Radiopredigt: Das Weinwunder zu Kanan (Johannes 2, 1-11)

21. Januar 2007 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio

dass Jesus Wasser in Wein verwandelt habe, ist ja bekannt. Die Begebenheit ist für uns Heutige nicht ganz einfach zu glauben und gibt Anlass zu freundschaftlichem Frotzeln: „Ich mache auch Wein aus Wasser,“ sagt der Rebmeister vom Spiezberg, „nur brauche ich ein ganzes Jahr dazu.“ Oder bechernde Kumpane sticheln: „Wir machen es halt umgekehrt. Wir machen aus Wein wieder Wasser.“ Was aber die Wenigsten wissen: Für das Johannesevangelium ist diese Wundergeschichte ein Brennpunkt der Christusoffenbarung. (Joh 2,1-11)

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder faßte ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wußte nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wußten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit; und seine Jünger glaubten an ihn.“

Das Johannesevangelium wurde wohl eine Generation später geschrieben als die andern Evangelien. Es folgt einer kunstvollen literarischen Ordnung: Sieben Jesus-Wunder erzählt es, nur sieben!, und es nennt seine sieben Wunder „Zeichen“. Sie „zeigen“ auf eine geistige Wahrheit hinter der Fassade. Warum erzählt Johannes dieses ein wenig folkloristisch anmutende Wunder? Die andern Evangelien sagen nichts davon. Was meint Johannes, wenn er sagt: „So offenbarte Jesus sein Herrlichkeit“? Warum ist es das erste Zeichen, etwa gar das wichtigste?

Zuerst eine kleine Ouvertüre. „Am dritten Tag eine Hochzeit“. Jüdische Hochzeiten fanden damals am vierten Tag statt, am Mittwoch. Was soll nun der dritte Tag? Es gibt einen bedeutungsschweren dritten Tage in der Bibel. Gott offenbarte seine Herrlichkeit am Berg Sinai, wie geschrieben steht: „Am dritten Tag wird der Höchste vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen.“ Ich vermute, Johannes deutet mit diesem verblüffenden „dritten Tag“ an: Hier, an dieser Hochzeit offenbart Gott seine Herrlichkeit wie damals am Sinai, als Israel die zehn Gebote empfing.

Dann ist zweimal der Ort betont: „Kana in Galiläa“. Wie wenn Johannes sagen wollte: „Das ist keine Flunkergeschichte. Ich weiss, wo es passiert ist.“ Und wo genau? Ein galiläisches Kana kommt in der Bibel sonst nirgends vor. Die moderne Wissenschaft streitet sich, wo der Ort gewesen sein könnte. Das Kaff hat einen Namen, aber niemand kennt ihn. Galiläa? Dort wohnten ungehobelte Bauern und Fischer, Familien, die sich nicht einmal genug Wein für eine anständige Hochzeit leisten konnten. Wer etwas auf sich hatte, wohnte nicht in Galiläa. Und nun: „In the middle of nowhere“, irgendwo in der Prärie „offenbarte Jesus seine Herrlichkeit“. Ist das nicht wunderschön? Ein Zeichen wie die Futterkrippe in Bethlehems Stall, in welcher der Gottessohn liegt. Eine Weihnachtsgeschichte gibt es im Übrigen bei Johannes nicht.

Nun aber zur Hauptmusik: In diesem Wunder steckt eine Botschaft an den interessierten Juden von damals, und zugleich eine Botschaft an die Griechen. Mit einer einzigen Geschichte verkündet Johannes die Botschaft von Christus hinein in zwei völlig verschiedene Kulturen. Das will ich kurz darlegen, bevor ich frage, was denn die Botschaft für unsere Zeit sei.

Die Botschaft an die interessierten Juden steckt in den Wasserkrügen: „Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach, jeder fasste etwa hundert Liter.“ Vorschrift war, dass fromme Juden sich vor und nach dem Essen je zweimal die Hände spülten. Und weil die Gäste mit einer Fusswaschung begrüsst wurden, waren 600 Liter für eine Hochzeitsgesellschaft gewiss nicht zuviel. Das Judentum hat viele derartige rituelle Vorschriften, und Johannes wusste, dass die pharisäischen Juden stolz darauf waren, diese Vorschriften genau zu befolgen. Und was sagt er nun zu ihnen: Schaut, Jesus verwandelt das Reinigungswasser des jüdischen Gesetzes und macht daraus den Wein der Gnade Gottes. Jeder Mensch versucht ja, sich rein zu waschen und gut dazustehen vor den andern und vor dem höchsten Richter, mit Entschuldigung und Selbstrechtfertigung. Doch nun verkündet Jesus die Grosszügigkeit und Freundlichkeit des Richters und sagt gewissermaßen: Nehmt doch die Gnade Gottes dankbar an, trinkt den Wein der Gnade. Ihr könnt bestehen vor dem höchsten Richter, weil er euch gnädig ist. Johannes denkt ans Abendmahl, an den Satz des Christus, den er später aufschreibt: „Wer mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“. Johannes war natürlich ein Missionar, wie viele Christen, und das sind ja nicht die Schlechtesten!

Und so hat er auch gleich eine Botschaft für die Griechen in die Geschichte versteckt. Vom Gott Dionysos, lateinisch Bacchus, hiess es, er verwandle Wasser in Wein; ein griechischer Mythos, ein spirituelles Symbol. Und die Botschaft wäre nun: „Liebe Griechen, bei Jesus werden eure Mythen wahr, werden eure Symbole Wirklichkeit“. Uns ist Bacchus, der lebendige kleine Dicke mit dem Rebenlaub auf dem Kopf kaum mehr ein Begriff. Aber die Botschaft ist natürlich zeitlos: Die uralten Sehnsüchte der Menschen erfüllen sich bei Jesus Christus.

