Predigt: Enttäuscht von Menschen (Lukas 19,41)

1. September 2007 (Kommentare: 0)

Ich werde drei Predigten halten zum Thema Enttäuschung. Keine Angst, heute nur eine, die erste: „Enttäuscht von Menschen“. Die zweite dann in vierzehn Tagen: „Enttäuscht von sich selber“. Die dritte im Herbst: „Enttäuscht von Gott“.

Ich greife Lebensthemen auf, die mir in der Seelsorge begegnen. Enttäuschung ist ein häufiges Thema. Ich freue mich natürlich, wenn „Enttäuschung“ für Sie momentan kein Thema ist! Dann hätten Sie gerade eine Glückssträhne, die ich Ihnen sehr gönne. Aber Enttäuschung gehört leider zum Alltag. Einige Beispiele.

Ein Fan ist enttäuscht, wenn seine Mannschaft verliert. Da fliessen auch schon mal Tränen. Aber das ist doch lächerlich, mögen Sie denken. Einverstanden, ich werde langsam steigern. Ich erinnere mich an nagende Enttäuschung, wenn bei einer Abstimmung die Mehrheit gegen meine Überzeugung stimmt, die für mich doch so sonnenklar der rechte Weg gewesen wäre. Demokratie, muss man halt verkraften. Bitter enttäuscht war ich, als die Frau meines Freundes ihn von einem Tag auf den andern verliess und zu einem andern zog. Schlimm aber wird es, wenn ich persönlich betroffen bin. Wenn einer, den ich immer als meinen Freund betrachtete, unversehens gegen mich intrigiert und sich bei meinen Gegnern einschmeichelt. Oder wenn ein guter Kumpel sich plötzlich nicht mehr blicken lässt, weil es mir schlecht geht. Oder wenn mein Kind, auf das ich meine Hoffnungen setzte, all meine Erwartungen frustriert und einen Weg einschlägt, der mir nur weh tun kann. Diese Enttäuschung ist mir glücklicherweise (bisher) erspart geblieben. Ich frage Sie: Könnten Sie nicht spontan Beispiele erzählen aus Ihrem Leben? Wie wurden Sie enttäuscht von Menschen? Wäre Ihre Seele sichtbar, so wären doch da Wunden und Narben, Verletzungen von Menschen, die Sie bitter kränkten, vermute ich.

Es kann nämlich nicht anders sein. Man kann nicht Mensch sein ohne von Menschen enttäuscht zu werden. Das ist der Schatten einer wunderbaren Gabe: die Kehrseite der Hoffnung. Wir haben nämlich als einzige Lebewesen auf diesem Planeten die Fähigkeit, uns geistig vorzustellen, was wir gerne hätten. Wir können hoffen. Viele konstruieren als Jugendliche das Bild einer idealen Mutter, eines idealen Vaters, einem Menschen voller Liebe, Zuneigung, Weisheit, Humor, Fantasie und Zärtlichkeit. Das Bild ist zusammengesetzt aus lauter positiven Eigenschaften von Müttern aus der Nachbarschaft und aus Filmen und Büchern, Eigenschaften, die man bei der eigenen Mutter auch gerne erleben würden. Und dann schaut man seine real existierende Mutter an, und ist natürlich enttäuscht. Sie ist ja soo gewöhnlich und besitzt kaum eine der wunderbaren Eigenschaften, von der unsere Hoffnung eben träumen kann.

Meine größte Enttäuschung begann mit einer unbewussten Sehnsucht nach einem wirklich guten und treuen Freund. Ein Mitarbeiter schien genau diesem Idealbild zu entsprechen. Er bestätigte meine Sehnsüchte, indem er mir in allem schmeichelte, mir den Bauch pinselte und mich mit Komplimenten überhäufte. Er wollte möglichst viel Zeit mit mir verbringen, von mir lernen, mich unterstützen – ich war ein wenig wie im Himmel, dank ihm. Als er mich dann unverhofft an meiner schwächsten Stelle gemein hinterging und betrog, brach für mich eine Welt zusammen. Meine übertriebenen Hoffnungen landeten hart auf dem Boden der Realität.

