Predigt zu Palmsonntag, Lukas 19

27. April 2019 (Kommentare: 0)

Seit etwa 1000 Jahren begeht die Kirche den Palmsonntag als hohen Feiertag. Das ist seit einiger Zeit am Bröckeln. Weil heute kaum mehr jemand weiss, was eigentlich die Botschaft von Palmsonntag ist. Und wenn man weiss, was die Botschaft von Palmsonntag ist – Sie werden das von heute an wissen – dann ist man befremdet, schockiert.

Warum wurde Jesus gekreuzigt? Was denken Sie? War es ein Justizirrtum, machte man aus Versehen einen guten Menschen zum Verbrecher? War es die herrschende Klasse in Jerusalem, die einen unbequemen Kritiker loswerden wollte? War es Justizmord? Oder war Jesus in eine Massenhysterie hineingeraten, in einem explosiven politischen Klima, zur falschen Zeit am falschen Ort?

Palmsonntag zeigt, dass es schockierend anders war! Jesus hatte offensichtlich seinen schrecklichen Tod sorgfältig geplant und absichtlich herausgefordert. Er provozierte seine eigene Kreuzigung. Prüfen wir ohne Vorurteil die historischen Zeugnisse, so kommen wir unausweichlich zum Schluss: Jesus ging bewusst und absichtlich ans Kreuz. Was er an Palmsonntag inszenierte, wäre etwa zu vergleichen, wie wenn ich heute nach Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, fliegen würde, dort an einem heiligen Freitag eine Menschenmenge um mich sammeln und mit dem Megafon rufen würde: «Allah ist gross, aber Mohammed war ein feiger Verbrecher.» Sie wissen, was mir da blühen würde!

Jesus sagte öfter zu seinen Jüngern: Ich werde in Jerusalem verhaftet, den Römern ausgeliefert, misshandelt und getötet werden. Erinnern Sie sich, wie der Anführer der Jünger, Simon Petrus, vehement gegen diese Vorstellungen Jesu protestierte? Aber da schluckte er die Abfuhr seines Lebens. Jesus fuhr ihn an: «Weiche hinter mich, Satan, du denkst menschlich und verstehst Gottes Plan nicht.» Dann sagt Jesus plötzlich vor dem Passafest: «Jetzt gehen wir nach Jerusalem!» Die Jünger erschrecken. Jeder weiss: die Hauptstadt ist für unsere Bewegung brandgefährlich. Auf dem Land, in Galiläa, war es für sie vergleichsweise friedlich. Die Militärpräsenz der Römer war dünn. Die Sicherheitskräfte der herodianischen Könige waren keine Bedrohung. Ein Herodes Antipas hatte sogar Sympathien für Johannes den Täufer und dessen Schüler Jesus. Aber die Hauptstadt mit ihrem Tempel war ein Brennpunkt politischer Unruhe, besonders zum Passa, wo jüdische Touristen aus aller Welt wie Schwärme über die Stadt hereinbrachen. Der Stadthalter Pilatus war dem Kaiser in Rom dafür verantwortlich, dass Jerusalem ruhig blieb. Pilatus residierte zur Festzeit eigens neben dem Tempel, um sofort eingreifen zu können; sonst genoss er das Leben am Mittelmeer. Es wimmelte von Tempelwächtern und Legionären. Die kleinste Zusammenrottung wurde brutal militärisch zerschlagen. Schon viele Rädelsführer waren in den Jahrzehnten vor Jesus zur Abschreckung gekreuzigt worden. Jerusalem war ein Dampfkochtopf unter Druck, ein zu heisses Pflaster für die Jesusbewegung. Aber Jesus beharrte auf seinem Plan, und Thomas sagte bitter: «OK, dann gehen wir mit und sterben mit ihm.» Er wusste, was kommen musste.

Am Palmsonntag, dem ersten Tag der Festwoche, stand nun die Jesusschar vor Jerusalem: eine Menge junge Männer und ein Anführer - schon das war hochverdächtig. Sie waren zwar nicht offensichtlich bewaffnet; aber was sie in ihren Gewändern versteckten, wusste man nicht. Die Wachen auf den Zinnen waren bestimmt auf Alarmstufe drei, als sie den Aufmarsch des Jesushaufens sichteten.

Nun hätte Jesus einfach zu Fuss, wie er gekommen war, durchs Stadttor gehen können mit vielen andern Pilgern. Natürlich wäre er in der Stadt unter scharfer Beobachtung gestanden, von seinen Rabbinerkollegen, die Konkurrenz witterten, vom Volk, das gehört hatte, dieser Jesus besitze Wunderkräfte, von den Sicherheitskräften, die nach Aufrührern Ausschau hielten. Aber Jesus hätte wohl unbehelligt vor dem Tempel ein Opfer bestellen und dann bei Verwandten Unterkunft suchen können, wie es alle Pilger taten. Doch was macht er!?

