Pfingstpredigt: Anrufen (Apostelgeschichte 2)

31. Mai 2009 (Kommentare: 0)

Meine Bibel hat 1800 Seiten, die „Bibel in gerechter Sprache“ 2399 Seiten! Kein Wunder, muss ein Pfarrer mindestens 5 Jahre studieren, bis man ihn zur Bibelauslegung auf die Kanzel lässt. Und ich kann Ihnen sagen: Auch 5 Jahre Studium reichen nie, um diese Riesensammlung heiliger Worte in den Griff zu bekommen. Nun gibt es in dieser Bibel eine Reihe verblüffender Sätze, die das Wesentliche in der Religion auf ein Minimum einkürzen. Hört man das, fragt man unwillkürlich: „Ja, aber soo einfach kann es doch gar nicht sein!?“ Solche Aussagen, die Religion zur kinderleichten, einfachsten Sache der Welt machen, schauen wir heute an. Eine davon steht in der Pfingstpredigt des Petrus. Petrus sagte:

„Diese Leute sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst 9 Uhr früh. Nein, jetzt geschieht, was der Prophet Joël voraussagte: „In den letzten Tagen, spricht Gott, werde ich von meinem Geist ausgießen über alle Menschen. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Jungen werden Visionen haben und eure Alten Träume. Es werden Wunder erscheinen am Himmel und Zeichen auf der Erde: Blut, Feuer und qualmender Rauch. Die Sonne wird finster und der Mond blutrot, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und herrliche Tag. Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet“ (Apg 2).

Diesen Satz meine ich: „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.“ Kann es so einfach sein? Damit wir besser verstehen, wollen wir die beiden Schlüsselbegriffe näher anschauen: Was ist gemeint mit „gerettet“? Und was heisst „anrufen“? Aber ich verspreche Ihnen hoch und heilig: Auch nach dieser Predigt wird es noch kinderleicht und einfach sein. Das andere kennen wir ja: Die Bibel sagt, es sei kinderleicht, man müsse nur Gott anrufen. Und dann kommen die Theologen und sagen: Ja, jetzt müssen wir aber genau anschauen, was „anrufen“ eigentlich bedeutet, und dann machen sie daraus wieder eine Pandorabüchse voller Pflichten und Verbote. Diesmal nicht, Ehrenwort!

Was bedeutet „gerettet“? Sicher sind Ihnen die merkwürdigen Worte im Prophetenzitat aufgefallen: Die Sonne wird finster, der Mond wird zu Blut, auf der Erde Feuer, Rauch und Blut. Da ist vom „Tag des Herrn“ die Rede, von dem viele Propheten schreckliche Dinge sagen. Wir würden heute sagen vom Weltuntergang. Bald einmal, so sagen sie, wird Gott die Erde fürchterlich heimsuchen. er wird die Völker richten. Unzählige werden umkommen. Nur wenige Auserwählte werden an jenem Tag davon kommen. Diese Erwartung von schrecklichen Ereignissen in der Zukunft gehört irgendwie zu unserer Religion, ja vielleicht zum menschlichen Denken überhaupt; es ist noch wenig erforscht. Man nennt solche Zukunftserwartungen „Apokalyptik“ (nach dem letzten Buch der Bibel, das voll ist davon, die Apokalypse des Johannes). Apokalyptische Schreckenserwartungen waren zur Zeit von Jesus Allgemeingut. Auch die einfachsten Leute wussten: Nicht mehr lange, dann kommt der Tag des Herrn. Die alte Erde verbrennt im Feuer und Gott schafft alles neu für seine Auserwählten. „Rettung“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Wenn der schreckliche Tag des Herrn kommt, wirst du gerettet und gehst nicht zugrunde wie die meisten andern. Du musst nur den Namen des Herrn anrufen, und du wirst gerettet.

