Auf Schuldenbergtour

27. April 2019 (Kommentare: 0)

Kein anderes Thema sprach Jesus wohl eindringlicher und häufiger an als die Vergebung. Einmal dass Gott uns vergibt, dann aber noch nachdrücklicher, dass wir einander vergeben. Als er seine Jünger das Unservater lehrte, fügte er eigens hinzu: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr ihnen aber nicht vergebt, wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,14).

Intermezzo

Es war einmal ein CEO, ein Manager eines grossen Konzerns. Er kam gerade zufrieden aus der Verwaltungsratssitzung. Sein Jahresgehalt war um eine Million auf sieben Millionen aufgestockt worden. Da traf er auf dem Gang eine Putzfrau und sagte: „Es tut mir leid, gute Frau, aber der Konzern muss unheimlich sparen. Sie müssen leider ab 1. Mai eine neue Stelle suchen.“

Das ist frei erfunden. Und ihr wisst, dass es trotzdem wahr ist. Menschen mit Millionenlöhnen kriegen Gehaltserhöhung, weil sie Betriebe restrukturieren, d.h. Arbeitskräfte einsparen. Ich beurteile das nicht; ihr hört mein Befremden. Ähnlich erzählt nun Jesus im Matthäusevangelium, Kap.18:

»Das Reich Gottes ist zu vergleichen mit einem König. Der wollte mit seinen Verwaltern abrechnen. Man brachte zu ihm einen Mann, der ihm 10‘000 Talente schuldete. Da er nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn zu verkaufen, auch seine Frau und seine Kinder und seinen ganzen Besitz, und den Erlös für die Tilgung der Schulden zu verwenden. Aber der Schuldner warf sich vor ihm nieder und bat: ›Hab doch Erbarmen mit mir! Ich will dir ja alles zurückzahlen.‹ Da ergriff den König Mitleid; er gab ihn frei und erließ ihm auch noch die ganze Schuld. Kaum draußen, traf dieser Mann einen Kollegen, der ihm 100 Denare schuldete. Den würgte er an der Kehle und rief: ›Gib zurück, was du mir schuldest!‹ Der Schuldner fiel auf die Knie und bettelte: ›Hab Erbarmen mit mir! Ich will dir ja alles zurückzahlen!‹ Aber sein Gläubiger wollte nichts hören, sondern ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld beglichen hätte. Als das seine anderen Kollegen sahen, konnten sie es nicht fassen. Sie liefen zum König und erzählten, was geschehen war. Er ließ den Mann kommen und sagte: ›Was bist du für ein böser Mensch! Ich habe dir die ganze Schuld erlassen, weil du mich darum gebeten hast. Hättest du nicht auch Erbarmen haben können mit deinem Kollegen, so wie ich es mit dir gehabt habe?‹ Voll Zorn übergab er ihn den Folterknechten zur Bestrafung, bis er die ganze Schuld zurückgezahlt haben würde. So wird mein Vater im Himmel jeden von euch behandeln, wenn er seinem Bruder oder seiner Schwester nicht von Herzen verzeiht.«

Ihr seid sicher einverstanden: Das hier ist ein schlimmer Mensch. Er wird freigesprochen, weil sein König unglaublich grosszügig ist, aber selbst ist er total unbarmherzig gegen seinen Kollegen. Der verdient einen Denkzettel, geschieht ihm recht! Erst recht, wenn man weiss, was für Summen da im Spiel sind. Die kleine Schuld, 100 Denare, ist auch kein Pappenstiel. Das waren 100 Tageslöhne. Rechnet man mit 100 Franken Tageslohn, sind es immer noch 10‘000 Franken. Das andere aber sind 10‘000 Talente. Ein Talent galt sechstausend Tageslöhne, also 600‘000 Franken. Der damalige König, Herodes der Grosse, der wahrhaftig ein Luxusleben führte und z.B. den riesigen Prachtstempel baute, von dem heute noch die mächtige Klagemauer steht - Herodes hatte eine Jahreseinkunft von 900 Talenten. Der schlimme Bursche hier aber hatte 10‘000 Talente Schulden! Konservativ gerechnet sind das Billionen, unvorstellbar viel.

