Radiopredigt: Nicht verzagen! (Jesaja 35,3-5)

6. September 2009 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio

Ich habe mir sagen lassen, Manager hätten in ihrer Werkzeugtasche ein paar Fragen, die man sich überall stellen sollte. Eine davon sei die Frage nach dem „Worst Case“, zu deutsch: „Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte?“ Hat man sich seine schlimmsten Befürchtungen bewusst gemacht, so kommt natürlich die nächste Frage: „Und was würdest du tun, wenn der schlimmste Fall tatsächlich eintreten sollte?“ Das finde ich spannende Fragen, die man auch im Lebensmanagement brauchen kann, auch im Glauben, in der Religion. Was wäre das Schlimmste im Leben für Sie? Es braucht ziemlich Mut, sich dieser Frage zu stellen. Weicheier wagen es nicht, den Befürchtungen ihrer seelischen Abgründe in die Augen zu schauen.

Fragen wir die Heilige Schrift, so wäre das Schlimmste nicht etwa das Sterben. Das schlimmste wäre die Trennung von Gott, das sogenannte ewige Verlorengehen. Vor diesem schlimmsten Fall muss allerdings nie mehr Angst haben, wer auf die Gnade Gottes vertraut, die Jesus verkündigt. Er ist gerettet durch den Glauben, durch sein Vertrauen, heisst es in der Sprache des Evangeliums. Nun kann einem dieses Vertrauen aber auch abhanden kommen. Das wäre nun der „Worst Case“ für einen Gläubigen. Das Gottvertrauen kann sich abnützen, es kann dünn und schäbig werden. Zweifel nehmen überhand. Man verliert den Mut. Die Hoffnung erodiert. So könnte man in Angst versinken, verzagen und verzweifeln. Das wäre schlimm. Davor möge Gott uns bewahren. Das ist nun ein Hauptthema der Bibel. Wenn sie erzählt, wie Gott zu Menschen gesprochen habe, hören wir meistens zuerst: „Fürchte dich nicht!“ Oder mit Jesajas Worten:

„Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!“

Man spricht im Alltag selten davon, aber eigentlich bin ich ständig damit beschäftigt, meinen Mut beisammen zu halten; meine Zuversicht zu schützen vor den hartnäckig anrennenden Zweifeln; meinen Humor nicht zu verlieren, meine guten Lebensgeister bei Laune zu halten. Das Leben kommt mir vor wie ein Balance-Akt. Immer die gute Spannung aufrecht erhalten, nicht ängstlich in die Tiefe schauen, nie das Ziel aus den Augen verlieren. Ständig muss man sorgfältig balancieren und auf dem Balken bleiben, sonst stürzt man ins Netz. Ja, ins Netz. Ich glaube fest, dass Gott mich nicht fallen lässt. Aber abzustürzen ist eh schlimm, auch wenn es da unten irgendwo ein Sicherheitsnetz geben mag. Es ist schlimm, zu verzagen. Das Leben ist eine Geisterbahn und an jeder Ecke wollen einen neue Schrecken um den Mut bringen.

Vermuten Sie nun, ich sei depressiv? Nein, Gott sei Dank geht es mir ausgezeichnet, ich fühle mich gesund und getragen. Wie soll ich es Ihnen erklären? Natürlich gibt es überaus schwere Lebensumstände, die zum Verzweifeln sind. Denken wir an Eltern mit einem behinderten Kind. Denken wir an Schwerkranke und ihre Angehörigen. Denken wir an Menschen, deren Schmerzen nicht mehr zu therapieren sind. Denken wir an Jugendliche, die ihren Weg nicht finden und immer wieder abstürzen. Gar nicht zu reden von den geknechteten, hungernden Millionen, die für uns Reiche in der westlichen Welt schuften und nie auf einen grünen Zweig kommen. Da braucht es gewiss übermenschliche Kräfte, um nicht zu verzagen. Wie man es schafft, in tragischen Lebensumständen Hoffnung zu bewahren, weiss ich eigentlich nicht aus erster Hand. Vor wirklich Schwerem blieb ich bis heute verschont. Mir fehlt die Erfahrung, wie man sich in grosser Not vor dem Verzagen schützt.

Darum rede ich ja nicht von den grossen Dramen. Ich meine den dornigen Alltag, das gewöhnliche Hamsterrad, in dem sich viele abstrampeln. „Eigentlich“ geht es mir ja gut, sehr gut. Und doch finde ich es nicht einfach, die Hoffnung aufrecht zu erhalten. Wenn ich zum Beispiel etwas Kreatives anpacke, auch nur etwas Kleines, Gewöhnliches, merke ich, wie ich mich oft hart am Abgrund des Verzagens bewege. Da nehme ich mir vor, mal was Besonderes zu kochen und stehe drei Stunden in der Küche. Nun fehlt mir ausgerechnet das entscheidende Gewürz. Tapfer suche ich einen Ersatz. Da kocht mir die Sauce über und ich verplempere viel Zeit mit Aufputzen. Dass ich mir einmal mit dem scharfen Messer, das ich höchstpersönlich angeschafft hatte, in die Finger schneiden würde, kommt nicht ganz unerwartet. Aber ausgerechnet jetzt! Man muss sich auch nicht wundern, was das Omelett am Boden macht, man muss nur wieder putzen und sich tapfer neu motivieren, weiter zu machen und nicht zu verzagen. Dann wird die Sache serviert und ist in zehn Minuten verspeist. Und käme es jemandem in den Sinn, für drei Stunden Küchenarbeit zu danken?!

