Radiopredigt: Den Weisen und Klugen verborgen (Lukas 10,21)

19. September 2010 (Kommentare: 0)

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Liebe Gemeinde am Radio,

der heutige Sonntag will, dass man dankt und betet, und er heisst auch Busstag. So will ich mal Busse tun, und zwar in meinem Fach, dem Predigen. Ich nehme heute ein Jesuswort, zu dem ich noch nie predigte, weil es mich nervt. Ich bin ja reformierter Pfarrer in der Deutsch-Schweiz. Wir sind - weltweit gesehen - jene seltene Abart von Geistlichkeit, jene „species rara“, die das einzigartige Privileg hat, den Bibeltext zur Predigt frei und ohne jegliche Vorgabe selber auswählen zu dürfen. Diese liebenswerte Freiheit bringt mich oft in Versuchung. Dann durchforste ich die 1800 Seiten meiner Bibel und suche einen süffigen Text, der mir gefällt und zu dem ich hoffe, 15 Minuten Vernünftiges sagen zu können.

Sie werden denken, von einem Pfarrer sollte man würdigere Suchkriterien erwarten dürfen. Er sollte doch im Gebet fragen, welches Bibelwort heute Gott zur Sprache und der Gemeinde Trost und Stärkung bringt. Sie haben völlig recht. Der Geist ist schon willig, aber das Fleisch ist schwach. Ich predige halt schon lieber zu einem Bibelwort, dem ich auch zustimmen kann. Heute nun tu ich Busse und nehme auch mal ein Jesuswort hervor, das mir gegen den Strich geht.

Wir lesen in Lukas 10,21, nach eigener Übersetzung:

„In jener Zeit triumphierte Jesus im Hl. Geist und sagte: „Vater, König über Himmel und Erde, ich preise dich, dass du das alles vor Weisen und Gelehrten verborgen, aber einfachen Ungebildeten offen gezeigt hast.“

Sie können sich vorstellen, was mir Mühe macht damit? Da werden wir wieder einmal in zwei Gruppen eingeteilt, schwarz-weiss, die Gebildeten und die Ungebildeten. Im Alten Testament werden die Weisen gelobt, die Lernbegierigen, und die ungebildeten Toren kommen schlecht weg. Hier ist es umgekehrt: die Gebildeten haben die Zwei am Rücken: Vor den Gebildeten habe Gott „das alles“ verborgen.

Was meinte Jesus mit „das alles“? Das weiss niemand genau; die meisten Ausleger sagen, Jesus meinte seine ganze Botschaft, das Reich Gottes, das er verkündigte, Gottvertrauen und Feindesliebe, das Kommen einer neuen Zeit, das Evangelium. „Das alles“ also, was Jesus brachte, habe Gott vor den Gelehrten verborgen.

Vor den Gelehrten, zu denen natürlich ich selber gehöre. Ich habe studiert und den Beruf des Schriftgelehrten gewählt. Wozu hätte man mich sonst brauchen können? Ob ich auch ein „Weiser“ bin? Da darf man natürlich nicht Ja sagen; denn wer sich selber weise vorkommt, ist es schon mal nicht. Aber zu den Gebildeten im Volk gehöre ich durchaus. Und nun sagt Jesus, das Evangelium, „das alles“, was er verkündigte, liege für einfache Ungebildete offen da, aber Gebildete könnten es nicht sehen. Haben wirklich Nichtakademiker etwas, was einem Gebildeten von vorneherein verschlossen bleiben muss, nur weil er auf die Uni ging? Ist wirklich, was Jesus für wesentlich hält, nichts für Akademiker? Auf welche Seite gehören denn Sie? Als Nichtakademiker lächeln sie vielleicht hämisch auf den Stockzähnen, und als Akademikerin sind sie gespannt, wie ich mich nun aus der Schlinge herauswinde, die ich mir selber gelegt habe.

Vielleicht verstehen wir die altgriechischen Wörter nicht recht? Ich habe nachgeschlagen. „Weise und Gelehrte“ sind eindeutig Angehörige der Oberschicht; religiös Gebildete wie Schriftgelehrte, oder weltlich Gebildete, Unternehmer und Machthaber. Das andere Wort, das ich mit „einfache Ungebildete“ übersetze, bedeutet zunächst unmündige Kinder, dann Einfältige. Gebildete brauchten das Wort gern etwas abschätzig, man könnte mit „Simpel“ übersetzen. Wir verstehen also schon recht, wenn wir den Gegensatz gebildet-ungebildet heraushören. Aber etwas fiel mir immerhin auf: Der bestimmte Artikel steht nicht da! Es heisst nicht, Gott habe das alles vor „den“ Gebildeten verborgen und „den“ Ungebildeten offenbart, wie die meisten deutschen Bibeln ungenau sagen. Nicht alle Gebildeten sind offenbar blind für das Evangelium (vielleicht bin ich eine Ausnahme?!) Und nicht allen Ungebildeten ist das Evangelium offenbart. Es braucht vielleicht auch da ein bisschen mehr, als nur geistig ein Simpel zu sein.

Schon 700 Jahre vor Christus sagte Jesaja:

„Gott spricht: Weil dieses Volk mich nur mit den Lippen ehrt, sein Herz aber fernhält von mir, lasse ich die Weisheit seiner Weisen vergehen und die Klugheit seiner Klugen verschwinden“ (29,13ff).

