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Gemeindepredigt: Neid, der das Leben verkürzt (Genesis 4, 1-10)

1. August 2009 (Kommentare: 0)

Neid
Neid

Es gibt Schweizer, die verdienen im Jahr etwa 20 Millionen. Normalerweise sage ich: „Das ist ungerecht! Es ist unsozial, das führt zu einem gefährlichen Ungleichgewicht, das früher oder später explodiert.“ So redet mein Kopf. Aber ich spüre auch etwas im Bauch: Ich ärgere mich grün und gelb, und bin kaum der Einzige hier drin. Gelb ist die Farbe des Neides. Ja, hier kann ich es zugeben: ich bin auch neidisch. Alle kennen Neid aus eigener Erfahrung, aber man spricht nicht davon. Man gibt es nicht zu, dass man dem Herrn Vasella seine Millionen vergönnt. Vergleiche ich mich mit Vasella, so werde ich neidisch. Warum vergleiche ich mich nicht mit dem Briefträger? Ich verdiene erklecklich mehr als er.

Man vergleicht sich eben mit denen, die weiter oben stehen auf dem Leiterli. Und so entstehen Neid, Missgunst, Eifersucht. Das läuft automatisch ab, niemand muss in der Schule lernen, neidisch zu sein. Das können wir alle schon sehr früh. Ich war noch kein Jahr alt und konnte noch kein vernünftiges Wort sagen. Aber als meine Schwester zur Welt kam, war ich schon mustergültig eifersüchtig auf dieses kleine überflüssige Bündel, auf diese unerwartete Konkurrenz! Der gelbe Neid spielt in jedem Leben eine Rolle, oft eine Hauptrolle. Wollen wir den Neid doch mal genauer anschauen!

Schon die erste Geschichte der Bibel handelt vom Vergleichen. Die Schlage sagt zu den Menschen: „Ihr werdet sein wie Gott,“ wenn ihr die verbotene Frucht esst. Der Vergleich mit dem einzigen, der damals mehr hatte als der Mensch, mit Gott, verfehlte die Wirkung nicht, es kam zum Sündenfall.

Schon die nächste Geschichte der Bibel handelt wieder vom Neid (Genesis 4, 1-10):

„Eva, Adams Frau; wurde schwanger und gebar Kain. Sie gebar ein zweites Kind: Abel, seinen Bruder. Er wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar. Auch Abel brachte ein Opfer dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Höchste schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich… Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: „Gehen wir aufs Feld!“ Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Der Höchste sprach zu Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Er entgegnete: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Aber Er sprach: „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.“

Das erste, was die Bibel vom Menschen erzählt, betrifft den Neid; das wird nicht Zufall sein. Neid ist eine Schlüssel-Emotion, will man den Menschen und sein Verhalten verstehen. Eine Emotion ist eine Empfindung, die im Körper zu spüren ist. Die Geschichte sagt es schön: „Da überlief es Kaïn ganz heiß, und sein Blick senkte sich“. Kain denkt, sein Bruder Abel werde bevorzugt. Da geschieht etwas im Innern, das Herz pocht, der Blutdruck steigt. „Da überlief es Kain ganz heiss, und sein Blick senkte sich.“ Man versuchte, den Neid zu messen! Wenn in einer Gruppe einer als Chef anerkannt ist, hat der einen hohen Serotoninspiegel im Blut, d.h. viel Glückshormon. Dann untersuchte man die Leute in der Gruppe, die gerne Chef wären, es aber nicht waren: sie hatten weniger Glückshormon im Blut als der Chef. Die Wissenschaft beweist wieder mal, was wir schon wussten: Beneidenswert sein macht glücklich, beneiden aber, neidisch sein aber ist weniger lustig.