Apokalyptik ist eine eigenartige Weltsicht. Wir würden doch sagen: So denken bei uns Sekten! Uriella im Schwarzwald predigt einen Weltuntergang, bei dem nur ihre Anhänger von den Ausserirdischen gerettet werden. Tatsächlich haben immer wieder Sekten die Apokalyptik aus der Bibel zu ihrer Hauptsache gemacht. Die Zeugen Jehovahs entstanden um einen Propheten, der den Weltuntergang auf ein genaues Datum voraussagt. Wenn dann nichts geschieht, so kann man offenbar den Untergang gut auch ein wenig verschieben, ohne dass einem zu viele davon laufen. Die Zeugen gibt’s ja immer noch, und sie haben den Untergang schon oft hinausgeschoben!

Aber passen Sie auf: Machen wir es uns nicht ein wenig einfach, wenn wir meinen, Apokalyptik sei Sektenzeug? Was stand denn alles in unseren Zeitungen, als das Jahr 2000 bevorstand? Und gab es da nicht vor einiger Zeit einen Kometen, von dem viele eine Art Weltuntergang befürchteten? Gibt es nicht unzählige Endzeitfilme, die einem Gänsehaut einjagen mit Atomkriegen und Naturkatastrophen? Omega Man, Armaggedon, The Day After, Independence Day, Quiet Earth und wie sie alle heissen?

Apokalyptik ist auch heute quicklebendig in den Köpfen. Es braucht ganz wenig, und sie kommt aus der Sektenecke hervor und wird salonfähig. Sie haben doch sicher schon gehört, dass am 21. Dezember 2012 riesige Umwälzungen kommen? Einige reden vom Untergang der alten Welt, andere sagen, ein neues Bewusstsein werde erwachen; wieder andere, die Ausserirdischen (richtig, Erich von Dänikens Lieblinge) kämen zurück. Sicher ist der 21.12.2012 ein Tag mit grossen Umwälzungen; an jenem Tag werde ich nämlich 65. Aber das ist natürlich nicht der Grund! Die beiden Kalender der südamerikanischen Maya, die Tausende von Jahren stimmten, gehen an jenem Tag rätselhaft zu Ende, und die Planeten stehen in einer einzigartigen Konstellation. Sie werden sicher noch davon hören!

Aber ich bin abgeschweift. Ich finde nicht wichtig, ob Sie eine apokalyptische Weltsicht haben und einen nahen Weltuntergang erwarten. Ich weiss nicht, ich denke eher, Apokalyptik projiziert auf die äussere Welt, was für jede einzelne Seele wichtig ist: Der Tag des Herrn ist der Tag, an dem ich die alte Welt verlasse, wo ich vor das göttliche Gericht trete und wo eine völlig neue Welt auf mich wartet. Es wird der Tag meines Todes sein. Vielleicht täusche ich mich. Ich wäre im Vertrauen auf Gottes Gnade auch für den „Tag des Herrn“ bereit.

Aber was uns heute interessiert, ist nicht, was wir konkret erwarten, sondern die Aussage: „Du wirst gerettet, wenn du nur den Namen Gottes anrufst.“ Das älteste Wort von Gott, das so spricht, steht im Psalm 50: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du wirst mich preisen.“

Vielleicht kennen Sie die eigenartige Geschichte von der ehernen Schlange? Als die Israeliten in der Wüste von Giftschlangen geplagt wurden, musste Mose eine Schlange aus Bronze machen und an eine Stange hängen. Wenn einer von einer giftigen Schlange gebissen wurde, musste er nur die „eherne Schlange“ anschauen und wurde gerettet. So einfach!? Nur den Kopf drehen und hinschauen? Merkwürdig! Und Johannes sagt dann 1000 Jahre später, Jesus werde wie die eherne Schlange ans Kreuz „erhöht“. Das muss doch heissen: Es genügt, den Kopf zu wenden und auf den Gekreuzigten zu schauen. Dann kann einem die „alte Schlange“, Sünde, Tod und Teufel, nichts mehr anhaben. So einfach?

