Adventspredigt: Gott ist im Kommen (Lukas 17, 20-21)

7. Dezember 2009 (Kommentare: 0)

Bild: „Die Erwartung“ Richard Oelze, 1936
„Die Erwartung“ Richard Oelze, 1936
Bild: „Die Erwartung“ Richard Oelze, 1936
„Die Erwartung“ Richard Oelze, 1936

„Gott selbst wird kommen und euch erretten,“ haben wir gehört. Das letzte Buch der Bibel braucht eine ähnlich geheimnisvolle Umschreibung Gottes: „Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt.“ Kann man von Gott sagen, er komme? Er ist doch längst da. Er ist in uns, um uns, in ihm „leben, weben und sind wir“. Vom Winter kann man sagen, er komme, und vom Frühling. Was aber soll es bedeuten, von Gott zu sagen, er komme? In Weihnachtsliedern singen wir: „Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all“, oder „Herbei, o ihr Gläubigen, o kommet, o kommet nach Bethlehem!“, „Kommet ihr Hirten, kommet das liebliche Kindlein zu schaun.“ Kinder und Hirten und Gläubige sollen kommen. Dabei ist wohl die Weihnachtsbotschaft gerade nicht, dass wir kommen, sondern dass Er kommt. Georg Schmid (er war kürzlich bei uns zu einem Vortrag) sagt in seinem Weihnachtslied zu Gott: „Komm du zu uns, weil wir zu dir nicht finden.“ Wenn wir sorgfältig darauf horchen, wie die Bibel von Gott redet, glauben wir an einen Gott, der nicht darauf wartet, dass seine Menschen endlich zu ihm kommen, sondern an einen Gott, der selber kommt, der in der „Zukunft“ wohnt, in dem, was kommt.

Wir hören den Predigttext aus dem Evangelium nach Lukas 17:

Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. 21 Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Liebe Gemeinde,

Die Pharisäer fragen: Wann kommt das Reich Gottes? Die haben wenigstens noch auf etwas Schönes gewartet! Sie waren überzeugt, dass bald eine neue Zeit anbrechen werde, dass Gott einen starken Mann in die Welt schickt, der die Römer zum Tempel hinaus wirft und Wohlstand und Frieden bringt für Gottes Volk. Gespannt beobachteten sie, was in der Welt passierte und fragten dabei ständig: Ist das ein Zeichen, dass jetzt das Reich Gottes kommt? Und Jesus teilte ihre Erwartung! Er lehrte seine Jünger beten: „Dein Reich komme“, und die Zusammenfassung seiner Verkündigung war: „Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt dieser frohen Botschaft!“

Heute, 2000 Jahre später: Ist das Reich Gottes jetzt gekommen? Darüber streiten die Theologen. Und wir beten noch immer: „Dein Reich komme!“ Nun nimmt mich aber Wunder: Rechnen wir überhaupt damit, dass da noch etwas kommt?

In Eurem Leben: gibt es etwas, das kommt? Kinder würden sofort sagen: Weihnachten! Die Adventszeit ist für sie das Wartezimmer vor dem „Gschänkli-Abe“. Jugendliche würden vielleicht sagen: Schulschluss, Konfirmation kommt, die Lehre kommt auf mich zu, das Leben in der Erwachsenenwelt. Ich warte darauf, dass wohl bald unser erstes Grosskind auf die Welt kommt. Ältere Leute wissen: Vielleicht kommt Krankheit, sicher aber kommt der Tod. Die Frage ist auch hier nur: Wann? Das sind Erwartungen in einem Einzelleben. Worauf wartet Ihr gerade?

Es gibt immer etwas zu erwarten, und solange wir noch auf etwas warten, so lange sind wir lebendig. Ich vermute, „Erwartung“ oder „Hoffnung“ sind andere Namen für die Lebenskraft, für das, was uns am Leben hält, für den „Élan vital“. Dazu gibt es vielleicht auch in Eurer Familie Geschichten wie diese: Mutter war alt und schwach geworden. Im Oktober hat sie „es Schlegli“ erlitten und musste in den Rollstuhl. Ihr Jüngster wollte im nächsten Mai Hochzeit feiern. Sie freute sich wie ein Kind auf diese Hochzeit, aber ihr Körper wurde immer schwächer. Man musste damit rechnen, dass sie bald in die obere Heimat abberufen würde. Aber nein: sie konnte an der Hochzeit dabei sein! Kurze Zeit später aber starb sie. War es die Hoffnung, die Erwartung dieser Hochzeit, die sie noch am Leben erhalten hatte?

Dass wir vorwärts schauen, in die Zukunft, und auf etwas warten, das auf uns zu kommt, das erhält uns am Leben, und wenn es nur die Erwartung ist, dass es endlich Schnee gibt auf die Pisten, oder dass es endlich wieder Frühling wird und warm. Erwartungen sind Treibstoff für unsere Seele.

