Radiopredigt: Aufmerksamkeit (1. Chronik 29, 18)

24. Juli 2007 (Kommentare: 0)

(hören)

Liebe Gemeinde am Radio

Zwei warten aufs Tram. Er ärgert sich über den Abfall. Sie freut sich am Zirpen einer Grille. Beide stehen an der gleichen Strasse, in der gleichen Welt. Aber sie achten nicht auf das Gleiche. Darum leben sie in anderen Welten. Es macht allen Unterschied der Welt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

In einem Gebet Davids heißt es: „Lenke das Herz des Volkes auf dich.“ (1 Chr 29,18). Schon vor Jahrtausenden wusste man offenbar: Es kommt drauf an, worauf die Aufmerksamkeit sich richtet. „Lenke das Herz des Volkes auf dich“. Ich nehme an, „Herz“ meint hier nicht das tickende Metronom in der Brust, sondern unser Bewusstsein, unser Interesse. „Gott, lenke das Herz des Volkes auf dich.“ Ähnlich betete Paulus (2 Thess 3,5): „Er richte eure Herzen auf die Liebe Gottes“, und ein Psalm (86,11) sagt: „Richte mein Herz darauf hin, allein deinen Namen zu ehren!“

Wie ist das mit dem Herz, das gelenkt werden soll? Schauen wir uns das näher an. Meistens lenke ich meine Aufmerksamkeit ja nicht. Sie wird angezogen, von irgend etwas, von einem Reiz, sagt die Wissenschaft. Ja, meine Aufmerksamkeit wird gereizt. Etwas bewegt sich, ich schaue hin. Etwas stinkt, ich schnüffle und will wissen, was da faul ist. Nehmen Sie es mir nicht krumm, liebe Frauen, aber wenn eine Hübsche im Minirock vorbeitrippelt, muss mann hingucken. Das fesselt Männer buchstäblich, nimmt unsere Aufmerksamkeit in Beschlag. Natürlich könnte ich meine Aufmerksamkeit zügeln und zwingen, nicht an Minirock, sondern an den Himmel zu denken, aber das ist anstrengend und ehrlich gesagt, selten erfolgreich. Es gibt Reize, die sind unwiderstehlich; sie nehmen die Aufmerksamkeit gefangen. Oder was macht es mit Ihnen, wenn ein Kind weint, oder lacht? Da dreht doch alles den Kopf!

Mein Herz wird also oft gelenkt, aber nicht von mir, auch nicht von Gott, sondern von all den Reizen, die mein Interesse ködern. Die Welt hats darauf angelegt, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Wer mir etwas verkaufen will, muss meine Aufmerksamkeit gewinnen. Aufmerksamkeit-Erregen ist die hohe Kunst der Werbung. Man versucht das mit möglichst unwiderstehlichen Reizen. Unzählige Fernseh- und Radioprogramme, unzählige Zeitschriften buhlen um unsere Aufmerksamkeit.

Das ist nun halt, wie es ist; aber es ist ein Haken dabei. Meine Aufmerksamkeit springt vom einen zum andern. Ein Reiz nimmt mich kurz in Beschlag, bis der nächste mich fesselt. Dann klingelt das Handy, dann steht einer an der Tür, dann habe ich Hunger, dann schaue ich in die Glotze, dann in die Zeitung. Der Mensch lässt seine Aufmerksamkeit von der Welt steuern. Und dann wundert er sich, wenn er sich abends mitgenommen fühlt, wundert sich über das merkwürdige, leicht angewiderte Gefühl: „Ich lebe nicht, ich werde gelebt“. Der Eindruck stimmt natürlich. Ruheloses Herumzappen mit der Aufmerksamkeit macht unruhig, geistesabwesend, zerstreut, verwirrt. Warum? Weil man nur reagiert. Man reagiert auf Reize, man lässt seine Achtsamkeit von der Welt steuern, man verschenkt seine Achtung Dingen, die sie nicht verdienen. Das muss ja unzufrieden machen.

Und es gibt noch einen weiteren Haken. Meine Aufmerksamkeit lässt sich von Negativem leichter ködern als von Positivem. Mag sein, dass es eine Typenfrage ist. Aber für viele ist es schwierig, sich selber überlassen zu sein. Wird es nämlich still, so richten sie ihre Aufmerksamkeit auf die eigene Person. Und da sehen sie zuerst Probleme, von denen man ja immer einen Sack voll dabei hat. Menschliche Aufmerksamkeit saugt sich gern am Negativen fest. „Gute Neuigkeiten sind keine Neuigkeiten,“ weiß der Journalist.