Paulus sagt:

„Gott hat die Ungebildeten erwählt, um die Weisen zu beschämen, die Schwachen, um die Starken zu beschämen. Die nichts gelten in der Welt, hat Gott erwählt, um denen, die etwas sind, die Macht zu nehmen“ (1 Kor 1,27ff).

Nun waren ja weder Jesus noch Paulus „einfache Ungebildete“. Beide waren hochgebildete Schriftgelehrte. Was haben sie nur gegen Lernen, Wissen und Weisheit?

Ich kann mir zwei Antworten denken. Die erste ist weniger theologisch als neurologisch. Ein gebildeter Mensch lebt normalerweise intensiv aus seiner Vernunft, aus der Ratio; aus der „linken Gehirnhälfte“. Er betrachtet die Welt zunehmend durch die Brille seiner logischen Gedanken. Für alles sucht er eine Ursache, alles wird erklärbar. Jeder wünscht sich mit Recht eine hochentwickelte Vernunft. Aber sie hat einen ernsten Nachteil: Die Vernunft neigt dazu, totalitär zu werden. Sie will die ganze Welt verstehen, und was sie nicht versteht, blendet sie aus und behauptet, es existiere nicht. Sie kennen vielleicht gebildete Rationalisten, die höhnisch lächeln über alles, was nicht in ihr vernünftiges Weltbild passt? Rationales Denken entwickelt ein anmassend diktatorisches Wesen, lässt man es ungezügelt wuchern. Ein wahrhaft scharfer Verstand dagegen erkennt wie Sokrates: „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ Kierkegaard sagt: „Will die menschliche Vernunft nicht anerkennen, dass es etwas gibt, das sie nicht verstehen kann, oder genauer, dass es etwas gibt, von dem sie eindeutig verstehen kann, dass es nicht verstanden werden kann, dann ist alles auf den Kopf gestellt. Es ist somit Aufgabe der menschlichen Erkenntnis zu verstehen, dass es Dinge gibt und wie diese Dinge sind, die sie nicht verstehen kann.“ Zu den Dingen, die „nicht verstanden werden können“, zählen natürlich Gott und sein Reich, das Evangelium und religiöse Gefühle. „All das“ habe Gott vor Gebildeten verborgen, sagt Jesus. Weil sie sich auf ihren Verstand verlassen und glauben, ihr Verstand würde die ganze Wirklichkeit erfassen.

Beispiel: Stephen Hawking, den ich hoch schätze, sagt in seinem neuen Buch, das Universum habe sich selbst aus dem Nichts erschaffen können, einen Gott brauche es dazu nicht. Hier überschätzt er nun seine Vernunft. Er kommt mir vor, wie wenn er mit einem Sieb Wasser schöpfen wollte und nach vielen vergeblichen Versuchen den glorreichen Schluss verkündete, Wasser gebe es gar nicht. Im Sieb des rationalen Denkens bleibt viel hängen, aber halt längst nicht alles. Kinder und Ungebildete nehmen noch anderes wahr, mit dem Herzen, mit jener intuitiven Erkenntnisfähigkeit, die elend verkümmern kann, wenn die Vernunft alles beherrscht.

Verstehen sie mich nicht falsch. Ich blase nicht ins Horn von Sekten, die den Verstand verteufeln und predigen, alles würde gut kommen, wenn wir nur endlich mit Denken aufhören wollten. Das ist lächerlich. Es ist zwar schon so: Menschen, die weniger vernunftgeleitet sind, nehmen leichter Übersinnliches wahr. Aber ihnen kann man leider auch jeden Quark predigen. Es ist verrückt, wie viele Menschen bereitwillig den grössten Unsinn glauben. Gott bewahre; wir brauchen Bildung und Verstand, um Fantasieblasen von Möchtegernpropheten aufzustechen. Trotzdem gilt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Und nun zur zweiten Antwort auf die Frage, warum die Bibel bildungskritisch ist: Bildung macht hochmütig. Sie und ich sind natürlich Ausnahmen! Aber allen andern kann man generell sagen: Bildung macht hochmütig. Das müsste gross über jedem Hochschulportal stehen. Es ist nicht ehrenrührig. Wir Menschen sind nach diesem Muster gestrickt: Zu wissen, was andere nicht wissen, gibt ein gutes Gefühl, gibt Macht und  bewirkt, dass man sich besser vorkommt. Hochmut wächst wie Unkraut, und gerade der Verstand sieht sie nicht. „Man sieht besser in einer schwarzen Nacht auf einem schwarzen Stein einen schwarzen Käfer, als die Hochmut im eigenen Herzen,“ sagen die Araber. Hochmut aber ist das Gegenteil von Gottvertrauen, von dem, was die Bibel Glauben nennt. Uns Gebildeten fällt es schwer anzuerkennen, dass es Dinge gibt, die unserem Verstand nicht zugänglich sind. Wollen wir zum Glauben kommen, so müssen wir zwar nicht den Verstand an der Garderobe abgeben, aber ganz sicher den Hochmut. Wir müssen erwarten, in einfachen Geschichten vom Reich Gottes und bei ungebildeten Leuten Wesentliches zu erfahren, das wir selber uns nicht hätten ausdenken können. „Wenn ihr nicht werdet wie Kinder, könnt ihr das Reich Gottes nicht sehen,“ sagt der Meister, und „werden wie ein Kind“ ist ähnlich schwer wie den Führerschein abgeben.

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