Aber Jesus und die Pharisäer hatten noch eine andere Erwartung, eine Erwartung, die über ihr persönliches Leben hinausging. Sie warteten auf das Reich Gottes für ihre Welt. Sie konnten glauben, dass eine bessere Welt im Kommen war, eine neue Gesellschaft, wo die Blinden sehen und die Armen vor Freude tanzen. Sie warteten darauf, dass irgendwie Gott kommt. Für sie war Gott nicht einfach überall. Das wohl auch, aber Gott „kommt“. Spricht man so von Ihm, so ist er ist nicht einfach da, noch nicht. Er ist unterwegs. Die Haltung der ersten Christen kann man vergleichen mit Leuten, die ihre Verwandten abholen auf dem Flughafen. Man redet von denen, „die da kommen sollen“, wie wenn sie schon da wären. Geistig sind sie präsent, obwohl sie erst noch kommen. Sie sind unterwegs, im Sinkflug, sie liegen in der Luft. Können wir auf einen Gott warten, der in der Luft liegt? Es ist wohl leichter zu glauben, dass die Schweinegrippe in der Luft liegt, was?

Ich muss gestehen, dass mir die kindliche Hoffnung auf den Gott, der bald kommt, abhanden gekommen ist, wenn ich sie je hatte. Aber ich spüre auch, wie mir diese Hoffnung fehlt, wie meine Seele sie eigentlich nötig hätte. Vorfreude ist die beste Freude. Das Fiebern auf eine spannende, bessere Zukunft hin ist etwas einzigartig Schönes. Ich wollte, ich hätte mehr davon. Hoffnung ist ein Jungbrunnen für die Seele.

Vielleicht entsteht deshalb wie von selber alle zehn Jahre irgendeine Form von „New Age“-Hoffnung. Esoterisch Gläubige können sich jetzt wieder auf 2012 freuen. Entweder geht da die Welt unter, oder ein völlig neues Bewusstsein macht sich breit, glaubt man. Ich muss ehrlich sagen, dass ich für diesen Glauben zu alt bin, schon etwas zynisch: Zu viele Weltuntergänge habe ich schon überlebt, ich kann mich nicht mehr recht freuen auf den Nächsten.

Aber die Hoffnung für eine neue, bessere Welt (nicht nur für unser privates Leben) ist notwendig! Sie ist nicht freiwillig. Wir müssen sie aus der Bibel saugen, müssen sie pflegen und schützen, wie eine Kerzenflamme vor dem Wind! Die Welt braucht Menschen mit Hoffnung.

In Rom diskutierten die Mächtigen unserer Welt darüber, wie man den Hunger überwinden, wie man allen genug zu essen geben könnte. Habt Ihr die Erwartung, dass eine Welt kommt, wo niemand mehr Hunger muss haben? Schwer zu glauben.

Bald reisen die Mächtigen nach Kopenhagen zum Diskutieren, wie man die Erwärmung unseres Planeten stoppen kann. Wenn wir weiter motoren und heizen, hat das apokalyptische Folgen, das heisst katastrophale. Glaubt Ihr, dass die Menschheit ihre Motorensucht überwinden wird? Schwer zu glauben, oder nicht?

Aber es ist schlimm, wenn man nicht an eine bessere Zukunft glaubt! Wir müssen daran glauben, dass wir einmal den Hunger besiegen werden. Wir müssen daran glauben, dass die Menschen aufhören, mit ihren Motoren das Klima anzuheizen. Wir müssen daran glauben, dass nicht immer nur Dummheit und Selbstsucht regieren, sondern auch einmal Vernunft und Liebe. Wir müssten ans Reich Gottes glauben, das kommt!

„Man darf die Hoffnung nicht aufgeben“, sagen wir den Kranken, und das ist wahr. Man darf eben auch die Hoffnung für die Welt nicht aufgeben. Wer die Hoffnung für die Welt verliert, wird zum Problem für diese Welt, statt zur Lösung. Es sind nämlich immer die Menschen ohne Hoffnung, die selbstsüchtig alles verbrauchen, die ohne Rücksicht die Welt verdrecken und kaputt machen, ohne Rücksicht auf die Folgen, ohne Voraussicht auf unsere Nachkommen.

Ich möchte euch dazu mitgeben, was Albert Schweizer sagt: „Sie sollen wissen, dass Sie den Reichtum des Herzens brauchen, um zu leben. Werden Sie keine Skeptiker! Seien Sie Leute, die nach Idealen suchen. Das Leben wird versuchen, Ihnen diese Ideale zu nehmen, halten Sie deshalb an ihnen fest. Sie werden Ihre Ideale verteidigen müssen, und sie werden in Gefahr sein, sich im Leben nur von äusserlichen Gedanken leiten zu lassen. Lassen Sie das nicht zu, nie! Ich sage Ihnen, dass Sie Ideale brauchen, und ich sage Ihnen gleichzeitig, dass sie dienen müssen. Sie werden arm im Leben sein, wenn Sie nur daran denken, wie Sie erfolgreich sein können. Der wirkliche Zweck des Lebens ist dienen, für andere da sein, verwirklichen helfen, was verwirklicht werden soll.“

Die Adventszeit erinnert uns jedes Jahr, dass wir auf etwas warten, dass wir in unsern Herzen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft brauchen. Advent erinnert uns an die Verheissungen und die Zusagen Gottes in der Hl. Schrift. Advent sagt: Gott kommt!, und das muss heissen, dass es besser wird, dass das Heil kommt.

Vielleicht ist das zu schwer zu glauben für die ganze grosse Welt. Aber dann müssen wir es wenigstens glauben für unsere kleine Welt, für Frutigen und fürs Bernerland. Wir müssen irgendwo mitarbeiten daran, dass die Ideale, die der Geist von Gott in uns gelegt hat, lebendig werden und Gestalt annehmen. So werden wir mit neuem Feuer und lebendiger Hoffnung beten: „Dein Reich komme!“

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