Ich kann das ein Stück weit verstehen. Wie soll man in einer feindlichen Welt überleben? Da muss man doch vor allem das Gefährliche im Auge behalten. Das Schlimme hat Priorität und verlangt höchste Aufmerksamkeit. Vielleicht muss man sich ja retten, angreifen oder fortrennen. Das Gute hingegen muss man nicht unbedingt beachten, das ist ja schon gut. Daraus entstand vermutlich unsere Neigung, sich automatisch den Problemen zuzuwenden. So beschäftigt sich das Herz gern mit Sorgen und Grübeln über Probleme, auch über kleine Probleme, von denen andere sagen: Mein Gott, wenn ich nur solche Probleme hätte! Und für viele ist es verlockend, ihre Aufmerksamkeit von aussen steuern, sich zerstreuen, sich ablenken zu lassen vom Grübeln über Probleme. Davon leben die Medien, die Unterhaltungsindustrie.

Besser wäre natürlich, wenn wir selber unsere Aufmerksamkeit lenkten, und zwar auf das, was glücklich macht. (Gewiss, es gibt Momente, da wollen wir auch genau hinschauen, wo Unrecht geschieht. Aber das wäre eine andere Predigt. Jetzt ist mein Thema das Glück.) Und glücklich sind wir, wenn unsere Aufmerksamkeit sich auf das Gute richtet, das Geniessbare, die Schönheit des Lebens; auf das, was unsere Sinne streichelt, unsere Freude hervorlockt. Glück ist also nicht Schweinhaben. Glück ist die Gabe, seine Aufmerksamkeit hartnäckig auf das zu lenken, was Freude macht.

Diese Gabe ist eine wunderbare Fähigkeit. Man kann sie nur schwer aus sich heraus entwickeln. Darum ist sie Thema des Gebets: „Gott, lenke das Herz des Volkes auf dich.“ „Er richte eure Herzen auf die Liebe Gottes“. Lenkung unserer Aufmerksamkeit erwarten wir zurecht von Gott. Wir erfahren ja, wie leicht ein Reiz unwiderstehlich wird und die Aufmerksamkeit fesselt. Ein Haufen Geld zum Beispiel zieht unser Interesse übermächtig an. Bevor es ans Erben ging, verstand sich die Familie ganz gut, aber jetzt starren alle wie gebannt auf das Geld. Es gibt übermenschliche Kräfte, die unsere Aufmerksamkeit einnehmen: Sex, Geld, Ansehen, Macht. Da hat sich so oft der gute Wille als ziemlich machtlos erwiesen. Aber ich glaube, dass wir diesen übermächtigen Reizen nicht ausgeliefert sind. Darum stimme ich in das Gebet der Bibel ein: „Lenke unser Herz zu dir.“ „Richte mein Herz darauf hin, allein deinen Namen zu ehren.“

Mit vereinten Kräften kann das gelingen: Gottes Geist und ich: Wir beide lenken unsere Aufmerksamkeit. Wir sagen, worauf zu achten ist. Wir lassen die Aufmerksamkeit nicht einfach herumzappen, von Reiz zu Reiz. Wir lenken unsere Aufmerksamkeit auf das, was gut tut, auf das Schöne und Wahre. „Lenke mein Herz“ könnte man auch übersetzen: „Fasse mein Herz zusammen,“ (Elberfelder, Ps. 86,11) also: konzentriere mich, sammle mich, reiss mich zusammen! Bring mich aus der Zerstreuung zu meiner Mitte, zu meinem eigenen Leben.

Ich nehme allerdings nicht an, dass Gott mich nun bei den Ohren nimmt und meine Augen mit sanfter Gewalt in die gute Richtung dreht. Ich werde meinen Ausguck schon selber wenden müssen. Es ist oft anstrengend, sein Herz zu lenken. Man muss sich selber an den Ohren nehmen und den Blick richten auf das, was gut ist und freut. Man muss es üben, Tag für Tag. Und Sie haben gewiss schon gemerkt: Die Aufmerksamkeit ist unheimlich elastisch. Lässt man sie los, so schnellt sie zurück auf ihre Lieblingsthemen: Kummer, Angst und Sorgen. Aber mit der Zeit entsteht doch eine gute Routine. Der Geist Gottes macht aufmerksam, dass mein Interesse Besseres verdient hätte. Er bewirkt, dass ich meine Aufmerksamkeit in beide Hände nehme und lenke. „Er aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes.“ Es gilt, die Liebe Gottes sehen zu lernen, in dem, was Gottes Wort uns zusagt, und auch in der Welt. Wer den Teufel sehen will, wird ihn überall entdecken. Und wer die Liebe Gottes schauen will, wird sie ebenfalls finden. „Geh aus mein Herz, und suche Freud!“

„Des Königs Herz ist in Gottes Hand wie Wasserbäche; er lenkt es, wohin er will,“ sagt der Weise (Spr 21,1). Der König? Das sind natürlich Sie! Suchen Sie Unterstützung bei der Macht, die das Herz lenkt. Amen.

Einen Kommentar schreiben

*
*
Bitte rechnen Sie 1 plus 2.
*