Radiopredigt: Es wäre schöner, wenn du wieder kommst (Lukas 24, 50-52 und Johannes 16, 5-7)

21. Mai 2009 (Kommentare: 0)

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Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio.

„Während Jesus seine Jünger segnete, verliess er sie.“ Der Meister verlässt seine Schüler. Sie werden ihn nicht mehr sehen, nie wieder zu seinen Füssen sitzen und seinen Geschichten lauschen. Er wird ihnen nicht mehr das Brot brechen. Er lässt sie allein zurück in einer feindseligen Welt. Ist es das, was wir heute feiern? Wir Reformierte sagen „Auffahrt“, die katholischen Geschwister „Christi Himmelfahrt“. In der Festlegende am Schluss des Lukasevangeliums gibt es einen merkwürdigen Stolperstein:

„Dann führte Jesus seine Jünger hinaus aus der Stadt in die Nähe von Bethanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verliess er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in grosser Freude nach Jerusalem zurück.“

Diese „grosse Freude“ kann ich dem Berichterstatter nicht abkaufen. Da lebten diese Jünger drei Jahre Tag und Nacht mit ihrem Meister und liebten und verehrten ihn. Dann mussten sie ohnmächtig mit ansehen, wie er zu Tode gefoltert wurde. Wie ein Kartenhaus fielen ihre Hoffnungen zusammen. Dann hiess es plötzlich, er sei auferstanden. Sie sahen ihn wieder, sprachen mit ihm, berührten ihn sogar, 40 Tage lang. Und nun verlässt er sie endgültig. Verlassen! Haben wir nicht alle schon geschrien aus Angst, die Mutter könnte uns verlassen? Ist das nicht die Angst, die am tiefsten sitzt, die Angst, verlassen zu werden von dem Menschen, den man liebt und braucht? Jesus verlässt seine Freunde. Sie kehren zurück, „in grosser Trauer,“ würde ich erwarten, aber „in grosser Freude“? Was will Lukas damit nur sagen?

Ich vermute, der Evangelist Johannes stellte die gleiche Frage, Jahrzehnte später. Bei ihm sagt Jesus zu den Jüngern:

„Jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Niemand von euch fragt mich, wohin ich gehe. Ihr seid traurig, weil ich euch dies gesagt habe. Aber glaubt mir, es ist gut für euch, daß ich fortgehe; denn sonst wird der Helfer nicht zu euch kommen. Wenn ich aber fortgehe, dann werde ich ihn zu euch senden, und er wird meine Stelle einnehmen.“

Hier ist nun ausdrücklich die Rede von der Trauer der Jünger. Zugleich hören wir: „Es ist gut für euch, dass ich gehe.“ Was soll gut sein daran, dass der Meister seine Jünger verlässt? Gibt es Gründe, Auffahrt wirklich zu feiern? Die gibt es allerdings, und Ich freue mich, einige davon mit Ihnen zu erwägen.

Eine Lehrer-Schüler-Beziehung hat naturgemäss Schlagseite. Können und Nichtkönnen, Wissen und Nichtwissen sind einseitig verteilt. Darum dürfen solche Beziehungen nicht dauern, „bis der Tod euch scheidet“. Schüler verlassen den Lehrer, und wenn nicht sie ihn verlassen, muss halt er sie verlassen. Abschied tut immer weh, wo man es gut hatte miteinander. Aber nur der Abschied ermöglicht dem Schüler, seine eigene Meisterschaft zu entwickeln und zu erproben. Vielleicht kennen Sie Beispiele, wo man sich zu dieser notwendigen Trennung nicht durchringen konnte? Wenn Eltern und Kinder beieinander wohnen bleiben, etwa auf einem Hof, müssen die Eltern wenigstens innerlich deutlich und drastisch Abschied nehmen von ihren Kindern. Gelingt dies nur halbbatzig, bleiben die Kinder am Gängelband oder sie proben fortwährend den Aufstand. Jedenfalls werden sie nicht eigenständig. Dass der Meister seine Jünger verlässt, eröffnet ihnen Selbständigkeit, gibt ihnen Raum, auf die eigenen Füsse zu stehen. Sie werden nun befördert, von Jüngern zu Aposteln, zu Botschaftern des Reiches Gottes. Jetzt können sie sprechen, denn der Meister schweigt. „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.“

Er ist wirklich fort. Daran ändern alle frommen Sprüche nichts. Gewiss ist sein Geist ausgegossen in der Welt. Der „Helfer“ ist gekommen an seiner Stelle, wir haben sein Wort. Aber er selbst ist fort. Das Gebet ist leider kein wechselseitiges Funkgespräch, sondern ziemlich einseitige Übermittlung. Wir glauben, dass Christus das Haupt seiner Kirche ist, aber wenn er tatsächlich regiert, dann doch sehr zurückhaltend. Man merkt kaum etwas davon. Er redet uns nie drein. Als wir in der reformierten Berner Kirche vor einigen Jahren den Gleichgeschlechtlichen Raum geben wollten, da wogte die Diskussion heftig hin und her. Pro und Kontra zitierten die Bibel und waren überzeugt, Jesus würde der eigenen Meinung Recht geben, wenn er da wäre. Aber er war eben nicht da, man konnte ihn nicht fragen. Wir mussten selber entscheiden, Verantwortung übernehmen. Die Mehrheit gab den Gleichgeschlechtlichen Raum. Wir stehen gern dazu.