Und diese unvorstellbar grosse Schuld wird ihm zunächst ganz erlassen, „weil du mich darum gebeten hast“, sagt der König. Darin stecken nun drei Dinge, die für Jesus selbstverständlich sind, aber nicht mehr ohne Weiteres für uns:

  1. Unseren Gott müssen wir uns unglaublich gross-herzig vorstellen! Und seine Mitleid mit uns und sein Erbarmen mit den Menschen übersteigt unsere Vorstellungskraft immer. Keine Schuld wäre so gross, dass er sie nicht vergeben wollte. Das ist das Evangelium, die frohe Botschaft: Gottes Verständnis und Erbarmen mit uns ist unbegrenzt, unendlich, uferlos. So grenzenlos, dass man unwillkürlich fragt: Ist das nicht auch wieder ungerecht, einem Kerl, der sich so viel hat zuschulden kommen lassen, einfach zu vergeben?! Wird Gott auch Hitler vergeben? Nach Jesus scheint das jedenfalls nicht völlig undenkbar.
  2. Aber lassen wir uns nicht Sand in die Augen streuen. Jesus sagt nicht, es gelte eine allgemeine Amnestie, Gott drücke beide Augen zu und nehme menschliche Schuld nicht ernst. Manchmal denkt man ja, Gott sei ein seniler Grossatt, der stupid grinst und sagt: „Jaja, die Jungen. Man muss sie halt machen lassen.“ Oh nein! Es wird abgerechnet. Wir warten auf ein Gerichtsverfahren. Rechenschaft ablegen. Wie gross ist unsere Schuld? Sie wird genau berechnet: 10‘000 Talente.
  3. Und die unglaubliche Grossmut des Königs hängt von einer Bedingung ab: „Weil du mich gebeten hast.“ Hätte der Kerl nicht um Vergebung gebeten; hätte er etwa gesagt: „Ich bin auch nicht schlechter als mein Nachbar, alle sind Sünder“, so wäre er mit Frau und Kind in die Sklaverei verkauft worden. Hart und brutal. Das Gesetz gilt. Es wird nicht gelockert. Aber weil einer Gott um Vergebung bittet, wird ihm vergeben, und das heisst ja: Der König zahlt selbst die Schuld des Schuldigen. Er schreibt die Riesensumme in seiner Buchhaltung unter Verlust ab. Vergessen wir also nicht: Die wunderbare Grossmut der Vergebung wirkt nicht automatisch. Der König vergibt grossherzig, weil er darum gebeten wird.

Das also ist für Jesus selbstverständlich: 1. Gottes Erbarmen ist unendlich gross. 2. Es gibt selbstverständlich für jeden Menschen eine Abrechnung, das „jüngste Gericht“. 3. Vergebung kann erlangen, wer um Vergebung bittet. Diese drei Punkte sind schon seine halbe Lehre, und die letzten beiden Punkte hört man heute nicht mehr so gern.

Nun stellt sich ja sofort die Frage: Wie stehe ich einmal vor dem König da? Jesus zieht da einen merkwürdig pauschalen Schluss: „Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt.“ „Jeden von euch“. Das tönt, wie wenn „jedes von euch“ mit dem grossen Schuldner verglichen, ja ihm gleichgestellt wäre? Haben alle Menschen vor Gott Billionenschulden? Kommt ihr auch einmal mit Riesenschulden zur Abrechnung?

Das Schuldbewusstsein unter uns ist sehr verschieden. Ich kenne einen, der jahrzehntelang unheimliche Angst hatte vor dem Sterben. Er war überzeugt, seine grosse Schuld vor Gott würde ihm im Gericht keine Chance lassen. Ich kenne einen zweiten, der würde sagen: „Oh ja, ich habe viele Fehler gemacht im Leben, aber Billionenschulden sind es nun auch wieder nicht.“ Morgens um vier aber wacht er auf und kann nicht mehr einschlafen. Und nun kriechen seine Fehler, seine Schulden, sein Versäumnisse von allen Seiten auf ihn los wie Spinnen und er landet buchstäblich in einer Depression, bis dann endlich der erste Kaffee in die Nase duftet. Am Tageslicht sagt er: „Jaja, schon Fehler, aber nicht soo schlimm.“ Am frühen Morgen aber schmort er in der Hölle mit einem Riesenschuldgefühl. IBeides ist mir eher fremd, bin wohl eher ein Luftikus, ein oberflächlicher Mensch. Meine Fehler, die gibt es natürlich, aber sie beschäftigen mich selten. Wie habt ihr es? Je nach Typ ist das Schuldbewusstsein grösser oder kleiner. Vielleicht gibt es sogar welche, die wirklich überzeugt sind, immer alles richtig gemacht zu haben? Vielleicht - aber das sind unappetitliche Zeitgenossen, was?