Er besorgt sich einen Esel, leiht ihn aus für kurze Zeit. Meine Sonntagschullehrerin erzählte, Jesus sei ein Friedenskönig; er reite nicht auf einem Schlachtross, sondern auf einem Esel wie ein einfacher armer Bauer. Sie hatte keine Ahnung! Jesus war sonst nie geritten. Warum reitet er nun plötzlich als einziger zum Einzug in die Hauptstadt? Der Evangelist Matthäus sagt uns genau warum. Im Propheten Sacharja steht: «Tochter Zion, freue dich, siehe, dein König kommt zu dir. Frieden bringt er und reitet auf einer Eselin (9,9).» Jeder Jude kannte dieses Wort. Tochter Zion ist natürlich Jerusalem. «Dein König kommt zu dir!» Der König von Roms Gnaden zu Jerusalem war Herodes. Nun inszeniert sich Jesus sich bewusst als der gottgesandte König, als der Messias, den die Propheten angekündigt hatten: Ich bin der Gesalbte, der König, auf den ihr alle wartet! Wer ihn einreiten sah auf dem Esel, über eine Strasse voller Zweige und Blumen, durch eine Gasse von jubelnden Juden – jeder wusste sofort ohne Zweifel, was das bedeutete. Die Menge skandierte laut: «Hoschanna, Bar David…» Hurra für den König, den wahren Sohn Davids. Es war eine geplante Demo mit eindeutiger Botschaft: Ich bin der König der Endzeit. «Sohn Davids», das war der Funke ins Pulverfass! Das musste zum sofortigen Eingreifen der Securitate führen; denn Pilatus wartete in seiner Festung auf nichts anderes. Wann kommt der Nächste mit Anhängern und schreit herum: Ich bin der wahre jüdische König. Das war der sattsam bekannte Aufruhr, Umsturz, Rebellion.

Einige Pharisäer schrien entsetzt: «Hört doch um Himmels Willen auf damit!» Sie wollten nicht, dass ihr Kollege sofort als Rebellenführer liquidiert wurde. Sie waren Rabbiner wie er und sie hatten Hoffnung, der Kollege könnte vielleicht noch Gutes bewirken. Und sie wussten haargenau: Was er jetzt macht, bricht ihm den Hals. «Schweigt doch um Himmels Willen, schweigt!» Und Jesus sagt: «Wenn die nicht schreien, dann schreien die Steine.»

Die Sicherheitskräfte waren zunächst überrumpelt, sie griffen nicht sofort ein. Jesus konnte mit seinen Leuten zum Tempel ziehen. Und was macht er dort? Er reisst die Kioske ein, die zum Tempelbetrieb gehören wie die Devotionalien-Budeli in Einsiedeln. Er treibt mit einer Peitsche Opfertauben und Schafe davon. Er fegt den Bankiers das Wechselgeld auf den Boden. Reine, bewusste Provokation! Jesus tut absichtlich und demonstrativ, was zu einer Verhaftung führen muss. Seine Tempelaktion verfehlte dann auch sein Ziel nicht. Er konnte zwar kurz untertauchen, aber die Verhaftungsmaschinerie lief. Im Gerichtsverfahren liess der angeklagte Jesus nichts aus, um seine Richter zu verärgern. Man fragte, mit welchem Recht er sich als Messias und König aufführe. Er möge doch mit einem kleinen Wunder zeigen, wie seinerzeit Mose vor dem Pharao, dass er göttliche Vollmacht habe, ein verständliches, vernünftiges Begehren! Aber: «Ein böses und sündiges Geschlecht fordert ein Zeichen,» rief Jesus und tat nichts. Dabei hatte er Blinde sehend gemacht, Besessene befreit und Brot vermehrt. Aber nein, er kam dem Gericht in keiner Weise entgegen, provozierte nur und verteidigte sich mit keinem Wort. Seine schroffen Vorwürfe befeuerten das Verfahren, das mit dem Todesurteil enden musste. Über seinem Galgen hing ein Schild: «Der König der Juden». Man hatte ihn also zum Tod verurteilt, weil er sich als König ausgegeben hatte, weil er am Palmsonntag als «Sohn Davids» in die Stadt einritt.

So erinnert uns dieser Tag Jahr für Jahr: Jesus provozierte und inszenierte bewusst seine eigene Kreuzigung. Wahrhaftig schockierend! Die meisten Christen hätten lieber einen netten friedlichen Propheten, der offen die Wahrheit sagte und deswegen (bitte ankreuzen) von der bösen Oberschicht, von neidischen Theologen, oder von unverständigen Juden beseitigt wurde in einem betrügerischen Prozess.

