Radiopredigt: Dein Wille (Johannes 10, 17)

10. April 2009 (Kommentare: 0)

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Grüss Gott, liebe Gemeinde am Radio,

Zum Glück ist Karfreitag in protestantischen Gebieten staatlicher Feiertag. Wäre er nicht arbeitsfrei, so würde er noch ins kirchliche Unbewusste verdrängt; denn an diesem Jammertag gibt es ja nichts zu feiern. Und doch braucht es diesen Tag! Gäbe es nur Jubelfeste im Jahr der Kirche, so wäre der Vorwurf berechtigt, sie sei reines „Opium fürs Volk“. Aber die Christen – jedenfalls die Realisten unter ihnen – betrachten am Karfreitag Tod, Qual und Ungerechtigkeit, also die grausame Nachtseite, die zum Tag gehört. „Keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt.“ Aus dem Dunkel sind wir geboren. Im Dunkeln keimt das Weizenkorn. In der Selbsthingabe von Jesus wird das Reich Gottes anschaulich, die neue Schöpfung. Aber eins nach dem andern. Kommen Sie mit auf die Karfreitags-Betrachtung!

Karfreitag beginnt in der Nacht. Jesus betete nachts im „Garten Gethsemane“, seine Jünger schliefen. Er wusste, was auf ihn wartete. Er wusste es seit langem. Er hatte es seinen Jüngern öfter vorhergesagt. Ihre heftige Reaktion zeigte, dass sie verstanden hatten, auch wenn sie es noch nicht glaubten. Und dann hatte Jesus den Tod, der ihn nun erwartete, absichtlich provoziert. Er war auf dem klassischen Reittier des Messias in die Hauptstadt eingezogen. Eine Riesenmenge begrüsste ihn jubelnd, und er sagte kein Wort dagegen, dass begeisterte Leute offen skandierten: „Hoschanna, hoschanna, Sohn Davids!“ Das bedeutete ja: Willkommen Messias, befrei uns Juden vom Joch der Römer! Alle verstanden es so, auch seine Jünger. Dann zog er mit der Menge zum Tempel, jagte die Händler davon und warf ihre Tische um. Damit stellte er die wirtschaftliche Grundlage der Hauptstadt in Frage und provozierte die Stadtregierung. Wer sich so aufführte, forderte bewusst das Schicksal jener heraus, die schon früher als Messias aufgetreten waren. Mancher schon war von den Römern gekreuzigt worden. Jesus wusste das genau.

In jenem Garten nun quälte Jesus die Vorstellung dessen, was ihn erwartete. Und er wich nicht aus! Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, nach all den Provokationen bei Nacht und Nebel die Stadt zu verlassen und sich nach Galiläa abzusetzen. Keiner hätte ihn verfolgt! Die Machthaber, Juden wie Römer, wären ausgesprochen erleichtert gewesen, wenn er nur wieder verschwunden wäre. Aber er blieb. Er betete - dreimal mit gleichen Worten, erzählt Matthäus - er betete voller Angst: „Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Und der Wille Gottes scheint immer zu sein, was der Mensch nicht will? Es sieht hier jedenfalls aus, als ob es der Wille dieses Vaters wäre, dass Jesus am Kreuz qualvoll umkäme. Kürzlich weinte eine Mutter am Grab ihres 36-jährigen Sohnes und sagte leise, so dass ich es hörte: „Dein Wille geschehe.“ Mit diesem Jesus-Zitat nimmt sie ihr Schicksal an. Sie verlockt sich selber zur Hoffnung, der Unfalltod ihres Sohnes sei nicht blindes, sinnloses Schicksal. Dahinter sei ein höherer Wille zu vermuten; ein Wille, der nicht unser Verderben will, sondern unser Heil, allem irdischen Sterben zum Trotz.

Ich vermute durchaus, dass auch Unglück und Tod in Gottes Willen aufgehoben sind. Hoffentlich kann auch ich in schwierigen Lebenslagen einmal beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen meinem Gebet (das ein Schicksal ergeben hinnimmt, das ich eh nicht ändern könnte) und dem Gebet von Jesus. Jesus hatte seine Kreuzigung provoziert. Er hätte sich auch in diesem Moment noch retten können. Sein Sterben war nicht unabwendbares Schicksal. Es war auch kein Suizid. Es war freie Hingabe. Der Evangelist Johannes betont dies ausdrücklich; bei ihm sagt Jesus: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin“ (Joh 10,17).

