«Die rechte Wahl». Predigt zu Lukas 10,38ff; 11,27f

13. Dezember 2020 (Kommentare: 0)

«Marta nahm Jesus gastlich auf. Sie hatte eine Schwester Maria, die setzte sich zu Füßen des Herrn und hörte ihm zu. Marta dagegen war damit beschäftigt, das Essen vorzubereiten. Schließlich trat Marta vor Jesus und sagte: »Kümmert es dich nicht, dass mich meine Schwester die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« Er antwortete: »Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, aber nur eins ist nötig. Maria hat die rechte Wahl getroffen. Sie hat sich für das Bessere entschieden, das ihr niemand wegnehmen kann.«

Ein Mann in meinem Alter sagte sich bei der Pensionierung: Was ich jetzt will, ist endlich meinen Garten neugestalten. Ich will ein schönes Plätzchen haben, wo man gern hinsitzt, Zeit verbringt und die Stille geniesst. Mit viel Elan ging er daran, investierte Zeit und Kraft und Geld. Nach anderthalb Jahren hatte er sein Plätzli, im Schatten von jungen Bäumen, mit Bänkli, Brunnen, Steintisch, Weitblick; ein romantisches Paradies, das einen gerade anzog, um da chli zhöckle und Zeit zu verbringen. Seither gingen acht Jahre ins Land. Man sah ihn viel in seinem Garten, Büsche schneiden, jäten, Laub rechen, umgraben, da was kratzen, dort was setzen. Aber nie sieht man ihn auf dem Bänkli. Was er eigentlich wollte. Aber dort einfach ruhig sitzen? Kann doch der nicht! Er hatte eindeutig Sehnsucht nach Stillsitzen und schlichtem Da-Sein. Dafür gab er viel Geld aus. Aber eben.

«Maria hat die rechte Wahl getroffen»: sitzen und hören. Evangelist Lukas legt später noch eins drauf mit einem merkwürdigen Zwischenspiel, 11,27f:

«Als Jesus redete, rief eine Frau aus der Menge mit lauter Stimme: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat! Er aber erwiderte: Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und bewahren.»

Bei uns könnte man sich das nicht vorstellen: Eine Frau ruft doch nicht dazwischen, wenn einer predigt! Und was sie da ruft: «Selig der Bauch, der dich getragen und die Brüste, an denen du gesogen hast!» Wie unheimlich weit weg ist die Welt der Bibel von unserer Zeit! Da hilft die Wissenschaft und erklärt, wie das damals war. Die sogenannte Seligpreisung kennen wir aus der Bergpredigt von Jesus. Damals aber war eine Seligpreisung alltäglich, nichts besonders Religiöses. Auch Bauern und Fischer haben «selig gepriesen». «Selig», hb. «baruch», «gesegnet», hiess einfach: «Du hast es gut». Es heisst nicht, dass jemand «selig wird», also in den Himmel kommt, sondern einfach: «Schwein hast du», «glücklich bist du», «wie du sollte man’s haben». Eine Seligpreisung war einfach rühmen, positives Feedback, laut sagen, was man schön findet.

Die Frau ruft nun nicht: «Selig, glücklich bist du», oder wie sie etwa heute gesagt hätte: «I wett, i hätt e Stimm und en Usstrahlig wie du.» Man sagte eben nicht «du». Man durfte niemanden hochmütig machen. Hochmut und Stolz sind gefährliche Sünden. Darum vermied man, «du» zu sagen und sagte vielmehr: «Selig der Vater, der deinen Tag erlebt».

Aber hört nun: Eine Frau war es, die aufstand und spontan rief, so dass alle es hörten. Lukas ist der Feminist der Evangelisten. Er wusste, dass es Frauen damals nicht zustand, öffentlich zu reden. Er zeigt, dass Frauen beim Anbruch des Christentums eine tragende Rolle spielten. Das wird deutlicher, weil die Frau nun nicht wie üblich den Vater rühmt: «Selig der Mann, der einen solchen Sohn zeugte.» Sie rühmt die Mutter! Ihr kennt den Spruch: «Hinter jedem grossen Mann steht eine starke Frau.» Damit schmeichelt man mit Recht der Frau im Backoffice, wenn wieder mal der Mann einen Pokal kriegt. Und hier wird die Mutter gerühmt. Hinter jedem und jeder steht vor allem und zuerst jene Frau, die unter Schmerzen geboren, ein schreiendes Bündel gestillt und das Kind unter viel Mühe und Stress ins Leben begleitet hat. Nichts wären wir ohne Mutter. Schicken wir einen virtuellen Strauss Rosen!

Auch die Hauptgeschichte von Maria und Marta hat eine feministische Nebenhandlung; die eine Auslegung nicht übergehen darf. Was erzählt Lukas zur Stellung der Frau? «Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.» Marta hatte ein Haus! Sie hatte das Recht und die Mittel, einen Wanderprediger einzuladen. Das hiess nicht einfach einen netten jungen Prediger einladen. Mit ihm kamen seine zwölf oder mehr hungrigen Jünger. Marta hatte offenbar eine bäumige Villa. Lukas erzählt von anderen reichen Frauen, welche die Jesusbewegung logistisch unterstützten. Schon damals waren es Frauen, die religiös besonders interessiert waren. Der feministische Höhepunkt aber ist, dass Maria bei den Männern sass. «Maria setzte sich dem Herrn zu Füssen und hörte ihm zu.» «Zu Füssen sitzen» bedeutete, bei einem Professor studieren. Paulus studierte bei Gamaliel, und das wird beschrieben: Er sass «zu Füssen Gamaliels». Aber eine Frau zu Füssen eines Schriftgelehrten, das war unmöglich! Noch heute sitzen in den strengen Synagogen die Frauen getrennt von den Männern. Maria aber erlaubte sich, bei den Männern zu sitzen, solange der Meister da war. Stellen wir uns das Bild vor: Maria unter lauter Männern! Natürlich muss Marta eingreifen. So unanständig, eine Frau bei dieser Männerrotte! Aber Jesus gibt Maria Recht: «Sie hat die rechte Wahl getroffen.» Damit wirft Lukas eine Bombe in die junge, damals sehr patriarchale Kirche., wenigstens eine Zeitbombe. Es brauchte noch 2000 Jahre, bis Gleichberechtigung anfing zu greifen. Lukas kämpfte schon damals für die Gleichberechtigung der Frau.