Die historischen Fakten sprechen eine völlig andere Sprache. Jesus suchte den Konflikt mit den Behörden bewusst und arrangierte seinen gewaltsamen Tod. Er sah seinen Auftrag darin, in Jerusalem und am Passafest gekreuzigt zu werden. «Der Menschensohn ist gekommen, sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die Vielen,» hatte er vorausgesagt; er müsse «erhöht werden», das heisst aufgehängt werden wie die Schlange des Mose in der Wüste. Im Garten Gethsemane betete er wohl darum, dieser Kelch möge ihm erspart werden, aber er rechnete damit, dass dieser schreckliche Tod letztlich der Wille seines Vaters im Himmel sei. «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Wer soll das verstehen? Aber dass wir die Fakten nicht begreifen, ist kein Freipass, sie zu verdrehen, bis sie uns in den Kram passen.

Hat Palmsonntag auch eine Botschaft für unser Leben heute? Ich sehe drei Aspekte:

  1. Von allen möglichen Seiten wird gesagt: Jesus ist unser Vorbild. Sie kennen das aus der Kindheit: «Nimm dir deine Schwester zum Vorbild! Sie prügelt sich nicht auf dem Pausenplatz herum, sie bringt gute Noten heim, vor allem im Fleiss und im Betragen. Nimm dir ein Vorbild!» Jesus kam nicht, um unser Vorbild zu sein. Dem Menschen kann man nicht mit Vorbildern helfen. Unser Problem ist, dass es uns eben nicht gelingt, all den vielen Vorbildern nachzueifern. Jesus kam, um zu vergeben, um Schuld zu schenken. Für Vergebung gab es damals kein stärkeres Symbol als das Opfer. Jesus verstand sein Sterben als Opfergabe für die Sünden der Menschen. Ob wir das heute auch noch verstehen können, ist umstritten. Wir stehen vor einem Entweder-Oder: Entweder Jesus war geistig verwirrt und suizidal, und machte an Palmsonntag die grösste Dummheit seines Lebens. Oder wir neigen uns ehrfürchtig vor dem unbegreiflichen Geheimnis, dass Jesus sich als Opfer sah und sich bewusst hingab, für die Schuld der Vielen, für seine Freunde. Entweder ich schüttle verständnislos den Kopf, oder ich danke von ganzem Herzen, auch wenn ich nicht begreife. Wenn wir danken, sagen wir: Jesus, du hast für mich etwas Unbegreifliches, Grosses getan. «Niemand hat grössere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde.»
  2. Palmsonntag beantwortet zugleich eine Frage, die eine Fraktion von Wissenschaftlern penetrant aufwirft: Ist der Mensch nur Materie, oder ist er ein geistiges Wesen, das auch lebt, wenn der Leib stirbt? Jesus provozierte seinen Kreuzestod, weil er selbstverständlich überzeugt war, dass er ein geistiges Wesen ist, das kein materieller Tod auslöschen kann. Er gab seinen Leib ans Kreuz, weil er wusste: Ich bin Geist. Er hatte seine Jünger gelehrt: «Fürchtet euch nicht vor denen, die nur euren Leib töten können, nicht aber eure Seele.» Er betete am Kreuz wohl Psalm 22: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?». Aber er betete auch Psalm 31,6: «Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.» Seinem Mitgekreuzigten sagte er: «Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein.» Heute haben viele lieber nur Biologie als Theologie. Es wäre so entlastend, wenn mit dem Tod alles aus wäre. Aber wir sind mehr als Materie, für Jesus bestand daran kein Zweifel. Unser Geist ist unser Bewusstsein, mira unsere Seele, nicht nur eine Fehlzündung im Hirn. Das ist heute eine wichtige Entscheidung: Ich bin mehr als nur Körper.
  3. Sind wir aber mehr als nur Körper, wie Jesus offensichtlich wusste, so ist unser Leib nur unser materielles Reittier, unser Bruder Esel für kurze Zeit, ein geliehenes Gewand. Der aktuelle Zeitgeist macht ja ein Riesentheater um den Leib, um die Gesundheit. Man pfeift ja schon von allen Dächern, Gesundheit sei unsere neue Religion. Als Christ möchte ich da Gegensteuer geben. Nein, wir gehören nicht zu «denen, die keine Hoffnung haben», die meinen, wenn ihr Leib sterbe, würden sie erlöschen und es bleibe von ihnen nur Asche und Erinnerung. Nein, der Leib ist mir gegeben. Er wird halt krank und zerfällt, weil er Materie ist. Bald gebe ich ihn wieder ab. Verstehe Sie mich bitte: Ich möchte als momentan leidlich Gesunder nicht das Leiden unserer lieben Kranken gering achten. Kosten und Anstrengungen sind würdig und recht, um ihr Leiden zu lindern. Aber zugleich höre ich doch die Ermutigung: Mach vom Sterben nicht so ein Getue! Und Gesundheit ist vielleicht doch nicht das Wichtigste. Wichtiger ist, dass ich einmal in festem Gottvertrauen meinen kranken Leib abgeben kann. Erlauben Sie mir dazu eine gutgemeinte burschikose Schlussbemerkung: Von Palmsonntag lerne ich auch, nicht zu viel Geld in die Apotheke zu tragen. Der Wirt will auch gelebt haben.

Einen Kommentar schreiben

*
*
Was ist die Summe aus 2 und 5?
*