Ich leite eine flotte Gruppe mit einem grösseren dreijährigen Projekt. Begeistert waren wir an die Aufgabe herangegangen. Tapfer ermutigten wir einander unterwegs, als dem einen oder anderen der Schnauf auszugehen drohte. Jetzt, kurz vor Schluss, erheben sich neue Hindernisse, und ich habe schon lauthals gedroht - schlimm von einem Gruppenleiter! -, ich würde den ganzen Bettel hinschmeissen und meinetwegen einen Scherbenhaufen hinterlassen. Ich bin nahe am Verzagen, was dieses Projekt betrifft.

Eine Bekannte schmückte mit viel Geld, Zeit und Eifer den Platz vor dem Haus mit Blumen, so schön, dass Leute stehen blieben und sich freuten. Eines Morgens war alles ausgerissen und verwüstet. Tapfer schluckte sie die Wut herunter und begann von vorn. Als der Platz aber ein weiteres Mal von Vandalen verheert war, fehlte ihr die Zuversicht, noch einmal anzufangen. Wer könnte es ihr verdenken?

Solche Dinge meine ich, wenn ich das Leben eine Geisterbahn nenne, nichts Tragisches, gewöhnliche Widerstände, Ärger und Verdruss. Aber an jeder Ecke lauert wieder ein neues Monster, das mir den Mut, die Freude am Leben, den „élan vital“ ausblasen will. Immer ist es verlockend zu kapitulieren, zu resignieren und zynisch zu sagen: „Ach, wer in dieser Welt nicht den Verstand verliert, hat vermutlich keinen!“

Wahrhaftig, „den Verstand“! Da liegt doch der Hase im Pfeffer. Wir Menschen haben unseren Intellekt, unsere Vernunft, um uns besser an veränderte Lebenslagen anzupassen. Wir können voraus denken, drohende Gefahren im Geist erkennen und uns darauf einstellen, noch bevor sie sich zeigen. Und mit genau dieser Fähigkeit machen wir uns halt auch Sorgen und fragen uns ständig, ob das Ganze noch einen Sinn hat. Das Verzagen ist die Schattenseite unseres Verstandes. Man muss einen Verstand haben, um ihn verlieren zu können.

Und wenn nun unser Verstand sagt: „Es ist sinnlos, gib‘s auf, du schaffst es eh nicht, es hat doch keinen Wert, was willst du dich plagen…“, dann fängt der Glaube an. Nicht der grosse religiöse Glaube, der Berge versetzt. Nicht der Glaube, dass der liebe Gott nun eine Engelpatrouille in Gang setzt, um dir beim Aufputzen der Sauce zu helfen. Aber der feine, hartnäckige Alltagsglaube, der mir sagt: „Doch, du wirst es schaffen, nur nicht schlapp machen, dran bleiben!“ So kämpft der feine Glaube mit den Monstern des Verzagens. Ich habe ein wenig Hemmungen, diesen Alltagsglauben mit jenem Glauben zu vergleichen, von dem die Bibel spricht. Paulus schrieb an Timotheus, er möge „den guten Kampf des Glaubens kämpfen und das ewige Leben ergreifen“ (1 Tim 6,12). Das ewige Leben? Ich habe schon Mühe genug, das alltägliche Leben zu ergreifen! Auch das ist wahrhaftig ein Kampf des Glaubens, und wenn ich daran denke, dass er Tag für Tag, oft Stunde um Stunde gekämpft sein muss, dann ist es ein ehrenwerter, beachtlicher Kampf, und der Glaube, um den da gekämpft wird, mag klein und alltäglich sein, aber er hat vielleicht schon mehr Berge versetzt, als man denkt!

Die Sonne des Glaubens ist gewiss das Vertrauen, mit dem wir auf das Evangelium reagieren, Gottes Gnade aufnehmen und Jesus als Meister annehmen. Aber die feinen Strahlen, die uns die alltägliche Geisterbahn erleuchten, der feine Glaube, der sich dem gewöhnlichen Verzagen entgegen stellt, stammt vom gleichen Licht. Wenn es darum geht, im Kleinen tapfer weiterzumachen und nicht aufzugeben, braucht es auch eine Zuversicht, eine feine Begeisterung, die wir uns selten selber geben können. Es ist zwar mein Glaube, ich muss vertrauen, ich muss hoffen gegen alle Verzweiflung. Die Kraft dazu kommt wohl aus meiner Tiefe, aber nicht aus meiner Anstrengung. Sie kommt im Grossen wie im Kleinen von Gott. Paulus sagt das vom grossen rettenden Glauben: „Aus Gnade seid ihr gerettet, durch den Glauben, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt“ (Eph 2,8). Die gleiche Glaubenskraft von Gott hilft mir, im Alltag nicht zu verzagen. Alle Menschen brauchen sie ständig, sonst würden sie verzagen. Aber wer realisiert schon, woher der Glaube kommt, die Kraft, weiterzumachen? Viele würden sagen: „Nur um mich am Riemen zu reissen und in der Küche aufzuputzen, muss ich also nicht den lieben Gott bemühen!“ Warum denn nicht? Warum wende ich meine Aufmerksamkeit nicht immer bewusst der Quelle zu, aus der grosser wie feiner Glauben quillt? Warum bete ich nicht gegen das Verzagen an im Alltag, in der Küche, am Computer, am Pflegebett? Ich brauche wahrhaftig überall die Zuversicht, dranzubleiben, wie sie im Lied von Zinzendorf zum Ausdruck kommt:

„Wir woll‘n uns gerne wagen in unsern Tagen, der Ruhe abzusagen, die s Tun vergisst. Wir woll’n nach Arbeit fragen, wo welche ist. Nicht an dem Amt verzagen, uns fröhlich plagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst.“

 

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