„Lästig sein?“ Predigt zu Jesaja 46,3-8

27. April 2019 (Kommentare: 0)

Erinnern Sie sich an die schönste Zeit Ihres Lebens? Sie wurden jahrelang getragen! Eine Frau trug Sie unter dem Herzen, neun Monate. Das war doch die schönste Zeit? Und auch als Sie ans Tageslicht kamen, wurden Sie auf Händen getragen. Hebammen, Schwestern, Eltern, Verwandte rissen sich darum, Sie tragen zu dürfen. Das hat leider nicht ewig gedauert. Wir mussten selber stehen lernen, und gewannen dafür Selbständigkeit. Mit Taumelschritten wankten wir unsicher durch die Gegend, bis dann der starke Arm eines Mannes uns wieder aufhob, damit man endlich vorwärts kam. Ja, damals waren wir noch tragbar. Seither legten wir zu an Weisheit und Volumen. Tragbar sind wir nicht mehr ohne weiteres. „Getragen werden“. Ein wunderschönes Bild für Geborgenheit. Damit erinnert der Prophet Jesaja das Volk Gottes die schöne Vergangenheit und macht ihm zugleich bittere Vorwürfe.

„Hört, Volk Israel,“ sagt Er, »ich habe euch getragen, seit es euch gibt; ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Und ich bleibe derselbe in alle Zukunft! Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan, und ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet! Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Da schüttet man Gold und Silber aus dem Beutel, beauftragt den Goldschmied und der macht einen Götzen draus. Vor dem werfen sie sich nieder! Sie heben ihn auf ihre Schultern, sie tragen ihn feierlich umher, sie setzen ihn wieder ab - und da steht er dann und rührt sich nicht. Ruft jemand um Hilfe? Der antwortet nicht! Der rettet keinen aus der Not. Macht euch das einmal klar, und nehmt es euch zu Herzen! Kommt endlich zur Besinnung!“ (Jes 46,3-8).

Das ist also der wichtige Unterschied: Gott trägt die Menschen. Aber diese Menschen machen sich Götter, die sie mit ihrer Kraft herumtragen. Verrückt aber wahr: Vor ihren selbstgebastelten Göttern werfen sie sich nieder, verehren sie, beten sie an. Die antiken Götzen aus Gold stehen zwar heute im Museum und werden nicht mehr herumgetragen. Aber an der erschütternden geistlichen Wahrheit hat sich wenig geändert. Wir bejubeln, was wir selbst geschaffen haben. Wir machen uns Götter, die wir dann selber tragen und bald ihre unerträgliche Last erdulden müssen: Attraktivität, Erfolg, Einschaltquoten, Ansehen, Reichtum, Macht. «Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott» sagt Luther.

Aber da ist ein Gott, der dich trägt! Den vergisst du? Jesaja legt hier ein Wort aus seiner heiligen Schrift aus. In den Büchern Mose las er, wie Mose Israel zum Berg Sinai geführt habe. Dort habe Gott zu ihm gesprochen: «Ihr habt gesehen, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierhergebracht habe.» (Ex 19,4) Später sagt Mose: „Durch die Wüste hat Er euch getragen wie ein Vater sein Kind, den ganzen langen Weg bis hierher.“ (Deut 1,31).

„Getragen auf Adlerflügeln“? Komisches Bild. Man hat eben erzählt, der Adler «müpfe» sein Junges über den Rand des Nestes hinab in die Tiefe, damit es selbst fliegen lerne. Die Jungen sind bequem. Sitzen sie warm und wohlgenährt im Nest, haben die doch keine Lust, im Sturm herumzufliegen. So wirft der Adler das Junge aus der guten Stube. Dieses kann ja nicht fliegen und saust hilflos in die Tiefe. Aber nun fliegt der Adler unter sein Junges, fängt es wieder auf und trägt es auf seinen Flügeln zurück ins Nest. Hat man das Ihnen auch erzählt? Schon Mose kannte diese Story.