Erzählte Jesus nicht öfter, das Reich Gottes sei zu vergleichen mit einem Gutsherrn, der sein Gut den Dienern anvertraut und dann auf unbestimmte Zeit verreist? Seine Kirche ist unsere Kirche. Er lässt uns machen. Kommt er einst zurück, müssen wir gerade stehen für das, was wir daraus gemacht haben. Dass Jesus fortging, stellt uns in unsere Verantwortung. „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.“

Vielleicht haben Sie sich auch schon gewundert über die merkwürdige Tatsache, dass Grosses oft erst anerkannt wird und sich ausbreitet, wenn der Gründer tot ist. Ein berührendes Beispiel war der Maler van Gogh. Zu Lebzeiten wäre er fast verhungert, weil absolut niemand seine Bilder kaufen wollte. Heute, ein Jahrhundert nach seinem Tod, kann sie niemand kaufen, weil sie so wertvoll sind. Aus der Welt des Geistes und der Kunst gäbe es viele Beispiele. Ich habe auch eines aus meiner kleinen Alltagswelt. Unsere liebe Tochter konnte über Jahre in einem urweltlichen Chaos glücklich sein. Ihr Zimmer sah aus, wie wenn ein Tornado darüber gegangen wäre. Ich gab mein Bestes, ihr die Vorteile einer schönen Ordnung beizubringen: „Jedes Ding an seinen Ort, erspart viel Müh und böse Wort.“ Ich versprach ihr gewiss manchmal den Weltfrieden, wenn sie ihre Räuberhöhle aufräumen würde. Sie werden nicht erstaunt sein, dass meine Anstrengungen wenig fruchteten. Aber passen Sie auf! Als sie für ein Jahr nach London reiste, besuchten wir sie in ihrer Wohngemeinschaft. Und was durften wir mit grossem Staunen beobachten? Sie versuchte ihren Wohnkameradinnen mit allen Tricks beizubringen, sie möchten doch aufräumen und putzen und alle Dinge wieder an den rechten Ort stellen. Das hat mich gerührt. Mein Geist lebte also in meiner Tochter! Aber erwachen und Einfluss nehmen konnte er erst, als der Vater weg war. „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.“

Betrachten Sie doch aus diesem Blickwinkel einmal Ihre Beziehungen! Wenn Sie immer und immer wieder versuchen, jemandem etwas beizubringen - vielleicht ist es nun Zeit, mal wegzugehen? Es muss ja nicht gleich in den Himmel sein, aber einfach fort: „Ich bin dann mal weg!“ Verstehen Sie mich recht: Ich rate nicht dazu, aus einer Beziehung davon zu laufen. Das tut man heute wohl zu schnell. Ich meine Ihre geistige Haltung. Vielleicht könnten Sie sich ernsthaft zurückhalten, sich zurückziehen, einen Menschen sich selber sein lassen? Ist nämlich gut, was Sie gesät haben, wird es zu seiner Zeit aufgehen, ohne dass Sie zu wissen brauchen, wie und warum. Vielleicht sollten Sie mal aufhören, liebevoll im Gärtchen herumzuwühlen? „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.“

Die Bibel ist einzigartig auch in der Hinsicht, dass sie Schwächen und Fehler der Heiligen schonungslos darstellt. Petrus verleugnet seinen Meister. Die Jünger verstehen nicht, was Jesus ihnen sagt. Sie haben zu wenig Glauben, zweifeln an der Auferstehung, streiten über ihre Rangordnung und schlafen, wenn sie beten sollten. Das Team scheint nach drei Jahren Jüngerschaft noch nicht ausreichend befähigt, das Reich Gottes zu bauen. Jesus hätte alle Gründe gehabt, zu bleiben und sie noch ein paar Jahre auszubilden. Er aber geht und lässt sie zurück. Er hatte offenbar keine Angst, die gravierenden Mängel seines Teams könnten die Sache selbst gefährden. Er musste ein felsenfestes Vertrauen gehabt haben, dass das Reich Gottes aufwachsen und sich ausbreiten würde. Die Schwächen seines Bodenpersonals scheinen nicht ausschlaggebend zu sein. Er kann seine Leute bedenkenlos allein wirken lassen.

Verehrter Meister, du kanntest deine Pappenheimer. Dennoch hast du ihnen deine heilige Sache überlassen. Dein Vertrauen möge uns anstecken! Es ist gut, dass du fortgingst; und noch viel schöner wäre, wenn du wieder bei uns wärst, oder wir bei dir. Maranatha, komm, Herr Jesus. Amen.

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