentare: 0)

Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio. Ein junger Freund hat an Pfingsten ein hirnverbranntes Rennen bestritten. Er rannte über Stapel von Autoreifen, über aufgespannte Netze, durch Schneefelder, durch Eiswasser, durch eklige Schlammgräben, bergauf, bergab, über 18 Kilometer! Mein Freund lebt noch. Ich will ihn dann schon fragen: „Wozu um alles in der Welt tust du dir sowas an?!“ Vermutlich weiss ich zwar die Antwort. Das tut man sich doch an, um sich zu beweisen, um es endlich selber zu glauben: „Wenn ich will, kann ich. Mit Willen und Selbstdisziplin überwinde ich Faulheit, Angst, Ekel, Schwäche. Mein Geist beherrscht den Leib.“ Beschwingt kommt man nach Hause: „Ich habe mich total im Griff.“ Das aufgummierte Selbstgefühl lächelt zum Wort des Freiherrn von Logau: „Sich selbst bekriegen ist der schwerste Krieg; sich selbst besiegen ist der schönste Sieg.“ „Yes, we can!“ Das mag ich meinem Freund ja gönnen. Allerdings: mit der Bibel im Rucksack muss ich ihm ins Ohr flüstern: „Bedenke, auch du bist nur ein Mensch.“ Dein Sieg über dich selbst ist deine Schokoladenseite, deine Fassade. Dahinter aber ist auch noch was.

In diesen Tagen wird der Sport ja oft als Gleichnis fürs Ganze genommen. Natürlich ist manches im Sport schön zu vergleichen mit dem Leben. Aber das gilt auch vom Jassen. Wer im Sport Erfolge erringt, muss seinen Leib unheimlich diszipliniert im Griff haben, zweifellos. Den Körper kann man bändigen. Aber darunter ist eben auch noch was. Wenn einer der weltbesten Fussballer sagen muss: „Viel Geld habe ich ausgegeben für Schnaps, Weiber und schnelle Kisten, und den Rest habe ich einfach verprasst,“ da sieht man, dass Sport nicht das Ganze ist.

Nun denken Sie vielleicht: Da spricht doch wieder einer jener pfäffischen Sauertöpfe. Geniesst man einmal das Leben, so stechen die mit ihrem Moralzeigefinger in die Luft und vermiesen einem den Spass. Ja, da haben Sie vielleicht nicht unrecht. Tatsächlich würde ich gern einigen Herren ihren Spass etwas vermiesen, und wahrhaftig mit Moral. Aber darum geht es mir heute nicht. Ich habe eine Befürchtung. Ich fürchte, der energische Optimismus des modernen Menschen und sein krampfhaftes „positives Denken“ sind so etwas wie Pfeifen im dunklen Keller. Weil der Mensch bei Lichte besehen erbärmlicher ist, als er vorgibt. Ist er nicht jenes merkwürdige Geschöpf, das zwischen Gut und Böse, zwischen Hilfreich und Schädlich zwar schön unterscheiden kann, aber gegen besseres Wissen handelt? Jener Zweibeiner, der in den Apfel beisst im vollen Wissen, dass er giftig ist?

Gott gebot dem Menschen: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten Eden, aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du sterben.“ Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde und sprach zur Frau: „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht von allen Bäumen im Garten essen?“ Da sagte die Frau: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber vom Baum mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“ Da sagte die Schlange: „Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgehen, ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“. Die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre, dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann davon und auch er aß. Aus Genesis 2 u. 3

Seither wissen wir, was gut und böse ist - und leben doch nicht danach. Der Anfang der Bibel malt ein treffliches Bild vom Menschen. Schmeichelhaft nicht gerade, aber unübertroffen realistisch, finde ich. Der Mensch weiss, was gut ist, aber er tut es nicht. Dieses Motiv findet sich oft in der Bibel, vielleicht erinnern Sie sich:

Der starke Simson weiss: Er darf das Geheimnis seiner Kraft keinem Menschen offenbaren. Aber er verguckt sich in eine hartnäckige Frau, die es fertig bringt, ihm sein Geheimnis abzuluchsen und er fällt seinen Feinden in die Hände.

Oder König Saul: Er verbietet in seinem Reich das Beschwören von Totengeistern in der Überzeugung, das sei schlecht fürs Volk. Und dann geht ausgerechnet er zur Hexe von Endor, um den Geist des Propheten Samuel zu beschwören.

Jesus sagt seinem Freund Petrus voraus, er werde ihn verleugnen, noch „bevor der Hahn kräht“. Petrus schwört hoch und heilig, niemals werde er das tun. Aber er tut es - „und weinte bitterlich“.

In Märchen begegnet man diesem biblischen Motiv auf Schritt und Tritt. Dem Rotkäppchen wird eingeschärft: „Geh hübsch sittsam und weich nicht vom Wege ab!“ „Ich will schon alles gut machen,“ sagt Rotkäppchen, aber da begegnet es dem Wolf. Sie kennen den Rest. Einem Bauern wird eingeschärft, nie dürfe er den Deckel von der Schüssel nehmen und nachschauen, was drin sei. Natürlich lüpft er den Deckel und die Maus, die drin war, entwischt auf Nimmerwiedersehen. Aladdin weiss, er darf unter keinen Umständen das „Sesam, öffne dich“ vergessen, das ihm das magische Tor der Räuberhöhle öffnet, aber der Lappi vergisst es. Immer dieses eine Motiv: Man weiss, was gut ist, aber man tut das Gegenteil.

Dem Theologen Leonhard Ragaz war es ein Herzensanliegen, dass alle die Bibel ernsthaft lesen und beherzigen. Aber die Realität war und ist natürlich eine andere. Wissen Sie, was er vorschlug? Man sollte das Bibellesen bei Busse verbieten, dann würde man garantiert im Geheimen die Bibel lesen! Der kannte seine Pappenheimer.

Diese einfache, uralte Weisheit fehlt in manchen philosophischen Menschenbildern und pädagogischen Entwürfen. Der Mensch ist jenes Wesen, das man immer wieder stöhnen hört: „Ich könnte mich ohrfeigen!“ Es ist unser Charaktermerkmal. Tiere haben das Problem nicht.

Was machen wir damit? Kann man dieses verflixte Charaktermerkmal ändern? Ich fürchte nein, so wenig ein Leopard seine Flecken loswerden kann. Paulus war schon lange Christ, als er in seinem Hauptwerk schrieb: „Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will (Röm 7).“ Von Veränderung steht leider nichts. Aber er fragt: „Wer kann mich retten aus diesem zwiespältigen Todesleib?“ und dankt dann überschwänglich Jesus Christus für die Rettung.

Für mein psychologisches Denken ist das zwar unbefriedigend, aber nahe an meiner eigenen Lebenserfahrung. Ich lerne daraus: Wichtig ist es, anzunehmen, dass ich bis ans Lebensende sagen werde: „Ich hätt‘s besser gewusst, aber ich hab’s vergeigt!“ Das bewahrt vor den geschönten Illusionen, die ja eh ständig frustriert werden. Ach ja, daneben vergesse ich keineswegs die Schokoladenseite, die gibt’s auch: Wunderbar ist, was der Mensch vermag, wenn er wirklich will: „Yes, we can!“ Aber kommt dann der Moment, da wir uns wieder mal ohrfeigen möchten, gilt es Ausschau zu halten nach dem Erbarmen des Höchsten und es dankbar anzunehmen. „Denn der Barmherzige weiss, was für ein Gebilde wir sind. Er gedenkt daran, dass wir Staub sind( Ps 103,14).“ Amen.

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