Das Bild von Gott, der seine Menschen trägt, ist erstaunlicherweise über Tausende von Jahren lebendig geblieben. Sie kennen doch das weltbekannte Motiv „Spuren im Sand“? Sie finden es auf unzähligen Internetseiten und Postkarten. Einer blickt zurück auf sein Leben und sieht die Spur seiner Füsse im Sand. Daneben sieht er eine zweite Spur und staunt. Dankbar realisiert er: «Ich war nie allein. Gott ging mit mir an meiner Seite». Doch dann sieht er Wegabschnitte mit wieder nur einer einzigen Fussspur. Es waren ausgerechnet die schweren Zeiten seines Lebens. «Wo ist ausgerechnet da die zweite Spur?», fragt er. «Gott, hast du mich auf den schwierigen Strecken allein gelassen!?» Und Gott sagt: «Dort habe ich dich getragen.»

Schön, wenn man an diesem Aussichtspunkt ankommt und zurückblicken kann in Dankbarkeit. Dank vergoldet die Vergangenheit wie Abendsonne das Tal. Man schaut zurück und erkennt: «Eigentlich bin ich getragen worden», «durchgetragen», sagen fromme Alte. Kennen Sie das auch? «Nicht nur eigene Kraft hat mich hierhergebracht. „Bis hierher hat uns Gott geholfen“. Schön ist das. Ich bin ein alter Knacker und darf diese dankbare Rückschau auf das Vergangene erleben.

Aber ich mag mich noch sehr gut an meine Berufszeit erinnern. Im Pfarramt hatte ich nicht gerade das Gefühl, getragen zu sein; im Gegenteil. Ich musste meine Beine selbst unter den Arm nehmen, musste mich in den Hintern klemmen, musste mich selber schleppen. Vielleicht wissen die Jüngeren, was ich meine? Hätte mir damals jemand gesagt, ich sei doch wunderbar getragen, hätte ich vermutlich verdrossen zurückgefragt: „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Israel wurde von Gott durch die Wüste getragen? Aber bitte: Das Volk wanderte wahrhaftig auf seinen eigenen müden Füssen durch den Sand! Erst im Rückblick, lange nachher, kann einer die Entbehrung und Not der Wüste schönreden: „Durch die Wüste hat Er euch getragen, auf Adlerflügeln, wie ein Vater sein Kind.“

Ist das nicht rosarote Fantasie? Ein Wunschbild von einem Gott als Adler, der auf Flügeln trägt, von Gott als Vater, als Träger, als Porteur? Das Wunschbild funktioniert eh nur im Rückblick, haben wir gesehen. Im Schweisse seines Angesichts, in der Gegenwart merkt man wenig davon. „Ich bin durchgetragen worden“ mag der alte Mensch sagen, vielleicht um sich zu versöhnen mit dem oft schlimmen Weg seines Lebens. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber den Kämpfern und Krampferinnen in der Blüte des Lebens soll man damit nicht kommen! Ihnen kommt Gott vielleicht weniger vor als Vater, der sie trägt, eher als Aufseher, der sie antreibt. Das muss auch mal gesagt sein! Jetzt wird mein Ton aufs Mal grantig, gereizt.

Kein Wunder, auch Jesaja hat ja einen ärgerlichen Unterton. „Hört, Volk Israel, ich habe euch getragen, seit es euch gibt; ihr seid mir aufgeladen, seit ihr aus dem Mutterleib kamt. Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet! Macht euch das einmal klar und nehmt es zu Herzen! Kommt endlich zur Besinnung!» Gott zankt mit seinem Volk und macht Vorwürfe: «Immer habe ich dich getragen, aber Du trägst gebastelte Götzen herum und betest sie an!»

Mein Auftrag ist ja, das Bibelwort auszulegen, dem Propheten heute meine Stimme zu leihen und in seinem Sinne zu argumentieren - gegen Sie, die Gemeinde, das Volk Gottes, und auch gegen mich selbst. Darum tönt das folgende nun vorwurfsvoll nach Kapuzinerpredigt.