Verstehe ich Jesus recht, so sagt er, uns allen seien in Wahrheit Riesenschulden vergeben, darum müsse „jeder von euch“ seinen Mitmenschen vergeben. Hat Jesus recht, haben wir alle Riesenschulden?

Ich bin natürlich nicht in der Position, euch nun ein Riesenschuldgefühl anzuhängen. Ich stehe wie alle vor dem grossen König und warte auf die Abrechnung. Aber als Theologe kann ich euch natürlich schon zum Nachdenken bringen. Soll ich probieren?

Alles, was euch geschenkt ist, ist doch immer auch eine moralische Schuld. Wir leben im reichsten Land, im sichersten Land, im gesündesten Land der Welt. Jedes von uns verfügt über mehr Geld als die Hälfte der Menschheit. Was haben wir aus diesen grossen Gaben gemacht? Was hast du aus deinen Talenten gemacht, deinen Privilegien? Wozu setzt du dein Vermögen ein, dein Wissen, deine Zeit? „Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert“, sagt die Bibel.

Jesus sagte einmal das unheimliche Wort: „Ich sage euch: Am Tag des Gerichts werden die Menschen Rechenschaft ablegen über jedes unnütze Wort, das sie geredet haben“ (Mt 12,36).

Oder: „Ich versichere euch: Die Hilfe, die ihr meinen geringsten Brüdern und Schwestern verweigert habt, die habt ihr mir verweigert“ (Mt 25,45). „Wer weiss, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde“ (Jak 4,15). „Was nicht aus Gottvertrauen getan ist, ist Sünde“ (Römer 14,23). Unheimliche Pauschalaussagen. Sie treffen doch alle.

Nun - nur ihr selbst könnt eure Schuld abschätzen. Aber fangt doch lieber gar nicht damit an; denn: „Jesus sprach: Ihr seid die, die ihr euch selbst rechtfertigt; aber Gott kennt eure Herzen. Denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott“ (Lk 16,15). Das heisst doch: Die Massstäbe, mit denen wir messen, die „verhei de mal eh nid“.

Es sind gewiss Schulden aufgelaufen in meinem Leben. Wie gross sie sind, muss nicht ich abschätzen. Wichtig ist, dass ich am Ende meines Lebens nicht aus allen Wolken falle, wenn mir meine Schulden vorgerechnet werden.

Wichtig ist, dass ich um Vergebung bitten kann, weil ich wohl unmöglich selbst alles wiedergutmachen kann. Und wichtig ist, das betont Jesus, dass ich meinen Mitmenschen nichts nachtrage. Ich muss ihnen vergeben, bevor die Gerichtsverhandlung beginnt.

Vergeben heisst: Ich mache dir keine Vorwürfe mehr. Ich denke nicht mehr darüber nach, wie ich es dir heimzahlen könnte. Ich akzeptiere das Unrecht, das du mir angetan hast, als mein Schicksal und überlasse die Gerechtigkeit Gott. Er wird dich gerecht beurteilen, nicht ich. Vergeben heisst, halt in Gottes Namen aus eigenem Sack bezahlen, was ein anderer verputzt und verschleudert hat. Das kann unheimlich schwer sein. Vielleicht hilft es ein wenig, daran zu denken, dass auch mir Schulden vergeben sind. Mit dem Glauben gesagt: Dass der Sohn Gottes sein Leben ans Kreuz hingegeben hat zur Vergebung auch meiner grossen Schuld.

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