Was kann der moderne Mensch sehen im Weinwunder?

Johannes wollte sicher nicht, dass man das Offensichtliche, auf der Hand Liegende überliest. Offensichtlich hat Jesus nichts gegen Wein. Wenn jemand einer Hochzeitsgesellschaft 600 Liter guten Wein spendiert, so hat er sicher nichts dagegen, dass man ihn auch trinkt, um miteinander fröhlich zu sein. Nicht Traubensaft hat er gespendet, sondern Wein. Wein bleibt deshalb ein Geschenk Gottes - für unsere Religion. Sie ermuntert uns, fröhlich und mit Danksagung das Gute zu genießen - auch den Wein, wer ihn mag.

Dazu braucht es einen Kontrapunkt: Das heißt nun nicht, dass besoffene Hooligans oder alkoholisierte Autolenker sich auf Jesus berufen könnten. Es heißt ebenso wenig, dass Jesus gegenüber der Trunksucht gleichgültig wäre. Ich denke, Jesus würde abhängige Menschen heilen, gewiss nicht bestärken in ihrer tragischen Gewohnheit. (Ja, der auferstandene Christus heilt auch heute Süchtige, wie ich glaubhaft von Betroffenen weiss, wenn er auch nicht alle heilt.)

Die Hochzeit zu Kana enthält eine zweite offensichtliche Botschaft: Jesus ist offensichtlich für das Heiraten. Eine Binsenwahrheit? Es ist nicht selbstverständlich. Der Apostel Paulus hatte 30 Jahre vor dem Johannesevangelium den Christen geraten, nicht zu heiraten, weil das Weltende bevorstehe. Johannes aber weiss nun: Das war kurzsichtig. Heiraten ist gut. Jesus, der Meister, war prominenter Hochzeitsgast und sorgte zudem dafür, dass das Fest nicht baden ging.

Heute könnte man meinen, heiraten wäre lebensgefährlich. Unsere Jungen schieben es hinaus, oft bis zum St. Nimmerleinstag, aus Angst, sich zu fest zu binden. Zu viele Ehen gehen halt in Brüche, zu gross ist der Schmerz der Trennung; lieber gar nicht anfangen damit. Ich finde, die Hochzeit zu Kana macht Mut zum Heiraten, jedenfalls denen, die möchten und könnten. Wagt es, einem Menschen zu versprechen: „Mit dir will ich alt werden.“ Natürlich ist das ein Risiko, aber das Leben ist ein Risiko. Trotzdem sind die Chancen intakt, dass eine Paarbeziehung gelingt. Und dazu hat nun unsere Geschichte etwas zu sagen: Ladet Jesus ein zur Hochzeit! Im Bibeltext ist ganz merkwürdig betont, dass auch Jesus eingeladen gewesen sei. Ladet ihn ein, als Dritten in euren Zweierbund. Denn dass auch euch der Wein ausgeht, ist mehr als wahrscheinlich. Niemand ist jahrzehntelang verliebt. Alle Paare stellen eines Tages fest, dass sie nur noch mit Wasser kochen. Und nun gibt es da dieses Geheimnis: Jesus Christus verwandelt Wasser wieder zu Wein, und der sei sogar besser als der vorherige!

Darin sehe ich nun die Botschaft für alle: Es gehört zum Menschsein, dass einem der Wein ausgeht. Der Wein fehlt, die Freude fehlt. Das steht doch für unsere Fehler, unsere Mängel. So sehr wir uns bemühen, alles recht zu machen, so sehr wir uns anstrengen: irgendwann geht dann trotzdem der Wein aus. Mit unseren Mängeln nun sollen wir fröhlich leben lernen; denn es ist einer da, der ergänzt, was uns fehlt, einer, der unsere leeren Fässer und Amphoren wieder füllt.

„Wenn mein Können, mein Vermögen, nichts vermag, nicht helfen kann, kommt mein Gott und hebt mir an sein Vermögen beizulegen.“

Das sage ich Eltern, die sich quälen mit allem, was sie falsch gemacht oder unterlassen haben in der Kindererziehung. Das sage ich solchen wie mir, die unter den Anforderungen in Beruf oder Ausbildung stöhnen und Angst haben, sie würden nie genügen. Das sage ich denen, die das Lebensende vor sich haben, auf ihr Leben zurück schauen und sich sorgen wegen verpasster Gelegenheiten und vielem, was unwiderruflich falsch gelaufen ist. Wir haben nie genug Wein. Vertraut aber darauf, dass Christus ergänzt, was fehlt. Rechnet konkret damit: Wenn ich fröhlich mache, was ich kann, wird Gott ergänzen, was fehlt.

Warum fröhlich? Weil doch vom Wein die Rede ist! Das Reich Gottes ist ein Hochzeitsfest. Christus ist in unserer Welt geboren. Gott selber ist da. Jesus betont das oft: Mensch und Gott, versöhnt und im Frieden, das kann man nur mit einer Hochzeit vergleichen. Leben mit Gott ist ein Fest! Darum fröhlich. Es gibt ein inoffizielles, aber zuverlässiges Anzeichen dafür, dass jemand das Evangelium begriffen hat: Erlöstes Lachen! Freude ist die Fahne, die über dem Schloss flattert, wenn der König zuhause ist. Amen.

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