Enttäuschte Hoffnung steht hinter einem großen Teil von all dem Gram und Schmerz, der zum Menschenleben gehört. Kann man sich denn gegen diese Enttäuschungen nicht wappnen? Kann man nicht irgendwie vorbeugen, dass einem die bittersten Tränen erspart bleiben? Natürlich kann man das, sagt der Buddhismus: Gib deine Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und Erwartungen alle auf. Wenn du nichts erwartest, wirst du auch nicht enttäuscht. Wer keine Wünsche hat, ist wunschlos glücklich. Nimm einfach die Realität, wie sie ist. Darin liegt eine Wahrheit: Ent-Täuschung. Sie wissen, wie genau dieses Wort ist: Eine Täuschung wird entdeckt, aufgedeckt, durchschaut. Enttäuschung führt aus der Täuschung in die Wahrheit.

Andere versuchen, mit Menschenkenntnis Enttäuschungen vorzubeugen. Wenn man den Leuten nämlich an der Nasenspitze, Haarfarbe und Augenstellung ablesen könnte, ob sie vertrauenswürdig oder schlitzohrig sind, ließe sich viel Enttäuschung vermeiden. Ja, wenn man es könnte!

Und viele versuchen instinktiv, ohne es zu merken, sich zu panzern, abzuschotten gegen Enttäuschung und Kränkung. Sie werden misstrauisch, distanziert und argwöhnisch. Sie lassen sich mit ihren Gefühlen auf keine tiefere Beziehung ein. Sie lassen Hoffnungen und Gefühle schon gar nicht aufkommen. Sie panzern sich mit Gleichgültigkeit und Zynismus, um dem bitteren Schmerz der Enttäuschung vorzubeugen. Und gerade dadurch schneiden sie sich vom Schönsten ab, was wir haben, von Freundschaft und Liebe.

Ganz anders als Buddha lebt Jesus in dieser Welt. Mit keinem Wort ermutigt er uns, Enttäuschungen vorzubeugen und aus dem Weg zu gehen. Im Gegenteil.

Lukas 19,41-44: „Als Jesus sich der Stadt Jerusalem näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er und sagte: Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt! Aber es wurde verborgen vor deinen Augen. Darum kommt jetzt über dich eine Zeit, da werden deine Feinde einen Belagerungswall um dich aufwerfen, dich umzingeln und von allen Seiten einschließen. Sie werden dich und deine Bewohner völlig vernichten und keinen Stein auf dem andern lassen. Denn du hast den Tag nicht erkannt, an dem Gott dir zu Hilfe kommen wollte.“

Sehen Sie, das ist nun ein bedeutsamer Unterschied zwischen der Hl. Schrift und vielen Lebenshilfebüchern, Philosophien und Ideologien. Es ist guter Trost, dass wir hören, Jesus habe seiner Enttäuschung Ausdruck gegeben durch Tränen. „Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“ Die Menschen jener Stadt, die den Frieden im Namen trägt (Salem), begreifen nicht. Sie nehmen die Botschaft nicht an, die Heil und Frieden bringen würde. Man kann darüber streiten, ob Jesus enttäuscht war. Manche glauben, er hätte sich doch gewiss nie getäuscht über den wahren Herzenszustand der Menschen. Folglich hätte es für ihn auch keine Ent-täuschung geben können. Ich glaube das nicht, aber es ist mir hier nicht wichtig.

Wichtig ist: Jesus weint. Er ist traurig. Er bedauert von Herzen, dass Menschen die Wahrheit nicht begreifen können oder wollen. Und was wir hier hören, ist nur ein kleiner Teil all der Enttäuschungen, die zu seinem Leben gehören. Seine Familie versteht ihn nicht und bietet herum, er sei von Sinnen. Stellen Sie sich so etwas vor! Seine Bekannten in seinem Heimatort glauben ihm nicht. Die Jünger, die er ausgesucht und zu Aposteln berufen hat, begreifen seine Botschaft nicht. Und er ärgert sich über ihr Unverständnis: „O du unverständiges Geschlecht!“. Jerusalem will die Wahrheit, die er verkündet, nicht einsehen. Sein Apostel Judas verrät ihn an die Feinde. Sein Freund Petrus distanziert sich von ihm in der Öffentlichkeit. Und das Schlimmste: Er stirbt mit dem Aufschrei: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“