Die Emotion Neid entsteht, sobald wir uns vergleichen mit einem, von dem wir meinen, er habe es besser als wir. Der ältere Bruder findet, seine neugeborene Schwester erhalte mehr Aufmerksamkeit als er. Der Fritzli im Sandkasten sieht, dass der Hansli schönere Märmeli hat als er, oder mehr. Der Sepp findet, der Koni habe das schönere Bärbeli als er, und der Toni habe mehr Macht und Ansehen. Es gibt nichts, auf das man nicht neidisch sein könnte. Der Volksmund sagt ja, man vergönne einander noch das Zahnweh. Wenn wir den Eindruck haben, dass ein anderer es besser hat als wir, steigt in uns eine Art Minderwertigkeitsgefühl auf, vermischt mit Aggression. Man kommt sich zurückgesetzt vor und hat zugleich Lust, dem andern eins auszuwischen. Das ist Neid, und er ist nicht lustig.

Neid ist ungesund. Ungesund ist nicht die kurze Emotion, die im Moment aufsteigt, wenn wir vergleichen. Da kann man wenig dagegen tun. Aber gefährlich wird es, wenn dieser Emotion Aufmerksamkeit schenkt, sie pflegt und kultiviert. Was man immer wieder denkt, schleift sich ein im Gehirn. Und dann produzieren wir selber Gifte, die sich langsam im Körper ausbreiten und unsere Gesundheit beeinträchtigen. Da sagt die Bibel: „Neid und Ärger verkürzen das Leben“ (Sirach 30,24)!

Um 1300 malte Giotto den Neid als Frau, die in einem lodernden Feuer steht. Eine Schlage kommt ihr aus dem Mund und beisst sie in ihre eigene Nase. In der alten Theologie war der Neid („Invidia“), eine der sieben Todsünden. Der Volksmund sagt: „Der blasse Neid schaut ihm zu den Augen heraus“. Neid kann einem zur zweiten Natur werden, dann wird man ein „Neidhammel“. Eine Redensart sagt: „Den wird der Neid noch auffressen“, und ein Sprichwort: „Neid ist sein eigen Leid.“ Alte Bilder und Sprüche zeigen: Neid kann für die Psyche wirklich gefährlich sein; damit ist nicht zu spassen.

Nun möchten Sie sicher wissen: Hat die christliche Religion Rezepte gegen den Neid? Was kann man machen dagegen, wenn der Neid einen „heiss überläuft“?

Sie kennen das zehnte Gebot: „Du sollst nicht verlangen nach der Frau deines Nächsten; du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört“ (Dt 5). Du sollst nicht begehren nach etwas, was einem anderen gehört. Das ist auf den ersten Blick ein merkwürdiges Gebot. Ich erklärte doch, der Neid, das Begehren sei eine Emotion, also etwas, das von selber in uns aufsteigt, das einen überfällt wie der Abscheu, wenn ich eine grosse Spinne sehe. Was nützt es da zu sagen: „Du sollst nicht…“?! Ich kann die Emotionen ja nicht verhindern. Stimmt. Gegen die Emotion können wir nichts. Aber schauen wir genau hin. Das Gebot heisst ja nicht: „Du sollst nicht Neid empfinden,“ sondern „du sollst nicht begehren nach dem, was deinem Nächsten gehört.“ Da gibt es zwei wichtige Unterschiede.

1. Neid empfinden, die Emotion spüren, ist nicht Sünde. Neid allein ist nicht dasselbe wie „begehren“. Begehren entsteht aus dem Neid, wenn ich ihn hätschle und immer wieder hervorhole. Die Emotion Neid müsste ich einfach wahrnehmen und dann bewusst wieder loslassen.