Schauen Sie nur, was da geschieht: Jesus entscheidet sich mit seinem Willen gegen seine Natur. Die Natur hat allen Lebewesen, auch dem Menschen, ein übermächtiges Programm in die Gene geschrieben, nämlich die Selbsterhaltung: Um jeden Preis am Leben bleiben. Die Art erhalten. Möglichst viel eigenes Erbmaterial weitergeben, bevor man stirbt. Der unwiderstehliche Trieb, sein Leben zu erhalten und die eigene Art zu verbreiten, hat die Erde mit vielfältigem Leben erfüllt. Und Jesus widersteht nun diesem Selbsterhaltungstrieb, er widerspricht dem Programm in seinen Genen: Er zeugt keine Kinder und gibt sein Leben freiwillig ans Kreuz, im Alter von 30 Jahren. Freie Hingabe!

Mit diesem einzigartigen Menschen Jesus entsteht Neues, das in der Natur so nicht vorkommt. Der Mensch kann sich zur Hingabe entscheiden, gegen alle natürliche Programmierung. Die Natur ist zwar unheimlich stark. Der Angstschweiss von Jesus sei gewesen wie Blut, schrieb Lukas, aber: „Dein Wille geschehe“! Es war Zeit, dass die Hingabe zur Welt kam. Das ist der Wille Gottes.

Seither gibt es auf unserem Planeten, was Jesus „das Reich Gottes“ nennt. Ist nicht ein Grundprinzip des Reiches Gottes die Hingabe? Wer sich selber vergessen kann, wer sich verlassen, wer „sich auf Gott verlassen“ kann und sich hingibt, ist im Reich Gottes. Das Kind, das hingebungsvoll spielt, Welt, Zeit und sich selber vergisst, ist im Reich Gottes. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie Kinder, kommt ihr nicht ins Reich Gottes,“ sagt der Meister. Die arme Witwe, die alles, was sie zum Leben braucht, in den Opferstock wirft; oder die Frau, die Jesus mit einer sündhaft teuren Salbe salbt, einfach so; überhaupt die Armen, die nichts haben und doch alles mit dir teilen, wenn du kommst - sie sind im Reiche Gottes. Er sagt doch: „Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“ Und er warnte, es sei leichter, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bringen als einen Reichen ins Reich Gottes. Offenbar wird Hingabe immer schwerer, je mehr man zu bewahren hat.

Das Reich Gottes ist selbstvergessene Hingabe. Wenn wir uns hingeben, widersprechen wir der Natur in unsern Genen mit der Kraft des Geistes. Wenn wir uns hingeben, sind wir nicht mehr darauf aus, uns selber zu erhalten und unsere Art, unsere Sicht der Dinge, uns selbst zu verbreiten. In der Hingabe hören wir auf, uns abzugrenzen, zu sichern und zu schützen, wie unsere Natur es will. Wir widerstehen unserer Natur und erfüllen paradoxerweise gerade so ihr Ziel. Denn durch Hingabe entsteht neues Leben. Das Weizenkorn, das in die Erde fällt und sein Wesen aufgibt, bringt viel Frucht.

Im Karfreitags-Geschehen erkenne ich das Ziel. Sinn und Zweck des Lebens ist es, liebevolle Hingabe zu lernen. In der liebenden Hingabe liegt ja das Geheimnis der höchsten Sinneslust. In der Hingabe findet der Mensch auch sein Glück. Glücksforscher nennen das Glücksempfinden „Flow“. Wir erleben Flow, wenn wir uns selbstvergessen und hingebungsvoll einer Tätigkeit widmet, die unsern Gaben entspricht.

Nun werden Sie aber denken: Es kommt doch darauf an, wofür man sich hingibt? Allerdings! Man kann leider auch Flow empfinden, wenn man sich hingibt an etwas, das keine Hingabe verdient. Auch wer rücksichtslos sein Vermögen vermehrt, kann dabei Flow empfinden. Auch die Planung eines Terroraktes kann Flow erzeugen oder die totale Hingabe an einen Verführer oder Scharlatan.

Ist Hingabe der Schlüssel zum Reich Gottes, so ist das Schloss die Liebe. Darum sagt die Theologie nie, Jesus habe „sein Leben hingegeben“, einfach so, punktum. Nein, er hat sein Leben für etwas hingegeben. Dieses „für“ wird im Neuen Testament unterschiedlich gefüllt. Es heisst, er sei gestorben „für seine Freunde“, „für unsere Sünde“, „für die Ungerechten“, „für uns“, „für alle“. Das Gemeinsame bei allen „für“-Worten ist dies: Er gab sein Leben für Menschen, für andere. Soll ich es ein wenig angriffig sagen: Hingabe für deine Modelleisenbahn auf dem Dachboden, sportliche Hingabe für deinen Sieg, hingebungsvolle Arbeit für deine Karriere können dir wohl Flow und Glück bringen, aber ins Reich Gottes bringt‘s dich nicht. Wenn du dich aber selber vergisst in deiner Hingabe für andere Menschen, wirst du unverhofft im Reich Gottes aufwachen. Und was könnte einem Schöneres passieren? So gesehen gibt es gerade am Karfreitag etwas zu feiern.

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