Zur Hauptbotschaft: «Eines ist notwendig. Maria hat die rechte Wahl getroffen, das soll ihr nicht genommen werden.» Sie hört Jesus zu; das ist das Beste. Sitzen und hören, was der Gast zu sagen hat ist besser, als in der Küche zu sorgen für die Gäste.

Auch beim Zwischenruf aus der Menge: «Glücklich ist eine Mutter mit einem solchen Sohn!» Jesus widerspricht: «Selig sind vielmehr alle, die das Wort Gottes hören und bewahren.» Gewiss: Die grosse Maria, «Mutter Gottes», wie Katholische sagen, ist selig zu preisen. Aber noch grösseres Glück ist sitzen und hören, was Gott sagt. Noch seliger ist die kleine Maria hier, die es wagt, trotz dringender Hauspflichten und trotz verächtlicher Blicke ihrer Schwester einfach da zu sein und die Gegenwart des Gesalbten zu geniessen.

Hier legt Gott seinen Finger auf einen wunden Punkt unserer Welt. Was fehlt uns am meisten? Stillsitzen und hören. Ihr macht das jetzt, gratuliere, «selig seid ihr». Aber ihr wisst auch, dass ihr - wie alle anderen - das Handy hervor nehmen und herumspielen würdet, wenn eine Minute nichts läuft.

Warum ist Stillsein und Hören besser? Es ist gewiss wichtig, dass Marta als perfekte Gastgeberin dem gottgesalbten Rabbi Jesus den Hunger stillt. Hier schimmert ein uralter Streit der Christenheit durch: Was ist der gute Weg? Aktion oder Kontemplation? Tätige Liebe oder vertrauensvoller stiller Glaube? Tätigsein in der Welt oder Kloster? Auch in der Bibel findet man den Konflikt. Paulus: Nur durch Gottvertrauen können wir gerettet werden. Aber Jakobus: Erst durch Werke tätiger Liebe erweist sich wahrer Glaube.

Ihr möchtet wohl gern den Streit sofort schlichten? Es braucht natürlich beides! Klar. Es ist doch kein Entweder-Oder. Marta ist wichtig, aber auch Maria. Einverstanden. Aber Jesus sagt: Maria trifft die bessere Wahl!

Man fragte ihn einst: Welches ist das wichtigste Gebot? Er sagte: «Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, und deinen Nächsten lieben wie dich selbst». Unzählige denken: Das Zweite verstehe ich, den Nächsten lieben wie mich selbst. Da kann ich was tun. Nächstenliebe ist gewiss auch Liebe zu Gott. Einverstanden. Aber «Du sollst Gott lieben» ist eben das erste und wichtigste Gebot. Es wird nicht aufgehoben durch Nächstenliebe. Jesus sagt: Glücklich sind nicht die Glückspilze. Glücklich sind die, die das Wort Gottes hören und bewahren. Tun oder Sein? Natürlich beides, aber das Sein, Stille, Hören ist das Bessere, das Notwendige, das Erste. Warum?

Weil du nur in der Stille Gott hören kannst. Deine Aktivität, und wenn es die heilige aktive Nächstenliebe ist, macht dich schwerhörig für Gottes Stimme. Dein Tätigsein bestätigt dein Ego, und solange du deinen Mühen und Sorgen nachgehst, bist du taub für Gott. Er lässt sich hören, wenn du nichts mehr tust. Längere Zeit nichts tust. Du spürst dein Leben erst, du hörst dich selbst erst, wenn du mal nichts tust.

Wer in einer Partnerschaft lebt, weiss das. Meine Frau fühlt sich erst ernst genommen, wenn ich aufhöre, tätig zu sein. Solange ich Zeitung lese, Handy checke, das Morgen plane, hat irgendetwas meine Aufmerksamkeit, nur nicht mein Partner. Erst muss ich alles beiseitelegen, nichts tun, aufmerksam und still hören. So ist das auch mit Gott, sagt Jesus.

Vielleicht leuchtet das ja ein. Dann sind wir schon mal so weit wie der Pensionierte mit seinem Garten. Der wollte endlich sitzen und nichts tun wie Maria. Aber als er das Plätzli dafür hatte, war er halt immer noch die alte Marta. Viele, die es versuchen, sagen, Nichtstun und Stillsitzen sei etwas vom Schwersten. Der Physiker Blaise Pascal sagte: Alles Unheil der Welt kommt daher, dass der Mensch nicht in seinem Zimmer stillsitzen kann. Es ist unheimlich schwer, in Stille zu sitzen und wirklich nichts zu tun, auch nicht geistig in der Vergangenheit herumzustochern oder Zukunft zu planen. Es ist einfacher, zur Kirche zu kommen und zusammen mit anderen eine Stunde nichts anderes zu tun als zu hören, wie ihr heute. Bleiben wir dran!

Keine Sorge, um die ewige Seligkeit geht es wohl nicht. Auch umtriebige Martas kommen einmal in den Himmel. Aber Maria ist halt jetzt schon drin.

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