Im Lukasevangelium 11,13 tönt ein Satz von Jesus auch so verblüffend einfach. Er bezieht sich auf den Geist Gottes (Pfingsten!): „Wenn nun schon ihr, die ihr doch schlechte Eltern seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!“ Nur bitten?! Mehr braucht es nicht? Und schliesslich haben wir in der Pfingstgeschichte gehört: „So spricht Gott: In den letzten Tagen werde ich von meinem Geist ausgiessen über alle Menschen.“ „Ausgiessen“ ist ein verblüffendes Wort. Ausgiessen heisst ohne Unterschied alles nass machen, „Giesskannenprinzip“. Wörtlich heisst es: über alles „Fleisch“. Nicht das fromme Fleisch, nicht das gläubige, gerechte, andächtige Fleisch, nicht das jüdische oder christliche, alles Fleisch! Petrus zitiert dieses Prophetenwort und betont: Jetzt geschieht das. Nicht in ferner Zukunft. Er holt die Apokalyptik in die Gegenwart und sagt: Der Tag des Herrn ist jetzt. Hört auf zu warten!

Wir haben nun eine Reihe von heiligen Worten gehört, die alle sagen: Nur eines wird von dir erwartet: Gott anrufen, oder bitten, oder hinschauen, mehr nicht. Das aber ist entscheidend; diese bewusste Hinwendung zu Gott ist rettend für dich. „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.“ Ausgedeutscht: Du kannst 1000 Predigten hören, 1000 fromme Bücher lesen, 1000 schöne Gebete abhaspeln, 1000 armen Kindern helfen. Eines fehlt dir: Wende dich Gott persönlich zu. Sag „Du“ zu ihm, rufe ihn an. Realisiere, dass da jemand ist, dem dir dein Leben gibt. Nimm Kontakt auf mit dieser Quelle des Lebens, sag „Du“, sag „Vater“ oder „Mutter“ oder „Herr“, aber sag „Du“. Das wird dich retten, in welcher Not du auch seist. „Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten.“

Ich habe längst nicht begriffen, warum diese persönliche Zuwendung so wichtig, so rettend ist, aber ich nehme zur Kenntnis, dass sie für den Menschen entscheidend ist.

Mir kommt da immer mein lieber Vater in den Sinn. Als ich jung war, sagte er: „Du bekommst alles von mir, was du brauchst.“ Aber dann hatte ich Geldsorgen. Und er gab mir nichts. Warum nicht? Er sagte: „Wenn du etwas brauchst, dann komm zu mir, und sag es mir.“ Er wollte, dass ich ihn bitte, er wollte meine persönliche Zuwendung, dann gab er mir gerne. Offenbar ist es mit dieser Macht, die wir Gott nennen, ähnlich. „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“

Zum Schluss noch ein Wort an unsere lieben Geschwister, die noch nicht oder nicht mehr an einen Gott glauben können. Ich vermute, die biblische Aufforderung zum „Anrufen“ gilt auch für Atheisten. Auch wer nicht an Gott glaubt, weiss doch, dass er sich nicht selber gemacht hat. Er weiss, dass er das meiste in seinem Leben seinem Unbewussten verdankt. Sein unbewusstes Hirn- und Nervensystem steuert alles Lebenswichtige, das Herz, die Leber und die Hormone, ohne dass der Verstand etwas dazu beiträgt. So dient es jedem zum inneren Frieden, wenn der Verstand sich seinem Inneren, seinem Unbewussten zuwendet, wenn er anerkennt, dass es da noch jemanden gibt, dem man unendlich viel verdankt, wenn er dankbar zum Unbewussten „Du“ sagt. In abgeleitetem Sinne also kann auch ein Ungläubiger Hilfe, vielleicht Rettung finden, wenn er sich seinem unsichtbaren Du bewusst und persönlich zuwendet. „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.“

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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