Merkst du nicht, Mensch, dass du ständig getragen bist? Du meinst in eingebildetem Dünkel, du schreitest aus eigener Kraft durch die Zeit. Du sagst, du seist deines Glückes Schmied! Du müssest dich nur zusammennehmen, positiv denken und die Regeln einhalten, dann gehe es dir gut. Geht es dir gut, sagst du selbstgefällig: „Man muss halt auch etwas tun dafür!“ Geht es dir aber nicht gut, fragst du: „Wie kann Gott das zulassen?“ Merkst du nicht, dass du nur eine kleine Nebenrolle im Drama des Lebens spielst? Hast du denn dir selbst zu verdanken, dass du auf gesunden Beinen zur Kirche gehen kannst? Lernst du nichts von Menschen im Rollstuhl? Du sagst: Ich ernähre mich ausgewogen. Denkst du an die Unzähligen, die krampfen und schwitzen und für dich produzieren, auch in entfernten Erdteilen? Tag für Tag schorren Bauern zweimal den Mistgraben, dass du deinen plastikverpackten Käse kaufen kannst. Wie viele Tiere haben wohl schon ihr Leben für dich gegeben, um dich zu ernähren? Oder weisst du von den Zellen, die in deinem Darm Milligramme von Spurenelementen aufnehmen, die du unbedingt brauchst? Streiken einige und fehlt dir ein Milligramm, so versinkst du im Strudel einer Depression. Weisst du, dass Millionen Zellen täglich ihr Leben lassen für dich? Die Fresszellen deines Immunsystems werfen sich auf Viren und Bakterien, umarmen sie und sterben mit ihnen wie weiland Winkelried, damit du lebst. Du merkst es nicht einmal, denkst du jemals an ihr Opfer? „Bis ihr alt und grau werdet, bin ich es, der euch schleppt. Ich habe es bisher getan, ich werde es auch künftig tun. Ich bin es, der euch trägt und schleppt und rettet!“ Keiner ist weise, der nicht weiss, dass er getragen ist. Keine ist vernünftig, die sich nicht verbeugt vor dem Geheimnis, das uns trägt.

So las Jesaja Israel die Leviten und ich habe Sie und mich selbst mit der Bibel abgekanzelt. Ich gebe mich natürlich geschlagen. Ja, ich bin getragen und merke es meistens nicht. Ich müsste bewusster danken dafür.

Merkwürdig: So richtig glücklich macht es mich nicht. Getragen werden ist vielleicht gar nicht so lustig? Ich möchte halt auf eigenen Beinen stehen, und gehen, wohin ich will. Wenn ich getragen werde, bin ich eine Last. Ich will ja niemandem zur Last fallen. Wie oft hörte ich das schon: Niemandem zur Last fallen. Manchmal lässt dieser Wunsch sogar an Suizid denken.

Wie überheblich ist doch diese Haltung! Wer getragen wird, ist eine Last! Du warst deinen Eltern eine Last, du bist deinem Partner eine Last, du bist deinen Kindern eine Last, deinen Mitarbeitern. Wer geboren wird, wird immer andern zur Last. Vielleicht manchmal eine süsse Last, doch auch eine willkommene Last wird einmal lästig. Als ich die süsseste Last tragen durfte, mein neugeborenes Enkelkind, weiss ich noch gut, wie ich das liebe, kleine Bündel nach einer Viertelstunde gern wieder in andere Arme legte.

Bei meiner Zeugung wurde über mich entschieden: Auf diesem Planeten wirst du andern zur Last fallen. Du kannst nichts dafür, es ist kein Vorwurf. Jeder Mensch ist immer auch lästig. Aber danke heute wieder Gott, der dich trägt und schleppt und rettet. Sei verständnisvoll und geduldig mit deinen Lieben, denen du immer auch eine Last bist. Ich bemühe mich ja, für sie ein wenig mehr lustig zu sein als lästig. Aber ich bleibe getragen von Mitmenschen, von der Natur, von Gott. Auch von dem, der am Kreuz von Golgatha unter der Last der Menschheit gelitten hat.

Einen Kommentar schreiben

*
*
Bitte addieren Sie 5 und 7.
*