Was bedeutet das, liebe Gemeinde? Buddha sagt: Lass deine Wünsche fahren, so wirst du nicht enttäuscht. Die stoische Philosophie sagt: Übe dich in Selbstbeherrschung. Zügle deine Gefühle, akzeptiere die Welt und dein Los, wie es eben ist, so wirst du gelassen und weise. Die Esoterik sagt: Konzentriere dich auf positive Bilder und Gefühle, so wirst du auch Positives erleben. Der moderne Materialismus sagt: Werde realistisch. Menschen sind hochentwickelte Tiere. Erwarte keine Treue von Menschenaffen! Wer sich täuscht, muss sich nicht wundern, wenn er enttäuscht wird.

Jesus aber weint, enttäuscht von den Menschen. Was heißt das?

Ich sehe darin diese Botschaft: Nimm deine Enttäuschungen an. Wehr dich nicht dagegen. Es ist gut, andern mit Vertrauen und Hoffnung zu begegnen und von ihnen enttäuscht zu werden. Es ist besser, immer wieder vor Enttäuschung zu weinen, besser, als seine Hoffnungen zu begraben und mit leerem Blick und steifen Lippen unbewegt und unberührt zu bleiben. Versuch nicht, dich zu schützen vor Enttäuschung. Die Kränkungen und Wunden deiner Seele sind nicht Schandflecke, sondern Ehrenmale. Gott wird zu dir sagen: „Ich habe deine Tränen gesehen.“ Auch sein Sohn muss durch bittere Enttäuschungen gehen, um wahrhaft Mensch zu werden. Das ist auch dein Weg.

Können Sie das hören? Vielleicht möchte mir jemand widersprechen: „Mit Tränen der Enttäuschung, wie bei Jesus, könnte ich leben. Aber ein Mensch hat mich derart enttäuscht, dass ich in ohnmächtiger Wut versinke, auf Rache sinne, dass sich Gift und Hass in mir breit machen.“ In der Tat, so habe auch ich es erlebt. Enttäuschung kann schlimmer sein, als der Tod eines geliebten Menschen. Es stirbt auch einer, wir verlieren nämlich innerlich den Menschen, dem wir fatalerweise Vertrauen geschenkt hatten. Aber bei einem wirklichen Sterben wissen wenigstens alle, warum man in schwarzer Trauer versinkt. Man kann mit Verständnis rechnen. Von einer bitteren Enttäuschung aber kann man oft nicht sprechen und bleibt allein mit Trauer, Wut und Groll.

Da ist guter Rat teuer. Die Binsenwahrheit verdient es aber, ausgesprochen zu werden: Die Zeit wird Wut und Hass mildern, wenn man diese Gefühle nicht mehr absichtlich festhält. Heilung wird kommen, wenn aggressive Gefühle langsam zu Trauer werden und wir weinen können, wie Jesus. Tränen waschen die Seele.

Der Glaube kann helfen. Jesus sagt nicht nur: „Du hast den Tag nicht erkannt, an dem Gott dir zu Hilfe kommen wollte.“ Er sagt auch: „Es wurde verborgen vor deinen Augen.“ Der uns enttäuscht, ist nicht an allem selber schuld, was er tut und sagt. Es gibt auch tragische Verhängnisse, denen wir ziemlich machtlos unterworfen sind. Es hilft, wenn wir unsere bitteren Gefühle mit Gott ins Gespräch bringen, wenn wir sogar unsere Aggression ihm entgegenschleudern. Es hilft, um durchzubrechen zur Trauer über den Verlust, der uns zugefügt wurde, zu den Tränen, die reinigen.

Und einmal, vielleicht nach Jahren, kommt die Zeit, da man beten kann: „Vater, vergib ihnen.“ Aber das Thema „Vergebung“ wäre eine weitere Predigt. Das war nun starker Tubak, kein sehr erfreuliches Thema. Aber es kommt die Zeit, da werden wir alle leise lächeln, wenn wir an die Tränen unserer Enttäuschung zurückdenken; in der Zeit, wenn wir mit Jesus tanzen in seinem Reich.

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