2. Und auch das Begehren an sich ist noch keine Sünde. Aber wenn ich mein Begehren auf etwas richte, das einem anderen gehört, wird es heikel. Beispiel: Mein Freund streift im Grimselgebiet umher, voller Begehren nach einer schönen Kristallkluft. Sein Begehren ist ein flotter innerer Motor. Er treibt ihn an zu suchen. Nun findet er eine Kluft. Bis da gibt es kein Problem mit dem Begehren. Aber in der Kluft liegt nun ein Hammer. Er zeigt, dass ein anderer die Kluft vor ihm gefunden hat. Wenn er sie nun immer noch begehrt, dann beginnt das Begehren „nach Gut mit Sünde“. Neid auf den, der die Kluft gefunden hat, könnte ihn etwa verleiten, einen Kristall mitlaufen zu lassen: „Nur einen. Hat ja noch viele, merkt der doch gar nicht.“

„Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat,“ sagt klar und unmissverständlich: Hier wird’s negativ. Wissen Sie, das ist nötig; denn der Mensch ist ein geborener Spezialist darin, zu rechtfertigen, was immer er gerade tut. Unglaublich: für was für Quark und Dummheiten der Mensch mühelos eine Rechtfertigung findet, eine Entschuldigung, eine Begründung. Sie haben es von Kaïn gehört: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Wir brauchen klare Gebote, um die man nicht herumkommt: „Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat.“ Wenn du ständig gierig geiferst nach dem, was andern gehört, begibst du dich auf einen glitschigen gefährlichen Pfad. Hör auf, deine Begierde zu rechtfertigen. entweder sie verführt dich dazu, dem andern zu schaden, und wenn es nur mit übler Nachrede wäre, oder sie versaut dir die Freude an dem, was du hast, was dir gegeben ist! Begehren ist falsch.

Also, die Religion hilft mir als erstes, gefährliches Verhalten nicht zu rechtfertigen. Unser Christenglaube gibt uns zudem eine geniale Methode, mit gefährlichem Verhalten umzugehen, Es ist ein Zweischritt: „Erkennen, bekennen.“

1. Schritt „erkennen“: Es ist zentral, dass wir unseren Neid überhaupt erkennen, dass wir überhaupt merken, wie neidisch wir sind. Achten Sie sich einmal in Ihren Gesprächen: Wie spricht man vom Neid? In 90% der Fälle werden sie hören oder selber sagen: „Ich bin überhaupt nicht neidisch, aber…“. Wir haben uns daran gewöhnt, jeden Neid abzustreiten. Wir erlauben uns so gar nicht mehr wahrzunehmen, wie Neid sich anfühlt. Aber wir sind psychisch nur gesund, wenn wir unsere Emotionen wahrnehmen, erkennen!

2. Schritt „bekennen“: Als nächstes muss unsere Seele hören, dass der Mensch seinen Neid auch benennt, anerkennt, zugibt, eben „bekennt“. Wir müssen ihn Gott bekennen, uns selber, und, wenn wir stark genug sind, auch einem Menschen. Das wäre der Sinn der alten Beichte. Es ist wichtig, dass ich hörbar bekenne: „Ja, ich bin neidisch, ich begehre...“ Das ist schwierig. Dafür braucht es auch nicht mehr. Die Vergebung, die Gott uns gewährt dank Jesus Christus, wird uns motivieren, uns unmerklich zu ändern, zu bessern. Das ist das Werk des Hl. Geistes. Aber wir müssen erkennen und bekennen.

Schliesslich kann das Christentum den Neid mit der Zeit ersetzen durch eine bessere, gesunde Emotion, durch die Zufriedenheit. Sie entsteht durch „Danksagung“. Ich sage bewusst nicht „Dankbarkeit“. Dankbarkeit kann eine denkerische, geistige Haltung sein. Der Mensch denkt: „Ich habe es doch eigentlich gut, was will ich noch mehr? Es geht mir doch immer noch besser als dem Fritz oder der Grete.“ Das ist natürlich ein guter Gedanke. Aber Gedanken kommen gegen Emotionen nicht an. Wenn wir unsere Dankbarkeit aber in hörbare Worte fassen - Danksagung! – wenn wir Danklieder singen und aus Dank grosszügig spenden, dann bauen wir in uns die Emotion „Zufriedenheit“ auf. Unser Hirn fängt an zu schnurren. Wer durch Danksagung Zufriedenheit zu seiner zweiten Natur macht, hat keinen Platz mehr für den Neid.

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